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Galerie · Sintenis
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Renée Sintenis, Deutschland

Ausschlagendes Fohlen

Bronzeguß, Höhe ca. 14 cm

Galerie Vömel, Stand auf der Kunstmesse Köln

Aufnahme vom 13. April 2003



Renée Sintenis - ich kann mich nicht erinnern, wann mir diese Bildhauerin das ersten Mal über den Weg lief; vermutlich bereits in der Schulzeit. Ich kannte sie als Produzentin allerliebster Tierkinderskulpturen und als Schöpferin des Berliner Bären; deshalb konnte ich nicht umhin, sie im Zusammenhang mit den Freiburger Fohlen (Holbein-Pferd) zu erwähnen ( Qualität,  Vergleich).



Seither hatte ich mir vorgenommen, einmal einen Beitrag über Renée Sintenis zu bringen. Nun ist es soweit. Wie erwartet, wurden eine Reihe ihrer Skulpturen auf der Kunstmesse in Köln angeboten. Leider habe ich nur in einem Fall das Kärtchen mit den Einzelheiten fotografiert, aber ich nehme an, daß doch die meisten anderen ebenfalls von der Galerie Vömel angeboten wurden (» Galerie-Vömel - Düsseldorf).



Eine kurze Recherche im Internet ergab, daß zumindest noch die Galerie Ludorff in Düsseldorf (» Sich leckendes Fohlen, » Junger Bär) und die Galerie Thomas in München Arbeiten von Renée Sintenis anbieten (» Renée Sintenis: Die Berliner Bildhauerin wurde durch ihre Tierskulpturen und Figurenstudien in Bewegungsabläufen bekannt. Durch die extreme Aufrauhung der Oberfläche und eine skizzenhafte "Unfertigkeit" assoziieren ihre Objekte eine natürliche Vitalität.).




Renée Sintenis, 1888 Glatz/Schlesien - 1965 Berlin

ist seit den zwanziger Jahren eine der bekanntesten und erfolgreichsten Berliner Bildhauerinnen. Sie absolvierte eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Berlin. 1915 stellte sie zum ersten Mal in der Berliner Sezession aus. 1931 wurde sie an die Preußische Akademie der Künste berufen, in der damaligen Zeit waren Frauen noch eine Seltenheit in der Akademie. 1934 erfolgte der erzwungene Austritt durch die Nationalsozialisten.



Nach dem Krieg wurde sie 1947 als Professorin an die Hochschule der Künste berufen, 1955 wieder in die Akademie der Künste aufgenommen. Sintenis war als Tierbildhauerin bekannt, nach ihrem Entwurf entstand u.a. der Berlinale Bär. Aber auch Sportlerfiguren gehörten zu ihren bevorzugten Themen, wie z.B. der abgebildete bronzene "Läufer Nurmi" von 1926. Außerdem besitzt das Museum ein Selbstbildnis in Silber von 1923 sowie Wachsmodelle und Zeichnungen. (» Georg Kolbe Museum)





Kommentar · 20.07.2003

Von  Werner Stürenburg



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Rückansicht
Frauen in der Kunst - das ist immer noch ein Thema. Seit den sechziger und siebziger Jahren, als der Feminismus wieder in eine neue Blütezeit eintrat, wurde diese Frage sehr hochgespielt. Man stellte fest, daß nach wie vor die Mehrzahl aller erfolgreichen Künstler Männer sind. Ich weiß nicht, ob auch Statistiken über die Gesamtzahl aller künstlerisch tätigen Menschen existieren und wie dort die Verteilung aussieht; möglicherweise gibt es gleich viele männliche und weibliche Künstler.



Im Zuge der gesellschaftlichen Etablierung und Unterstützung feministischer Anstrengungen wurde die Vergangenheit aufgearbeitet und die Geschichte weiblicher Künstler rekonstruiert. Es hatte zu allen Zeiten vereinzelt berühmte Künstlerinnen gegeben; in bestimmten Sparten möglicherweise sogar gleichberechtigt, etwa unter den Schauspielern oder Tänzern (aus naheliegenden Gründen, wenn Frauen überhaupt auftreten durften).



Von weiblichen Bildhauern aus der Antike wüßte ich nicht zu berichten. Nun war die eigentliche Bildhauerei ein körperlich anstrengendes und schmutziges Geschäft: Entweder mußten Steine behauen oder Bronze gegossen werden. Aus der Urzeit sind viele Kleinplastiken erhalten, sehr häufig aus Terrakotta, also gebranntem Ton.



Das Modellieren in Ton ist einfach. Die Töpferei soll von den Frauen erfunden und als weibliches Geschäft über Jahrtausende ausgeübt worden sein. Man darf also annehmen, daß nicht nur die Vasen (siehe Galeriebeitrag  Vase), sondern auch die eigentlichen Tonskulpturen ( Kriegerfigur,  Pferdekopf) von Frauen hergestellt worden sind. Da diese Arbeiten meistens nicht signiert worden sind, ist der Urheber unbekannt.






Galerie · Frauen in der Kunst


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Renée Sintenis, Fohlen, 14cm, 8.500 EUR
Im Jahre 2000 ist in Marburg (» Jonas Verlag) ein Buch erschienen, dessen Material offenbar zur Promotion (» Promotionen) der Autorin gedient hatte. Als Titelbild dient ein Foto mit Renée Sintenis in Betrachtung einer ihrer Arbeiten, eines springenden Ziegenbocks (» Künstler / alle / S* / sintenis, renee, dort Vergrößerung anklicken). Aus der Verlagsankündigung:



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Die Mehrzahl der Bildhauerinnen der Weimarer Republik arbeitete in der Kulturmetropole Berlin. Ab Mitte der Zwanziger Jahre war etwa jede dritte Teilnehmende der 'Großen Berliner Kunstausstellung' eine Frau; rund dreißig Bildhauerinnen stellten regelmäßig dort aus. Die Präsenz bildhauerisch tätiger Frauen rief vielfältige Reaktionen von Seiten der Kunstkritik hervor; positive Resonanz erhielten die Bildhauerinnen vor allem von Kunstschriftstellerinnen. Dagegen fanden die Bildhauerinnen in der damaligen Kunstgeschichtsschreibung kaum Beachtung.

» Anja Cherdron: Prometheus war nicht ihr Ahne


Mit anderen Worten: Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten sich die Frauen auch auf dem Gebiete der Kunst zu emanzipieren, hatten aber wenig Erfolg, außer bei ihresgleichen. Eine Rezension (» Prometheus war nicht ihr Ahne) in der Publikation » Frauen Kunst Wissenschaft klärt uns weiter auf:



Die Autorin führt die ‚Eroberung' der Bildhauerei als einem traditionell männlich bestimmten Genre in den 1920er und frühen 1930er Jahren gleichermaßen auf Verschiebungen in den Geschlechterverhältnissen sowie auf den veränderten Status der Bildhauerei und ihrer traditionellen Materialien zurück. In der Weimarer Republik bedingte der ökonomische und politische Wandel, daß Frauen andere Lebensentwürfe als die traditionelle Rolle als Gattin und Mutter verwirklichen konnten. [...] Die tradierte Verknüpfung von Bildhauerei und Vorstellungen von ‚Männlichkeit' gründete vor allem auf zwei Faktoren: Zum einen der Verbindung der Skulptur zur Architektur, welche als höchste künstlerische Gattung galt. Zum anderen auf der Vorstellung des bildhauerischen Prozesses als einem physische Kraft erfordernden ‚Kampf' gegen ein ‚hartes', widerständiges Material. [...]



Auf die verstärkte Präsenz von bildhauerisch tätigen Frauen mußte die Kunstkritik reagieren. Insgesamt verzeichnet Cherdron eine zunehmende Akzeptanz von Bildhauerinnen, wobei sie den Versuch einer Festlegung auf bestimmte Bereiche - , die Kleinplastik und ‚weiche', leicht zu bearbeitende Materialien - beobachtet. [...] Sie zeigt, wie Scheffler in seinem Aufsatz über Renée Sintenis (1924) in der geschlechtsspezifischen Ausdeutung bildhauerischer Materialien die tradierten Bestimmungen der ‚männlichen' Bildhauerei gegen avantgardistische Tendenzen der Skulptur ausgespielt hat. Durch komplementäre Setzungen des ‚Weiblichen' und des ‚Männlichen' sollte die Stellung des männlichen Bildhauers erneut gefestigt werden. Frauen wurden zwar in den ehemals männlich besetzten Bereich der Bildhauerei aufgenommen, doch wurde eine Art ‚Schadensbegrenzung' vorgenommen, indem ihnen dort ein besonderer, ein spezifisch ‚weiblicher' Bereich zugewiesen wurde. In einer 1931 erschienenen Veröffentlichung reagiert Hans Hildebrandt auf die Abwertung der Gattung Bildhauerei und bringt sie mit der zunehmenden Präsenz von Frauen in Zusammenhang, indem er eine neue Grenzziehung vorschlägt: Er ernennt die Bildhauerei zum Gebiet höchster künstlerischer Leistungen von Frauen und stellt sie einer durch Fortschritt und Rationalität bestimmten Architektur als neuem ‚männlichen' Gebiet gegenüber.



[...] Autorinnen wie Margot Rieß zielten auf eine Umschreibung der von Männern traditionell zur Abwertung der bildhauerischen Arbeit von Frauen herangezogenen Argumente. [...] Die Bildhauerei wurde zu einem der vermeintlichen Naturnähe ‚der Frau' entsprechenen Metier erklärt. Der als naturnah gedachten bildhauerischen Arbeit von Frauen wurde ein dem promethischen Schöpfungsakt männlicher Künstler vergleichbarer Stellenwert zugeschrieben. Angeknüpft wurde dabei an die Konzeption der ‚geistigen Mutterschaft': Künstlerische Arbeit wurde als ‚geistige Mutterschaft' umartikuliert. [...] Karl Scheffler stilisierte Mitte der 20er Jahre die Bildhauerin zur Hoffnungsträgerin für die Kunst und damit für die ganze Menschheit. [...]



[...] Die Autorin vertritt die These, daß es eben keineswegs der politische Bruch von 1933 war, der zu einer Verdrängung der Geschichte der Bildhauerinnen der Weimarer Zeit führte, sondern diese Verdrängung in den Diskursen der Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre selbst schon vorbereitet war, die dann ihrerseits der nationalsozialistischen Geschlechterpolitik einige Anknüpfungspunkte geboten hatten. Die Konzeption ‚weiblichen Schöpfertums' als ‚geistiger Mutterschaft' bildete die Grundlage für eine Integration von Künstlerinnen in den NS-Staat.








Galerie · Süß und niedlich


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Renée Sintenis, Fohlen

Vorder- und Rückansichten
Nach dieser Lektüre sehen wir ein, daß Kunst Politik ist, und die Modellierung von süßen kleinen Fohlen gewinnt eine völlig neue Dimension. Ist das denn wohl so richtig?



Hat "man(n)" der guten Renée einen spezifisch "weiblichen" Bereich zugewiesen? Oder hat diese sich nicht freiwillig dafür entschieden, sich extrem zu beschränken?



Die Skulptur, die den finnischen Läufer Nurmi verherrlicht, bildet eine Ausnahme im Werk, wenn ich das richtig sehe. Ich habe außer netten, kleinen Tierchen noch einige vermutlich ebenso kleine zarte Frauenakte gefunden, einige Selbstporträts, und eine weibliche Aktfigur, die als "Daphne" mythisch überhöht wird.



Wir hatten bereits im Beitrag über das Holbein-Pferd erfahren, daß Renée Sintenis vereinzelt auch größere Skulpturen angefertigt hat; so auch von Daphne. Die Deutsche Bank hat ein großes Exemplar erworben, und der Vorstandsvorsitzende Hilmar Kopper hat sich davor ablichten lassen (» Daphne).



Diese Arbeiten haben für mich dieselbe Anmutung wie die Heldenverherrlichung des Dritten Reiches ( Märzfeld) oder die Überhöhung des Heldischen, wie man es der Fotografin und Filmemacherin Leni Riefenstahl zum Vorwurf gemacht hat.



Die freilich hat sich immer dagegen gewehrt, die Naziideologie passend ins Bild gesetzt zu haben, und sich statt dessen vielmehr auf ihren künstlerischen Ausdruckswillen berufen.



Vielleicht werden wir in 50 Jahren alle diese Künstler als unpolitisch und mißbraucht einschätzen. Selbst Arno Breker hat sich als Opfer gesehen und nicht als Täter. Ich vermute, daß Renée Sintenis sich um die Theorien der Kritiker wenig geschert hat.



Wenn Sie sich politisch betätigt hat, dann höchstens "sexualpolitisch", denn sie nutzte die Freiheit der zwanziger Jahre, ihre Rolle als Lesbierin zu gestalten (» 100 Jahre Outfit):



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1920 – Pelz. Die "roaring twenties" sind das fröhlichste Lesbenjahrzehnt dieses Jahrhunderts. Während die Gatten im Krieg fern der Heimat weilten, konnte das weibliche Geschlecht mit sexuellen Vorlieben, mit Emanzipation und Kleiderordnung experimentieren. Topfhüte, schmale Kleider, die weder Taille, noch die Brust betonen, haben einen eigenen Charme, "garçonne" ist in und lesbisch schick. Fulminant erscheint Renée Sintenis mit Freundin, beide im Pelz, darunter Reitkostüm und Schlips.


Das Reitkostüm ist wahrscheinlich nicht nur modische Laune (» Renée-Sintenis):



Ihre ersten finanziellen Erfolge nutzte sie, um ein Reitpferd zu erwerben. Zeitgenossen erinnerten sich, daß sie nach ihrem morgendlichen Ausritt im Tiergarten - noch im Reitdreß - gerne ein Café am Kurfürstendamm aufsuchte.



Im Vorwort eines Kataloges schreibt der Autor beeindruckt: "Wenn die elegante Dame am frühen Morgen, von ihrem Hund begleitet, auf dem eigenen Pferd im Tiergarten ausreitet, dann folgen ihr Blicke der Bewunderung."


Diese Information wurde bereitgestellt von der » Gesellschaft zur Förderung von Bildung, Beschäftigung und neuen Berufen e.V., die auch ein Foto des Grabsteins bereitstellt: » Grabstätte Sintenis / Goldstein.



Dort erfahre ich auch, daß Renée ein Künstlername ist, abgeleitet von Renate Alice. Sintenis ist der Geburtsname. Die Wikipedia weiß ebenfalls von der Heirat mit dem Maler Rudolf Emil Weiß (» Renée Sintenis - Wikipedia), über diesen jedoch nichts; dafür erfahre ich, daß das Grab ein Ehrengrab ist.



Hier ist aber keineswegs das Ehepaar begraben; neben der hochgeehrten Künstlerin liegt eine gewisse Magdalena Goldmann, geboren am 19.5.1900, gestorben am 2.2.198x (ist auf dem Foto durch einen Zweig verdeckt). Vermutlich wird es sich um die Lebensgefährtin gehandelt haben, die die Künstlerin um einiges überlebt hat.



Darüber verlieren die Herrschaften des Vereins kein Wort, wissen aber zu berichten, daß der Ehemann um mehr als zehn Jahre älter war, Lehrer an einer Kunstgewerbeschule (das klingt natürlich wesentlich weniger schick als "Maler"), und:



Die schwierige Zeit während des Nationalsozialismus verschärfte sich für sie durch den Tod ihres Gatten im November 1942. Der Verlust warf sie in tiefe Depressionen, zumal durch die politischen Umstände die Zukunft der 54-jährigen sehr ungewiß schien.


Woraus ich schließe, daß die Ehe nie geschieden wurde und die Eheleute einander trotzdem durchaus zugetan waren. Es gibt viele Dinge unter der Sonne, die man sich so nicht ausmalen könnte.







Galerie · Feminismus


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Polospieler, bei Ludorff
Der Verein GBBB hat dieses Projekt als AB-Maßnahme durchgeführt (daher wohl der merkwürdige Name des Vereins), finanziert vom Arbeitsamt, dem Land Berlin und der Europäischen Union; mehr als 80 Akademiker haben sich bemüht, Friedhofsgeschichte in neue Medien zu überführen (d.h. eine CD). Ein Teil dieser Leute soll tatsächlich anschließend einen Arbeitsplatz gefunden haben.



Die Autorin des erwähnten Buches taucht im Zusammenhang mit mehreren feministischen Projekten auf. Die "AG Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in der Sektion Frauenforschung im Ulmer Verein für Kunst- und Kulturwissenschaften" (» Geschichte und Programm der AG Künstlerinnen) hat u. a. zum Ziel die "Entwicklung von Strategien und Projekten, um die Marginalisierung von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Kunstbetrieb zu unterlaufen".



Da ist sie wieder, die böse Theorie von der Unterdrückung der Frauen. Vielleicht unterdrückt die keiner, vielleicht sind die einfach nur nicht so gut. Im übrigen wird auch nicht jeder Mann sofort hochgelobt - erfolglose Männer können sich nur nicht darauf hinausreden, ihr Geschlecht würde unterdrückt.



Demnächst möchte ich eine Künstlerin vorstellen, vor der ich immer wieder Hochachtung empfinde. Die hat interessanterweise mit dem Feminismus nichts am Hut. Bei meinen Recherchen heute habe ich wieder neue Arbeiten von ihr entdeckt, die mir sehr gut gefallen; leider haben sie nichts mit Pferden zu tun, sondern mit Totempfählen.



Eine Arbeit von ihr mit einem Pferd habe ich bereits gefunden, eine andere habe ich noch im Kopf und werde die ebenfalls finden. Ich freue mich schon, über diese Arbeiten schreiben zu können.



Wer in Richtung Kunst und Feminismus weiterforschen möchte:





Warum die Nationalsozialisten ihre Kunst als entartet angesehen haben sollen, ist mir schleierhaft. Vielleicht ging es denen darum, Lehrer mit nicht einwandfreier Abstammung aus ihren Ämtern zu entfernen; das sexuelle Abweichlertum wird ihnen ebenfalls nicht gepaßt haben.



In einer Besprechung über "Hartmut Jäckel: Menschen in Berlin, Das letzte Telefonbuch der alten Reichshauptstadt" finde ich:



Wenn man den Naturlyriker Oskar Loerke und die "halbjüdische" Bildhauerin Renée Sintenis porträtiert: Läßt man dann wirklich wie Jäckel unerwähnt, daß Loerkes Charakterbilder von 1939 ("Hausfreunde", erschienen bei S.Fischer in Berlin) ein Kapitel der verfemten Freundin und "Wächterin am Tierparadies" widmet, das ergreifend anhebt: "In den Wohnungen mancher Menschen, die einen Bezirk frischer Geistesstille in sich haben, wohinein Sonne und Nacht und die scheinbar ursachlosen Seelenerschütterungen fallen, aber nicht das seit der Vertreibung aus dem Paradiese tagende Gequältsein und Getöse, steht das eine oder andere Bronzetier von Renée Sintenis..."






Galerie · Weltberühmtheit


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Ponyhengst
Wie hätte ich dieses Zitat ohne das Internet und ohne Google finden können? Es belegt nach meiner Ansicht einmal mehr, daß die Künstlerin gänzlich unpolitisch war und auch kunstpolitisch unbedarft: Renée Sintenis war keine Avantgarde-Künstlerin, deren Werk Zersetzungskraft hätte haben können. Man braucht sich dazu nur ihre Arbeiten anzuschauen.



Und da finde ich es endlich auch, auf einer furchtbar kaputten Web-Seite, bei der man Glück hat, wenn etwas funktioniert (» Renée Sintenis, Normansetzung: Sintenis, Renée):



1934 als "nichtarisch" ausgeschlossen. 1937 diffamiert als "entartet", Entfernung ihrer Werke aus öffentlichen Sammlungen.


Es ist also wohl doch wahr, daß die Nazis diese harmlosen Tierchen gefährlich für die deutsche Kultur eingestuft haben. Oder wollten sie nur das Zeug beschlagnahmen, um es im Ausland zu verhökern? So viel bringen diese Sachen nun doch nicht ein.



Es will mir nicht in den Kopf, wieso sie sich ausgerechnet durch die Arbeiten von René Sintenis bedroht gefühlt haben. Die sind doch mindestens genauso harmlos wie die von Werner Gürtner, und der wurde schließlich nicht belangt.



Noch etwas fällt mir auf, wo ich die lange Liste der Künstler mit dem Anfangsbuchstaben "S" im "Bildarchiv der Kunst" sehe: Es gibt wahnsinnig viele Künstler, es gab zu jeder Zeit und in jedem Land sehr viele, Männer und Frauen, eine unglaubliche Konkurrenz.



Renée Sintenis hat es fertiggebracht, sich unter allen diesen einen Namen zu machen und es zu Weltberühmtheit zu bringen, und zwar ausgerechnet mit Tierkindern, vorzüglich Fohlen. Wie stellt man das an?



Die Legende will es, daß die Qualität sich überall durchsetzt: Der geniale Künstler hat zwangsläufig früher oder später den Erfolg, der ihm gebührt. Das ist selbstverständlich naiv. Ein beliebiges Beispiel: Rembrandt hatte eine sehr wechselhafte Karriere, war in den letzten Jahren seines Lebens sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich ein Außenseiter, nach seinem Tode für mehrere Jahrhunderte vergessen.



Im Falle der Renée Sintenis wurde ich in Bezug auf eine Vokabel aufmerksam; vielleicht liegt das daran, daß der Text von den erfolglosen Akademikern verfaßt worden ist, die in dieser Hinsicht sensibilisiert sind. Die schreiben:



In der Folgezeit etablierte sie sich in Kunstkreisen und gewann einflußreiche Freunde. [...] Nach dem Krieg konnte sie sich jedoch bald wieder im Kunstbetrieb etablieren, nicht zuletzt durch den langjährigen Freund und Kollegen Karl Hofer.


Die Vokabel lautet: "etabliert". Man macht also Kontakt mit den richtigen Leuten, die einem dann schon die richtigen Türen öffnen. Das leuchtet mir ein. Rätselhaft erscheint nur, wie sich dieser Mechanismus auch nach dem Tode aufrechterhalten läßt: Kann man dann noch Kontakte machen?



Natürlich nicht, aber dann ist man ja bereits etabliert. Die Arbeiten sind in der Welt, tauchen im Kunsthandel, auf Messen und Auktionen wieder auf und sorgen dafür, daß die Leute sich weiterhin mit Werk und Künstler auseinandersetzen, so wie Sie und ich das jetzt getan haben. Hoffentlich steigen die Preise, dann stabilisiert sich die ganze Sache von alleine.







Galerie · Vergoogelung


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Renée Sintenis hat, soweit ich das sehe, keinen Vorgänger und keinen Nachfolger. Insofern erinnert sie mich ein wenig an den holländischen Kleinkünstler Potter, der sich auf Kühe spezialisiert hatte und dafür berühmt war. Oder an Meret Oppenheim, die berühmte Schweizer Surrealistin, die für ein einziges Werk berühmt ist, die pelzbezogene Kaffeetasse.



Man würde ein solches Werk vielleicht schmalspurig nennen wollen. Wenn man die Statuetten zum Beispiel im Geiste mit den Statuetten Picassos vergleicht, der sich nicht als Bildhauer begriffen und solche Dinge nebenbei als Spielerei produziert hat, bekommt man vielleicht eine bessere Perspektive. Das heißt natürlich nicht, daß jedes einzelne Werk für sich genommen nicht durchaus liebenswürdig, begeisternd, großartig sein kann. Davon konnten Sie sich hoffentlich überzeugen.



Wie schnell sich übrigens die Zeiten ändern: als ich diese Reihe begonnen habe (am 16.12.2000), habe ich in jeder Ausgabe beschrieben, wie ich recherchiere, und dabei reichlich für Google Reklame gemacht. Heute spricht die Bertelsmann-Stiftung von der Gefahr einer "Vergoogelung" (» Kritik an der Vergoogelung des Webs).



Noch ein Fund: » Zwei Generationen: Käthe Kollwitz und Renée Sintenis, vom 28.06. - 17.08.2003, in der Schloßkirche Neustrelitz, Mecklenburger Seenplatte.



Die etwa um eine Generation jüngere Renée Sintenis avancierte in den zwanziger Jahren zur bekanntesten Bildhauerin Deutschlands. Der Berliner Kunsthändler Paul Flechtheim erkannte das Talent der jungen Renée Sintenis und förderte sie. Kein anderer Künstler dieser Zeit hat der Statuettenkunst so entscheidend zu neuer Geltung verholfen wie die Sintenis. In ihren schönsten Plastiken gab sie dem Aufbruch in das moderne Jahrhundert auf ausgeprägt eigenständige Weise Form.


Das wäre doch vielleicht einmal einen Ausflug wert! Fahren Sie hin und überzeugen sich vom Wahrheitsgehalt dieser Ankündigung: Aufbruch in das moderne Jahrhundert. Sollte ich da irgend etwas Wesentliches übersehen? Klären Sie mich auf!







Galerie · Quellen


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  1.  Qualität, Galeriebeitrag
  2.  Vergleich, Galeriebeitrag
  3. » Galerie-Vömel - Düsseldorf
  4. » Sich leckendes Fohlen, Renee Sintenis, Galerie Ludorff
  5. » Junger Bär, Renee Sintenis, Galerie Ludorff
  6. » Renée Sintenis, Galerie Thomas
  7. » Georg Kolbe Museum, Renée Sintenis Skulpturensammlung
  8.  Vase, Galeriebeitrag
  9.  Kriegerfigur, Galeriebeitrag
  10.  Pferdekopf, Galeriebeitrag
  11. » Jonas Verlag
  12. » Promotionen, Fachbereich 2 Kommunikation/Ästhetik
  13. » Künstler / alle / S* / sintenis, renee (19 Dokumente gefunden.)
  14. » Anja Cherdron: Prometheus war nicht ihr Ahne, Berliner Bildhauerinnen der Weimarer Republik
  15. » Prometheus war nicht ihr Ahne, Berliner Bildhauerinnen der Weimarer Republik, Rezension
  16. » Frauen Kunst Wissenschaft, Halbjahreszeitschrift
  17. » Daphne
  18.  Märzfeld, Galeriebeitrag
  19. » 100 Jahre Outfit
  20. » Renée-Sintenis
  21. » Gesellschaft zur Förderung von Bildung, Beschäftigung und neuen Berufen e.V.
  22. » Grabstätte Sintenis / Goldstein
  23. » Renée Sintenis - Wikipedia
  24. » Geschichte und Programm der AG Künstlerinnen
  25. » Querelles-Net
  26. » Interdisziplinärer Arbeitskreis Frauenforschung
  27. » Kunsthistorikerinnentagung in Trier
  28. » Dictionary of Women Artists
  29. » Renée Sintenis, Normansetzung: Sintenis, Renée
  30. » Kritik an der Vergoogelung des Webs
  31. » Zwei Generationen: Käthe Kollwitz und Renée Sintenis



Abbildungen

©  Werner Stürenburg



Galerie · Übersicht


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