| Karl May mag zwar seine Abenteuer in seinem damaligen Leben nicht selbst erlebt haben, aber entweder er hat sich seine Erfahrungen aus einem früheren Leben geholt oder sein Wissen stammt von anderen. Jedenfalls ist er deshalb so bewundernswert, weil er das Wesen der Pferde tatsächlich kennt -zumindest das der Vollblüter - und auch genau weiß, wovon er redet. Ich kann nur sagen, ich habe das wunderbare Gefühl erlebt, wenn ein Pferd unter einem so dahinfliegt, dass man nicht mehr spürt, wie die Hufe den Boden berühren und da kann man dann wirklich sitzen wie auf einem Stuhl. Nur schade, dass bei uns die landschaftlichen Gegebenheiten solche Erlebnisse nur schwer ermöglichen, weil es nur wenige längere freie und ebene Reitwege gibt!
Karl May war übrigens immer mein größter Inspirant und hat mir das richtige Gefühl für die Pferde vermittelt. Es gibt in seinen Büchern zwar auch "brutale" Passagen, aber wenn man in die Tiefe liest, wird man feststellen, dass das nicht seinem Naturell entspricht und dass Kraft eben nur dann angewendet wird, wenn es nicht anders geht. Ansonsten wird mit sehr viel Feingefühl und Verständnis gearbeitet. Es wäre gut, wenn jeder Reiter Karl Mays Bücher als Pflichtlektüre verordnet bekäme, aber andererseits würde es wohl auch viele Menschen geben, die die Botschaften in seinen Büchern nicht richtig deuten würden. Schade, aber wenn man sein Herz nicht dafür öffnet, dann bleiben seine Bücher wohl nur Abenteuerromane....
› Leserbrief 1970 | | |
Ja, das Wesen der Pferde - war das nicht der Ausgangspunkt für diese Serie gewesen? Die erstaunte Frage von » Carl-Heinz Dömken in seinem Buch » Dömken, Carl-Heinz: Ich duze alle Pferde. Ein Pferdebuch. nach des Pferdes "Weg zu uns und seine Seele". Viele Pferdefreunde werden sich bei solchen Worten wundern. Schon der Begriff Seele ist eigenartig, selbst für Menschen wird er nur noch selten genutzt. Nun sollen die Pferde auch noch eine Seele haben!
In der letzten Ausgabe zu diesem Thema haben wir erfahren, daß die Texte Karl Mays durch den Karl-May-Verlag bis zur Unkenntlichkeit verändert worden sind. Die Karl-May-Freunde mußten also erst einmal mühsam herausarbeiten, was der Autor wirklich geschrieben und gemeint hatte. Und je intensiver sie sich damit beschäftigt haben, desto höher wuchs er in ihrer Achtung.
Manche Leute meinen, auf Karl May herabblicken zu können, weil er im Zuchthaus gesessen hat. Andere wiederum, wie der schon in der letzten Ausgabe erwähnte langjährige Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft und jetzige Ehrenvorsitzende, der international vielfach geehrte Strafrechtler » Claus Roxin, werten die damaligen Urteile als zeitbedingt und unangemessen und heben die außerordentliche Willenskraft und die Überlebensfähigkeit Karl Mays hervor, der trotz unglücklichster Umstände ein beeindruckendes und begeisterndes Lebenswerk hervorgebracht hat.
Karl May entwickelte eine bemerkenswerte Lebensanschauung, die in scharfem Kontrast zur allgemeinen Lebenseinstellung seiner Zeit stand. Der Militarismus war in höchster Blüte, das ganze Leben war von soldatischen Werten durchdrungen. Desto bemerkenswerter ist, daß Karl May die Kraft und die Größe hatte, sich mit pazifistischen Äußerungen an die Öffentlichkeit zu wagen (» Et in terra pax / Und Friede auf Erden!).
Die ständigen Rangeleien in seinen Büchern bringen diese pazifistische Haltung gleichermaßen zum Ausdruck, wie Heidi Keppel sehr richtig bemerkt hat. Die Gewalt ist nie Selbstzweck, und schon gar nicht wird Gewalt gegen Tiere, speziell Pferde, eingesetzt. Das wiederum hat auch » Alexander Avenarius bemerkt und deshalb in seiner Arbeit » Karl May, der unverstandene Triviale, aus der ich im letzten Beitrag insbesondere den dramatische Sprung des unvergleichlichen Rappen Rih zitiert habe, den insbesondere für seine Zeit sehr ungewöhnlichen Umgang des Alter Ego Karl Mays mit seinen Pferden sehr deutlich hervorgehoben.
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