
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 24.06.2007
Wachstum
Wachstum: Ein positives Wort, ein dynamisches Wort, ein verheißungsvolles Wort. Dabei ist es doch nur ein Wort, und bekanntlich leben wir in einer dualistischen Welt, wo alles seine zwei Seiten hat. Wie kann es sein, daß Wachstum einseitig gut zu sein hat? Kann Wachstum überhaupt unbegrenzt sein? Kann irgendetwas immerzu wachsen?
Das Gegenteil von Wachstum wäre Niedergang. Niedergang ist eindeutig negativ, das kann nur schlimm werden. Also sind wir zum Wachstum verdammt, oder? Der "Spiegel" machte sich vor ein paar Tagen Sorgen. Online-Handel: » Die Grenzen des Wachstums sind in Sicht.
Dabei ging es gar nicht darum, daß nun plötzlich gar kein Wachstum mehr zu verzeichnen wäre - es geht nun nicht mehr so steil aufwärts wie früher, und das ist offenbar schon ein sehr schlimmes Zeichen. Flugs wird philosophiert, woran das wohl liegen mag. Online-Shopping, so wird messerscharf analysiert, ist Arbeit, während ein realer Einkauf eher etwas wie Urlaub sei. Na ja, kommt ganz drauf an, was und wo man einkauft.
Web 2.0 am Ende?
Aber ein bißchen was Wahres ist da wohl dran. Weil man die Möglichkeit dazu hat, recherchiert man natürlich auch entsprechend, um den richtigen und dann auch günstigsten Einkauf zu tätigen. Offline hat man oft keine Wahl. Oder man steht vor einem Regal mit 100.000 Artikeln derselben Sorte, zum Beispiel Shampoo, und vergleicht genauso angestrengt Preise und Leistungen. Ist das etwa keine Arbeit?
Eins aber will ich wohl glauben: Der Einzelhandel habe gelernt und stelle sich mehr auf den Kunden ein, für den Kunden sei es jetzt angenehmer als früher. Eben: Konkurrenz belebt das Geschäft. Trotzdem: Inzwischen glauben die Experten nicht mehr, daß der Handel im Internet unbegrenzt wachsen kann. Bisher wird nur ein Bruchteil des gesamten Handels online abgewickelt, und das wird möglicherweise auch so bleiben. Wer hätte das gedacht? Vor zehn Jahren wollte man doch die gesamte Welt neu erfinden, alles Alte wurde leichthin abgetan.
Daß sich das Internet Anfang des neuen Jahrtausends zu einer riesengroßen Enttäuschung ausgewachsen hatte, dürfte niemandem verborgen geblieben sein. Vor einem Jahr etwa wurde das Internet neu erfunden. Web 2.0 wurde eingeführt. Damit sollte beschrieben werden, daß der Benutzer nunmehr selbst aktiv wird. Das war vorher auch schon so, in den Foren zum Beispiel, aber nun galt das als langweilig, es wurde statt dessen gebloggt. Die Investoren waren schon wieder aus dem Häuschen, so schnell wuchsen die Nutzerzahlen bei Blogger-, Foto- und Video-Communities an. Jeder schrieb, was das Zeug hielt, fotografierte und filmte, bis der Finger wehtat, lud das Ganze hoch und sonnte sich in dem Bewußtsein, daß sich Tausende, Hunderttausende, Millionen seine Erzeugnisse süchtig reinziehen.
Diese wunderbare, schöne neue Welt wird nun von deutschen Richtern zerstört. FOREN-HAFTUNG: » Gnadenlose Richter gefährden Web 2.0 in Deutschland titelt der "Spiegel". Die bösen Buben sind nämlich überall und schmieren überall ihren Dreck hin. Dafür soll nun der unschuldige Betreiber haften. Das kann der gar nicht, ist ja klar. Also muß der den Laden dichtmachen. Wie glücklich sind die Amerikaner: Dort darf man ungestraft unbescholtene Bürger verleumden, und die können sich nicht dagegen wehren. Auch keine Alternative, finde ich
eBay: Des Kaisers neue Kleider
Irgendwie ist der Wurm drin. Die schönsten Errungenschaften werden durch skrupellose Menschen mißbraucht und unbrauchbar gemacht. 90% des gesamten E-Mail-Aufkommens soll inzwischen Spam sein. Wie lange wird es dauern, bis Blogs, Foren und was dergleichen interaktive Modelle sind, ebenfalls unbrauchbar gemacht werden?
In mancher Hinsicht hat das Gejammer um die Grenzen des Wachstums wohl gute Gründe. EBAY-ENTTÄUSCHUNG: » Und Tschüss! klagt der Spiegel, und die eBay-Käufer und Verkäufer klagen mit. EBay ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Es macht einfach keinen Spaß mehr, höre ich. Mir soll es egal sein, ich habe sowieso nur selten und mit wenig Vergnügen dort gekauft; das Verkaufen war mir immer suspekt. Bei eBay konnte man eigentlich nichts verkaufen, fand ich, man konnte alles nur loswerden. Ich finde, das ist ein Unterschied. Und das hat mit Web 2.0 und sonstigen Trends wenig zu tun. Vermutlich merken die Leute, daß der Lack ab ist. Das Pendel schlägt jetzt ein wenig zur anderen Seite aus. Die Euphorie und der übermäßige Enthusiasmus ziehen sich zurück, und das ist sicher gut. Übertreibungen korrigieren sich auf die Dauer von selbst.

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