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Bericht Zum Thema Ausbildung · Editorial: Schuhträger
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Selbstportrait 08/2004
 
 
27.01.2008

Schuhträger

» Schuhträger gab es schon vor 40.000 Jahren titelte » Spiegel Online am 24. Januar in einem Bericht über zwei Beiträge im "Journal of Archaeological Science" aus den Jahren 2005 und 2008. Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie man wohl herausfinden könnte, wann der Mensch auf den Schuh gekommen ist.

Nun wird es auf dieser Erde noch heute viele Menschen geben, die nie einen Schuh angehabt haben - diese Menschen interessierten aber gar nicht. Vielmehr ging es darum, Methoden zu entwickeln, die nachweisen könnten, wann die ersten Menschen Schuhe getragen haben.

Darüber gibt es wenig Erkenntnisse, wie bei den Schuhen für Pferde. Die Sensation besteht nun darin, daß angeblich aufgrund von Veränderungen im Knochenbau der Zehen auf die Verwendung von Schuhwerk zurückgeschlossen wird. Man will nachgewiesen haben, daß die Zehen kleiner und feiner wurden und führt dies auf die Benutzung von Schuhwerk zurück.



Ötzi

» Ötzi starb bekanntlich vor etwa 5300 Jahren und trug Schuhe, die erstaunlich modern anmuten. Sie hatten eine Sohle aus Braunbärfell, das Oberleder war aus Rothirschfell, der Schnürsenkel bestand aus Lindenbast, und gefüttert waren diese Schuhe auch, nämlich mit Gras, das durch ein Netz aus Lindenbast zusammengehalten wurde (» Ötzischuh). Der Spiegel mutmaßte, daß die Erfindung des Schuhs auf eine Verletzung zurückzuführen sein muß; aber schon die Einflüsse der Witterung dürften ausgereicht haben, in manchen Gegenden die Erfindungskraft in Gang zu setzen. Schließlich schützen Schuhe auch vor Hitze und Kälte. Man glaubt förmlich seine Mutter zu hören: "Ötzi, zieh dich warm an, es ist kalt im Gebirge!"

Dabei wird unterstellt, daß Schuhe zur Standardausrüstung des Menschen gehörten, wie wir das heute in unserer hochindustrialisierten Luxusgesellschaft als normal voraussetzen, wo uns alle paar Wochen bei Aldi die Schuhe fast nachgeschmissen werden. Im letzten Jahrhundert liefen die Kinder aber auch bei uns im Sommer durchweg barfuß, die Knaben bekamen erst zur Konfirmation lange Hosen, und nur die reichen Kinder trugen Schuhe und hatten nicht selten unter verkrüppelten Füßen zu leiden. Wenn Schuhe im alten Ägypten und bei den Römern bezeugt sind, so doch in der Regel als Accessoires der Oberschicht, die damit ihren Anspruch und ihre Rangordnung zum Ausdruck brachten:

Neben seiner reinen Schutzfunktion und der für viele Träger auch wichtigen Modefunktion hat der Schuh von jeher auch etwas mit dem gesellschaftlichen Status oder der Gruppenzugehörigkeit des Trägers zu tun. Im alten Ägypten durften nur Pharaonen Sandalen aus Gold- oder Silberblech tragen und nur hohe Beamte und Priester überhaupt Sandalen. Das Volk ging barfuß. Bei den alten Griechen wurde 700 v. Chr. eine Verordnung erlassen, die die Verwendung von Juwelen auf Sandalen regelte. Im römischen Reich gab es ebenfalls klare Vorschriften, wer welches Schuhwerk und wie verziert tragen durfte. Im Mittelalter sagte die Länge der Schuhspitze bei den damals modernen Schnabelschuhen etwas über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand aus. Zur Zeit des Sonnenkönigs war es nur dem König und hohen Adligen gestattet, rote Absätze zu tragen. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert trugen die Anhänger der "Zurück-zur-Natur-" und der Friedensbewegung gerne Sandalen. Seit dieser Zeit symbolisieren auch die mit gehobener Businesskleidung – stets in glänzendem Pflegezustand – kombinierten hochwertigen Herrenschuhe aus feinem Kalbsoberleder, dass ihr Träger keine körperliche Arbeit verrichtet, dem Establishment angehört, sich solche Schuhe zu leisten vermag, darin eine kluge Investition sieht und den feinsinnigen Dingen des Lebens Aufmerksamkeit schenkt.

» Schuh




Wissenschaft

"Die Wissenschaft hat festgestellt, daß Margarine Fett enthält." In meiner Jugend wurde mit diesem Spruch die selbstverliebte Überheblichkeit verspottet, mit der Wissenschaftler oft auftreten und Banalitäten als Weisheiten verkaufen. Der Druck, regelmäßig zu publizieren, ist in den USA besonders groß. Besagter Wissenschaftler hatte im Jahre 2005 schon behauptet, den Gebrauch von Schuhen anhand von Knochen nachweisen zu können; das jetzt neu publizierte Papier walzt diese Behauptung aus. Dabei liegt es doch auf der Hand, eine solche Hypothese anhand lebender Menschen zu überprüfen - schließlich dürfte die überwältigende Mehrheit aller heute lebenden Menschen nicht im Besitz von Schuhen sein.

Legendär ist der Olympiasieg des » Abebe Bikila 1960 in Rom, der die Marathonstrecke barfuß zurücklegte. Im letzten Jahr habe ich zufällig eine Dokumentation gesehen, die einen Buschmann bei der Jagd verfolgte. Dieser hetzte eine Antilope - die natürlich auf kurzen Strecken viel schneller ist als ein Mensch - durch ausdauernden Lauf zu Tode. Natürlich war dieser Mann barfuß. Etwaige Verletzungen an spitzen Steinen dürften auch in Afrika vorkommen und haben dort nicht zu Erfindung von Schuhwerk geführt. So viel zu steilen Thesen aus der Wissenschaft. Angeblich soll Wissenschaft ja darin bestehen, Hypothesen zu widerlegen. Die Falsifizierung soll Wissenschaft auszeichnen. Wie wäre es mit den Hypothese, daß Schuhe erfunden wurden, um deren Träger das Laufen zu erschweren? Womit diese dokumentieren würden, daß sie sich das leisten können, und somit eine soziale Differenzierung herbeiführten. Das wäre nämlich ganz im Einklang mit der heutigen Bedeutung des Schuhwerks: Zwar gibt es Schuhe, die die Laufleistung verbessern, es gibt aber genausogut welche, die den gegenteiligen Zweck erfüllen und kaum zum Laufen geeignet sind. Auf jeden Fall sind Schuhe Prestigeobjekte und dienen der sozialen Einordnung der Träger, und zwar nicht nur bei den Oberschichten, sondern auch in Subkulturen, speziell den jugendlichen.



Hufeisen

So gesehen dienten ja auch die Hufeisen dazu, die Reiter und deren Status zu erhöhen. Man braucht sich nur das eine oder andere Reiterstandbild anzuschauen, um die Zurschaustellung der Machtinsignien mittels Pferd und Zubehör wahrzunehmen. Vielleicht erklärt sich so auch der Widerstand der etablierten Reiterei gegen die Neubewertung des Hufeisens - genausogut könnte man den Frauen die Benutzung hochhackiger Schuhe verbieten wollen. Zwar sind diese gesundheitlich keineswegs zuträglich, aber das ist gar kein Argument, denn man trägt sie ja nicht aus gesundheitlichen Gründen.

Wenn aber die genannten Wissenschaftler Recht hätten und das Skelett sich aufgrund der Benutzung von Schuhen meßbar verändern würde, müßte man auch schließen können, daß sich das Skelett der Pferde oder genauer gesagt der Hufaufbau und -mechanismus durch die Benutzung von Hufeisen meßbar verändern müßte. Wenn das der Fall wäre, würden diese Wissenschaftler schließen müssen, daß Pferde ebenso wie Menschen, deren Körper sich auf diese Art und Weise verändert hat gar nicht mehr ohne diese Hilfsmittel leben können.

Auch das scheint unhaltbar zu sein. Jeder von uns würde, wäre er dazu gezwungen, ohne Schuhe überleben können, wenn denn seine Grundbedürfnisse, Ernährung zum Beispiel, erfüllt sind. Binnen kürzester Zeit würden wir uns Schwielen anlaufen, die es uns ermöglichen würden, größte Entfernungen ohne Schuhe zurückzulegen. Irgendwo auf dieser Welt gibt es eine Familie, bei der mehrere, inzwischen erwachsene Kinder auf allen Vieren laufen (ich meine, einen entsprechenden Artikel vor Jahren im Spiegel gelesen zu haben). Diese Menschen sind nicht in der Lage, auf zwei Beinen zu gehen, und haben an den Händen und Füßen (sie laufen barfuß) entsprechende Schwielen (dokumentiert durch fotografische Nahaufnahmen).

Trotzdem spricht nichts dagegen, daß wir Schuhe benutzen, und vielleicht hat Pete Ramey Recht, wenn er sich vorstellt, daß es demnächst auch für Pferde spezialisierte Schuhe für jeden Zweck geben wird. Schließlich gibt es auch für Hunde Schuhe, um die Pfoten im Winter vor Streusalz zu schützen. Gäbe es kein Salz auf der Straße, bräuchten die Hunde keine Schuhe - frieren tun sie nicht. Sie brauchen ja auch keinen Mantel, keinen Schal und keine Mütze, obwohl sie aus der warmen Wohnung in die Winterkälte entlassen werden. Merkwürdig, wie das alles eingerichtet ist, nicht wahr?

 
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