
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 21.10.2007
Erfahrung
In der letzten Woche hat Leo Notenboom (» Ask Leo!) seinen Unmut über seinen früheren Arbeitgeber Microsoft Luft gemacht. Der Anlaß war eine Veränderung seines Computers, die ihm die Arbeit unmöglich machte. Die Maschine wurde entsetzlich langsam. Er war sich sicher, daß er nichts verändert hatte, eine Ursache durch Benutzerfehler, Konfigurationsänderungen oder Installation neuer Programme war ausgeschlossen. Die Maschine war von einem Tag auf den anderen unbrauchbar geworden.
Das kannte ich. Vor einigen Monaten erlebte ich das Gleiche. Und ich tat dasselbe, wie Leo: Googeln. Ich fand dann heraus, daß ich nicht der erste war, der unter solchen Symptomen zu leiden hatte, und glücklicherweise hatte jemand ein Rezept, wie man dieses Problem in den Griff bekommt.
Ich fand die Anleitung schon ziemlich abenteuerlich, aber ich vertraute der anonymen Angabe im Internet, und tatsächlich ließ sich das Problem so beheben. Man mußte in der Systemsteuerung bei der Hardware den IDE-Controller ENTFERNEN und anschließend die Maschine neu starten! Ich rechnete schon damit, daß dann die Festplatte nicht erkannt werden könnte oder mit ähnlichen Katastrophen, aber tatsächlich funktionierte anschließend alles wieder einwandfrei. So ähnlich hat sich der Experte Leo auch gefühlt und stellte folgende Frage:
| My concern is this: with 30 years of computing experience under my belt, it still took me significant time to make some educated guesses about what might be happening, search the internet, interpret and evaluate the results, and then interpret and perform the recommended solutions.
What's an average user supposed to do?
» Windows tries to be helpful again.
Mein Problem ist dieses: Mit 30 Jahren Computererfahrung auf dem Buckel kostete es mich immer noch einen erheblichen Zeitaufwand, um halbwegs vernünftige Vermutungen darüber anzustellen, was hier passiert sein mochte, das Internet zu durchsuchen, die Resultate zu verstehen und auszuwerten, und dann die empfohlenen Vorgehensweisen zu verstehen und auszuführen.
Was soll der normale Benutzer in so einem Fall tun? | | |
Gutgemeint
Leo hat diesen Artikel betitelt: "Windows versucht wieder einmal, hilfreich zu sein." Als ich das erste Mal den Ausdruck "gutgemeint" hörte, reagierte ich verständnislos. Es handelte sich um einen vernichtende Kritik. Man wollte damit sagen: Derjenige hat sich alle Mühe gegeben, aber es war umsonst, es taugte überhaupt nichts, und er hat es noch nicht einmal gemerkt, schlimmer noch - man kann es ihm nicht beibringen, er würde es nicht begreifen.
In diesem Fall beklagte sich Leo Notenboom über eingebaute Mechanismen bei Windows, die dem Benutzer helfen sollen, aber ihn in Wirklichkeit in die allergrößten Schwierigkeiten stürzen. Ich hatte mir gar nicht erst die Mühe gemacht, zu verstehen, was hier eigentlich vorging. Leo als Ratgeber mußte der Sache natürlich auf den Grund gehen. Was war passiert? Vermutlich hatte die Festplatte, was nicht ungewöhnlich ist, auf irgendeinem Sektor irgendwelche Leseprobleme. Normalerweise sollen solche Sektoren als defekt gekennzeichnet und nicht weiter benutzt werden. In diesem Falle hat Windows entschieden, auf Nummer sicher zu gehen und den extrem schnellen Modus, mit dem moderne Festplatten betrieben werden, abzuschalten und durch einen anderen Modus zu ersetzen, mit dem man in der Steinzeit Festplatten betrieben hat. Dadurch verringerte sich der Durchsatz der Festplatte dramatisch, was wiederum dazu führte, daß die Maschine bei sämtlichen Aktionen, die den Einsatz der Festplatte erfordern, unglaublich langsam wurde. Durch die Entfernung des IDE-Treibers wurde Windows beim Neustart gezwungen, diesen neu zu installieren, und wählten dabei den schnellen Treiber, womit das Problem erledigt war. Die Schwierigkeiten waren also hausgemacht, völlig überflüssig. Gutgemeint.
Leo war wie ich fit genug, diese Situation nicht nur zu erkennen, sondern eine Lösung herbeizuführen. Abgesehen von der Beeinträchtigung bei der Arbeit, die ich über mehrere Tage hinweg beklagte, bis ich zu dem Schluß kam, daß es sich um eine pathologische Situation handelt, habe ich für die Recherche einen Vormittag gebraucht. Dieser Mechanismus kann, wie Leo aufgeklärt hat, jederzeit wieder zuschlagen. Werde ich mich beim nächsten Mal daran erinnern? Normalerweise vermutlich nicht, aber jetzt, nachdem Leo mich noch einmal darauf aufmerksam gemacht hat, und nachdem ich Sie jetzt im Editorial darüber unterrichte, vermutlich schon eher.
Datenflut
Ende der achtziger Jahre, als ich mit den Computern anfing, hatten die Festplatten ein Volumen von 20 MB. Irgendein schlauer Mensch hat damals ein Artikel verfaßt, in dem er nachwies, daß aufgrund physikalischer Eigenschaften die Kapazität der Festplatten nicht sehr viel größer werden kann. Wie sehr sich dieser Mann doch geirrt hat! Heutzutage kann man sich beim Supermarkt um die Ecke für wenig mehr als 100 EUR eine Festplatte mit 500 GB kaufen, die man noch nicht einmal einbauen muß.
Möglich geworden ist das durch Erfindungen, die - man glaubt es kaum - mit der Quantenphysik zu tun haben. In der letzten Woche haben ein Franzose und ein Deutscher dafür den Nobelpreis bekommen. Ende der neunziger Jahre ist die erste Festplatte von IBM nach diesen Erkenntnissen gebaut worden. Erst durch diese riesigen Datenspeicher ist es möglich, mit digitalen Videos umzugehen. Schon die Digitalkameras produzieren Unmengen von Daten, wenn man nur oft genug auf den Auslöser drückt - kostet ja nichts.
Aber auch sonst sammeln wir Daten ohne Ende. Die normale Festplatte in meiner Maschine faßt 200 GB, die davor hatte 80 GB, und eine Weile lang schien es so, als wäre das wahnsinnig viel Platz. Es dauerte nicht lange, bis auch diese Platte voll war und ich mir eine 500 GB zulegen mußte, um Daten auszulagern. Leo hat ein Tool ausgegraben, mit Hilfe dessen man sich eine Übersicht über den Platzverbrauch auf der Festplatte verschaffen kann: » SpaceMonger. Die meisten Großverbraucher waren mir bekannt; zwei Entdeckungen waren aber durchaus hilfreich. Einmal hatte ich ein Video übersehen, das ich nicht mehr brauchte. Das machte schon mal 8 GB aus. Und dann hatte ich eine neuere Version meines Spracherkennungssystems auf der Platte, mit dem ich nicht zufrieden war. Das konnte natürlich ebenfalls weg, womit wiederum 1 GB gewonnen war.
Versionskontrolle
Software-Entwicklung ist heute ohne Versionskontrolle eigentlich nicht denkbar; wenn man nicht allein entwickelt. Da dies bei mir der Fall ist, konnte ich bis heute ganz gut auf Versionskontrolle verzichten. Natürlich brauche auch ich Möglichkeiten, auf frühere Zustände zurückgreifen zu können, aber die habe ich mir selbst gebastelt. Nun ist professionelle Versionskontrolle meiner Lösung vermutlich überlegen. Also habe ich neulich mal » Subversion installiert und dazu » TortoiseSVN.
Um das in Betrieb zu nehmen, mußte ich den Entwicklungsbaum der Pferdezeitung auf die neue Festplatte verlagern. Da wunderte ich mich: 2.664 Verzeichnisse, 50.816 Dateien, 2,8 GB. Da sind die laufenden Benutzerdaten wie Bilder für die Inserate und die Datenbank nicht inbegriffen. Das alles hat mit der ersten Datei angefangen, Anfang 1999. Seither ist unglaublich viel Arbeit in dieses Projekt geflossen. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

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