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Galerie · Guernica
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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Picasso
Studie zu Guernica

Bleistift auf Papier, Paris, 10. Mai 1937 (II)
45 x 24 cm, offenbar unten nicht beschnitten


Eine von mindestens 40 Studien zum Monumentalgemälde für den Spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937, genannt Guerníca.


Pablo Ruiz y Picasso
1881-1973
Der berühmteste Künstler des 20. Jahrhunderts. Unglaublich produktiv in einer Vielfalt von Stilen, von denen einige sehr populär geworden sind, z.B. die Blaue oder die Rosa Periode.




Kommentar · 26.05.2001
Von  Werner Stürenburg

Heute ist Picasso fast allen Menschen bekannt. Mehr noch: auch seine "schrägen" Werke werden richtig populär und hängen bereits in vielen Wohnungen und Sekretariaten (als Poster natürlich).

Diese Popularität begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg, genauer nach der Befreiung von Paris. Picasso war in Paris geblieben, obwohl er als Spanier Ausländer war und im besetzten Paris als moderner Künstler nicht ungefährdet. Schließlich war das, was er machte, für die deutschen Besatzer in hohem Grade "entartete Kunst".

Er hat sich aber ruhig verhalten und nicht engagiert wie andere Künstler. Zwar hat er nicht kollaboriert, aber sich auch nicht im Widerstand betätigt, wo Freunde von ihm zu Tode gequält oder erschossen wurden, unter anderem sein Jugendfreund Max Jacob.

Dabei soll er durchaus persönlichen Mut bewiesen haben. Als deutsche Soldaten anläßlich eines Atelierbesuchs auf eine Postkarte seines berühmten Gemäldes Guerníca zeigten und fragten: "Haben Sie das gemacht?", soll er gesagt haben: "Nein: das haben Sie gemacht!"

Die Angesprochenen werden die Anspielung vermutlich verstanden haben. Picasso hat das Gemälde am 1. Mai 1937 begonnen. Am Sonntag, den 26. April 1937 haben deutsche Stuka-(= Sturzkampf-)Bomber ... Moment mal ...

So hatte ich begonnen und stutzte - war es ein Sonntag? Wie bekomme ich heraus, welcher Wochentag der 26. April 1937 war? Eine nebensächliche Frage? Sie sollte mich Stunden kosten.




Galerie · Die Tatsachen


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Der Kalender auf meinem Computer geht höchstens 30 Jahre zurück. Also muß das Internet helfen.

Picasso, Guerníca, 350x777 cm
Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937
Öl/Leinwand, Madrid, Prado, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Wenn ich bei » » ›»  Google»  als Suchbegriff "26. April 1937 Guernica" verwende, sollte ich doch wohl einen Artikel finden, der den Wochentag bringt und mir aus der Verlegenheit hilft.

Das war auch der Fall: einer der ungefähr 30 interessanten Artikel nannte den Wochentag. Bei der Durchsicht wurde mir klar, daß ich die alle lesen muß. Ich habe sie gespeichert, weil ich nicht bei laufendem Gebührenzähler lesen wollte. Außerdem brauche ich auch später, z. B. jetzt, den Zugriff darauf.

Um die 30 Artikel durchzulesen, habe ich etwa vier Stunden gebraucht. Natürlich habe ich sehr viel Neues gelernt, über Picasso und sein Gemälde, aber auch über Spanien, den Bürgerkrieg, Mussolini und Hitler, die Weltausstellung und über Guerníca, die Stadt.

Ich habe auch etwas gelernt über rechtsradikale Schlammschlachten. Eine dieser Seiten war inzwischen vom Netz genommen worden, eine andere trat gleich 5-sprachig auf mit Sitz in Belgien und dem programmatischen Titel "Freie Historische Untersuchungen". Man vertritt ganz offen den "Historischen Revisionismus".

Ein deutscher Autor tat sein Bestes, mit einem Riesenartikel dem Leser Sand in die Augen zu streuen und ihn systematisch zu verwirren. Man muß schon in der Lage sein, solche Machenschaften zu durchschauen, um diesen Rattenfängern nicht auf den Leim zu gehen.

Es wundert mich, woher diese Leute und deren Opfer die Energie nehmen, die zur Verdrehung der Wahrheit nötig ist. Was motiviert die, diese Arbeit auf sich zu nehmen? Ich verstehe es nicht.

Aber es ist auch mit der Wahrheit nicht ganz einfach. Also: es war ein Montag, und Montags war in Guerníca immer Markttag. Diese Tatsache wird nicht von allen Autoren erwähnt, wie auch sonstige Einzelheiten beliebig fehlen. Aber hier bietet das Internet wieder Riesenvorteile: wenn Sie genug Zeit mitbringen, können Sie sich in alle Richtungen informieren und selbst ein Urteil fällen.

Ich bin natürlich nicht dabeigewesen, und die, die dabeigewesen sind, kennen auch nur ihren eigenen Ausschnitt der Wahrheit. Die Wahrheit kann sich erst ergeben durch systematisches Zusammentragen vieler Tatsachen, die niemand insgesamt haben kann.

Dann wiederum stellt sich die Frage: wie präsentiert man diese Fülle von Tatsachen? Ich will hier keinen historischen Bericht über Guerníca bringen. Ich kann hier überhaupt nicht alles bringen, was mir zu diesem Thema einfällt. Deshalb muß ich auswählen.

Ich bringe also meine Kurzschilderung der Ereignisse, wie sie sich mir aufgrund meiner Recherchen darstellen, und versuche mich auch in Bezug auf Picasso und das Gemälde kurz zu halten - aber lang genug, damit Sie auch etwas davon haben!





Galerie · Der Überfall


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Die republikanischen Truppen zogen sich in Richtung Guerníca zurück. Guerníca liegt übrigens im Baskenland. Das Baskenland kämpft immer noch um Autonomie innerhalb von Spanien, mittlerweile wieder mit Bombenterror, wie Nachrichtenhörer wissen. In Guerníca, der "Heiligen Stadt", hatten die spanischen Könige die baskischen Sonderechte beschworen.

Picasso, Pferdekopf, 65x92 cm
Öl/Leinwand, Paris, 2. Mai 1937

Hitler hatte Franco bei seinem Putsch gegen die rechtmäßig gewählte republikanische Regierung gegen Lieferung von Rohstoffen, die Deutschland für die Kriegsvorbereitungen brauchte, geholfen, u. a. um dessen Truppen aus Marokko auf das europäische Festland zu bringen.

Für Göring, den Luftfahrtminister, war dies die Gelegenheit, die neuen militärischen Mittel einem Praxistest zu unterziehen. Im Ersten Weltkrieg hatten Flugzeuge nur eine nebensächliche Rolle gespielt. Im Zweiten Weltkrieg würden sie eine zentrale Rolle spielen können.

Angeblich war das Ziel der Luftaktion eine Brücke im Umland von Guerníca, die es zu vernichten galt, um den zurückflutenden Truppen den Weg abzuschneiden. Das macht militärisch Sinn. Dazu hätte sich ein Stuka-Bomber vorzüglich geeignet, der mit einer einzigen 1000 kg-Bombe dieses Ziel im Erstanflug voll hätte treffen können. Einer der besten Stuka-Piloten gehörte zur Legion Condor und hätte die Aufgabe im Alleingang erledigt.

Es ging aber offenbar darum, etwas Neues auszuprobieren. Es wurde kein einziger Stuka-Bomber eingesetzt. Es wurde auch nicht die Brücke angeflogen, die infolgedessen nach dem Angriff unbeschädigt war. Stattdessen wurden normale Bomber mit 50.000 kg Sprengbomben, Splitterbomben und Brandbomben (Brandbomben zu 1 kg das Stück) ausgerüstet.

Eine Steinbrücke kann man mit Brandbomben nicht zerstören. Brandbomben werden grundsätzlich komplett abgeworfen, weil eine Landung mit Brandbomben zu gefährlich ist. Sie wurden außerdem laut Befehl aus großer Höhe abgeworfen, so daß bestimmte Ziele nicht getroffen werden konnten.

Bei der Lagebesprechung hat ein Hauptmann (von Krafft) gegenüber dem Major (Fuchs) protestiert, konnte sich aber nicht durchsetzen. Nach der Aktion hat der Kommandeur der Legion Condor, Freiherr Wolfram von Richthofen, Cousin des legendären "Roten Barons" Manfred von Richthofen (Weltkrieg I), in einem Geheimbericht nach Berlin einen vollen Erfolg gemeldet.

Man hatte eine Stadt flächendeckend bombardiert und 70% der Häuser zerstört, darunter historische Gebäude wie das Rathaus und die Kirche, mehr als 20% der Bevölkerung war umgekommen. Das sollte offenbar getestet werden, und deswegen war es ein voller Erfolg.

Diese neue Taktik wurde zu Ende des Zweiten Weltkriegs bekanntlich auch von den Alliierten übernommen, wobei dann die deutschen Städte in Schutt und Asche sanken und die deutsche Zivilbevölkerung samt verschleppten Zwangsarbeitern getötet wurde.

Eindrucksvolle Bilder von den Ergebnissen dieses Bombenterrors hat jeder sicherlich schon einmal gesehen.





Galerie · Die Weltausstellung


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Die politische Geschichte Spaniens war vom Königtum und rechtsgerichteten Militärdiktaturen geprägt. 1931 wurde die Republik ausgerufen, gefolgt von blutigen Auseinandersetzungen. 1934 war die bürgerlich-republikanische und sozialistische Regierung von Monarchisten und Rechtsrepublikanern abgelöst worden.

Picasso, Studie zu Guerníca, Ausschnitt
Bleistift auf Papier, Paris, 10. Mai 1937 (II)

Der Widerruf von Reformen löste einen Bergarbeiteraufstand und einen Generalstreik aus, der von General Franco mit Unterstützung durch Mussolini blutig beendet wurde. Ende 1934 konstituiert sich der spanischen Faschismus, die Falange. Anfang 1936 übernahm die Volksfront legal und demokratisch legitimiert die Regierung.

Die Falange reagierte mit Terroranschlägen. Als ein Führer der Monarchisten, vermutlich von Linken, ermordet wurde, putschte Franco, der die marokkanischen Truppen kommandierte. Damit begann Mitte 1936 der Bürgerkrieg, der bis Mitte 1939 dauerte und 1,5 Millionen Menschenleben forderte.

Picasso stellte sich seit Beginn des Bürgerkriegs auf die Seite der rechtmäßigen Regierung. Diese ernannte ihn zum Direktor des bedeutendsten Museums, des Prado in Madrid - selbstverständlich eine rein symbolische Handlung ohne irgendwelche Folgen für beide Seiten.

1937 richtete Paris eine Weltausstellung aus. Spanien hatte sich noch nie an einer Weltausstellung beteiligt. (Hat sich Spanien an der Expo 2000 beteiligt?) Die junge spanische Republik wollte sich darstellen. Als die Weltausstellung begann, war der Pavillon noch gar nicht fertig. Schließlich befand man sich im Bürgerkrieg.

Die Deutschen hatten einen phantastischen Pavillon gleich gegenüber den Russen, die ebenfalls auftrumpften. Man stellte nicht nur die Nation dar, sondern auch das überlegene politische System. Die spanische Regierung wollte selbstverständlich genau dasselbe, nämlich die Überlegenheit der linken Republik gegenüber den vorherigen Systemen beweisen.

Picasso hatte bis zu diesem Zeitpunkt, wenn überhaupt, dann nur in privatem Rahmen Auftragsarbeiten übernommen. Nun auch politisch Stellung beziehen zu sollen, muß ihm sehr mißfallen haben. Man hatte ihm eine riesige Wand im Pavillon zur Verfügung gestellt, aber er unternahm nichts.





Galerie · Die Entstehungsgeschichte


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Seine neue Freundin Dora Maar hatte ihm Anfang 1937 ein neues Atelier besorgt - nicht irgend eines, sondern angeblich dasjenige, das in Balsacs Novelle "Das unbekannte Meisterwerk" beschrieben wird. Dort kämpft ein Maler um ein Superlativ-Gemälde, das zum Schluß völlig unkenntlich ist, und der Maler ist am Ende. Also ein symbolischer Ort.

Picasso, Studie zu Guerníca, Ausschnitt
Bleistift auf Papier, Paris, 10. Mai 1937 (II)

Picasso wollte zunächst allgemein die Freiheit der Kunst thematisieren am Beispiel des Sujets "Maler und Modell", mithin einer höchst privaten Szene.

Es wird berichtet, daß die Nachricht vom Bombardement der Auslöser für einen höchst interessanten kreativen Prozeß war. Jedenfalls ist die erste Skizze datiert vom 1. Mai 1937 (was bedeuten würde, daß die Nachricht fünf Tage gebraucht hätte, um Paris zu erreichen). Am 28. Juni arbeitete Picasso zum letzten Mal an dem Riesengemälde (350x777 cm). Kurz darauf wurde es im spanischen Pavillon aufgehängt.

Anschließend wurde das Gemälde in Skandinavien und England gezeigt. Während des Krieges war es Dauerleihgabe im Museum of Modern Art in New York. Picasso war der Meinung, das Gemälde gehöre nach Spanien, allerdings nicht, solange Franco dort regierte.

Pikanterweise hat Franco sich in den sechziger Jahren vergeblich bemüht, das Gemälde nach Spanien zu holen. Picasso hat es nicht mehr erlebt, denn er ist vor Franco gestorben (mit 92: 1973 - Franco mit 82: 1975).

1977 gab es die ersten freien Wahlen in Spanien, Ende 1978 wurde die Demokratie konstitutionell eingeführt. 1981 wurde das Gemälde dann von New York nach Madrid überführt.

Es existieren viele Skizzen und einige Fotos von Entstehungsprozeß, die Dora Maar aufgenommen hat. Das macht dieses Gemälde für Psychologen und Kunsthistoriker besonders interessant. Man kann verfolgen, wie ein Gemälde entsteht, wie Picasso es macht.

Niemand weiß, wie ein Gedanke entsteht. Wir wissen ziemlich viel über Maschinen, Computer z. B., und wir wissen, daß diese nicht denken können. Was Denken ist, wissen wir aber nicht. Eine Melodie ist kein Gedanke, und ein Gemälde auch nicht. Maler betonen, daß die Hand das Gemälde macht.





Galerie · Der Schöpfungsprozeß


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Nun wird man einer Hand nicht unterstellen wollen, sie könne denken. Ein Gemälde entsteht also definitiv nicht durch Denken im herkömmlichen Sinn.

Picasso, Guerníca, 350x777 cm, Ausschnitt
Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937
Öl/Leinwand, Madrid, Prado

Man nennt denn auch bildliche Darstellungen, die durch Denken zustandegekommen sind, Illustrationen, also Verbildlichung eines Gedankens oder einer Geschichte. Eine Illustration ist eine Veranschaulichung, sie macht etwas mit bildlichen Mitteln deutlich, was man auch anders zeigen könnte, z. B. mit Worten.

Ein Gemälde hingegen bezeichnet Kunst, und Kunst bringt etwas zum Ausdruck, was man nicht mit anderen Mitteln zum Ausdruck bringen kann. Es kommt hier also etwas zum Ausdruck, was definitiv nicht gedanklicher Natur ist, jedenfalls nicht sprachlicher Natur, was gemeinhin intendiert ist, wenn man von Gedanken spricht.

Natürlich wissen wir, daß in unserem Gehirn auch Bilder produziert werden und Musik. Viele Menschen genießen diese Produktion jede Nacht im Traum, der typischerweise im Regelfall nicht sprachlich ist, eher wie ein Stummfilm mit Gefühlen.

Kunst wird heute von vielen Menschen immer noch so aufgefaßt, wie sie lange Zeit hindurch verstanden wurde, nämlich als Illustration zu bestimmten Zwecken. Das kann die Verherrlichung der Regierung oder des Staates sein, wie der ursprüngliche Auftrag an Leonardo im Falle der Schlacht von   ›  Anghiari  lautete, oder die Verherrlichung Gottes, oder was Auftraggeber immer im Sinn haben mögen.

Sofern die Künstler sich an diesen Auftrag gehalten haben, sind Illustrationen entstanden, mehr oder weniger meisterhaft. Kunst ist immer dann entstanden, wenn die Künstler über diesen Auftrag hinausgegangen sind und etwas zum Ausdruck gebracht haben, was sich mit dem Auftrag, der ja immer sprachlicher Natur ist, überhaupt nicht hätte erfassen lassen.

Die spannende Frage nun ist, wie kommt der Künstler zum Ausdruck, wenn er selber gar nicht weiß, was zum Ausdruck kommen soll. Hier versagt der moderne Verstand, der so etwas für schlechthin unmöglich hält.

Dabei weiß jeder Mensch, wie das funktioniert. Selbst Leute, die sich an ihre Träume nicht erinnern können, träumen regelmäßig, und wenn man sie genau dann weckt, wenn sich ihre Augen schnell bewegen, können sie sich erinnern, denn dann träumen sie gerade.





Galerie · Der Träumer


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Die Träume stoßen den Menschen zu. Niemand macht seine Träume selbst. Es soll Techniken geben, wie man seine Träume beeinflussen kann.

Picasso, Studie zu Guerníca, 21x27 cm
Bleistift auf Papier, Paris, 1. Mai 1937 (IV)

So stellen manche Leute abends eine Frage in Bezug auf ihr Leben und hoffen, daß sie einen Traum haben, der ihnen einen Hinweis auf diese Frage gibt. Es gibt auch Anleitungen dazu, wie man den Ablauf eines Traumes beeinflussen kann, was üblicherweise nicht möglich ist.

Wie man an den Zeichnungen sieht, nähert auch Picasso sich seinem Ziel mit Hilfe von Techniken. So zeichnet er interessanterweise ein Pferd primitiv auf Pseudo-Kinderart und im nächsten Blatt virtuos realistisch. Er zieht sämtliche Register seines Könnens und stellt seinem bewußten Denken laufend Fallen, um damit bildliche Lösungen zu provozieren.

Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Nehmen wir einmal an, Sie sollen eine Unterschrift leisten. Nicht eine beliebige Unterschrift, sondern eine wichtige Unterschrift unter ein bedeutsames Dokument.

Picasso, Studie zu Guerníca, 21x27 cm
Bleistift auf Papier, Paris, 1. Mai 1937 (V)

Was passiert? Sie verkrampfen sich. Wenn wir jetzt eine Vorlage brauchen für ein Faximile, also einen Stempel oder ein Computerbild, das als Ihre Unterschrift für eine Vielzahl von Dokumenten automatisch verwendet wird, können Sie üben.

Sie werden sich lockern und an ganz etwas anderes denken und dabei irgendwann eine wunderschöne, typische Unterschrift leisten, die auf Millionen von Werbebriefen genau die suggestive, überzeugende, positive Ausstrahlung hat, die unbedingt notwendig ist, damit der erhoffte Erfolg eintritt.

So arbeitet der Künstler. Er lockert sich, denkt an ganz etwas anderes und arbeitet. Nur so kann etwas entstehen, was größer ist als er selbst, was ihm etwas erzählt, das er noch nicht kannte.

Im Alter sagte Picasso einmal: "Ich will mir doch nichts verkaufen." Damit meinte er: was soll ich etwas malen, was ich schon kenne - das ist doch uninteressant.

Diese Aufgabe ist extrem schwierig. Die letzten 25 Jahre im Leben Picassos sind dadurch gekennzeichnet, daß er nur sehr selten etwas zustande brachte, was die Qualität hat, die man von dem berühmtesten Künstler des Jahrhunderts erwartet.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben wunderbare Träume. Jetzt kommt die Welt und verlangt von Ihnen, daß Sie weiterhin wunderbare Träume haben. Wetten, daß Sie nicht mehr träumen?

Die zwei Monate der Entstehung des Gemäldes Guerníca, das von vielen als das berühmteste Gemälde des gesamten Jahrhunderts bezeichnet worden ist, waren in dieser Hinsicht eine glückliche Zeit.

Picasso hat immer alles aufgehoben und datiert. In diesem Falle existieren zusätzlich noch die Zustandsfotos von Dora Maar. Kunsthistoriker und Psychologen sind ebenfalls glücklich. Denn sie möchten doch alle gar zu gern wissen, wie das geht mit der Kreativität. Sie werden's aber nicht erhaschen, denke ich.





Galerie · Das Pferd


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Pferde können nicht schreien. Das muß man sich immer wieder klarmachen. Wenn Pferde Schmerzen haben, können sie schon einmal stöhnen. Da muß es aber dicke kommen. Zweimal habe ich Pferde stöhnen hören: einmal bei einer Kolik und einmal bei einem Herzschlag mit anschließendem Todeskampf.

Picasso, Sterbendes Pferd, 80x103 cm
Schwarze Kreide auf Leinwand, Barcelona, 1917
Barcelona, Museu Picasso, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Man kann deshalb Pferde quälen, ohne es zu merken. Jeder Hund hätte schon längst unerträglich gejault und mit Mimik und Gestik auf sein Leid aufmerksam gemacht. Jede Katze hätte sich mit Zähnen und Krallen gewehrt, daß das Blut in Strömen fließt - nicht das Blut der Katze, natürlich. Pferde leiden stumm.

Deshalb würde man nicht unbedingt sofort darauf kommen, daß Pferde sich besonders gut dazu eignen, das Leiden zu veranschaulichen. Wenn es aber darum geht, ein unerträgliches Leiden zu zeigen, dem sich das Wesen nicht entziehen kann, das es noch nicht einmal (für uns Menschen verständlich) äußern kann, dann ist das Pferd vielleicht das perfekte Symbol.

Was hat Picasso konkret mit Pferden verbunden? Soweit ich weiß, ist er nie geritten oder gefahren, hat nie ein Pferd besessen. Er ist aber schon im Vorschulalter von seinem Vater zu Stierkämpfen mitgenommen worden. Eines der ersten erhaltenen Gemälde stellt einen Picador (Stierkämpfer zu Pferd) in der Arena dar - Pablo war damals 7 oder 8 Jahre alt.

1901, im Alter von 20 Jahren, hat er zwei kleine Gemälde über den Stierkampf gemacht. Eines zeigt im Vordergrund ein alleingelassenes liegendes Pferd, dem die Gedärme heraushängen, und ein zweites, stehendes, gesatteltes Pferd, das von einem Mann am Kopf gefaßt wird und seine Gedärme hinter sich her schleift. Im Hintergrund eine Gruppe von Stierkämpfern, die sich um den Stier scharen.

Das andere Gemälde zeigt einen Picador, der im Begriff ist, den Stier anzugreifen (oder umgekehrt). Im Vordergrund bäumt sich ein Schimmel auf, dem die Gedärme rausquellen. Dahinter liegt etwas Großes, Dunkles, was ein toter Rappe sein könnte.

Beide Gemälde scheinen keinen tieferen Hintergrund zu haben und sind relativ realistisch. Sie zeigen aber bereits das Pferd als passiv leidendes Wesen, das von den Akteuren benutzt und weggeworfen wird.

Im Jahr 1917 hat Picasso die große Kreidezeichnung auf Leinwand gemacht (siehe oben), die ein sterbendes Pferd darstellt. Es reißt den Kopf in die Höhe, aus der Brust quillt ein Strahl Blut, aus der Seite quellen die Gedärme hervor.

Dieses Pferd ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Bezug zum Stierkampf muß künstlich rekonstruiert werden, aber selbst das gelingt nicht, denn das Pferd ist nicht gesattelt und gezäumt. Dieses Pferd ist einfach nur Kreatur, das sein Schicksal erleidet und sein Leid zum Himmel schreit.

Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Die Ursache für das Leid ist nicht dargestellt, sie ist für das Pferd ohnehin nicht erkennbar. Damit ist dieses Bild geeignet als Projektionsfläche für jegliche Art "unmenschliches" Leiden, dem ein Wesen unterliegt, ohne die Ursache erkennen zu können.

Picasso, Selbstbildnis, 27x21 cm
Bleistift, Paris, 1921 Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

1917 war Picasso 36 Jahre alt und in einer großen Krise. Eva, die erste Frau, die er meinte geliebt zu haben, war an Schwindsucht gestorben. Das ist ein Beispiel für menschliches Leid, für das niemand verantwortlich gemacht werden kann.

Deshalb mag man sich fragen, ob das Pferd das Leid des Malers um die verlorene Geliebte zeigt. Es löst Betroffenheit aus und Mitleid und Nachdenklichkeit über die Tragik des Lebens.

Das Bild steht daher in einem gewissen Bezug zu einer Bildgattung, die dem Betrachter die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führen soll: Memento Mori. "Bedenke, daß du sterben mußt."

Picasso hatte damals schon seine spätere Frau Olga, Mitglied des Russischen Balletts, kennengelernt und deshalb die Truppe auf einer Spanienreise begleitet, die ihn nach Madrid und Barcelona führte. Möglicherweise hat er bei dieser Gelegenheit auch wieder einen Stierkampf erlebt.





Galerie · Die Symbolik


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
1934 hat er in dem kleinen Schloß Boisgeloup, das er gekauft hatte, um trotz des Ehestreits weiterarbeiten zu können (die Anwälte seiner Frau Olga, die er 1918 geheiratet hatte, hatten das Atelier versiegeln lassen - immerhin ging es um viel Geld), eine Tuschezeichnung gemacht, die er nicht verkauft hat.

Picasso, Frau mit Kerze, Kampf zwischen Stier und Pferd, 31x40 cm
Feder, Tusche und Bleistift auf Leinwand auf Holz, Boisgeloup, 24. Juli 1934
Paris, Musée Picasso, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Das beweist, daß die Arbeit ihm persönlich wichtig war. Die Experten des französischen Staates, die sich nach seinem Tode aus dem Erbe bedienen konnten und für das Musée Picasso die besten Stücke ausgewählt haben, haben dieses Bild auch für bedeutsam gehalten und deshalb ausgewählt.

Das Bild zeigt ein kleines zusammenbrechendes Pferd mit emporgerissenem Kopf, in dessen offener Bauchhöhle ein gewaltiger Stier steht (bekanntlich sind die Stiere des Stierkampfes eher klein), dem seinerseits ein Schwert bis fast zum Knauf in den Rücken gestoßen ist. Im Hintergrund sieht man eine Frau mit einer Kerze, die zuschaut.

Die Symbolik in diesem Blatt ist nicht schwer zu verstehen. Die Frau im Hintergrund ist Marie Therèse, seine junge Geliebte (Picasso war damals 53, sie 24), die Picasso seit 7 Jahren vor aller Welt geheim hielt und ihm im Oktober 1935 eine Tochter gebar (am Entstehungsdatum also noch nicht schwanger). Der Stier ist er selber, das Pferd seine Frau, und der Stier macht das Pferd fertig.

Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Der Stier schaut etwas verwirrt, als verstünde er nicht, was er getan hat, er ist ganz Kraft und Animalität, das Pferd ist nur Leiden und schreit sein Leiden in den Himmel hinauf. Die junge Frau schaut interessiert und leicht amüsiert zu. Dasselbe Thema wird in mehreren Gemälden variiert.

Picasso, Frau mit Kerze etc., 31x40 cm, Ausschnitt
Boisgeloup, 24. Juli 1934
Paris, Musée Picasso

Ein Gemälde aus dieser Serie zeigt ausnahmsweise einen schreienden, von einem Schwert durchbohrten Stier, der durchaus menschlich sein Leiden hinausschreit. Wenn wir in unserer Lesart fortfahren, ist also Picasso als Stier tödlich getroffen.

Diese Lesart hat etwas für sich. Es gibt eine ganze Folge von Radierungen, die als Suite Vollard in den Handel gekommen ist. Diese Arbeiten sind in den Jahren 1930 bis 1937 entstanden. Ab 1933 taucht darin ein bärtiger Bildhauer mit einer schönen Geliebten auf.





Galerie · Der Minotaurus


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Einige Darstellungen des Bildhauers mit seiner Geliebten gehören zu den innigsten Liebesdarstellungen zwischen Mann und Frau in der gesamten Kunstgeschichte.

Picasso, Ruhender Bildhauer mit Modell in den Armen und Kopfskulptur
19x27 cm, Radierung, Paris, 2. April 1933, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Es sind reine Strichzeichnungen, die auf den ersten Blick konventionell anmuten, schlicht, schmucklos. Man versteht gar nicht, wie diese einfachen Linien so zauberhaft wirken können.

Durch Freiheiten, die er sich anderweitig mühsam erkämpft hatte, gelingt es ihm, Gefühle zu erzeugen, ohne daß man es eigentlich merkt. So ist zum Beispiel der Körper der Frau eigenartig gedrängt, wobei die wesentlichen optischen Reize verdichtet werden. Ebenso sind die Proportionen der Arme und Hände des Bildhauers ungleich und unrealistisch und können dadurch das Gefühl der innigen Liebesbeziehung erzeugen.

Die Skulptur, also das Werk des Bildhauers, zeigt seine Geliebte. Tatsächlich hat Picasso gleichzeitig in Boisgeloup überdimensionale Kopfskulpturen von Marie Therèse gemacht, die ebenfalls nicht eigentlich die Verherrlichung der Geliebten zum Thema haben, sondern das überwältigende Liebeserlebnis an sich darstellen. Es würde hier allerdings zu weit führen, dies näher zu erläutern.

Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Ein paar Tage vorher entstand eine Radierung, die ebenfalls den Bildhauer, sein Modell und eine Skulptur darstellt. Allerdings ist diese Skulptur so ausgeführt, daß der Eindruck entsteht, es könne sich auch um ein wirkliches Geschehen handeln.

Picasso, Bildhauer mit Modell und Kampfszene mit Stier
19x27 cm, Radierung, 31. März 1933, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Am Boden liegt ein sterbendes Pferd, das den Kopf hochreißt, von hinten sieht man einen Stier in einer Haltung, die suggeriert, als würde er ein zweites Pferd gerade mit den Hörnern aufnehmen.

Tatsächlich jedoch wendet er den Kopf ab, wodurch seine Aktion für das Pferd völlig ungefährlich wird. Der Stier ist ebenfalls unverletzt. Da der Bezug zum Stierkampf fehlt, wirkt diese Szene sehr irreal.

Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Im Blatt vom 18. Mai ist die Szene gedoppelt: es gibt zwei Frauen und zwei Männer, wovon der eine erkennbar unser Bildhauer ist, also Picassos Alter Ego, der andere jedoch ein Minotaurus, also ein Mischwesen aus Männerkörper und Stierkopf.

Picasso, Bacchanal mit Minotaurus
29x37 cm, Radierung, 18. Mai 1933, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Der Bezug zum Werk des Bildhauers fehlt. Der Bildhauer ist eigentümlich schlaff, vermutlich schon stark betrunken, sein Geschlecht ist ebenfalls sehr schlaff, was verwunderlich scheint angesichts der Lüsternheit seiner Gespielin, die offensichtlich nicht befriedigt ist.

Es stellt sich die Frage, ob die Trunkenheit das Desinteresse des Bildhauers bewirkt oder umgekehrt die Impotenz die Flucht in den Alkohol ausgelöst hat. Schließlich ist der Bildhauer nicht mehr der Jüngste und überhaupt übel drauf.

Als Antipode erscheint der Minotaurus, der per definitionem die Vitalität und Animalität darstellt, entsprechend gelassen zuprostet und ganz im Hier und Jetzt die Situation beobachtet.

Aber auch dieser ist nicht ungebrochen. Die ihm zugeordnete Schöne beachtet er nicht, obwohl sie sich quer über seinen Oberschenkel ausgebreitet hat, im Gegensatz zum Bildhauer, der seine Geliebte wenigstens im Arm hält. Da er an der Wand sitzt, könnte er, statt sich mit der Rechten aufzustützen, viel besser seine Freundin liebkosen.

Aber das Tierwesen ist seltsam unbeteiligt, scheint nach innen zu gucken, ganz nüchtern den Ernst der Lage auszufühlen. Und die Lage scheint sehr ernst zu sein.





Galerie · Die Minotauromachie


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Im Jahr 1935 hat Picasso eine großformatige Radierung gemacht.

Picasso, Minotauromachie, 50x69 cm
Radierung, begonnen am 23. März 1935, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Im Gegensatz zu den anderen Arbeiten scheint sie nicht einfach nur ein schneller genialer Wurf, sondern sie wurde längere Zeit überarbeitet mit überprüfenden Zustandsdrucken.

Die zeigen aber, daß die Zeichnung ebenfalls sofort stand, im wesentlichen wurde die Radierung einfach nur verdichtet: er hat eine Menge Striche machen müssen, um die Hell-/Dunkelwirkungen erzielen zu können, die das Blatt sehr dramatisch machen.

Seine Freundin war im dritten Monat schwanger, seine Frau wußte inzwischen davon und zog mit dem Sohn in ein Hotel, die Geliebte zu ihrer Mutter, die Scheidung wird eingeleitet.

Picasso nannte diese Zeit "die schlimmste meines Lebens". Im Februar malte er das letzte Bild für fast ein ganzes Jahr.

In dieser Radierung kommen Pferd, Stier und Marie Therèse vor und noch ein paar andere Figuren. Die Szene spielt am Meeresrand, ein schmaler Streifen Festland ist zu sehen, dahinter das Meer mit einem Segelboot, ein tiefer Horizont mit dunklen Wolken.

Die ganze linke Hälfte wird von einem kastenförmigen Gebäude eingenommen, das oben ein Fenster hat, aus dem zwei Mädchen herausschauen, die mit zwei Tauben spielen. Beide haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Marie Therèse.

Ganz links steigt ein bärtiger Mann eine Leiter empor. Er ist nackt bis auf ein Lendentuch. Er schaut wachsam auf die Hauptfigur, ein kräftiger nackter Mann mit einem Kuhschwanz und einem riesigen Stierkopf, der einen Arm bis über die Bildmitte streckt und einem riesigen Sack auf dem Rücken trägt.

Das ist offensichtlich der Minotaurus, und er scheint blind zu sein, was die Geste des ausgestreckten Arms erklärt. Der Mann auf der Leiter scheint Angst zu haben und nach oben zu fliehen.

Direkt vor ihm steht ein kleines Mädchen mit einem Kleidchen und einem Hütchen und einem kleinen Blumenstrauß und hält eine Kerze hoch, so als wollte sie dem Minotaurus leuchten - aber nein, soweit ich das von der mir vorliegenden Abbildung beurteilen kann, fixiert sie ganz genau das Geschlecht des Minotaurus, und wiederum, wenn ich das richtig beurteilen kann, sieht das nicht besonders toll aus, ganz im Gegensatz zum gewaltigen Körper.

Das Original ist 50x 70 cm groß und liegt mir natürlich nicht vor. Aber selbst die größte Reproduktion im Internet, die größer ist als mein Bildschirm, zeigt genau dasselbe. Zwischen dem Mädchen und dem Minotaurus bricht ein mickeriges Pferd zusammen, dem - man kann es kaum sehen - die Gedärme aus dem Bauch fließen.

Hingestreckt auf dem Pferd ein weiblicher Torero mit den Zügen der schlafenden Marie Therèse, die Beine typisch bekleidet, der Oberkörper entblößt, der linke Arm wie im Schlaf um den Kopf gelegt, der rechte Arm ausgestreckt, in umgekehrter Richtung parallel zum ausgestreckten Arm des Minotaurus, wobei die Hand mit der anderen Hand des Minotaurus zusammenstößt, die dieser in einer Zeigegeste an seinen Kehlkopf hält (er muß wohl irgendwie den Sack halten).

Diese Hand des Minotaurus und der dazugehörige Arm sind unangenehm klein, während der andere Arm mit der Hand übermäßig groß und aufgeblasen erscheint. Die rechte Hand der liegenden Toreadora hält einen Säbel, der wiederum direkt auf den Unterkiefer des Pferdes zielt.

Dieses Bild ist, man merkt es schon an der Beschreibung, absolut konfus. Viele Interpretatoren haben versucht, einen Sinn in dieses Blatt hineinzulegen.





Galerie · Die Traumdeutung


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Nachdem wir uns die Vorgeschichte und die persönliche Geschichte angeschaut haben, ist es nicht mehr so schwer, dieses Blatt zu verstehen.

Picasso, Minotauromachie, 50x69 cm, Ausschnitt
Radierung, begonnen am 23. März 1935, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Es ist wie mit der Traumdeutung. Der Träumer versteht seinen Traum nicht, seine Freunde verstehen ihn auch nicht, aber für den Traumdeuter ist alles ganz einfach. Schon in der Bibel werden berühmte Träume erzählt und gedeutet.

Nun werde ich mich also mal als berühmten Traumdeuter ausgeben und sage so:

Der Bildhauer ist gespalten. Er ist insbesondere nicht mehr vital und entspricht gar nicht dem Bild des Bildhauers, sondern eher der Figur eines Lazarus. Er flieht vor der Vitalität des Minotaurus die Leiter hinauf.

Der Minotaurus ist gebrochen. Er ist blind, was für einen Künstler das Todesurteil ist, er ist heimatlos, denn er trägt seine wenigen Habseligkeiten auf dem Rücken, er ist allein, denn seine Geliebte ist tot oder schläft und seine Frau ist ein häßliches, kleines Pferd, das sterben wird.

Die schönen Mädchen im Turm sind unerreichbar und interessieren sich nicht für ihn, sondern für die unschuldigen Tauben - sie sind an Männern und Vitalität und Sexualität nicht interessiert.

Das kleine Mädchen ist nun vollkommen unangemessen für ihn. Zwar starrt sie auf sein Geschlecht und hält die Kerze hoch und einen Blumenstrauß in der Hand, aber alles das macht nur noch deutlicher, daß sie kein Partner für ihn sein kann.

Die Sexualität ist überhaupt kein Thema mehr, denn trotz der deutlich gezeichneten Muskelpakete wirkt sein Geschlecht wie gemeißelt und abgeschlagen. Der Minotaurus ist am Ende, als Künstler, als Mann, als Liebhaber. Nun ist die Situation wirklich ernst, und sie scheint unumkehrbar. Dem Blinden bleibt nur noch das Los des Vagabunden. Er ist vogelfrei.

Soweit die Traumdeutung, die niemals nicht mit dem Traum selbst verwechselt werden darf.

Damit will ich sagen: eine Bildbeschreibung oder Interpretation darf nicht mit dem Bild verwechselt werden. Das Bild bleibt und wirkt und ändert sich im Auge des Betrachters, weil der Betrachter sich ändert.

Der Betrachter, der die Beschreibung anfertigt oder sich an einer Deutung versucht, verändert sich und damit auch die Beschreibung und die Deutung. Die Tiefe eines Traums oder Bildes ist im Regelfall mit Worten nicht auszuloten. Je mehr man schaut, desto mehr sieht man.

Außerdem sollte man sich klarmachen, daß Worte niemals an die Fülle und Tiefe von Bildern heranreichen können.





Galerie · Die Wanderschaft


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Im übrigen erzeugen Worte selbst wiederum Bilder beim Empfänger, die ihrerseits unscharf sind und beliebig viele Assoziationen und Erinnerungen wecken können.

Picasso, Minotaurus, eine Stute und ihr Fohlen im Wagen ziehend, 51x65 cm
Radierung, Juan-les-Pins, 5. April 1936, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Man muß sich also davor hüten, Worte für Wahrheit oder auch nur Eindeutigkeit zu nehmen.

Das als Warnung - wir sind auf Worte angewiesen, wenn wir kommunizieren wollen, aber wir tun gut daran, die Grenzen der Kommunikation zu erkennen.

Im April 1936 radiert Picasso den Minotaurus auf der Wanderschaft am Meeresstrand. Der Minotaurus zieht einen zweirädrigen Karren, auf dem eine Stute liegt, notdürftig festgebunden, der Hals hängt herunter, die Zunge heraus, die Augen gebrochen, die Hinterbeine in die Luft gestreckt.

An einem Bein ist eine Laterne befestigt, die leuchtet, obwohl es Mittag ist. Der Bauch der Stute, man ahnt es schon, ist offen, man kann Gedärm erkennen, und wenn ich nicht beim Titel gestutzt hätte, hätte ich es übersehen - das Blatt heißt: "Minotaurus, eine Stute und ihr Fohlen im Wagen ziehend".

In der Tat: zwischen den Stäben des Wagenkastens kann man das Fohlen entdecken. Es ist noch ganz schwach, gerade erst geboren. Ist es also in diesem Falle kein Gedärm, was da quillt, sondern die Nachgeburt?

Das muß wohl so sein, denn jetzt wird deutlich, daß dieses Undefinierte, Unstrukturierte zwischen den Beinen angesiedelt ist und nicht wie zuvor aus der Seite heraus nach unten sackt.

Dementsprechend dürfte die Stute nicht im Sterben liegen, sondern von der Geburtsarbeit erschöpft sein? Warum darf sie sich nicht ausruhen? Warum hat der Minotaurus es so eilig?

Ein Zweig ist am Wagen befestigt, und er hat Blätter. Der Minotaurus guckt sich um, er scheint sehen zu können. Man sieht auch ganz deutlich seinen Hodensack. Das Fohlen ist da, aber der Stute geht es schlecht. Der Minotaurus schleppt sie auf seinem Karren mit sich herum, er ist vital und unschuldig und hält ungeduldig Ausschau.

Wonach? Ich lehne mich jetzt mal ein bißchen aus dem Fenster: nach der Geliebten, die der Minotaurus verloren hat, weil sie Mutter geworden ist. Sie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Ein Minotaurus kann nicht Vater werden. Das kann man sich einfach nicht vorstellen. Deshalb ist er einsam und unterwegs.

Das Blatt ist entstanden in Juan-les-Pins, wo er mit Marie Therèse und der gemeinsamen Tochter Maya Urlaub machte. Tatsächlich hatte Picasso kurz vorher Dora Maar kennengelernt, die für die nächsten 10 Jahre seine Gefährtin sein sollte.

Die Verbindung zu Marie Therèse hat Picasso bis an sein Lebensende, also die nächsten 37 Jahre, eifersüchtig gehütet. Immer wieder hat er ihr versichert, daß sie seine große Liebe ist. Alle anderen Frauen in seinem Leben mußten das akzeptieren.

Das ist die Vorgeschichte zum berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts. Aus diesem Bildinventar der vergangenen Jahre hat Picasso geschöpft, als er Guerníca malte.





Galerie · Das Bild


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Man erkennt es nicht auf den ersten Blick, aber zur Not helfen die Skizzen. Das Pferd leidet, das ist schon mal klar, die Skizzen machen es überdeutlich.

Picasso, Guerníca, 350x777 cm
Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937
Öl/Leinwand, Madrid, Prado, Großbild steht aus Copyright-Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google

Aber auch die anderen Figuren der Minotauromachie sind alle da: neben dem sterbenden Pferd der unschuldige Minotaurus, die Figur, die die Leiter emporflieht (auf einer Skizze mit Bart), der ausgestreckten Arm mit dem Licht (diesmal von einer Frau gehalten, die aus dem Fenster des Turms herausschaut), nur alles seitenverkehrt - und mithin durchaus seitenrichtig, denn eine Radierung zeigt die ursprüngliche Zeichnung auf der Platte seitenverkehrt.

Aber die Aussage ist völlig verändert. Es geht nicht mehr um private Dinge, es geht nicht um Mann und Frau, nicht um Beziehungen, nicht um Kreativität, nicht um Vitalität oder Sexualität, nicht um Picasso und nicht um Marie Therèse.

Es geht um Schrecken und Tod, Grausamkeit und Gefahr, und in diesem Zusammenhang ist vollkommen klar, was vorher auch schon so gesehen, aber nicht so deutlich gemacht wurde: niemand ist schuldig, alle sind Opfer. Es ist nicht mehr nur das Pferd, das leidet - bis auf den Stier ist alles blankes Entsetzen und Horror. Aus der privaten Tragödie wird eine öffentliche.

Kein Hinweis auf Deutsche oder Spanier, kein Flugzeug, kein Maschinengewehr, keine Uniform, keine Brücke, keine Kirche, kein Rathaus, kein Markt, kein Hinweis auf das 19. Jahrhundert, keine Anklage, denn es ist niemand da, der angeklagt werden könnte.

Die einzige Andeutung auf einen Krieg besteht in der zerbrochenen Figur des Kriegers, die aber deutlich als Skulptur dargestellt ist. Insofern muß das abgebrochene Schwert ebenfalls als Teil der Skulptur und nicht als Überrest eines echten Schwertes gelesen werden.

Dieser Krieger hat eher einen Bezug zur Antike als zur Neuzeit. Das einzige Requisit aus dem 19. Jahrhundert ist die elektrische Birne, die angeblich im Spanischen bombia heißt, was wie die Verkleinerungsform von Bombe (bomba) klingt (allerdings nicht im normalen Wortschatz).

Nachtrag: Eine informierte Leserin machte mich darauf aufmerksam, daß es "bombilla" heißt, was wiederum einfach Glühbirne bedeutet. Deshalb fand das normale Wörterbuch dieses Wort nicht. Aber die Sache ist noch interessanter: sie besitzt das maßgebende spanische Wörterbuch, und dieses notiert unter "bomba" zwei Bedeutungen: 1. Militärisch: die Bombe 2. Lampenglocke. Das Wort selbst also hat schon die Doppelbedeutung, die hier Sinn macht.

Offensichtlich ist dieses Bild ein einziger Protestschrei, allerdings bleibt offen, wem dieser Schrei gilt. Das Bild ist also nicht als platte Propaganda zu mißbrauchen, sehr zum Leidwesen der Ideologen. Es nimmt nicht Partei, insbesondere nicht für die rechtmäßige Regierung Spaniens im Bürgerkrieg.

Und das alles mit Figuren, die Picasso für sein persönliches Drama entwickelt hatte.

So ein Bild kann man sich nicht ausdenken. Hier offenbart sich die Schöpferkraft als Geheimnis, die selbst dem Produzenten, dem Künstler, Geheimnis bleibt. Im Alter hat Picasso es oft genug gesagt: "Die Malerei ist stärker als ich. Sie macht, was sie will."

Viele Psychologen und Kunsthistoriker haben bereits Bücher über dieses Gemälde geschrieben, und zweifellos werden noch weitere folgen. Fast 65 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Gemälde nichts von seiner Wucht und Kraft verloren.

Die Wirkung eines solchen Bildes kann man aufgrund von Abbildungen nicht ermessen. Man muß ein Bild immer in Bezug auf den Raum sehen, in dem es hängt. Ich kenne eine Abbildung aus dem Spanischen Pavillon der Weltausstellung. Das sieht nicht gut aus.

Auch in New York, wo das Gemälde immerhin 40 Jahre gehangen hat, war es offenbar fehl am Platze. Ein Museum kann ein sehr steriler Ort sein - was leider der Regelfall ist. Nun ist das Bild endlich da, wo es hin sollte. Hoffen wir, daß es seine Wirkung dort entfalten kann.

Nun hat es zweifellos bereits seine Wirkung entfaltet, allerdings über Abbildungen. Immerhin gilt es als das berühmteste Gemälde des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie kann man ein fast 8 Meter langes Bild abbilden? Notgedrungen muß ein sehr kleiner Maßstab gewählt werden.

Das hat der Wirkung offenbar keinen Abbruch getan. Die Wirkung der Bildzeichen, der Formerfindungen ist unabhängig von der Größe. Oder anders gesagt: die Formen sind alle dermaßen groß konzipiert, daß sie sowohl im Original als auch in einer sehr starken Verkleinerung überzeugen können.

Das ist bei Schlachtengemälden von Rubens oder David oder anderen Schinkenproduzenten nicht der Fall. Schon im Original ist man unangenehm berührt, in der Reproduktion bleibt nichts übrig. Das Bild von Picasso aber geht auf jeden Fall unter die Haut.





Galerie · Das Böse


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Gerade weil diese Arbeiten Picassos nicht plakativ, sondern geheimnisvoll und verschlossen sind, privat und erschütternd, greifen sie das Herz und Gemüt des Betrachters in ganz anderer Weise an als etwa die Arbeit des   ›  Leonardo bzw. Rubens, die zwar beeindrucken mag, aber doch distanziert und fremd erscheint.

Picasso, Guerníca, 350x777 cm, Ausschnitt
Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937
Öl/Leinwand, Madrid, Prado

Weil Picasso sein eigenes Leid, sein eigenes Schicksal, sein eigenes Erleben verbildlicht, indem er auf seine eigene Erfahrung und seine eigene Figuren zurückgreift, können wir zu dieser Dimension Kontakt aufnehmen.

Es ist wie mit den Träumen: mein eigener Traum erschüttert mich. Erzähle ich ihn weiter, ist es nur noch eine Geschichte für den anderen, er mag den Kopf schütteln, aber er berührt ihn nicht. Das Bild aber erschüttert sowohl den Künstler als auch den Betrachter, denn es wird sein eigener Traum, das Bild lebt in ihm fort.

Ein anderer großer spanischer Künstler, Francisco de Goya, hat in anderen kriegerischen Zeiten, als nämlich Napoleon Spanien verwüstete, eine erschütternde Folge von Radierungen gemacht und betitelt: die Schrecken des Krieges.

Diese sind ganz handfest, da wird vergewaltigt und gemordet, mit der Folge einer relativ leichten Distanzierung: damit habe ich natürlich gar nichts zu tun. Die, die so etwas machen, sind ganz anders und völlig unverständlich.

Das ist so wie heute mit dem Fernsehen. Die Greuel in Israel oder Jugoslawien oder Vietnam flimmern jeden Abend über den Bildschirm und lassen an konkreten Einzelheiten nichts vermissen, aber sie bewirken nichts, denn wir haben damit nichts zu tun, das ganze Geschehen ist für uns unverständlich. Wir würden niemals irgend etwas dergleichen tun.

Diese Art von Distanzierung ist bei Picasso nicht möglich. Es gibt keine Täter, es gibt nicht die Anderen, von denen ich mich distanzieren kann. Die Hölle ist da, und sie ist in mir. Das ist schwierig und muß deshalb erläutert werden.

Goethe soll einmal gesagt haben: es gibt kein Verbrechen, das ich nicht auch hätte begehen können. Wer kann das von sich sagen und was bedeutet das?

In diesem Sinne sind wir Menschen ungeteilt: jeder hat an allem Anteil. Das Böse ist auf der Welt genauso wie das Gute. Deshalb haben wir Anteil am Bösen genauso wie am Guten. Das ist schwer zu tragen. Wer möchte das schon gerne zugeben?

Auch die Theologen hatten zuweilen damit große Probleme. Wie konnte es sein, daß Gott das Böse überhaupt zuließ? Sie kamen zu dem Schluß, daß Gott das Böse ebenso gewollt haben muß wie das Gute. Im Angesicht des Bösen und des Guten hat der Mensch sich zu entscheiden.

Dabei haben diejenigen schlechtere Karten, die das Böse in sich selbst, den sogenannten Schatten, nicht sehen wollen. Denn dann kann der Schatten machen, was er will, und so richtet derjenige, der nur das Gute will, ungewollt und unbemerkt das Böse an.





Galerie · Der Schatten


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Selbst wenn man den Schatten sehen will, stellt man fest, daß das sehr schwierig ist. Denn der Schatten ist genau dasjenige, was nicht im Blick ist und nicht in den Blick kommen will. Alle anderen sehen es sehr leicht und sehr genau, nur man selbst kann es unter keinen Umständen erkennen und wahrhaben.

Rubens,   ›  Kampf um die Standarte, Ausschnitt
Zeichnung nach Leonardos Karton der Schlacht von Anghiari
Schwarze Kreide, Feder, graue und weiße Deckfarbe und Tusche
auf Papier, 45 x 63 cm, Grafikkabinett, Louvre, Paris, 1603

Wieweit es Picasso gelungen ist, anhand seiner Bilder Selbsterkenntnis zu gewinnen und seinen Schatten zu sehen, ist natürlich eine andere Frage. Diese Frage kann sich jeder selbst stellen. Schließlich dient das Leben ganz allgemein in erster Linie dazu, sich selbst zu erkennen, ob man nun Bilder produziert oder nicht.

Die Möglichkeit, extreme Gefühle darzustellen, projiziert auf Menschen oder Pferde oder Stiere oder was auch immer, ist eine Errungenschaft der modernen Kunst. Leonardo hat es bereits versucht, indem er die Pferde in den Kampf der Menschen einbezogen hat. Deshalb war mir der Bezug zu Picasso aufgefallen. Picasso hatte also Vorläufer.

Wen wundert es? Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal dagewesen. Und trotzdem ist alles immer wieder neu und anders. Auch Picasso ist nicht das Ende der Fahnenstange: neue Künstler werden kommen und uns zu sehen geben, auf daß wir etwas über uns erfahren mögen.

Nachsatz

Picasso soll gesagt haben: "Wenn es etwas zu stehlen gibt, stehle ich es." Der Taschen Verlag hat dieses Zitat auf der Rückseite des zweiten Bandes seiner vorzüglichen Picasso-Monographie abgedruckt.

Um Ihnen den Nachvollzug zu erleichtern, haben wir Großbilder bereitgestellt, die Sie per Link aufrufen können. Das ist nicht ganz ungefährlich. Die Erben Picassos und die deutsche Bildverwertungsgesellschaft sind bekanntermaßen außerordentlich scharf in Bezug auf Bildtantiemen.

Wir gehen davon aus, daß die Bereitstellung dieser Reproduktionen im Zusammenhang mit dem Originalartikel aus pädagogischen Gründen die Rechte der Inhaber nicht verletzt. Dabei berufen wir uns ausdrücklich auf Picassos Verhältnis zum Diebstahl geistigen Eigentums.

Anfang 2002

Ende des Jahres 2001 habe ich lange mit der VG Bild Kunst gekämpft, die die Rechte der Erben Picassos vertritt. Bekanntlich gibt es das Zitatrecht, aber jedes Recht kann man auslegen, und die Verwertungsgesellschaft legt es so aus, daß es ihr selbst und ihren Auftraggebern paßt.

Mit anderen Worten: sie legt das Zitatrecht so eng aus, daß ich zahlen sollte. Das kann ich natürlich nicht und habe deshalb irgendwann klein beigeben. Zwar bin ich der Meinung, daß die Verwertungsgesellschaft eine irrige Rechtsauffassung hat, ich kann es mir aber nicht leisten, dies gerichtlich feststellen zu lassen.

Gleichzeitig habe ich sämtliche Links auch in diesem Artikel entfernt und heute wieder aktiviert, bis auf die Vergrößerungen. Denn ich hatte Anlaß, diesen Artikel wieder zu lesen, und bemerkte dabei, daß der Artikel ohne die Illustrationen völlig unverständlich ist. Mit anderen Worten: ich kann und muß das Zitatrecht in Anspruch nehmen.

Warten wir einmal ab, wann mir die VG Bild Kunst wieder auf die Schliche kommt und mich zur Kasse bitten will.





Galerie · Die Empfehlung


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Abbildung ist Copyright-geschützt - hier wiedergegeben unter Berufung auf das Zitatrecht
Die erwähnte Publikation des Taschen Verlags zu Picasso möchte ich ausdrücklich empfehlen.

Picasso, Pferdekopf, Studie zu Guerníca
Bleistift und Gouache auf Papier, 21x29 cm
Paris, 20. Mai 1937

Die Bildauswahl wurde besorgt von Ingo F. Walther. Er hat alle wichtigen Bilder, die man auch anderweitig sieht, mit aufgenommen, weil sie einfach dazugehören, und außerdem viele unbekannte, aber wichtige Werke: insgesamt ca. 1.500 Abbildungen.

Der Text wurde verfaßt von Carsten-Peter Warncke und ist einer der seltenen Texte zur Kunst, die man unbedingt von Anfang bis Ende lesen muß. Ich bin erst recht spät darauf aufmerksam geworden, weil fast alle Texte, die ich kenne, unerträglich sind. Um so interessanter fand ich die mutigen, originären Ansichten, die nicht nur von einer profunden Kenntnis von Picassos Werk zeugen, sondern von der Kunstgeschichte überhaupt.

Diese Publikation war seinerzeit eine Pioniertat des jungen Verlages. Zwei Riesenbände im Schuber kosteten 99 DM. Diese Aktion war ein großer Erfolg. Der Verlag hatte den Markt richtig eingeschätzt.

Die Menschen sind offenbar sehr interessiert an Kunst, weil Kunst ihnen etwas gibt, was sie anderweitig nicht bekommen können. Und unsere Zeit kann den Menschen das geben, was sie haben wollen.

Denn wir leben in einem Zeitalter, das alle Kunstwerke der Welt zu geringsten Preisen zur Verfügung stellen kann. Das war in meiner Jugend technisch noch nicht möglich und ist eine Errungenschaft der letzten 25 Jahre - man macht sich das zu selten klar.

Weil die ursprüngliche Ausgabe ein so großer Erfolg war, hat der Verlag zunächst zwei weitere Ausgaben in verkleinertem Format zu noch günstigerem Preis herausgebracht, nämlich 49,90 DM und 29,90 DM. Alle diese Ausgaben sind inzwischen vergriffen. (Teilweise sind Übersetzungen in andere Sprachen noch zu haben.)

Auf dem deutschen Markt ist derzeit verfügbar nur eine neuere


In 2 bis 6 Wochen soll die zweibändige, großformatige Ausgabe lieferbar sein, und zwar im







Galerie · Leserresonanz


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30.05.01

Lieber Herr Stürenburg,
Lieber Herr Balk!

Herzlichen Dank für Ihre Zuschrift! Ein Zeichen dafür, daß meine Beiträge auch gelesen werden - ich war mir durchaus unsicher.
warum eigentlich sollte die Hand nicht der Sitz des Denkens sein?
Da haben Sie recht. Aus rhetorischen Gründen paßte mir der Satz. Vor einigen Wochen habe ich gelesen, daß amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben wollen, daß in der Bauchgegend ein Zentrum des Nervenapparats sitzt, dessen Kompetenz und Komplexität dem des Gehirns nahekommen soll. Wie konnte man das so lange übersehen?

Die Auffassung des Menschen als Maschine reicht, das wissen Sie sicher besser als ich, sehr lange zurück. Das Gehirn ist nun nicht zu übersehen, und die Auffassung des restlichen Körpers als mechanische Anordnung, die die Befehle des Gehirns auszuführen hat, liegt gewissermaßen nahe.

Wie ich angedeutet habe, kenne ich einige Schriften von Kunsthistorikern und Psychologen, die sich mit dem Thema Kreativität beschäftigt haben. Nach meiner eigenen Erfahrung mit der künstlerischen Kreativität haben diese Leute es sehr schwer, den Kern zu erfassen, der vielleicht am besten in dem Begriff der "Kreativität der Hand" zu fassen wäre.

Ich habe die Analogie zum Traum erwähnt. Ein Traum kann nicht gemacht werden, aber ein Bild wird gemacht und kann gewissermaßen nicht geträumt werden. Nach meinem Dafürhalten könnten Kreativitätsforscher hier sehr viel lernen. Bisher wird Kreativität überwiegend mechanisch aufgefaßt, als überdimensionale Kombinatorik, und daher auch behauptet, Maschinen könnten kreativ sein. Das halte ich für schlicht lächerlich.
Ich mag Ihre ausgewogene, ausleuchtende Art, die Einleuchtendes zutage fördert.
Herzlichen Dank!
Darf ich Ihnen einen philosophischen Autor nennen, der Sie möglicherweise interessieren wird? Heinrich Rombach.
Sie haben ihn, wenn ich recht erinnere, als Ihren Lehrer erwähnt, aber ich kenne leider noch nichts von ihm.
Es gibt phantastische Bilddeutungen von ihm: z.B. in "Leben des Geistes. Ein Buch der Bilder zur Fundamentalgeschichte der Menschheit" (darin u.a. die Alexanderschlacht von Altdorfer), einiges Grundsätzliches zu van Gogh und Ernst Barlach in "Der Ursprung. Philosophie der Konkreativität von Mensch und Natur", Marc Chagall und Max Ernst in "Welt und Gegenwelt. Umdenken über die Wirklichkeit: Die philosophische Hermetik", eine hervorragende Deutung der Krönung Mariens von Hans Baldung (Grien) in "Sein und Nichts. Grundbilder westlichen und östlichen Denkens" etc.
Ich werde mir diese Texte besorgen.
Sein Denken ist unter anderem in "Strukturontologie. Eine Phänomenologie der Freiheit" dokumentiert.

Rombach ist Phänomenologe und hat eigene Denkansätze geschaffen (eben die Strukturontologie, Bildphilosophie, Hermetik), die das moderne Denken in besonders befriedigender Weise mit der Tradition vermitteln.

Vielleicht werden Sie ja fündig?
Mit Sicherheit. Danke für den Hinweis!
Mit einem herzlichen Gruß aus Argentinien

Norbert Balk

Herzlich
Werner Stuerenburg



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Wie so oft im Leben verdankt diese Abteilung ihre Entstehung einem Zufall. Als wir Anfang Januar 1999 nach einem Logo Ausschau hielten, griffen wir auf ein Buch über das Pferd in der Kunst zurück und entschieden uns für ein Gemälde des berühmten Pferdemalers Stubbs: 'Stuten und Fohlen'.

Im Dezember 2000 fiel uns ein Büchlein des » Taschen Verlags mit einem ähnlichen Thema in die Hände. Daraus entstand die Idee, regelmäßig ein kleines Kunstwerk vorzustellen. Im Laufe der Zeit sollte dann ganz automatisch eine größere Galerie entstehen. Der Taschen Verlag stimmte dem Vorhaben freundlicherweise zu. Alsdann!

Selbstverständlich enthält dieses Büchlein auch das Gemälde ' Stuten und Fohlen' und noch viele andere Gemälde von Stubbs, aus der Antike, der Vorzeit und der Gegenwart.

Dazu Texte und Fotos, also reichlich Material, was sicherlich über das reine Vergnügen des Betrachtens hinaus Anlaß zu weiteren Entdeckungen geben dürfte. Schon das  erste Kunstwerk führte auf eine hochinteressante Fährte und zeigte, daß und inwiefern das Internet uns eine neue Dimension beschert hat.

Das Internet bietet nicht nur jedem Benutzer Zugang zum "Wissen der Welt", jedermann kann auch der Welt sein Wissen offenlegen. In diesem Falle waren ein Student und ein Leistungskurs eines Gymnasiums so freundlich, ihre Arbeitsergebnisse zu publizieren, und mit Hilfe einer » Suchmaschine konnten wir uns dieses Wissen erschließen. Phantastisch!


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