|  | | Goldene Staatskutsche, genutzt für Krönungsfeierlichkeiten und Jubiläen |  |  |  |
| |  | | Achtspännig vom Sattel gefahren |  |  |  |
| |  | | Heinrich Albert Oppermann, 1812-1870, Rechtsanwalt, Politiker und Schriftsteller |  |  |  |
|
Herr Gemahl, Sie müssen züchten Eine Fiktion über den Beginn Hannoverscher Zucht von Heinrich Albert Oppermann (1812-1870) Zum Thema Geschichte |
|
|
Es war Ende Mai des Jahres 1780, als die Gräfin Melusine eines Tages ihren Gemahl in ihr Boudoir bitten ließ. Ein seltenes Ereigniß das. Sie saß an dem mit Papieren und Briefen bedeckten Schreibtische und schien lange Rechnungen studirt zu haben. Als Graf Wildhausen erschien, nöthigte sie ihn wie einen Fremden, auf einem Fauteuil Platz zu nehmen. "Mein liebwerther Herr Gemahl", redete sie denselben an – natürlich französisch, denn der deutschen Sprache schämten sich die Deutschen vom Adel damals – "mein Rentmeister schreibt mir, daß seit Jahren schon meine Einkünfte nicht mehr ausgereicht haben, unsere Ausgaben zu decken, es haben von Jahr zu Jahr Hypotheken aufgenommen werden müssen, sodaß die jährlich zu zahlenden Zinsen die Pachterträge des Tiefwiehes verschlingen. Der alte treue Mann jammert über die Kostspieligkeit Ihres Gestüts." Der Graf machte Miene sich zu erheben. "Bitte, bleiben Sie sitzen. Ich stehe erst im Anfange meiner Mittheilungen. Der Mann meint es gut. Er hat einen Plan, mit dem Ihnen und mir geholfen sein wird; es muß aber geholfen werden, denn, Herr Graf, ich freue mich, Ihnen die Mittheilung machen zu können, daß ich die Hoffnung habe, Ihren Lieblingswunsch zu erfüllen und das Geschlecht der Grafen Wildhausen bis an das Ende aller Dinge fortzupflanzen. Wir müssen für den künftigen Stammhalter sparen. Ich weiß, Sie können ohne Ihre Pferde nicht leben, Sie müssen züchten. Das sollen Sie auch in Zukunft wie bisher, ja in noch größerm Umfange, nur nicht auf Ihre Kosten, sondern auf Kosten unsers theuern Landesvaters und natürlich zur Beglückung seiner getreuen Unterthanen." "Oberhauptmann von Schlump ist gestorben; man kann die Stelle mit einem bürgerlichen Amtmann besetzen, dem man die Vorwerkspacht nicht gibt. Einige Streuparcellen, damit ihm Heu für die Pferde und das Rindvieh nicht fehlt, liegen auch noch da herum, die er benutzen kann. Man nimmt den Heustedtern die Hälfte des Boswiehes, legt das Herrschaftswiehe hinzu und hat einen herrlichen Weideplatz. Das Vorwerk Kirnberg wird zum Gestüt eingerichtet. Claasing wird Obergestütmeister – Sie befehlen und ordnen an, kaufen auf kurfürstlich-königliche Rechnung, verkaufen das eigene Gestüt an Georg III." Graf Wildhausen senkte den Kopf, ohne welches Manöver ihm das Denken schwer fiel. Es dauerte lange, ehe er sich in die neue Situation hineindachte. Endlich hatte er sie überschaut. Es war richtig, zwischen einem königlich-kurfürstlichen Gestüt und einem eigenen war nur der Unterschied, daß ersteres dem Könige, letzteres dem Grafen schweres Geld kostete. Sein Verfügungsrecht als Oberstallmeister war dasselbe; ob der König Eigentümer hieß, war der Sache nach gleichgültig; Georg III. war noch nie in Hannover gewesen und mochte schwerlich je hinkommen. Er konnte seinen Lieblingsplan, die hoyaische Rasse zu veredeln, aus dem Staatsseckel viel eher durchführen. Es ließen sich vielleicht sogar Maßregeln gegen das Decken von Bauer- und Privathengsten von Gesetzes wegen treffen. Der Graf erhob den Kopf, küßte der Gemahlin die Hand und sagte: "Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind immer klug und vorsorglich. – Ich hoffe, daß der Preis meines Gestüts hinreichen wird, die Schulden zu decken, welche Sie haben contrahiren müssen. Ein Graf Wildhausen soll mindestens Ihre Güter unverschuldet haben, das ist nothwendig, den Glanz der Familie zu erhalten, ich sehe das ein. Vielleicht ist es gut, ein Majorat daraus zu machen. Aber wird der König wollen? Wird das Geheimrathscollegium wollen?" "Wollen? Der König muß wollen", erwiderte Melusine. "Sehen Sie, liebenswürdigster aller Gemahle", fuhr sie fort, "obgleich Georg sein Hannover vernachlässigt, so wird er doch alles thun, was wir wollen, wenn Sie die Errichtung eines Gestütes in Heustedt in Verbindung bringen mit dem Gedanken, der ihn ausschließlich beschäftigt, wie er die Prärogative der Krone ausdehne, die Herrschaft des Parlaments und der Minister einschränke. Sie Geistreicher vermögen das. Ich verlange nicht gerade eine logische Verbindung, es wird genügen, wenn Sie die beiden Dinge in einem Athem aussprechen." "Denken Sie an den Ruhm, den es Ihnen bei der Nachwelt sichert, wenn es heißt: Sr. Excellenz, dem Grafen Wildhausen ist es nach unermüdlichen Bemühungen gelungen, König Georg III. zur Anlage des berühmten Gestüts in Kirnberg-Heustedt zu bewegen und die Umgestaltung der starkknochigen unedeln Rasse der hoyaischen Pferde in edles Halbblut zu bewerkstelligen." "Was Claasing anlangt, so war er, wie Sie wissen, der treueste Diener der Schwester des Königs, mit der er von Dänemark herüberkam. Das verdient Belohnung. Sollte wider Erwarten Ihr Wunsch nach Rasseveredlung der hoyaischen Pferde nicht Anklang genug bei dem Könige finden, – er macht sich aber leicht die Ideen anderer zu eigen, – so spielen Sie auf die Summen an, die England Hannover noch aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges schulde, das wird von Nachdruck sein. Sprechen Sie mit allem Enthusiasmus von der Sache, die Ihnen so tief ins Herz gewachsen ist. Lassen Sie sich die Gelder zum Ankaufe englischer Hengste gleich anweisen. Sie haben aus der Reise Zeit, darüber nachzudenken, wie Sie Ihre Worte stellen wollen. Sprechen Sie deutsch mit dem Könige. Richten Sie sich ein, morgen zu reisen, nehmen Sie von niemand hier Abschied und sagen Sie, daß Sie nach Holland gehen. Ich werde Ihre Abwesenheit bei den Collegen entschuldigen. Es ist nothwendig, daß diesen der Plan als ein directer und persönlicher Wunsch Georgs III. dargestellt werde, das wird hier allen Widerstand niederschlagen." Der Graf, der noch nie einer Anordnung Melusinens widersprochen, fügte sich auch hier. Er reiste.
| |