Man erkennt es nicht auf den ersten Blick, aber zur Not helfen die Skizzen. Das Pferd leidet, das ist schon mal klar, die Skizzen machen es überdeutlich. Picasso, Guerníca, 350x777 cm Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937 Öl/Leinwand, Madrid, Prado, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Aber auch die anderen Figuren der Minotauromachie sind alle da: neben dem sterbenden Pferd der unschuldige Minotaurus, die Figur, die die Leiter emporflieht (auf einer Skizze mit Bart), der ausgestreckten Arm mit dem Licht (diesmal von einer Frau gehalten, die aus dem Fenster des Turms herausschaut), nur alles seitenverkehrt - und mithin durchaus seitenrichtig, denn eine Radierung zeigt die ursprüngliche Zeichnung auf der Platte seitenverkehrt. Aber die Aussage ist völlig verändert. Es geht nicht mehr um private Dinge, es geht nicht um Mann und Frau, nicht um Beziehungen, nicht um Kreativität, nicht um Vitalität oder Sexualität, nicht um Picasso und nicht um Marie Therèse. Es geht um Schrecken und Tod, Grausamkeit und Gefahr, und in diesem Zusammenhang ist vollkommen klar, was vorher auch schon so gesehen, aber nicht so deutlich gemacht wurde: niemand ist schuldig, alle sind Opfer. Es ist nicht mehr nur das Pferd, das leidet - bis auf den Stier ist alles blankes Entsetzen und Horror. Aus der privaten Tragödie wird eine öffentliche. Kein Hinweis auf Deutsche oder Spanier, kein Flugzeug, kein Maschinengewehr, keine Uniform, keine Brücke, keine Kirche, kein Rathaus, kein Markt, kein Hinweis auf das 19. Jahrhundert, keine Anklage, denn es ist niemand da, der angeklagt werden könnte. Die einzige Andeutung auf einen Krieg besteht in der zerbrochenen Figur des Kriegers, die aber deutlich als Skulptur dargestellt ist. Insofern muß das abgebrochene Schwert ebenfalls als Teil der Skulptur und nicht als Überrest eines echten Schwertes gelesen werden. Dieser Krieger hat eher einen Bezug zur Antike als zur Neuzeit. Das einzige Requisit aus dem 19. Jahrhundert ist die elektrische Birne, die angeblich im Spanischen bombia heißt, was wie die Verkleinerungsform von Bombe (bomba) klingt (allerdings nicht im normalen Wortschatz). Nachtrag: Eine informierte Leserin machte mich darauf aufmerksam, daß es "bombilla" heißt, was wiederum einfach Glühbirne bedeutet. Deshalb fand das normale Wörterbuch dieses Wort nicht. Aber die Sache ist noch interessanter: sie besitzt das maßgebende spanische Wörterbuch, und dieses notiert unter "bomba" zwei Bedeutungen: 1. Militärisch: die Bombe 2. Lampenglocke. Das Wort selbst also hat schon die Doppelbedeutung, die hier Sinn macht. Offensichtlich ist dieses Bild ein einziger Protestschrei, allerdings bleibt offen, wem dieser Schrei gilt. Das Bild ist also nicht als platte Propaganda zu mißbrauchen, sehr zum Leidwesen der Ideologen. Es nimmt nicht Partei, insbesondere nicht für die rechtmäßige Regierung Spaniens im Bürgerkrieg. Und das alles mit Figuren, die Picasso für sein persönliches Drama entwickelt hatte. So ein Bild kann man sich nicht ausdenken. Hier offenbart sich die Schöpferkraft als Geheimnis, die selbst dem Produzenten, dem Künstler, Geheimnis bleibt. Im Alter hat Picasso es oft genug gesagt: "Die Malerei ist stärker als ich. Sie macht, was sie will." Viele Psychologen und Kunsthistoriker haben bereits Bücher über dieses Gemälde geschrieben, und zweifellos werden noch weitere folgen. Fast 65 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Gemälde nichts von seiner Wucht und Kraft verloren. Die Wirkung eines solchen Bildes kann man aufgrund von Abbildungen nicht ermessen. Man muß ein Bild immer in Bezug auf den Raum sehen, in dem es hängt. Ich kenne eine Abbildung aus dem Spanischen Pavillon der Weltausstellung. Das sieht nicht gut aus. Auch in New York, wo das Gemälde immerhin 40 Jahre gehangen hat, war es offenbar fehl am Platze. Ein Museum kann ein sehr steriler Ort sein - was leider der Regelfall ist. Nun ist das Bild endlich da, wo es hin sollte. Hoffen wir, daß es seine Wirkung dort entfalten kann. Nun hat es zweifellos bereits seine Wirkung entfaltet, allerdings über Abbildungen. Immerhin gilt es als das berühmteste Gemälde des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie kann man ein fast 8 Meter langes Bild abbilden? Notgedrungen muß ein sehr kleiner Maßstab gewählt werden. Das hat der Wirkung offenbar keinen Abbruch getan. Die Wirkung der Bildzeichen, der Formerfindungen ist unabhängig von der Größe. Oder anders gesagt: die Formen sind alle dermaßen groß konzipiert, daß sie sowohl im Original als auch in einer sehr starken Verkleinerung überzeugen können. Das ist bei Schlachtengemälden von Rubens oder David oder anderen Schinkenproduzenten nicht der Fall. Schon im Original ist man unangenehm berührt, in der Reproduktion bleibt nichts übrig. Das Bild von Picasso aber geht auf jeden Fall unter die Haut.
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