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Galeriebeitrag Ausgabe 208.08 · Die Blöcke
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Ausschnitt
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Die Kirche
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Kirchgang
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Ausschnitte
Die Schnittkanten sind offenbar nicht ganz gerade; darauf legt der Maler durchaus Wert. Auch das wundert mich, denn gerade Schnittkanten sind unproblematisch, aber wenn die Säge sich verkantet, kann das Werkzeug möglicherweise sogar leiden oder brechen. Wie das erste Loch in die meterdicke Eisdecke gekommen ist und wie die Rundungen gesägt werden, wie man ungleichmäßige Blöcke aus dem Wasser holt, wie man den ersten Block aus dem Wasser bekommt, wird nicht erklärt

Dafür erfahren wir, wie es geht, wenn das Loch schon so groß ist, daß der neu abgesägte Eisblock im Wasser schwimmt. Die Deichsel wird unter den Block geschoben, mit dem Bootshaken auf die Deichsel gezogen, und dann bekommt Brunte einen Klaps auf die Kruppe, daß er vor Schreck einen Satz macht. Mit diesem ruckartigen Impuls wird der Block aus dem Wasser gezogen.

Wie man den dann so schön hinstellt, bleibt wieder dunkel. Ich will jetzt mal ein bißchen rechnen. Nach meiner Schätzung dürfte so ein Block vielleicht dreißig Zentimeter breit sein und ein Meter hoch, mit anderen Worten: Das Volumen beträgt etwa 0,1 Kubikmeter oder 100.000 ccm oder 100 Liter. Nun ist Eis etwas leichter als Wasser, dafür ist meine Schätzung vielleicht etwas knapp; so ein Block wird also etwa 100 Kilogramm wiegen, kann also gerade von zwei Mann bewegt werden.

Carl Larsson spricht nur von Johann und Bäckström; es sind aber drei Männer bei der Arbeit, der dritte wird Elfström sein, den Larsson anderwärts einführt (siehe   Der Künstler). Rechts im Bild sieht man die Kirche; die spielte damals im Leben der Menschen eine große Rolle. Larsson hat auch ein Blatt gemalt, das die Menschen in der Kirche zeigt.

Dieses Blatt gefällt mir sehr gut, aber ich dachte nicht, daß ich es in dieser Reihe vorstellen könnte, denn es kommt natürlich kein Pferd darin vor. Selbst bei den Westfalen durfte das Pferd nur von außen in die Kirche reinschauen, wenn der Bauer gestorben war und sein Trauergottesdienst gehalten wurde (siehe   Geschichte). Nun aber, wo ich die Kirche in diesem Blatt entdecke, denke ich, daß ich ein paar Worte über das Kirchenbild verlieren kann.

Warum gefällt es mir so gut? Es sind die Köpfe der Männer, die mich so faszinieren. Sie nehmen einen relativ kleinen Teil des gesamten Blattes ein, ziehen aber die Aufmerksamkeit auf sich. Die zentralen Kronleuchter zeigen auf den Kopf des Mannes in der Mitte, der genau im Zentrum des Blattes sitzt - Sie wissen schon, Larsson hielt sehr viel von präzisen Konstruktionen.

Die Kirche selbst ist ein schlichtes, kühles, protestantisches Gotteshaus, wie ich es aus meiner eigenen Jugend kenne. Sogar die Nummern der Kirchenlieder werden auf dieselbe Art bekanntgemacht, nur der Pfarrer sieht anders aus: er trägt ein rotes Gewand. Das ist in Deutschland nicht üblich, soweit ich weiß, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern.

Das Gemälde in der Kuppel mit den zwei Engeln ist von Carl Larsson. Die beiden Männer in der letzten Bank sind Bäckström und Johann; sie sind etwas zu spät gekommen, weil eine Kuh gekalbt hat, und haben sich deshalb nicht auf ihrer angestammte Plätze gesetzt. Die Frauen sitzen links, die Männer rechts vom Gang.

Man kann allein aus der Rückansicht der Köpfe auf die Personen zurückschließen, denen diese Köpfe gehören. Das finde ich hochinteressant. Natürlich drücken wir uns in jeder Einzelheit unseres Wesens und unseres Körpers vollständig aus, sind in jeder Hinsicht einmalig. So kann man uns anhand des Fingerabdrucks eindeutig identifizieren, und natürlich sind auch unsere Ohren, die Haarwirbel, der Hals und die Schultern, die Haltung des Kopfes einmalig und bringen unser Wesen zum Ausdruck.

Theoretisch jedenfalls; die Kunst des Carl Larsson besteht darin, diese typischen Züge herauszuarbeiten und sprechen zu lassen. Das gelingt ihm hervorragend - allein die Art, wie die Jacken Falten werfen, ist köstlich.

Demgegenüber ist sein Gemälde an der Kirchenwand über dem Altar ziemlich primitiv und schwach. Das gefällt mir überhaupt nicht. Wie kann man seinen Glaubensbrüdern und -schwestern so eine dünne Brühe zumuten?

Ist das alles, was Carl Larsson zu Gott einfällt? Eine Art Schminkspiegel mit einer Taube darin, die direkt auf uns zufliegt, rechts und links symmetrisch aufgeblasene Engel, die diese Taube anbeten beziehungsweise den Schminkspiegel, das Ganze vor einem blauen Hintergrund, der wohl den Himmel signalisieren soll.

Die Beschreibung im Buch lautet so:

Zwei Engeln mit großen Flügeln blickten hinauf in den tiefblauen Himmel, und eine weiße Taube bereitet ihre Schwingen aus, als wollte sie geradewegs in das Kirchenschiff hineinfliegen.


Der Altar kommt als antiker Tempel daher und geht bestimmt nicht auf Larsson zurück, sonst würde das Buch das erwähnen. Die Besucher sind sehr andächtig und vermutlich vollzählig. Das waren noch Zeiten, als die Menschen gläubig waren! Carl Larsson ist es wahrscheinlich schon nicht mehr, sonst hätte er ein wesentlich überzeugenderes Gemälde für diese Kirche schaffen können.

Links schaut eine Frau traurig und begehrlich auf den Mann im Zentrum, und rechts steht aufmerksam der Kirchendiener, der sich um das Geld kümmert. Er schaut dem Fotografen direkt in die Linse. Was schreibe ich denn da?

Vielleicht ist das gar nicht so dumm. Immerhin gab es zu dem Zeitpunkt schon seit 50 Jahren die Fotografie, und die Diskussion über den Sinn der Kunst wurde durch die Existenz der Fotografie verschärft. Wenn die Fotografie die Realität so viel besser und einfacher darstellen konnte, welchen Sinn hatte dann noch die Kunst? Die moderne Kunst hatte etwa gleichzeitig mit der Erfindung der Fotografie begonnen, indem sie eben nicht mehr die Realität darstellte, sondern mit der Realität machte, was sie wollte.

Andererseits bedienten sich die Künstler der Fotografie, um den Realismus ihrer Bilder noch einmal wesentlich zu steigern. Vielleicht ist Carl Larsson auch so vorgegangen. Dann wäre dieses Bild eine Kombination mehrerer Schnappschüsse. Das würde die Präsenz der Bilder gut erklären. Möglicherweise gibt es diese Fotos sogar noch.

Die Beziehung zwischen Kunst und Fotografie regt die Künstler bis zum heutigen Tage an. Vor dreißig Jahren etwa wurde das Thema Realismus mit dem Fotorealismus neu aufgelegt. Die Künstler vergrößerten Fotos zu Riesenformaten. Sofort stellte sich die Frage: was daran ist Kunst?

Kurz zuvor hatte Andy Warhol, der mit seinen Suppendosen und Dollarnoten berühmt geworden war, die Pop Art erfunden und Kunst noch einmal auf breiter Front populär gemacht. Diesen Erfolg hat er mit seiner späteren Serie der Stars, etwa Merilyn Monroe oder Mao, noch einmal übertroffen (siehe   Großer Sprung,   Pop Art). Selbstverständlich bediente sich Warhol der Fotografie.

Wenn Carl Larsson auf die Fotografie angewiesen war, hatte er natürlich mit dem Altargemälde Pech. Gott und die Engel lassen sich nicht so leicht fotografieren. Aber warum bediente er sich nicht menschlicher Modelle? So haben es die großen Maler doch immer gemacht, Leonardo, Raffael, Michelangelo, Rembrandt - die haben vermutlich auch keinen Engel gesehen, von Gott ganz zu schweigen. Bleibt also doch die Vermutung, daß er als moderner Mensch schwach im Glauben war.





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