26. Mai Die Gartenarbeit zwang mich zu einer Schreibpause, heute ist das Wetter nicht begeisternd und das lädt mich geradezu ein zu einem Zimmerdasein am Computer, die Hunde natürlich in Tuchfühlung neben mir, ich muss immer aufpassen, dass ich beim Aufstehen keinen trete. Vielleicht hat KORALLE inzwischen heldenhaft ihre ersten Hopser hinter sich gebracht. DER ‚SIEGESWILLE' DER PFERDE Einige Gedanken meinerseits zum Springen, wie es im Turniersport gefordert wird, kann ich mir an dieser Stelle nicht ganz verkneifen: Da wird so oft vom ‚Siegeswillen' und von der ‚Freude' von Pferden am Springen berichtet. Rennpferden und Springpferden versucht man, diesen Siegeswillen anzudichten. Ich habe den Zusammenbruch der Stute WIDSCHI nach dem Ziel eines Rennens miterlebt. Danach wurde eine Story von Treue und Siegeswillen dieser Stute geboren. Aber ein Pferd kennt diese Begriffe nicht und lässt sich nicht um des Siegens willen durch die Zielpfosten hetzen, sondern eher aus Angst und wegen der Herrschaft seines Reiters. Jeder Reiter möge für sich selbst darüber nachdenken. Wenn ich mich selbst als WIDSCHI sehe und fühle, dann stehe ich vor Beginn des Rennens minutenlang, vielleicht mehr als fünf Minuten, in einer engen Startbox, die mir rechts und links und auch nach vorne kaum mehr als ein paar Zentimeter Raum lässt. Neben mir stehen nicht Stallgefährten, sondern fremde Pferde, ebenso wie ich in höchster Anspannung. Wenn endlich das letzte Pferd in seiner Box steht und die Klappen aufgehen, dann stürmt ein erregter Pulk von Pferden, von Jockeys dicht an dicht gehalten, vorwärts. Wenn ich das Pech habe, vorne zu sein, fühle ich die aufgeheizten anderen Pferde hinter und neben mir als Zeichen von Bedrohung von hinten, die meinen Fluchtinstinkt erregt, und so versuche ich mit allen Kräften, wie die Pferde hinter mir auch, dieser Bedrohung zu entfliehen, und zwar nach vorne, denn die seitlichen ‚Rails' nach dem Innenraum des Rennbahngeländes und auch nach außen verhindern ein seitliches Ausweichen. Wenn mein Reiter und mein Besitzer Glück haben, werden sie durch meine Flucht Sieger. Wenn ich aber nicht genug Kraft und Schnelligkeit habe, werde ich vom Feld überrollt und bleibe auf der Strecke. Aber niemals ist es ein Siegeswille nach Art menschlicher Empfindung, wenn ich als Erste über die Ziellinie ‚fliehe'. Man erkennt den Fluchtinstinkt der Rennpferde auch an ihren stets nach hinten, nach dem oder den Verfolgern gerichteten Ohren. Nicht viel besser ist es für die ‚Spring'pferde, auch bei Ihnen ist es weit mehr die Erfahrung des Zwangs, als die freudige Bereitschaft, ohne Notwendigkeit über Hindernisse zu springen. Leider ist aber der Springsport für Veranstalter von Turnieren wie für Besitzer und Reiter eine lukrative Geldquelle und für viele Zuschauer eher das Erwarten von Spannung, von akrobatischen Sprüngen und sogar eventuellen Stürzen, als das das Erwarten von Harmonie und Schönheit in Gestalt von Reiter und Pferd. Meine Dir schon bekannte Stute PIZZI ließ ich oft freispringen, weil ich mir in ihrem Sattel nie sicher war, ob sie springt oder nicht springt und das Verweigern vor dem Hindernis fürchtete. Da passierte es eines Tages, dass sie, kaum hatte ich an einer Wand ein paar Stangen aufgestellt und war dabei, die Longierpeitsche vom Boden aufzunehmen, wie eine Kanonenkugel auf die Stangen zuraste und die ganze Reihe sprang, ohne dass ich sie dazu aufgefordert hatte. Sie drehte sogar noch weitere Runden über die Stangen, obwohl sie auch Schluss machen oder ausweichen konnte, und das alles geschah in einem irren Tempo. Auch an den nächsten Tagen verhielt sie sich so beim Freispringen. Nach einigem Erstaunen hatte ich dann aber doch einen Verdacht, der sich bei mehreren Versuchen bestätigte: ich konnte soviel, wann und wo ich wollte Stangen aufstellen in jeglicher Höhe - wenn ich die Longierpeitsche nicht vom Boden aufnahm, sondern aus der Halle ging, machte sie nicht die geringsten Versuche zu springen, sondern vertrieb sich gelangweilt in der Halle die Zeit, mehr oder weniger mit Herumstehen und Dösen, mit Vorliebe am Ausgang. Fazit: Wenn sie sprang, kam sie doch nur der Gewohnheit zuvor, von mir, ihrer Reiterin, die eine lange Peitsche hatte und schon vieles bei ihr durchsetzen konnte, zum Springen aufgefordert zu werden, notfalls auch energisch. Und um gar nicht erst in Gefahr zu geraten, dass es so weit kommt, entschied sie sich, sowie ich die Peitsche aufnahm zum Springen, als wolle sie sich selbst ermuntern: ‚nützt ja nix - bring's hinter Dich, dann hast Du's hinter Dir!' Und diesen ‚bring's hinter Dich - Blick' sehe ich auch in den Augen und der Mimik vieler Springpferde im Sport, aber keinen Siegeswillen- oder Siegerblick. Auch wenn sie ihre Ohren aufmerksam nach vorne gerichtet haben, um den nächsten Sprung taxieren zu können. Nebenbei bemerkt: nicht mal Letzteres wird ihnen von dem einen oder anderen Reiter gestattet: um sich das Pferd völlig zu unterwerfen und ihm keine eigene Entscheidungsmöglichkeit mehr zu lassen, wird sein Kopf so zur Tiefe und nach rückwärts gezogen, dass es selbst nicht mehr sehen kann, wohin die Reise geht sondern nur noch den Boden unter sich weglaufen sieht. Erst wenige Meter vor dem Hindernis wird ihm der Kopf wieder frei gegeben, damit es das Hindernis und dessen Höhe noch taxieren kann. Dass sich Pferde solchen und anderen drastischen Maßnahmen ihres Reiters fügen müssen, empfinde ich als äußerst unfair den ‚Sportkameraden' gegenüber, denn das degradiert sie zu Sportgeräten.
|