Denn was heißt Wettbewerb? Wettbewerb bedeutet, daß mehrere Dinge oder Wesen oder Eigenschaften in irgendeiner Weise vergleichbar sind oder vergleichbar erscheinen und eine Entscheidung zwischen ihnen sinnvoll erscheint. Sobald das der Fall ist, ist es unmöglich, diese Option nicht wahrzunehmen oder zu vergessen. Ob man dann bewußt und ausdrücklich einen Gewinner oder Sieger proklamiert oder nicht, ist unerheblich. Der Wettbewerb hat nämlich so oder so stattgefunden, ob er angekündigt worden und man sich darüber bewußt geworden ist oder nicht.
Populär geworden ist dieser Gedanke durch die » Evolutionstheorie von » Charles Darwin, der angeblich die Idee vom Kampf aller gegen aller in die Welt gesetzt haben soll ("survival of the fittest"); der britische Biologe » Richard Dawkins hat den Gedanken sogar auf die Ebene der Gene verschoben, indem er diesen Egoismus unterstellt: » Das egoistische Gen. Gene haben nun mit Sicherheit kein Bewußtsein, stehen aber demnach trotzdem im Wettbewerb.
Wettbewerb findet auf diese Weise streng genommen nicht nur in der belebten, sondern auch in der unbelebten Natur statt, etwa bei der Vermischung zweier identischer Flüssigkeiten mit unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften, beispielsweise Wasserlösungen mit unterschiedlichem Salzgehalt. Diese werden sich, sofern sie sich nicht vermischen, also einander von den unterschiedlichen Eigenschaften abgeben, auf unterschiedlicher Höhe absetzen. Was nun besser ist, die leichtere Lösung oben oder die schwerere Lösung unten, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab.
Aber auch das ist nichts Neues. Ist es nun für einen Mann besser, groß oder klein zu sein? Viele würden dazu neigen, daß Größe sticht - schließlich wählen die Frauen lieber die größeren Männer und lassen die kleineren eher links liegen. Wenn man sich aber die Großen der Weltgeschichte anschaut, kann man nicht übersehen, daß hierbei die kleineren Männer eindeutig in der Überzahl sind. Spitzfindige Psychologen haben daraus geschlossen, daß kleine Männer sich minderwertig fühlen und aus dieser Minderwertigkeit heraus enorme Energien mobilisieren, die sie dann schließlich "groß" machen. So gesehen ist körperliche Größe also eher ein Mangel und Minderwuchs von Vorteil.
Diese Art von Wettbewerb und Ausgleich findet ständig statt, beim Wetter, in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft. Bis vor kurzem war noch ehernes Gesetz, daß Frauen zu Hause und erst recht in der Öffentlichkeit nichts zu sagen haben, sie waren von Rechts wegen nicht geschäftsfähig und mußten beispielsweise bis in die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts in Westdeutschland ihren Mann fragen, wenn sie eine Arbeit aufnehmen wollten.
Inzwischen machen mehr Mädchen als Jungen Abitur, studieren mehr Frauen als Männer, wir haben eine Frau als Bundeskanzler, die ihren Job anscheinend sehr gut macht, und es würde mich nicht wundern, wenn es bald auch mehr weibliche Führungskräfte geben würde - Anzeichen dafür gibt es genug, etwa in der Wissenschaft (» "Die Zeit der Frauen ist angebrochen") oder in der Industrie: bei der » Adolf Würth GmbH & Co. KG hat die Tochter Bettina die Nachfolge bereits angetreten, bei der » Badische Stahlwerke GmbH wird es bald so sein - beides sind deutsche Vorzeigeunternehmen, die Schwächen erkannt, diese als Chance begriffen und daraus Stärken entwickelt haben:
| Wie haben Sie diese Produktivität erreicht?
Indem wir in den zurückliegenden 25 Jahren enorm in Ausbildung und Weiterbildung investiert haben. Das haben wir von den Japanern gelernt, die damals eine doppelt so hohe Pro-Kopf-Leistung hatten. In Arbeitsorganisation und Ausbildung waren die uns weit voraus. Außerdem haben wir, teils freiwillig, teils gezwungenermaßen, selbst an den vielen kleinen Schräubchen in der Produktionstechnik gedreht und uns nicht jedes Mal einen großen Anlagenbauer ins Haus geholt. Etliche Anlagen haben wir selbst gebaut, Automation und Roboter hier entwickelt und betriebssicher gemacht. Mit den Jahren wurden wir auch dadurch Kosten- und Technologieführer. Heute verkaufen wir anderen unser Know-how.
» Vom Biotop zum Weltmarkt | | |
Ein Mangel kann also Energie und Kreativität freisetzen und dadurch zu einem Vorteil führen, der seinerseits wiederum diejenigen, die dadurch in Rückstand geraten, anspornt. Das wussten die Chinesen schon vor Tausenden von Jahren: das Orakelbuch » I Ging, auch genannt "Buch der Wandlungen", geht von einem ständigen Zyklus aus und warnt ausdrücklich, wenn ein Gipfel erreicht wird, weil nämlich anschließend notwendig der Abstieg erfolgt, während angesichts einer Talfahrt die Gewissheit geäußert wird, daß diese nicht ewig dauern könne und wiederum notwendig zu einem Aufstieg führen müsse.
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