Wenn wir den gesamten Pferdesport nun unterteilen in den spielerischen Umgang - das Zusammensein mit dem Pferd aus Freude - und den sportlichen - die Arbeit mit dem Pferd, um sich in einem Wettbewerb zu beweisen - kommen wir der Angelegenheit vielleicht etwas näher: Wie können wir auf angemessene Weise mit dem Pferd umgehen? Können wir die Freude mit dem Wettbewerb verbinden, ohne die unangenehmen Begleiterscheinungen in Kauf nehmen zu müssen?
Der Druck, das Äußerste aus Pferd und Mensch herauszuholen, wächst natürlich mit den finanziellen Belastungen und Belohnungen, die ihrerseits wiederum durch erfolgreiches Marketing wachsen, was bekanntlich auch den Pferdesport betrifft. Die Verantwortlichen versuchen inzwischen an manchen Fronten schon ziemlich verzweifelt, diesen natürlichen und zwangsläufigen Entwicklungen gegenzusteuern (FN zum aktuellen Olympia-Doping: › "Es besteht unbedingt Handlungsbedarf").
Beim spielerischen Umgang mit dem Pferd gibt es typischerweise keine Gewinner, oder genauer gesagt: alle gewinnen. Der Mensch kann eigentlich nur dann seine Ziele erreichen und Freude haben, wenn das Pferd ebenfalls gerne mitmacht. Das universelle und unwiderstehliche Seelenbild für die gemeinsam mit dem Tier erreichte Glückseligkeit ist typischerweise der Galopp einer jungen Frau auf dem ungesattelten und ungezäumten Pferd, vorzugsweise am Meeresstrand.
Wenn dieses sich aber widersetzt und die Sache zu einem Kampf wird, macht die ganze Angelegenheit keinen Spaß mehr. Vielleicht haben die Pferdeflüsterer aus genau diesem Grund den Nerv der Zeit getroffen, denn sie sind gerade zu einem Zeitpunkt aufgetreten, als Menschen sich erstmals Pferde aus reiner Freude zugelegt haben und die Erfahrung machen mußten, daß das ersehnte Seelenbild sich überhaupt nicht realisieren lassen wollte, daß jede Stunde, jeder Tag mit dem Pferd die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Realität schmerzlich deutlicher werden ließ.
Davor waren Pferde überwiegend ganz eindeutig nur Mittel zum Zweck, sie wurden in der Landwirtschaft oder im Militär gebraucht, waren also ohnehin schon da und konnten nebenher gegebenenfalls noch für sportliche Wettbewerbe eingesetzt werden - so die zukunftsträchtige Idee des deutschen Zuchtfunktionärs Gustav Rau nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Wer sich damals ein Pferd zum Spaß hielt, um ab und zu einmal auszureiten, mußte schon sehr vermögend sein und setzte gewissermaßen die Tradition der Herrscher fort, die von ihrem Roß aus auf die Untertanen herabblickten.
Ende der siebziger Jahre jedoch stieg der allgemeinen Wohlstand dermaßen an, daß viele Menschen, die bis dahin nichts mit Pferden zu tun hatten, sich ein Pferd leisten konnten. Diesen Menschen mußte die Art und Weise, wie die vom Militär geschulten Ausbilder mit Pferden umgingen, in höchstem Maße mißfallen. Sowohl das Pferd als auch der Mensch wurden gequält und zusammengestaucht. Deshalb trafen Leute wie Klaus Ferdinand Hempfling mit ihren Visionen auf einen akuten Bedarf. Pferde und Menschen sollten beide gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Man interessierte sich plötzlich für das Wesen des Pferdes, um ihm gerecht zu werden und selbst mehr Zufriedenheit zu erlangen. Dieser Welt ist der Wettbewerb eigentlich fremd, hier wird eher gekuschelt.
Das ist allerdings eine falsche Wahrnehmung, denn Wettbewerb ist anscheinend ein ganz grundsätzlicher Mechanismus, der nicht nur den Menschen, sondern der ganzen Natur eigen ist und von ihr gar nicht getrennt werden kann. Unsere Welt ist tatsächlich ohne Wettbewerb gar nicht denkbar. Das hat » Robert Pirsig in seinem Kultbuch » Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten sehr köstlich herausgearbeitet: Qualität ist der Ursprung der Welt und identisch mit dem, was die Chinesen » Tao nennen. Es ist undefinierbar, liegt allem zu Grunde, erzeugt und bestimmt infolgedessen alles.
Diese Einsicht ist auch unserem Kulturkreis nicht fremd; wenn wir sagen: "Konkurrenz belebt das Geschäft", dann meinen wir damit, daß durch den direkten Vergleich die Kreativität und Energie aller Beteiligten angestachelt werden und infolgedessen auch alle gleichermaßen profitieren. Es ist also nicht so, wie Pessimisten befürchten, daß wenn einer gewinnt, der andere verlieren muß, sondern alle gewinnen, was moderne Theoretiker als » Win-Win-Situation bezeichnen.
Es ergibt sich nämlich merkwürdigerweise automatisch eine Spirale zum Guten, nicht zum Schlechten; dazu bedarf es des Wettbewerbs, denn das Bessere setzt sich nicht nur durch, sondern möchte sich zunächst einmal als das Bessere erweisen, und dazu muss es sich vergleichen können. Das geht normalerweise auch ohne groß angekündigten Wettbewerb, denn Wettbewerb findet im Grunde ununterbrochen statt, ob wir das wollen und wissen oder nicht.
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