Karl May brauchte keine wissenschaftlichen Untersuchungen, um die Leidensfähigkeit der Tiere festzustellen und daraus seine Konsequenzen zu ziehen. Er reagiert aber nicht nur unmittelbar emotional, sondern begründet seine Haltung mit einer allgemeinen (christlichen) Ethik:
| "So! Was soll nun mit dem Pferde werden?" "Es bleibt liegen und mag verrecken." "Und wird von den Caranchos und Chimangos bei lebendigem Leibe zerrissen. Das Tier ist, den Beinbruch abgerechnet, noch ganz gesund und kräftig. Es kann noch tagelang hier liegen, bis es verschmachtet und ihm das Fleisch von den Knochen gerissen worden ist." "Das geht uns gar nichts an! Es ginge nur mich an, nicht aber Sie!" "Sie irren! Auch die Tiere sind Gottes Geschöpfe. Sie sind nicht da, um nur allein die Qualen des Daseins zu tragen und dann lebendig zerfleischt zu werden. Ich fordere von Ihnen, daß Sie es töten!" "Dazu ist mir mein Pulver zu teuer!"
a.a.O. | | |
Daß May aus dieser Situation die Gelegenheit für eine nette Schlägerei entwickelt, ist eine andere Geschichte und schmälert seine Einlassungen in keinster Weise. Karl May hatte aber nicht nur klare Vorstellungen in Bezug auf den Umgang des Menschen mit dem Tier. Seine Beziehungen von und zu den Menschen sind ebenso bemerkenswert. Immerhin beschrieb er Reisen in fremde Länder und begegnete dort den unterschiedlichsten Typen - in diesem Buch Teesammlern, betrügerischen Geschäftsleuten, Militaristen und politischen Aufrührern.
Alle diese Geschichten habe ich wieder vergessen, aber die Sache mit den erbärmlichen Pferden ist mir haftengeblieben. Es ist aber nicht nur der Respekt vor den Geschöpfen Gottes, der aus den Texten spricht, sondern ein umfassendes Weltbild, in das sich dieser nahtlos eingegliedert. Seine ganze Lebensanschauung war, um es kurz und plakativ zu sagen, humanistisch, emanzipatorisch, pazifistisch, anti-rassistisch, anti-kolonialistisch, evolutionär-christlich. Damit entspricht diese ziemlich genau meinen Weltbild, und ich frage mich deshalb, wie weit ich dieses der Lektüre seiner Bücher verdanke.
Nun zögere ich - soll ich diese Serie damit nun als abgeschlossen erklären oder noch einen Teil anhängen, der versucht, diese Frage zu klären und sich mit dem Menschenbild, den politischen Vorstellungen, den sozialen Ideen, dem religiösen Bezugsrahmen Karl Mays beschäftigt? Verdient hätte er es, aber bin ich dem Thema gewachsen? Vermutlich nicht. Viel wichtiger ist aber die Frage: Interessiert es Sie, meine Leser?
Quellen / Verweise
Fotos
Friedhelm Splett und wie angegeben
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