
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 26.11.2006
Emsdetten
Es ist gerade eine Woche her, da erschütterte ein weiterer Amoklauf die Nation und die Welt. Und wieder wurden Rufe nach Verboten laut - wie immer nach solchen Ereignissen. Gleichzeitig traten die Beschöniger auf, die die Realität umschminken möchten. Die offensichtlichen Zusammenhänge werden geleugnet oder kleingeredet.
Es dürfte klar sein, daß mit Verboten wenig erreicht werden kann - Verbote lassen sich kaum durchsetzen und überdies leicht umgehen. Im übrigen - wie sang Wolf Biermann doch so schön? "Was verboten ist, das macht uns gerade scharf."
Er meinte natürlich etwas ganz anderes, und das fanden wir gut. Was jetzt gemeint ist, kann eigentlich niemand gut finden. Die Welt insgesamt verroht und wird ständig brutaler. In jeder Hinsicht - ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?
Die neue Brutalität
Auch unsere Autos sehen immer brutaler aus - und das kommt gut an. Sie sehen nicht nur aggressiver aus, sondern sie haben auch entsprechend mehr Power, werden von Jahr zu Jahr stärker. Eine Abrüstung ist völlig unvorstellbar. Vor 30 Jahren war ein Golf mit 110 PS eine Sensation. Heute können Sie einen Passat mit 300 PS kaufen.
Die soziale Wirklichkeit wird auch immer grausamer. Die Arbeitslosen sind neuerdings selbst schuld an ihrem Elend. Und alle gehen davon aus, daß es noch viel mehr werden. Alleine die Deutsche Post wird in den nächsten Jahren weitere zehntausende Mitarbeiter freisetzen. Und diese Menschen, die unverschuldet ins Unglück gestoßen werden, werden bestimmt in den nächsten Jahren noch weiter unter Druck gesetzt werden. Eine entsprechende Wette kann man eigentlich nicht verlieren.
Rettung
Es ist niemand in Sicht, der wüßte, wie man die gesellschaftlichen Probleme in den Griff bekommen könnte. Allenthalben lösen sich bis dato fest geglaubte Werte auf. Nichts scheint mehr Gültigkeit zu haben. Von mir können Sie auch keine Lösung erwarten. Aber Trost.
Es war nämlich schon immer ganz schlimm, und dann tauchte unvermittelt, aber zuverlässig irgend jemand auf und zitierte Hölderlin: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Irgendwie wird die Zukunft immer ganz anderes, als die Gegenwart erwarten läßt. "Man kann gar nicht so kompliziert denken, wie es dann schließlich kommt", soll Willy Brandt gesagt haben. Also: Nur Mut! Es wird schon werden.

| | | Chefredakteur und Herausgeber | | | | |
|