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Xenophon, der Neunmalkluge Ein Schlachtenbummler in persischen Diensten von Gerd Hebrang
Zu den Themen Kulturgeschichte, Verhalten |
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Der meisterliche Pferdetrainer » Kikkuli aus Mitanni, so hatten wir gesehen, der vor rund 3500 Jahren die Armee der Hethiter erfolgreich aufgerüstet hat, kann uns Heutigen noch etwas beibringen. Dieser Meinung ist jedenfalls Ann Nyland, die als Züchterin und Distanzsportlerin seine schriftlichem Aufzeichnungen neu übersetzt und in die Praxis umgesetzt hat (» The Kikkuli Method of Horse Training). Damit handelt es sich um die älteste bislang bekannte Überlieferung zum Umgang mit Pferden. Sie wurde 1906 bei Ausgrabungen auf Keilschrifttäfelchen gefunden und Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts entziffert.
Demgegenüber sind die Schriften des Griechen » Xenophon zum Thema Pferde nie wirklich untergegangen. Wie weit sie tatsächlich in der Praxis eingesetzt wurden und damit Einfluß ausübten, scheint aber nicht weiter bekannt zu sein - jedenfalls habe ich nirgendwo entsprechende Hinweise gefunden. Heutzutage allerdings berufen sich viele auf Xenophon, vor allen Dingen die Kämpfer für die wahre klassische Dressurmethode (z. B. » XENOPHON e.V.).
Ob der Bezug auf historischen Quellen aber wirklich berechtigt ist, ist schwer auszumachen. Können Xenophon und Kikkuli uns heute noch weiterbringen? Waren die damals klüger als wir? Ann Nyland muß uns verständlicherweise versichern, daß Kikkuli hochaktuell ist, denn sie hat sich damit ihren Doktortitel verdient und möchte ihr Buch verkaufen. Inwieweit ihre Erfolge sich aber wirklich auf Kikkuli stützen und ob ihre Methoden bzw. die Methoden Kikkulis so wirksam sind wie behauptet, kann erst dann beurteilt werden, wenn diese von vielen Menschen über lange Zeit erfolgreich und übereinstimmend angewandt wurden. Alles andere ist nämlich reiner Wunschglaube. Dieser Einwand betrifft natürlich auch Xenophon.
Was Erkenntnis bedeutet und inwiefern Wissenschaft zum Erkenntnisgewinn beiträgt, habe ich verschiedentlich schon erörtert. Die Wirklichkeit ist äußerst komplex. Nicht nur sind wir Menschen alle verschieden, auch die Pferde sind verschieden, sowohl vom Charakter als auch von der Erfahrung sowie von Rasse und Veranlagung her. Kein Wunder, daß der Streit über das wahre Wesen des Pferdes und die wahre Methode des Umgangs und der Ausbildung ununterbrochen und unvermindert tobt.
Jeder Mensch hat es zu einem beliebigen Zeitpunkt immer nur mit einem einzigen Pferd zu tun, vielleicht noch mit mehreren Pferden, wenn es sich um mehrspänniges Fahren handelt. Dabei lernen Pferd und Mensch wechselseitig voneinander. Und welche Auswirkungen die Persönlichkeit eines Menschen auf ein Pferd haben kann, zeigt jeder Pferdeflüsterer, wovon man sich unter anderem leicht auf großen Pferdeveranstaltungen wie der Equitana überzeugt. Das Studium eines Buches, das Erlernen einer Methode sind vermutlich nicht genug, um wirklich etwas über Pferde lernen zu können und zu einem wahre Meister zu reifen. Persönlichkeit kann man nicht kaufen.
Die Frage, wer zuerst gelernt hat, mit Pferden umzugehen und wie er das bewerkstelligt hat, wird sich durch schriftliche Überlieferungen nicht klären lassen. Als der Mensch die Schrift beherrschte, war die Kunst des Umgangs mit Pferden vermutlich bereits genauso unterschiedlich entwickelt wie heutzutage. Zwar haben wir heute wahnsinnig viele Bücher zu diesem Thema und auch viele begnadete Meister, trotzdem muß jeder Mensch wieder von vorne anfangen und den Umgang mit Pferden lernen, wobei ihm Bücher und Lehrer durchaus helfen können. Den entscheidenden Schritt muß jeder aber selbst tun.
Die Möglichkeiten, die jemand hat, werden freilich durch sein Umfeld ganz erheblich eingeschränkt. Deshalb halte ich es durchaus für möglich, daß wir noch gar nicht wissen, was Pferde eigentlich sind, weil wir mit vorgefaßten Meinungen an Pferde herangehen.
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