
| | | Gudrun Schultz-Mehl | | | | |
| Nachdenklich... Dressur Reiten heißt Dressurreiten, weil es nichts mit Dressur zu tun hat
Dressur
Kommentar von › Gudrun Schultz-Mehl | | |
Jeder "Dressurreiter" wird sich dagegen verwahren, wenn man ihm nachsagt, er "dressiere" sein Pferd, da man unter dem Dressieren von Tieren das Eindrillen gewünschter Verhaltensweisen mittels Lob und Strafe versteht. Auch jeder Reitschüler wird irgendwann einmal von seiner Ausbilderin oder von seinem Ausbilder zu hören bekommen, daß Dressurreiten nichts mit dem Dressieren seines Pferdes zu tun habe. In entsprechenden Lehrbüchern wird ebenfalls kaum von "Dressur" gesprochen, sondern man liest von Grundausbildung, klassischer Ausbildung oder gymnastizierender Ausbildung, einschließlich aller Unterbegriffe.
Und doch heißt es offiziell immer noch "Dressurausbildung" und "Dressurreiten", die entsprechenden Wettbewerbe heißen "Dressurprüfungen", deren vierbeinige Teilnehmer "Dressurpferde", die zweibeinigen "Dressurreiter". Selbst in der untersten Wettbewerbs Stufe, der E-"Dressur", bei der nichts anderes verlangt wird, als daß sich das Pferd mit seinem Reiter oder seiner Reiterin in akzeptabler Manier und an den Hilfen in den drei Grundgangarten auf einfachem Hufschlag fortbewegt. Welche ernstzunehmenden Ausbilder werden einem Reitschüler, der sich anschickt, eine E-Dressurprüfung passabel reiten zu können, weismachen wollen, er sei nun ein "Dressurreiter" und betreibe "Dressurreiten"?
Diese Bezeichnungen sind auch paradox, weil bei der Grundausbildung des Reitpferdes, die als Stamm für jeglichen Zweig der Reiterei angesehen wird (ausgenommen z. B. Rennsport, Rodeo etc.), jedes Eindrillen, das heißt Andressieren von Lektionen verpönt ist. Wenn über diese, die körperliche Leistungsfähigkeit des Pferdes steigernde Grundausbildung hinaus eine noch weitergehende Ausbildung des Pferdes erfolgt, so mag der Begriff "Dressur" eine teilweise Berechtigung haben, da die Merkfähigkeit des Pferdes und seine Unterordnung auf leiseste Anzeichen (Hilfen) dabei eine größere Rolle spielt und weil man aber etwa der Leistungsklasse M im künstlerischen (gewiß aber nicht im "künstlichen"!) Bereich anlangt.
Sollte man also ab der Klasse M von "Kunstreiten" sprechen? Das würde dann logischerweise auch den Begriff des "Kunstreiters" erfordern, unter dem man bislang schon einen Reiter kennt, der durch zirzensische Vorführungen sich mehr oder weniger auf den Wegen abseits der klassischen Ausbildung eines Pferdes befindet. Man sollte deshalb diese Bezeichnungen tunlichst vermeiden.
Warum bleibt man aber bei Prüfungen der Leistungsklassen E, A und L nicht einfach bei der Bezeichnung "Prüfung der Grundausbildungsklasse E" (oder A/L), wenn in den Texten von allen Lehrbüchern, auch denen des FN-Verlags, nur von Grundausbildung oder Gymnastizierung die Rede ist? Das Argument, daß es in französischer und in englischer Sprache z. B. auch "Grand Prix de Dressage" heiße, ist kein Argument, denn die Prüfungen der unteren Klassen E, A und L, die der Grundausbildung zugeordnet werden, sind keine international ausgeschriebenen Prüfungen (Ausnahme Vielseitigkeit) und könnten daher ebensogut in unserem Land mit einer deutschsprachigen Bezeichnung ausgeschrieben werden.
Und noch etwas: das Wort "Dressurstunde" für die Bezeichnung einer Unterrichtsstunde hält viele junge Reiter davon ab, sich am "Dressurunterricht" (im Gegensatz zum "Springunterricht") zu beteiligen, weil es ihnen nicht - oder noch nicht - bewußt ist, daß es sich dabei um die auch für das Springen oder Reiten im Gelände unumgänglich notwendige Grundausbildung handelt. Ohne diese korrekte Grundausbildung sollten aber weder Reiter noch Pferde durch einen Parcours galoppieren, das ergibt sich schon aus der Verantwortung und Achtung eines Reiters seinem Pferd gegenüber.
Tradition in allen Ehren, aber für die Ausbildung von Reiter und Pferd immer noch eine Bezeichnung zu verwenden, die nach heutigem Sprachgebrauch das Gegenteil von dem besagt, was man unter ihr verstehen soll, das ist zumindest unlogisch.
Siehe auch › Glosse: Annemäuschen › Glosse: Auseinanderfallen › Glosse: Bügeltritt › Glosse: Caprilli › Glosse: Decken › Glosse: Einerwechsel › Glosse: Genicktreten › Glosse: Handwechsel › Glosse: Isabelle › Glosse: Kleben › Glosse: Leichttraben › Glosse: Mustern › Glosse: Nachhand › Glosse: Oxer › Glosse: Parcours › Glosse: Riegeln › Glosse: Sattelzwang › Glosse: Trachtenzwang › Glosse: Vorhandwendung › Glosse: Wanderpreis › Glosse: Zügel kauen › Kommentar: Olympia 2008
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