
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Diese Bücher sind erst im letzten Jahr geschrieben worden, sind also brandneu. Die Autorin » Kathleen Duey hat die Bände als Teil einer Reihe konzipiert (HOOFBEATS, Hufschläge). Jeweils vier Bände sollen Mädchen in verschiedenen Zeitaltern mit Pferden schildern. Dies ist Band eins von Reihe zwei.
Die erste Reihe scheint im 18. oder 19. Jahrhundert zu spielen. Die Protagonistin Katie lernt Pferde auf dem Treck von Iowa nach Oregon kennen. Die zweite Reihe hat anscheinend wesentlich mehr Erfolg gehabt, vermutlich weil sie in den USA in der renommierten » Booklist der » American Library Association besprochen und empfohlen worden ist.
Vermutlich deshalb werden diese Bände jetzt in Deutschland vorgelegt und in andere Sprachen übersetzt, u. a. ins Dänische, Niederländische, Ungarische. Es winkt ein risikoloses Geschäft. Was in den USA gut läuft, verkauft sich meist auch anderswo gut, wenn nur die kulturellen Grundlagen stimmen.
Pferde waren fast überall lebenswichtig. Die Pferde sollen deshalb nicht nur aus romantischen Gründen eine Rolle spielen, sondern wegen ihrer Rolle für unsere Geschichte.
| Horses are at the center of human history. They have carried our hopes, our dreams...and our children.
Pferde sind im Zentrum der menschlichen Geschichte. Sie haben unsere Hoffnungen und unsere Träume getragen ... und unsere Kinder. » HOOFBEATS | | |
Nicht nur mit diesen Büchern hat die Autorin sehr viel Erfolg. Zu einem Buch über Einhörner, das Eltern ihren Kindern vorlesen können, hat sie über 7000 E-Mails bekommen. Kein Wunder, daß sie geradezu euphorisch ist und sich wie wild in die Arbeit stürzt. Nicht nur neue Buchprojekte, auch Lesungen in Buchhandlungen und Schulen im ganzen Land, Vorträge auf Kongressen und in Universitäten nehmen sie in Anspruch, ständig ist sie auf Reisen.
Dabei geht es der Autorin nicht nur um materielle Vorteile. Sie hat eine Botschaft, sie sorgt sich um unsere Gesellschaft und die Zukunft:
| In troubled times, it is up to each of us to make sure our very being contributes to a world where children can live and grow into adults who will further civilization. Don't miss a chance to make the world kinder, more respectful, smarter, better run. It really is up to us.
In schwierigen Zeiten kommt es auf jeden von uns an; wir müssen unseren Teil dazu beizutragen, daß Kinder leben und heranwachsen und unsere Zivilisation weiterentwickeln können. Lassen Sie keine Gelegenheit aus, die Welt freundlicher, respektvoller, intelligenter, besser zu gestalten. Es ist wirklich unsere Entscheidung. » HOOFBEATS | | |
Das klingt gut - aber bei den Amerikanern weiß man ja nie so genau, ob das Floskeln sind, die erwartet werden, weil sie politisch korrekt sind, oder ob jemand ein echtes Anliegen hat. In der Produktion von Unechtem sind die Amerikaner unübertroffen, aber das Gegenteil trifft genauso zu. Wir werden also die Probe aufs Exempel machen müssen.
Die Empfehlung der amerikanischen Bibliothekare ist vermutlich vergleichbar mit der Aufnahme in den Bertelsmann-Buchclub: Wenn alle Bibliotheken dieses Buch kaufen, ist der kommerzielle Erfolg nicht aufzuhalten. Anscheinend ist er aber schwer erarbeitet. Je nach Quelle hat die Autorin mehr als 60 oder 70 Romane für Jugendliche geschrieben - da lernt man sein Handwerk (» Spring Spirit II). Das Schreiben ist ja in Amerika tatsächlich zunächst einmal Handwerk; man soll dort in Kursen lernen können, wie man einen Bestseller schreibt. Diese Schreibkultur bringt natürlich eine ungeheure Konkurrenz hervor; wer sich darin hervortut, sollte es auch auf dem deutschen Markt bringen - das ist jedenfalls das Erfolgsrezept unserer Verlage seit vielen Jahren.
Übersetzungen können sehr schlecht ausfallen; selbst wenn das Original vorzüglich ist, kann die Übersetzung fürchterlich sein. Wir haben es hier also mit einer Doppelleistung zu tun; die Übersetzung ist ein Teil der Miete. Die vier Bände der ersten Reihe sind anscheinend auch nicht ganz erfolglos; bei Amazon Deutschland kann man sie sowohl als Taschentuch als auch als Hardcover-Ausgabe erwerben (» Kathleen Duey Katie), Amazon USA bietet außerdem noch alle vier Bände in einer Box an (» Hoofbeats: Katie and the Mustang Gift Set).
Die Konzeption klingt vielversprechend, sogar aufregend: Mädchen im entsprechenden Alter aus unterschiedlichen Kulturkreisen, Zeitaltern, Kontinenten erleben Abenteuer mit Pferden. Man kann die gesamte Kulturgeschichte darin unterbringen, nebenbei eine Menge Wissen vermitteln und außerdem noch pädagogisch wirken. Durch die Beschränkung auf vier Bände ergeben sich jeweils abgeschlossene Schicksale, die Reihe läßt sich beliebig fortsetzen. Mit ein bißchen Phantasie und viel Recherche, durch das Internet heute sehr leicht gemacht, könnte die Autorin für den Rest ihres Lebens ausschlielich in dieser Richtung produktiv sein.
Im Vorwort zu den » Ayla-Romanen bekennt ein Historiker, daß Schriftsteller die Vergangenheit möglicherweise viel authentischer, glaubwürdiger und vielleicht auch wahrheitsgemäßer darstellen können als Wissenschaftler. Falls Sie diese Romane nicht gelesen haben: Es geht um die Zeit, als die Neandertaler noch lebten. Die Autorin läßt uns miterleben, wie ganz wesentliche Erfindungen gewissermaßen nebenbei gemacht werden, u. a. die Domestizierung von Hund und Pferd. Übrigens ist auch in dieser Serie der Held weiblich. Das Pferd wird von einer Frau gezähmt und zugeritten.
Über das 14. Jahrhundert wissen wir im Gegensatz zu dieser Epoche vergleichsweise viel, auch über das 14. Jahrhundert in Irland. Irland war über weite Strecken seiner Geschichte arm und unterdrückt. Allerdings wird die Geschichte üblicherweise von den Siegern und den oberen Klassen geschrieben. Über das Leben des einfachen Volkes wissen wir meist relativ wenig. Zwar ist der Vater der Heldin Lara ein Anführer, aber nur eines Clans, d. h. einer kleinen gesellschaftlichen Gruppierung, die nicht viel Macht ausüben kann. Überhaupt dürfen wir uns das Leben in dieser Zeit nicht so vorstellen wie heute: Entfernungen hatten eine ganz andere Bedeutung, Macht über räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg auszuüben war wesentlich schwieriger. Die Wikinger hatten 500 Jahre früher sporadisch Überfälle verübt - erst die Anglo-Normannen hatten versucht, eine Fremdherrschaft zu errichten und aufrechtzuerhalten, nachdem sie in einem Clan-Konflikt zu Hilfe gerufen worden waren - das hatten wir im Hauptartikel der letzten Woche gelernt.
Ich schlage jetzt ganz willkürlich das Buch auf und hoffe, etwas zu finden, das uns in der Beurteilung dieses Buches weiterbringt.
| Dann brach ich ein Bröckelchen Käse von ihrem winzigen Vorrat. Sie hatte Recht. Wir hatten nur noch wenig Essen übrig. Wenn die Kühe nicht bald kalbten und wieder Milch gaben, würden wir noch schlimmeren Hunger leiden.
"Wir sollten ihn nicht essen", sagte meine Mutter, als sie den Käse sah. "Wir sollten alles, was wir übrig haben, für deinen Vater aufheben, wenn er kommt."
Da ich wußte, daß sie das sagen würde, hatte ich eine Antwort bereit. Sie hatte Recht und Unrecht zugleich.
"Du wirst Kraft brauchen, um ihn zu pflegen, wenn er verwundet ist", erinnerte ich sie.
Nach einer Weile nickte sie und nahm das Essen an. Ich sah, wie sie den Dampf des Gerstenwassers einatmete, bevor sie davon trank. Ich sah ihr zu. Das Essen beruhigte sie, wie ich gehofft hatte. Ihre Augen verloren den wilden Ausdruck. Sie war zu dünn geworden - dünner als normalerweise um diese Jahreszeit. Aber alle waren es. Es war wahrlich ein mageres Jahr.
"Die hellbraune Stute hat ihr Fohlen geworfen", sagte ich.
Meine Mutter lächelte. Ihr Blick schien mir noch etwas seltsam und entrückt. "Ohne Probleme?"
Ich schüttelte den Kopf. "Keine, das Fohlen kam ohne Mühe auf die Welt, erst seine kleinen Vorderhufe, dann sein Maul und dann der Rest. Es ist wunderschön."
Sie nickte. "Ich habe es mir sogar einmal gewünscht."
Ich wußte nicht, was sie meinte, also wartete ich, daß sie fortfuhr.
"Ich habe mir gewünscht, daß er verwundet wird - nur so sehr, daß er begreift, daß all diese Kriege Irrsinn sind. Daß wir ihn hier brauchen."
Ich mußte daran denken, daß mein Vater unglücklich wirkte, wenn er hier war, daß er die Kriege und die Abenteuer offenbar mehr liebte als jeden von uns, aber ich sagte es nicht. Ich kannte meinen Vater nur so, wie jede Tochter ihren Vater kennt. Nur meine Mutter kannte ihn in- und auswendig.
Ich schaute auf und sah Bebinn und Gerroc den Pfad entlangkommen, bereit, mit der Tagesarbeit zu beginnen. Ich machte nur eine schnelle kleine Bewegung, als würde ich Schafe wegscheuchen. Sie zögerten einen Augenblick, dann drehten sie ab; sie hatten begriffen, daß wir allein sein mußten, meine Mutter und ich.
Als meine Mutter aufstand, um ins Haus zu gehen, folgte ich ihr und saß bei ihr am Feuer, bis sie wieder eingeschlafen war. Dann schlich ich auf Zehenspitzen hinaus und hoffte, daß sie bis zum Nachmittag schlafen würde.
Ich lief den Hang hinunter, dorthin, wo die Stuten weideten. Das kleine schwarze Fohlen stand noch unsicher auf seinen Beinen. Es sah wunderbar aus, wie es neben seinen grasenden Mutter dahinstolperte.
Die Hirtenjungen sahen mich, und einige riefen mir nach und wollten mich ärgern, indem sie mich einen komisch aussehenden Pferdejungen nannten. Ob ich mich verirrt hätte, wollten sie feixend wissen.
"Seid still!", rief Tally schließlich. "Ihr klingt wie Hühner. Hat einer von euch ein Ei gelegt?"
Da mußten sie lachen und wurden gleichzeitig rot. Ich sandte ihm einen dankbaren Blick, und er nickte mir zu, eine winzige Bewegung, die niemand sonst bemerkte. Für einen Augenblick beneidete ich Bebinn. Tally war nett.
Denn während die Jungen sich noch wunderten, warum Tally sich für mich eingesetzt hatte, ging ich zur Herde und redete leise mit den Stuten. Die meisten schauten nicht einmal auf, aber die Graue hob den Kopf und kam zu mir. Ich berührte ihre Wange, dann legte ich meine Hand auf ihre Stirn und versuchte, nicht zu weinen, während ich ihr ins Ohr flüsterte, was geschehen war. Es gab sonst niemanden, dem ich es hätte erzählen können. Alle anderen unseres Clans hätte es beunruhigt zu wissen, daß mein Vater verletzt worden war.
Als ich wußte, daß ich wieder lächeln konnte, drehte ich mich um und rannte los. Ich dachte über das Reiten nach. Ich wollte ein eigenes Pferd, ein Pferd, auf dem ich so schnell über die Wiesen reiten konnte wie der Wind und so laut wie der Donner. Nicht um in den Krieg zu reiten wie die Männer, nicht um in Schlachten zu kämpfen, nur aus reiner Freude.
"Was ist passiert?", fragte mich Bebinn, als ich zu ihrem Haus kam. Ich sah zu ihr, dann hinauf zum Himmel, dann wieder zu ihr. Mir widerstrebte es, die Wahrheit zu sagen, aber ich wollte auch nicht lügen.
"Du mußt es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst", sagte sie. Ich wußte, daß sie es ehrlich meinte, aber ich merkte auch, daß sie beleidigt war. Ich betastete die Spange unter meinem Umhang, das Metall war warm und geschmeidig. Wenn ich auch die Sache mit meinem Vater für mich behielt, hatte ich schon zwei Geheimnisse vor ihnen. a.a.O., Seite 58 - 61 | | |
Was meinen Sie? Ist das gut? Ich glaube schon. Die Landschaft wird für mich nicht greifbar, es ist bei diesem kleinen Ausschnitt nicht zu erkennen, daß wir in Irland sind, die "ich"-Wiederholungen sind ermüdend, aber die Zeit und ihre Probleme werden sehr klar herausgearbeitet. Das Mädchen schildert aus seiner Sicht, vielfältige Beziehungen werden deutlich, Konflikte angesprochen, Wünsche, Hoffnungen und Verzweiflungen.
Die Autorin läßt zu Beginn eines jeden Kapitels die Stute sprechen. Schauen wir uns an, wie sie uns in den Bann zieht:
| KAPITEL EINS
Das Mädchen, das sich morgens neben mich stellt, bringt mir Büschel von Hafer - und ihre sanfte Stimme. Ich bin so froh, daß ich nicht mehr bei den schreienden Männern sein muß und dem stechenden Geruch von Zorn und Streit.
"Lara!" rief Fallon im Morgengrauen, kurz vor Sonnenaufgang. "Lara O'Marchach!"
Ihre Stimme war laut genug, um einen Stein zum Leben zu erwecken
Natürlich antwortete ich ihr nicht.
Ich war nicht dumm. Außerdem wollte ich gerade nachsehen, ob die graue Stute schon ihr Fohlen hatte. Also wich ich, leise wie eine nächtliche Brise, zur Seite und versteckte mich im dunklen Schatten unter der Eiche, die nicht weit vom äußeren Tor des Geheges stand.
Fallon war meine Tante. Sie war 14 Jahre alt und noch nicht verheiratet.
Sie war fünf Jahre älter als ich, und sie machte mir Angst. Ihre Stimme klang wie Eisen auf Stein. a.a.O., Seite 5ff. | | |
Donnerwetter! Das Pferd riecht Gefühle. Mit 14 Jahren sollte ein Mädchen längst verheiratet sein. Das sollte eine Neunjährige doch schlagartig einstimmen. Könnte es sein, daß sie jetzt doch nicht mehr wissen will? Vermutlich nicht. Gefangen nach einer Seite. Gutes Handwerk.
Lesen bildet, davon bin ich überzeugt, mehr als Fernsehen oder Computer-Spiele. Es sollte mehr gelesen werden, aber dazu bedarf es natürlich entsprechender Bücher. Ob Harry Potter so das ist, was der besorgte Zeitgenosse sich als bildende Lektüre für die heranwachsende Generation wünscht, wage ich zu bezweifeln. Andererseits dürfte es schwerfallen, die Faszination der Potter-Serie zu übertreffen. Aber unsere Welt ist außerordentlich vielschichtig, und viele arbeiten an der Bewußtseinsentwicklung. Wenn die Bücher um Lara weitere Verbreitung finden sollten, dann wäre für unsere Jugend schon einiges gewonnen. Die Mädchen würden Selbstbewußtsein tanken, sich in für uns unvorstellbare Lebensverhältnisse einfühlen können, viel über Geschichte lernen und ihr eigenes Selbstwertgefühl und Entwicklungspotenzial durch Vergleich stärken. Es gibt tonnenweise schlechtere Lektüre für Mädchen ab 9.
Für eine Hitliste von 200 Mädchen-Identifikationsfiguren ist Lara offenbar zu neu gewesen, aber die Vorgängerin Katie hat es unter die ersten 100 geschafft: » 200 Cool Girls from Children's Literature. Von Astrid Lindgren wird nur Pippi Langstrumpf erwähnt; dabei ist › Ronja Räubertochter viel interessanter, in den USA aber offenbar unbekannt. Es handelt sich bei Ronja um ein entfernt ähnliches Konzept, wobei das Geschehen im ausgehenden Mittelalter angesiedelt ist, wo einige Ritter zu Raubrittern verkommen sind. Im Vergleich ist Lindgrens Buch viel phantastischer, märchenhafter, Laras Geschichte glaubhafter, realistischer.
Diese Hitliste ist übrigens an sich ebenfalls bemerkenswert. Sie ist Teil eines Blogs (Web-Tagebuch), den eine akademisch ausgebildete kalifornische IT-Unternehmerin schreibt (Jennifer Robinson, Bachelor an der Duke University, Master of Science in Industrial Engeneering an der University von Texas in Austin, Ph.D. = Philosophical Doctor an der University von Massachusetts). Sie macht sich die Mühe, damit Kinder und Erwachsene zum Lesen angeregt werden, und unterstützt außerdem ihre lokale Bibliothek.
Gibt es so etwas hierzulande? Kann ich mir nicht vorstellen. Zwar leben bei uns etwas weniger Menschen als in den USA, aber so wenige sind wir ja nun auch nicht, und die deutschsprachige Schweiz und Österreich gehören zum Sprachraum noch dazu. Wir können also noch viel von den Amerikanern lernen.
Apropos lernen: Auch die Autorin führt ein Blog, in dem sie mitteilt, was sie alles erfährt und plant und umsetzt, und darin fand ich mit Bezug auf unser Buch:
| If you earn a horse's friendship, you have learned a great deal about life. Wenn du dir die Freundschaft eines Pferdes verdient hast, hast du sehr viel über das Leben gelernt. » ~~~blog~~~ writing, travel, etc... | | |
Genau: Pferde sind die großen Erzieher, wenn man sie läßt. In diesem Buch spielen sie eigentlich eine eher untergeordnete Rolle.
PS: Die Übersetzungen sind von mir, die Rechtschreibung auch; im Buch ist sie natürlich reformiert.
erschienen 25.06.06
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