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| Editorial zu Ausgabe 448 | ||||||||||||
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Brieflehre In dieser Woche bringen wir den sechsten Teil der Reitlehre in Briefen von Gudrun Schultz-Mehl, die ihr Vermächtnis an die Pferde werden soll. Sie sieht mit zunehmender Besorgnis, daß immer mehr Pferdefreunde sich zwar ein eigenes Pferd leisten können, jedoch auf eine angemessene Ausbildung verzichten müssen. Insbesondere die Kombination von unausgebildetem Pferd und unausgebildetem Reiter ist problematisch und wird von ihr deshalb thematisiert. Die Reitlehre soll parallel zur Ausbildung veröffentlicht werden. Da diese auf zwei Jahre veranschlagt ist, wird sich auch die Reitlehre über zwei Jahre hinziehen. Bisher sind keinerlei Leserkommentare eingegangen, bis auf einen Brief, der von mir in die Ablage "Gehässigkeit" verschoben wurde. Ich schließe daraus, daß die Leser diese Serie mit Wohlwollen begleiten und bisher noch nicht zu Protesten angeregt wurden. Die Nützlichkeit des Unternehmens wird sich vermutlich erst auf längere Sicht herausstellen. Es wäre ja sehr verwunderlich, wenn sich zeitgleich mit Beginn der Serie viele unausgebildete Leser unausgebildete Pferde angeschafft und nach einer Reitlehre in Briefen Ausschau gehalten hätten. Reiten und Reiten Man sollte meinen, daß es keinen Mangel an Reitlehren gibt; die Menschen reiten seit Tausenden von Jahren, seit Hunderten von Jahren gibt es auch Reitlehren als Buch, und jedes Jahr bringen die Verlage neue Bücher heraus, die das Reiten verbessern sollen. Muß das nicht verwundern? Ich kenne mich in anderen Sportarten nicht aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es dort ähnlich viele Ansätze gibt, die sich auch noch untereinander bekämpfen. Das hat sicher damit zu tun, daß beim Reiten nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Pferd beteiligt ist. Nun sind wir Menschen schon alle sehr verschieden, die Pferde aber nicht minder, und nun treffen also zwei Individuen aufeinander, die nach einer festgelegten Methode miteinander harmonieren und sportliche Erfolge erzielen sollen. Die Meinungen über die sportlichen Ziele gehen ebenfalls auseinander. Schließlich unterscheiden sich die Ansätze auch in der Auffassung, welche Rolle dem Pferd zukommen soll. Ist das Pferd lediglich Mittel zum Zweck oder ist es ein Partner und der Zweck die Harmonie zwischen beiden? Partnerschaft Selbst ein Begriff wie "Partner" ist mehrdeutig. Manche Leute definieren glasklare Abhängigkeitsverhältnisse als Partnerschaften, und dieses Verständnis findet sich auch im Pferdesport. Der Partner Pferd ist in diesem Sinne lediglich Erfüllungsgehilfe für die Ambitionen des Reiters und kann beliebig gegen besser geeignete "Partner" ausgetauscht werden. Dieses Verständnis ist vermutlich häufiger im Bereich des Turniersports und insbesondere des Spitzensports anzutreffen, während "Freizeitreiter" wahrscheinlich meistens eine eher persönliche Beziehung zu ihrem Pferd pflegen. Desto wichtiger ist die Ausbildung beider Partner, damit sich eine fruchtbare langfristige Partnerschaft entwickeln kann. Genau hier setzt Gudrun Schultz-Mehl an. Was sind zwei Jahre Ausbildung angesichts einer zwanzigjährigen Partnerschaft, die womöglich sogar noch länger dauert? Erfahrung Selbstverständlich schreibt Gudrun Schultz-Mehl aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus - wie denn nicht? Jeder Autor wird als hilfloses und unwissendes Baby geboren und entwickelt sich im Laufe seines Lebens bis zu seinem Tode. Dabei macht er eine Fülle von positiven und negativen Erfahrungen, auf deren Grundlage er sich wiederum äußern kann. Was nicht zu seinem Erfahrungsschatz gehört, wovon er noch nie gehört, was er nicht erlebt hat, davon kann er nicht zeugen, das kann er nicht weitervermitteln, das bleibt ihm verschlossen. Vielleicht erklärt sich so, daß jeder Autor etwas zu geben hat, was andere Autoren nicht vermitteln können. Wir sind alle verschieden, jeder hat sein eigenes Schicksal, und jeder kann deshalb etwas geben, das einzigartig ist, nur ihm zugehörig, und das mit ihm unwiederbringlich verschwindet. Gudrun Schultz-Mehl möchte mit dieser Reitlehre in Fortsetzungen die Quintessenz ihrer Erfahrung ziehen und damit ihr Vermächtnis hinterlassen, zum Nutzen der Pferde mehr noch als zum Nutzen der Menschen, als Dank an die Pferde, die ihr langes Leben bereichert haben. Turniersport Die FN und die FEI sehen sich als unangefochtene Sachwalter der Reitkunst, aber das ist eine Selbsteinschätzung, die von vielen Reiter nicht geteilt wird. In der sechsten Lektion der kleinen Reitlehre in Briefform, die wir in dieser Woche bringen, flicht die Autorin eine Beobachtung vom Turnierplatz ein, die wahrscheinlich keine Ausnahme ist. Auch die Reaktion der FN auf Ihre Beschwerde hin ist vermutlich eher typisch. Zwar hat die FN ethische Grundsätze verabschiedet, aber Papier ist geduldig. Auf dem Papier ist alles in Ordnung, im Sattel, im Stall, auf dem Platz und auf dem Turnier sieht es aber oft anders aus. Das kann nicht verwundern, denn wir Menschen sind ja sehr verschieden, und deshalb muß man mit Auswüchsen rechnen. Daß aber die FEI, die FN und die nachgeordneten Verbände im Beschwerdefall sich winden und aus der Affäre ziehen, ist ein Skandal und zeigt, worauf es diesen Leuten wirklich ankommt. Das Papier ist ein Feigenblatt, mit dem man sich bei passender Gelegenheit bedecken kann. Gudrun Schultz-Mehl hat aber recht, wenn sie bemängelt, daß vor allem die Richter, aber auch das Publikum wegschauen und offensichtlichen Mißbrauch nicht nur tolerieren, sondern sogar belohnen. Das ist der eigentliche Skandal, und dieser betrifft uns alle. Wegschauen ist bequem, aber im Grunde unvertretbar. Aufbegehren Was kann man tun? Ein sehr wirksames und billiges Mittel ist die Schaffung von Öffentlichkeit. Die Presse ist sogar dazu aufgefordert, Mißstände aufzudecken und anzuprangern. Das ist in einigen Fällen auch wirkungsvoll geschehen, wie wir uns erinnern können. Es müssen nicht professionelle Journalisten und Fotografen sein, die im rechten Moment zur Stelle sind und unhaltbare Zustände dokumentieren. Jeder, der Zeuge ist, kann etwas bewegen. Die Veröffentlichung liegt im Zeitalter des Internet nicht mehr nur in den Händen weniger Mächtiger, die über die entsprechenden Produktionsmittel verfügen, sondern jeder kann heute mit einfachen Mitteln Öffentlichkeit schaffen. Das Aufbegehren gegen unhaltbare Zustände wird niemals aufhören und überflüssig sein, da die Mißbrauchsituationen sich aus den menschlichen Anlagen ergeben. Es wird immer ehrgeizige Leute geben, die ihre Pferde als Mittel zum Zweck sehen und jedes Mittel einsetzen, um ihren Zweck zu erreichen. Deshalb wird man auch dann noch ein Auge auf die Situation haben müssen, wenn die schlimmen Mißstände, wie wir sie heute immer wieder erleben, der Vergangenheit angehören sollten.
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