
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
| Niemand macht sich in Nordafrika so viele Gedanken um Papiere und Abstammung wie ein Europäer. Wenn in diesem Buch von "Berberpferden" die Rede ist, geht es nicht um die gleichnamigen Rassetiere, sondern um die echten "Pferde der Berber" in allen ihren Varianten. a.a.O., Seite 15 | | |
Dieser Text ist in ein Bild eingeblendet, das einen Schimmel mit buntem Sattel vor einer unendlichen weiten, kargen Landschaft zeigt. Das ganze Kapitel heißt "Eintauchen in eine andere Welt", und auf Seite 13 finden wir ein Rezept für vier Personen. Darüber ein Foto mit folgendem Text:
| Unglaublich: Eine Berberfrau schafft es problemlos, an so einer archaisch anmutenden Kochstelle die köstlichsten Gerichte für 20 und mehr Personen zuzubereiten. a.a.O. | | |
Was man sieht, würde man tatsächlich nicht als Küche identifizieren können. Dieses Buch ist anscheinend das Ergebnis einer Reise der beiden Autorinnen und der Sachkenntnis der Züchterin und des Archivs der Fotografin. Entsprechend exotisch wirkt die Welt, die die beiden uns vorführen und für die sie uns begeistern wollen. Zwischen der Welt der Berber und unserer tut sich eine Lücke auf, die viel größer ist, als aus dem Buch deutlich wird. Der Epilog ist mit einem Foto illustriert, das die Autorinnen bei einem Mahl mit Männern zeigt. Klar, die Frauen kochen und bleiben im Hintergrund.
Der Versuch, die Berber als Stammväter vieler moderner Pferderassen darzustellen, darf anhand der gelungenen Fotos als geglückt gelten. Camarguepferde, Connemara Ponies, Friesen, Kladruber, Lipizzaner, Lusitanos, P.R.E.-Andalusier, Paso Peruanos, Percherons, Quarter Horses und Trakehner werden als Beispiele für Rassen gezeigt, die von den Berbern beeinflußt worden sind. Das leuchtet ein, denn die Berberpferde und die Reitkunst ihre Besitzer waren schon bei den alten Römern berühmt. Als die Araber mit ihren Pferden ganz Nordafrika und schließlich Spanien überfielen, vermischten sich diese beiden Rassen. Die spanischen Pferde wiederum hatten bekanntlich enormen Einfluß, insbesondere im Barock, in der europäischen Pferdezucht.
Was sind nun die Qualitäten der Pferde, die heute in Nordafrika gezüchtet werden? Diese werden aufgrund der Anforderungen, die an diese Pferde gestellt werden, definiert. Hier wie überall bestimmt Auslese das Zuchtgeschehen. Die Anforderungen sind freilich andere als hierzulande. Deshalb richtet sich das Buch an Pferdefreunde, die etwas Besonderes zu schätzen wissen und kein Problem damit haben, von anderen Pferdefreunden nicht verstanden zu werden.
| Epilog
Ein nordafrikanisches Pferd ist mehr als nur ein Pferd. Es verkörpert eine jahrtausendealte Tradition, Lebensphilosophie und ist ein vierbeiniges Juwel - zumindest in seiner Heimat. Dank vielfältiger Bemühungen mitteleuropäischer Züchter gelang es, einige dieser Tiere nach Europa zu holen. Hier fristen sie inmitten unserer vielfältigen, internationalen Pferdewelt sowie einer traditionell sportgeprägten Reitkultur nur ein Schattendasein. Dabei vergessen viele, daß sich diese scheinbar omnipräsente Form der Reiterei erst seit dem 20. Jahrhundert richtig etablieren konnte. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Pferdefreunde mißt sich untereinander im Dressurviereck und Springparcours. Die meisten genießen einfach nur ihre Freizeit gemeinsam mit einem Pferd. Dabei zählen andere Werte. Natürlich wirken die Pferde der Berber hier in Mitteleuropa nicht ganz so imposant wie die Pferde der Spanier, nicht ganz so schnell wie die Pferde der Engländer, nicht ganz so sportlich wie die Pferde der Deutschen und Franzosen und nicht ganz so muskulös wie die Pferde der Amerikaner. Prestige hin, Reitgenuß her: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Besitzt man ein von vielen unwissend belächeltes Berberpferd, dann weiß man ganz genau (oder sollte es zumindest nach der Lektüre dieses Buches wissen), daß der herablächelnde iberische Reiter, der erfolgreiche Sportreiter oder der rasante Westernreiter ohne diese etwas unscheinbaren Pferde noch nicht einmal einen passenden reitbaren Untersatz hätte. Und das befriedigt ungemein.
Natürlich sind Höchstleistungen innerhalb der verschiedenen Reitsportdisziplinen nur durch extreme Spezialisierung einzelner Rassen möglich. Dies läßt aber wiederum andere Fähigkeiten der Pferde verkümmern, und so mangelt es der einen oder anderen Rassen durchaus mal an Charakter, Gesundheit oder Nervenstärke. Je stärker die Nachfrage, desto wahlloser wird gezüchtet (vermehrt!) oder aus den Ursprungsländern eingeführt. Die Pferde der Berber lassen sich dahingehend in kein Schema pressen. Wegen ihrer Seltenheit und der Probleme beim Import können sie erst gar nicht zu Moderasse werden. Sie sind rare, aber echte Partner für anspruchsvolle Freizeitreiter, die Understatement pflegen und sich ganz gezielt diese ganz besonderen Pferde leisten. a.a.O., Seite 93 | | |
Damit hat die Autorin den Leserkreis beschrieben: Pferdefreunde oder solche, die es werden wollen, die einen Hang zum nordafrikanischen Kulturkreis pflegen und den reinrassigen Arabern nicht so viel abgewinnen können. Es erwartet Sie ein wunderbares Buch mit schönen Fotos, einem Einblick in eine fremdartige Kultur, viel Hintergrundwissen und Begeisterung für eine uralte Pferderasse, die ihre konstituierenden Eigenschaften über Jahrtausende bewahren konnte.
erschienen 10.06.07
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 178, Slawik, Christiane: › Tinker Ponies, Irlands coole Schecken, Ein Rasseportrait
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