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Bericht Zum Thema Kulturgeschichte · Märchen
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Bei der erneuten Lektüre fiel mir auf, daß der Autor eine ganz besondere Atmosphäre entstehen läßt. Natürlich identifiziert sich der Leser wie selbstverständlich mit dem Ich-Erzähler Karl May. Dieser ist stets Herr der Lage, hat niemals Furcht oder gar Angst, aber gleichzeitig spürt man, daß sich schlimme Dinge über seinem Kopf zusammenbrauen. Das beunruhigt den Leser aber keineswegs, denn er bekommt ja suggeriert, daß der Held der Geschichte die ihm bevorstehenden Gefahren und Abenteuer mit der allergrößten Bravour bestehen wird.

Insofern ähneln diese Geschichten den » Märchen, die aufgeklärten Erwachsenen blutrünstig erscheinen und deshalb von wohlmeinenden Eltern und Erziehern verboten werden sollten. Erst ein Psychologe mußte herausarbeiten, daß die Märchen eine ganz wichtige Rolle bei der Herausbildung der kindlichen Persönlichkeit spielen (» Kinder brauchen Märchen):

In seinem Buch "Kinder brauchen Märchen" 1976 interpretierte er die traditionellen Märchen der Brüder Grimm psychoanalytisch. Nach seiner Auffassung machen sie den Unterschied zwischen Lustprinzip und Verantwortungsprinzip deutlich. Trotz aller Grausamkeiten hielt er die Märchen für wertvoll, weil sie stets gut ausgingen. Den traurigen Märchen von Hans Christian Andersen fehle oftmals diese positive Perspektive.

» Bruno Bettelheim

Die Abenteuer sind gewissermaßen nur dazu da, seine Überlegenheit besonders herauszustreichen, ihn besonders glänzen zu lassen, wobei er sich allerdings gar nichts darauf einbildet, da Zurückhaltung und Bescheidenheit ebenfalls zu seinen Tugenden gehören. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, daß der Held nichts weiter als ein Mensch ist, wie er sein soll, während alle anderen weniger sind und deshalb im Grunde bedauert werden müssen, auch die Bösewichter. Diese gehören einfach zum Theaterstück dazu und haben eine undankbare Rolle, in der sie sich nur blamieren können.

Die erzieherische Wirkung erfolgt ganz nebenbei, unterschwellig, durch die Haltung der Protagonisten. Indem Karl May durch die Technik der Ich-Erzählung der Leser zur Identifikation einlädt, muß er, ob er will oder nicht, prägend wirken und nimmt dadurch eine ungeheure Verantwortung auf sich. Manche Leute nehmen es Karl May gegeben, daß er nicht wirklich grausam ist, daß von Horror keine Rede sein kann. Heutzutage gilt es ja fast als schick, möglichst blutrünstig zu lesen und fernzusehen. Demgegenüber ist die Welt von Karl May wirklich heile.

Nicht einmal gedankenlos darf man gegenüber der Kreatur sein. Anläßlich des Kutschenunfalls ergibt sich eine sehr schöne dramatische Zuspitzung, als der Held es nicht mitansehen kann, wie grausam mit einem Zugpferd umgegangen wird, das sich durch den Sturz ein Bein gebrochen hat. Schon bei der vorangehenden Hetzjagd lenkt er immer wieder das Mitgefühl auf die armen Tiere:

Der Kutscher und die drei Pferdeführer schlugen wie verrückt auf die Tiere los, welche alle ihre Kräfte anstrengten, das schwere Vehikel fortzuzerren. [...] Die Hiebe fielen hageldicht auf die armen Pferde nieder. [...] Sie bearbeiteten mit ihren Sporen die Pferde, daß diese vor Schmerz wie unsinnig vorwärts rannten. [...] Die Pferde waren auf der Höhe des Ufers angelangt und zogen, von den Peons gepeitscht, nun doppelt stark an. [...]

Karl May: Am Rio de la Plata, zweites Kapitel: » Bei den Bolamännern

Und dann kommt eine Szene, die seine Einstellung voll zur Geltung kommen läßt.

Als wir zum Wagen zurückkehrten, sah ich, daß eins der beiden gefallenen Pferde, welches sich nicht hatte aufrichten können, ausgesträngt worden war. Man zerrte es an einem Beine auf die Seite, um dort liegen gelassen zu werden. Dabei schnaubte und stöhnte es in einer Weise, welche bewies, daß es große Schmerzen leide. Um nicht von seinen Hufen getroffen zu werden, zog man es an einem Lasso, welcher ihm um das Bein geschlungen worden war.

"Was ist mit dem Tiere?" fragte ich.
"Es hat sich ein Bein gebrochen," antwortete der Mayoral. "Es kann nicht mehr gebraucht werden."
"Welches Bein ist es?"
"Das hintere linke."
"Also grad das, an welchem Sie es zerren! Denken Sie denn nicht daran, daß Sie ihm dadurch große und unnötige Schmerzen bereiten?"
"Pah! Ein Pferd!" antwortete er roh.
a.a.O.

Man muß an dieser Stelle darauf hinweisen, daß diese Einstellung keineswegs nur bei den "rückständigen" Südamerikanern anzutreffen war. Auch bei uns in Europa ist man erst im 20. Jahrhundert darauf gekommen, daß auch Tiere Schmerz empfinden. Das ist merkwürdig, denn die meisten Tiere geben unzweifelhaft Laut, wenn ihnen etwas wehtut. Man trete nur einmal aus Versehen einer Katze oder einem Hund auf den Fuß!

Eine kleine Suche bei Google nach den Stichworten » schmerzempfinden tiere zeigt, daß das Thema auch heute keineswegs ausgestanden ist: » Tiere empfinden keine Schmerzen!,  » Empfinden Tiere Schmerzen?






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