Es ist schon sehr lange her, da schrieb ich als Turnierberichterstatterin für eine renommierte Fachzeitschrift beim vorolympischen Turnier in Dortmund unter anderem:
"[...] Mit einem Zwei-Pferde-Springen hatte man sich für das Samstag-Nachmittag-Publikum etwas Munteres ausgedacht: [...] Wolfgang Kun hatte Pech, sein Pfleger ließ beim Wechsel Pferd 2 laufen, Gerd Gerschon ritt seinem Schimmel den Bauch blutig, Lionel Dunning ruderte mit beiden Armen auf seinen Pferden durch die Halle und Lutz Gössing bekam beim Start mit dem zweiten Pferd die Bügel nicht unter die Sohlen und wurde dann ohne Bügel Zweiter." Und an weiterer Stelle: "Das Mächtigkeitsspringen bis zum Geht-nicht-mehr hielt zwar die Zuschauer bis zur Mitternacht auf den Plätzen, hinterließ aber ein unbefriedigendes Gefühl über den sportlichen Wert einer Konkurrenz, bei der letzten Endes die Höhe eines einzigen Sprungs über Sieg und vorderste Plätze entschieden hat. Ganz abgesehen davon, dass ja die Pferde, die das Pech hatten bis zum v i e r t e n (!) Stechen fehlerfrei zu bleiben, schließlich überfordert wurden. [...]" Ich schrieb das ohne Scheu vor der Phalanx rings um die Springindustrie.
Es gibt bei der Reitsport-Industrie noch etwas, was mich erstaunt und bedrückt:
Da wird so viel vom ‚Sportkameraden Pferd', von der Liebe zum Pferd, von der Ethik beim Umgang mit dem Pferd gesprochen und geschrieben, aber die Pferde, besonders auch die Springpferde, werden weltweit herumgereicht wie eine Handelsware. Sie wandern nicht selten von Land zu Land, von Stall zu Stall, von Besitzer zu Besitzer. Jeder dieser Besitzer versucht, sich den bestmöglichen ‚Ertrag´ durch das erkaufte Pferd zu sichern und wenn er es für geraten hält, verkauft er es wieder, teilweise für enorme Summen. Das Pferd muss sich für ihn lohnen! Der neue Besitzer erhofft sich von dem ‚Kracher' (was für eine Bezeichnung für ein Pferd!) wiederum möglichst viel Erfolg mit den entsprechenden finanziellen Begleiterscheinungen, usw. usf.
PFERDE KANN MAN NICHT FRAGEN; WENN MAN ES ABER KÖNNTE - WAS WÜRDEN WIR ZU HÖREN BEKOMMEN!
Bei den ‚niedlichen' Ponys für die niedlichen Kinder ist es meist nicht anders. Wenn das Kind zu groß wird für das Pony und sein Ehrgeiz zu groß für ein Kleinpferd - dann hat das Pony seine Schuldigkeit getan und muss für die hochgesteckten Erwartungen weiterer Kinder und Eltern herhalten.
Ich kannte ein sehr erfolgreiches ‚Turnier'-Pony, das wechselte auf diese Weise mehrmals Stall und Kind. Zum Schluss hatte es ein hartes Maul und ließ die Zunge seitlich heraushängen; kein Wunder, nach mehreren bereits turniersüchtigen, aber noch lernenden Kindern, die sich mit den Zügeln festgehalten haben. Daraufhin schnürte man dem alten Pferdchen zum Dank das Maul so fest zu, dass es ihm nicht mehr möglich war, dieses auch nur um den Bruchteil eines Millimeters zu bewegen. (Als kleine Delikatesse: es war eine Tierärztin, die ihm vor jeder Reitstunde das Maul zuschnürte.)
Liebe Nora, bitte verstehe, dass ich dieses Kapitel nicht verdrängen konnte. Ich habe in den vielen Jahrzehnten, in denen die Pferde eine so dominante Rolle in meinem Leben spielten, sehr viel an Eindrücken bezüglich ihrer Nutzung durch uns Menschen sammeln können. Wenn ich Plus und Minus gegeneinander aufrechne, dann bleibt, aus der Sicht von Sklave Pferd leider ein dickes Minus.
Es genügt halt nicht, in Büchern zu schreiben und in Reithallen zu erklären, wie man mit Pferden umgehen s o l l t e, sondern es müsste viel, viel mehr auf den Missbrauch von Pferden geachtet und offen darauf hingewiesen werden, um Gefühl, Wissen und Verständnis schon von Anfang an bei all denen zu wecken, die das Pferd für sich in irgendeiner Form nutzen.
Häufiger ist es mehr Gedankenlosigkeit und Nichtwissen, als Fühllosigkeit, unter denen Pferde leiden. Das ließe sich doch durch Mut zur Wahrheit und durch strengere Aufsicht bessern. Auch Du kannst den Pferden helfen und musst Mut haben und Deine Meinung äußern, und darum bitte ich Dich, auch wenn Du Dich dadurch in kritikunfähigen Reiterkreisen häufig missliebig machst.
Quellen / Verweise
- › Junger Reiter - junges Pferd, Eine klassische Reitlehre in Briefform
› Ausgabe 437 · Teil 1 - › Arbeit an der Hand, Die ersten Schritte - eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 2
› Ausgabe 438 · Teil 2 - › Panikattacke - Schiefe - Übertreten, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 3
› Ausgabe 442 · Teil 3 - › Auf- und Absitzen - Leckerle, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 4
› Ausgabe 443 · Teil 4 - › Galopp an der Longe - Rückwärtstreten, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 5
› Ausgabe 447 · Teil 5 - › Die gute Hand und Schenkellage, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 6
› Ausgabe 448 · Teil 6 - › Der Sitz, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 7
› Ausgabe 455 · Teil 7 - › Anlehnung und ruhige Hand, Eine klassische Reitlehre in Briefform - Teil 8
› Ausgabe 456 · Teil 8 - › Motor spritzig zünden, nicht leiernd, Wendung um die Vorhand, Vorübung zum Schenkelweichen
› Ausgabe 461 · Teil 9 - › Diagonale Hilfengebung, Vorhandwendung in der Bewegung, Schenkelweichen
› Ausgabe 462 · Teil 10 - › Ausweichen auf dem Zirkel, Der richtige Sitz ist die Grundlage der Hilfen
› Ausgabe 464 · Teil 11 - › Klassische Ausbildung, ... heisst richtige und natürliche Ausbildung
› Ausgabe 465 · Teil 12 - › Sie will sich beschweren, Klemme nicht mit den Waden, Knien oder Oberschenkeln
› Ausgabe 470 · Teil 13 - › Leichttraben und Aussitzen, Halbe und ganze Paraden in der Arbeit an der Hand
› Ausgabe 471 · Teil 14 - › Reiten in der Halle, Balance, Verbindliche Reitbahnregeln, Balance von Reiter und Pferd
› Ausgabe 476 · Teil 15 - › Verstand und Gefühl, Lang und tief reiten, angaloppieren auf dem falschen Fuß
› Ausgabe 477 · Teil 16 - › Galopp: Dickmachen und Hochschlagen, Missverständnisse zwischen Pferd und Reiter
› Ausgabe 482 · Teil 17 - › Galoppiert wie ein Schaukelpferd, Schenkelweichen, Viereck verkleinern & vergrössern, tiefes Atmen
› Ausgabe 483 · Teil 18
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Fotos
› Gudrun Schultz-Mehl, › Werner Popken
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