
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 02.03.2008
Bitfäule
Vor ein paar Tagen bin ich zufällig auf diesen Begriff gestoßen, und zwar in der englischen Wikipedia: » Bit rot. In der deutschen habe ich nichts Vergleichbares gefunden - offenbar ist dieses Phänomen bei uns noch nicht offiziell anerkannt, denn in der Sache dürfte sich hierzulande nicht viel anderes tun.
Die Amerikaner, die ja nach wie vor die unbestrittenen Weltmeister in Sachen Software-Entwicklung sind, » HTML, » Linux, » PHP, » Python und » MySQL zum Trotz, haben darüber sehr viel zu sagen. Statt "Fäulnis" wird dort auch der Begriff "Verfall" benutzt, der etwas weniger organisch-anrüchig klingt, aber auch ganz deutlich das Thema der Vergänglichkeit zum Ausdruck bringt.
Die ganze Geschichte ist nicht ganz trivial. Man kann daraus eine richtige Wissenschaft machen. Immer geht es aber um Verfallsprozesse, die ja in der Natur nicht nur normal und allgegenwärtig, sondern auch absolut notwendig sind. Erst der Mensch hat Produkte in die Welt gesetzt, die sich nicht automatisch durch natürliche Prozesse zersetzen, und dadurch eine völlig neue Art von Problemen geschaffen, deren er sich erst jetzt bewußt wird und von denen bis dato unbekannt ist, ob man sie überhaupt noch in den Griff bekommen wird; siehe etwa » Das Müll-Karussell, » Plastikmüll fährt Karussell, » Sanfter Mahlstrom, » Im Pazifik treibt mehr Plastik als Plankton.
Vergänglichkeit
Grundsätzlich müßten wir also sehr zufrieden sein, wenn nichts von Dauer ist. Wie formulierte es George Harrison? » All Things Must Pass, alles muß vergehen. Das ist ein uraltes Thema, das uns Menschen unweigerlich beschäftigt: "Bedenke, daß du sterben mußt!" Das wollen wir natürlich nicht, wir wollen ewig leben, ewig jung sein, nie verfallen und verfaulen. Und tatsächlich fühlen wir uns ja oft jung, auch wenn wir alt an Jahren sind. Die Seele altert nicht, jedenfalls nicht notwendigerweise.
Selbst technische Gegenstände verfallen normalerweise. Am rohen Eisen sieht man es am schnellsten und deutlichsten, es rostet. Es mag vielleicht ein paar Jahre dauern, aber irgendwann werden die modernen Eisenskulpturen nur noch ein Häufchen Rost sein. Und das ist vielleicht auch gut so. Dabei möchten wir doch nicht nur uns selbst unbegrenzt erhalten, sondern auch die Gegenstände, die wir geschaffen haben. Wir finden es unerträglich, daß Bücher altern und verfallen, daß Kunstgegenstände zerstört werden, daß man viele Dinge nur erhalten kann, wenn man sie regelmäßig erneuert, womit sie natürlich nicht mehr im Originalzustand sind.
Aber selbst wenn man ein neues Auto als kulturellen Wert begreift und so selten wie möglich damit fährt, es ständig in einer klimatisierten Garage mit niedriger Luftfeuchtigkeit aufbewahrt, werden Alterungsprozesse unvermeidlich sein. Plastik wird spröde, Gummi morsch, Leder brüchig, Lack matt. Dafür sorgen schon die unvermeidlichen Luftbestandteile, auch wenn sie mikroskopisch klein sind.
Digitale Welten
Nur bei den Computern soll es anders sein - zumindest im Bereich der Software. Software kann doch nicht altern, oder? Tatsächlich wird unterschieden zwischen dem physischen Verfall von Datenträgern, der zunehmenden Fehleranfälligkeit von Programmen und dem Verlust von Daten. Daß Datenträger verrotten, hat uns schon das Beispiel "Buch" gezeigt. Im Grunde ist ein Buch ja ein Datenträger, der analoge Daten enthält. In der Frühzeit der Datenverarbeitung wurden die digitalen Daten auf Papier geschrieben, etwa als Lochstreifen oder als Lochkarte. Selbstverständlich können diese Datenträger verrotten.
Aber auch magnetische Datenträger wie Floppys oder optische Datenträger wie CDs haben keine unbegrenzte Lebensdauer. Genaue Aussagen darüber lassen sich (noch) nicht machen, aber alle sind sich einig, daß die Haltbarkeit dieser modernen Medien deutlich geringer sein dürfte als die von Papier. Wie beim Papier kann sich das Trägermaterial zersetzen, es kann aber auch dazu kommen, daß die Informationen nicht mehr lesbar sind. Auch dieses Phänomen ist vom Papier bekannt. Möglicherweise verblassen die Buchstaben, oder man kann die Schrift nicht lesen, weil die Buchstaben oder die Sprache unbekannt ist. Alles das gibt es in der digitalen Welt: Die magnetischen Informationen werden schwächer, oder die Lesegeräte sind nicht mehr vorhanden oder können nicht mehr betrieben werden, oder die Daten können nicht mehr entziffert werden, weil das Format, die Verschlüsselung, inzwischen nicht mehr bekannt ist.
Datenverlust
Soweit kann man die Probleme nachvollziehen. Aber inwiefern "verfaulen" Programme? Was soll man unter der "Verrottung" von Daten verstehen? Ich wette, Sie stoßen ständig auf diese Probleme. Daß Programme immer schlechter funktionieren, je älter sie werden, ist vielleicht nicht unbedingt offensichtlich, aber doch häufig genug, daß dieses Phänomen unter Programmierern bekannt ist. Man rätselt noch, woran das liegen mag. Ein Grund könnte darin liegen, daß im Laufe der Programmentwicklung Veränderungen vorgenommen werden, die an anderer Stelle unerwünschte Konsequenzen haben, wodurch neue Fehler eingeführt werden.
Der tägliche Datenverlust ist besonders im Internet augenfällig. Man findet irgendwo etwas Hochinteressantes, es wird ein weiterführender Link angeboten, man klickt darauf und landet im Nirvana. Selbst bei der Wikipedia, die ja von vielen tausend Augen ständig beobachtet und verbessert wird, ist mir das schon sehr häufig passiert. Als braver Zeitgenosse habe ich mich dann auf die Suche gemacht und den betreffenden Link entweder gelöscht oder korrigiert - was man bei der Wikipedia ja nicht nur machen kann, sondern auch machen soll. Bei allen anderen Internetpräsenzen ist das gar nicht möglich; man kann höchstens den Webmaster benachrichtigen.
Linkfäule
Diese spezielle Art von Datenverlust hat ebenfalls einen Namen bekommen: » Link rot, Linkfäule. Inzwischen beschäftigt man sich wissenschaftlich mit dem Phänomen. Im Jahr 2003 hat man festgestellt, daß 0,5% aller Links pro Woche (!) verschwinden. Im Jahre 2005 erbrachte eine andere Untersuchung, daß 50% aller Verweise in einer Online-Datenbank nach zehn Jahren ungültig geworden waren. Wieder andere Studien in den Jahren 2001 und 2003 erbrachten noch schlimmere Werte. Das ist besonders problematisch für wissenschaftliche Arbeiten, weil sich deshalb im Grunde Bezüge auf Internet-Quellen verbieten.
Es stellt sich außerdem heraus, daß diese Art von Datenverlust nicht automatisch entdeckt und bekämpft werden kann. Da man diese Art von Datenverlust nicht kampflos hinnehmen möchte, hat man verschiedentlich Anstrengungen unternommen, um digitale Inhalte zuverlässig und dauerhaft zu konservieren (Stichwort: » Wayback Machine). Ob das funktionieren wird, kann man im Moment noch nicht absehen. Auf jeden Fall ist das Problem erkannt.
Als ich mit der Pferdezeitung begann, war mir schon klar, daß alle möglichen Fehler und Verluste auftauchen können. Deshalb habe ich von Anfang an Mechanismen eingebaut, die mich vollautomatisch informieren, wenn etwas nicht ordnungsgemäß abläuft. Dieses Verfahren ist nicht ganz unproblematisch. Zum einen werden nicht alle Fehler entdeckt. Vielleicht berichte ich in der nächsten Woche von einem rätselhaften Fehler, der in den letzten Wochen ein paar Mal aufgetreten ist und bisher nicht automatisch entdeckt werden konnte. Zum anderen werden auch Fehler gemeldet, die wirkliche Fehler sind, nämlich beispielsweise ausgelöst durch böswillige Roboter, die mit Gewalt versuchen, in unser System einzubrechen. Sofern man diese klassifizieren kann, kann man die Benachrichtigung in solchen Fällen natürlich abstellen.
Im Großen und Ganzen bin ich recht zufrieden mit meinem System und glaube, daß wir immer noch alle Inhalte anbieten können, die jemals von uns veröffentlicht worden sind. Wir könnten sogar die Inhalte wieder präsentieren, die wir seit Jahren nicht präsentieren dürfen - die vielen alten und lesenswerten Artikel von Sylvia Frevert. Aber das ist nicht unsere, sondern ihre Entscheidung (siehe › Rechtsstreit beendet).

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