Manchmal bekommt man durch diese Darstellungen und Selbstdarstellungen den Eindruck, daß man als Mensch nicht voll genommen werden kann, wenn man nicht selbst solchen Zirkeln angehört oder zumindest solche Phantasien pflegt. Sollte man es wagen, sich kritisch zu äußern, läuft man Gefahr, als intolerant angesehen zu werden, und sogleich wird die Nähe zu den Nazis hergestellt, die bekanntlich Homosexuelle verfolgt haben, was natürlich nicht in Ordnung war.
Bei den Tieren gehen Beobachter wie Nevzorov ganz selbstverständlich davon aus, daß menschliche Begriffe wie Würde, Demütigung, Schmerz auf Pferde anwendbar sind, obwohl wir objektiv gar nicht wissen können, wie die Tiere sich fühlen. Solche Leute fordern einen gewissermaßen "menschlichen" Umgang mit Pferden. Wie würden die den Umgang von Leuten aus der BDSM-Szene miteinander beurteilen? Wie würden die über Menschen denken, die sich quälen, verletzen und demütigen lassen wollen oder dazu gezwungen werden?
Die mitfühlende Vorsicht kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der Mechanismus nach einem "Absturz" dürfte derselbe wie bei Eltern und Kindern sein: Trost in der Einsicht, zu weit gegangen zu sein - ein schwacher Trost. Bei beiden Parteien dürfte ein ungutes Gefühl zurückbleiben, wenn man nicht ohnehin schon so fühllos und verhärtet ist, daß man sich solcherlei abverlangen muß, um überhaupt etwas zu fühlen: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." Das hat nicht etwa ein Nazi gesagt, sondern der (meines Erachtens durchaus kranke) Philosoph » Friedrich Nietzsche, auf den diese sich berufen konnten, der sich aus einer Position der Schwäche zum "Übermenschen" aufschwingen mußte und die Fühllosigkeit als Ideal propagierte.
Sinnigerweise ließ er sich als Pferd mit seinem Freund vor einem Karren ablichten, auf dem die von beiden Angebetete mit einer Knotenpeitsche sitzt, die man als Kutscher nicht einsetzen könnte, sehr wohl aber zur erotischen Stimulation. "Das Foto wurde von Nietzsche in allen Einzelheiten arrangiert, nachdem Salomé Heiratsanträge beider Männer abgelehnt hatte." (» Lou von Salomé spannt Paul Rée und Friedrich Nietzsche vor ihren Karren.) Na so was, der Herr Philosoph!
Von ihm stammt übrigens auch die Erfindung: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" Das legt er ausgerechnet einem "alten Weiblein" in den Mund. Wohlwollende Interpreten wollen herausgefunden haben, daß er damit ausdrücken wollte, daß der Mann mit der Peitsche bei sich die sinnlichen Impulse im Zaum zu halten habe, da die Frau nicht Lustobjekt sei, sondern ausschließlich Gebärmaschine und nur darin ihre Erfüllung finde. Wie dumm, daß niemand diesen Spruch so verstehen kann. Wie konnte nur jemand diesen Mann jemals ernstnehmen?
Die Empfänglichkeit der Welt für die Thesen des verkrachten Schriftstellers ist allerdings Symptom. Er hat Gedanken ausgesprochen, die andere sich zu eigen machen konnten und wollten, und zwar bis heute. Dahinter steht nämlich eigentlich eine Fühllosigkeit, die für die moderne Welt durchaus symptomatisch ist. Nur wenn man nichts mehr fühlt, kann man die schrecklichsten Dinge tun und aushalten, mehr noch, man muß wohl so etwas tun oder aushalten, damit man überhaupt etwas fühlt.
So ist es möglicherweise auch zu erklären, daß die Menschen in Kriegszeiten intensiver leben und in Friedenszeiten immer schlimmere Dummheiten machen müssen, um sich zu spüren - wir haben jetzt schon über 60 Jahre lang Frieden. Da muß man sich wohl was einfallen lassen, damit man noch merkt, daß man lebt. Besser die Hölle auf Erden als gleich tot, scheint die Devise zu sein. Das alles sind Probleme, die Tiere überhaupt nicht haben - jedenfalls dann nicht, wenn sie so leben können, wie es ihnen angemessen ist. Sperrt man zu viele Tiere auf zu engen Raum, kann man freilich die schlimmsten Dinge erleben. Vielleicht ist es auch das, was die Menschen krank macht. Die modernen Lebensbedingungen sind einfach nicht mehr angemessen und führen zu mörderischen und selbstmörderischen Verhaltensweisen.
Die Tierspiele, die von Kindern legitimer- und unschuldigerweise als Rollenspiele gespielt werden, indem diese sich als Pferd gebärden und fühlen, wo sie doch eigentlich ein Pferd haben wollen und sich so wenigstens in diese Situation hineinversetzen können, gehören anscheinend als » Petplay zum festen Repertoire der "Erwachsenenspiele", wo dann die typischen Utensilien aus der Pferdewelt, die mit Zwang und Gewalt Dominanz erzwingen sollen und Schmerz zufügen können und die überall wohlfeil zu haben sind, zum Zwecke der Lustgewinnung und -steigerung eingesetzt werden können.
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