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Bericht Zum Thema Tierschutz · Rezension: Auch wir haben Gefühle
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 376.06 der Pferdezeitung vom 11.06.06
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  Magazin
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Rai, Fred

Auch wir haben Gefühle
Das emotionale Verhalten der Pferde

144 Seiten mit zahlreichen Farbfotos.
Dasing, 1988, 2. Auflage 2002 · Nessos Verlag
ISBN 9783000025075


vergriffen, » antiquarisch suchen


Der Verlag sagt über das Buch:

Tiere können nicht falsch sein.



Rückentext

Nicht für die Entdeckung des äußeren Zeichens von Freude bei Pferden, sondern auch die neue Erkenntnis, daß das Gefühl die wichtigste Schaltstation einer Handlung ist und allein über das Wohl- oder Unwohlempfinden jedes Lebewesens entscheidet, sind die Ergebnisse gründlicher Studien von Pferdepsychologe Fred Rai.

"Tiere können nicht falsch sein. Aber nur bei Kenntnis aller Verhaltensweisen und Triebe, auch des ausgeprägten Gefühlslebens, sind Reaktionen voraussehbar. Es ist höchste Zeit, daß das Gefühlslebens dieser Tiere endlich erkannt und in deren Verhaltensmuster aufgenommen wird. Die Kenntnis des Gefühlslebens der Pferde ist für jeden Reiter und Pferdefreund wichtig, um sein Tier besser verstehen und führen zu können. So wird dieses Buch für alle Pferdefreunde eine unentbehrliche Hilfe beim Umgang mit dem Kameraden Pferd sein, zumal es speziell über das Gefühlslebens der Pferde bisher fast nichts nachzulesen gibt."

Fred Rai






» www.rai-reiten.de





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Die Bücher von » Fred Rai müßten Bestseller sein. Ich fürchte, sie sind es nicht. Woran liegt das? Lassen Sie mich ein wenig spekulieren. Es liegt bestimmt auch am Verlag. Klaus Ferdinand Hempfling, der berühmte Bestseller-Autor, hat überwiegend bei Kosmos publiziert, und Kosmos ist ein großer Verlag, führend im Bereich der Pferdebücher. Allerdings war eines der Bücher Hempflings offenbar so stark in die Esoterik abgedriftet, daß Kosmos dafür nicht zur Verfügung stand. Vermutlich war dieses Buch trotz des inzwischen berühmten Autors auch deshalb weit weniger erfolgreich. Außerdem: Pferdeleute suchen nicht in der Esoterik-Abteilung einer Buchhandlung.

Dabei waren sicher nicht alle Bücher aus dem Kosmos Verlag gleich erfolgreich, einfach weil die Bücher Hempflings in der Qualität stark streuten. Berühmt ist sein erstes Buch "Mit Pferden tanzen"; diesbezüglich hat der Verlag sogar einmal Zahlen veröffentlicht: Mehr als 50.000 verkaufte Exemplare. Verglichen mit Bestseller-Romanen ist das natürlich immer noch sehr bescheiden. Aber wie groß ist der Markt? Romane kann jeder lesen, doch für Pferdebücher interessieren sich höchstens Pferdeleute.

Wenn man bedenkt, daß es in Deutschland etwa eine dreiviertel Million organisierte Reiter gibt und fast 10 Millionen Menschen, die an Pferden interessiert sind, kann man das Potential besser beurteilen, das für Bücher wie die von Fred Rai eigentlich interessant sein müßte. Der Autor ist nach meiner Einschätzung mindestens so attraktiv wie Hempfling, dabei aber vermutlich längst nicht so eingebildet, als Showstar auch außerhalb der Pferdeszene bekannt und bestimmt ebenso mit allen Mitteln der Publicity vertraut.

Er hat im Gegensatz zu Hempfling ein Leben lang mit Pferden zu tun gehabt, war fest in die Turnierszene integriert und dort sportlich erfolgreich, besitzt eine große Ranch in den USA, wo man seine Art des Reitens auf seinen Pferden, womöglich unter seiner » persönlichen Anleitung lernen kann, betreibt in Dasing bei Augsburg den Freizeitpark » Western-City und hat seine eigene Reiseagentur » Rai-Reisen, die den Urlaub auf seiner Ranch organisiert. Und selbstverständlich bildet er seine eigenen Trainer aus, die das von ihm entwickelte » Rai-Reiten in der Fläche unterrichten.

Verglichen mit Michael Geitner, dessen überwältigende Präsenz im Internet ich in  Rezension 359 untersucht habe, müßte Fred Rai also viel populärer sein, schon allein wegen seiner vielseitigen Aktivitäten - schließlich ist Rai auch noch erfolgreicher Sänger. Google kennt aber unter diesem Namen nur 21.400 Einträge (Hempfling 28.500, Geitner 50.300), und diese Suche wird lediglich von eBay und Amazon beworben, und zwar ganz unspezifisch, statt wie in den anderen Fällen mit direkten Links auf einzelne Bücher. Dabei ist das vorliegende Buch nicht das erste und nicht das letzte von Fred Rai; zwei habe ich bereits besprochen, eins davon ist vergriffen (Südwest-Verlag), das andere im Verlag Naturbuch erschienen, das jetzt zu besprechende Buch im Nessos Verlag. Südwest, Naturbuch, Nessos?

Spekuliere ich weiter, so muß ich vermuten, daß die klassischen Pferdeverlage (Kosmos, Müller-Rüschlikon, BLV, Cadmos, FN-Verlag) am Autor Fred Rai nicht interessiert waren. Der Südwest-Verlag war und ist für alles mögliche berühmt, nur nicht für Pferdebücher. Der Naturbuch Verlag ist mir bisher noch nicht bekannt geworden; da er aber in Augsburg ansässig ist, hielt ich eine Verknüpfung mit dem Weltbild Verlag für naheliegend, und von daher auch eine persönliche Verbindung zu Fred Rai, der ja bei Augsburg seinen Freizeitpark betreibt. Ein bißchen Recherche bei Google erbrachte nichts über den Naturbuch Verlag, aber eine Fundstelle, in der ein Buch als vom Naturbuch-Verlag/Weltbild-Verlag herausgegeben erscheint - die Verbindung Naturbuch/Weltbild war also richtig geraten (» Rezension Fliegen und Mücken).

Das vorliegende Buch schließlich ist gewissermaßen im Selbstverlag erschienen, denn der Verlag hat dieselbe Adresse wie der Freizeitpark und auch dasselbe Symbol wie Fred Rai persönlich, nämlich einen Kentauren. Auf dessen Webseiten wird man auf einen Shop bei 1&1 verwiesen, wo man das Buch bestellen kann, aber keine weiteren Informationen findet, außer einem kurzen Werbesatz. Das ist schade.

Denn ich wünsche den Bücher von Pferde Rai die größtmögliche Verbreitung. Jeder Pferdeliebhaber sollte seine Bücher kennen - und das sind MILLIONEN. Wo kann man so viel über Pferde lernen wie bei Fred Rai, wer ist ein größerer Pferdekenner? Haben Sie schon einmal davon gehört, daß Monty Roberts einen Steiger persönlich gezähmt hat? Pat Parelli reitet selbst, das stimmt, aber ich erinnere mich noch gut an die Berichte über ihn und seinen Schüler in der Pferdezeitung, in denen beide gar nicht gut aussahen. Im Gegensatz zu manchen anderen Pferdeflüsterern arbeitet Fred Rai nicht hinter verschlossenen Türen - eine Wand seiner Reithalle in Dasing fehlt sogar, er könnte sich gar nicht verstecken, wie er mir einmal erzählte.

Anscheinend gibt es enorme Widerstände, die sich seiner Wirkung widersetzen, etwa in der Verlagslandschaft, wie man vermuten muß, aber auch unter Pferdeleuten selbst. Teilweise kann man das ja nachvollziehen. Fred Rai hat in seinem ersten Buch das Turnierwesen scharf angegriffen. Er selber war ein Teil des Systems und kennt die Sache also von innen her. Da die Pferde Schmerzen nicht äußern können, kann man sie quälen. Man kann nicht nur, man tut es auch. Und das will man sich natürlich nicht vorhalten lassen. Also müssen sämtliche Sportreiter Fred Rai verteufeln, das leuchtet ein. Für die FN ist es am besten, wenn man Fred Rai totschweigt.

Was aber treibt einen Mann wie Hanno Pilartz, seit 2003 im VFD Rheinland-Pfalz für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, dazu, in einem Forum des VFD auf die harmlose Frage nach der Beurteilung des Rai-Reitens forsch zu verkünden:

wenn Fred Rai etwas mehr von Pferden verstünde, könnte man ihn in eine Reihe mit Monty Roberts, Pat Parelli stellen....
Das sind m.E. alles Egomanen, denen es mehr um sich als um die Sache der Pferde geht....
Immerhin scheint seine "Methode" Pferden seelisch weniger zu schaden als die traditionelle "Hau-drauf-der-Bock-muss-drüber-Methode"
» www.vfdnet.de/wbb2/thread.php?threadid=3266

Da muß ich mich doch fragen, ob dieser Mann sich mit Fred Rai überhaupt auseinandergesetzt hat. Vermutlich nicht. Und warum muß er dann giften? Diese Formulierung "wenn Fred Rai etwas mehr von Pferden verstünde" ist einfach grandios danebengegriffen! Mir drängt sich da sofort die Gegenfrage auf: Was versteht Hanno Pilartz von Pferden?

Würde er das auch von mir sagen? Vermutlich. Pferdeleute neigen dazu, alles besser zu wissen. Jeder sein eigener Papst. Dabei bilde ich mir ein, eine Menge von Pferden zu verstehen. Und warum? Weil ich die Gelegenheit und das Glück hatte, entsprechende Beobachtungen zu machen, Beobachtungen, die zum Beispiel ein Olympiasieger mit ziemlicher Sicherheit gar nicht machen kann. Und zwar deshalb nicht, weil er seine Pferde in Boxen hält und damit nicht nur entscheidende Erkenntnisse über das Wesen von Pferden nicht gewinnen kann, sondern auch noch ganz elementar gegen wesentliche Bedürfnisse von Pferden verstößt.

In diesem Zusammenhang zitiert Fred Rai den bekannten Tierforscher Prof. Grzimek, der ihm gegenüber geäußert haben soll:

Pferdehaltung ohne täglichen freien Auslauf ist Tierquälerei.
a.a.O., Seite 44

Dieser Satz findet sich im Abschnitt über den Bewegungstrieb. Und dieser innerhalb einer systematischen Abhandlung über Triebe. Diese wiederum findet sich im Zusammenhang mit den grundlegenden Mechanismen, die für den Autor das Wesen der Tiere ausmachen. Die Ausführungen sind in sich schlüssig und überzeugend. Sie gründen sich auf Beobachtungen von Fred Rai, der mehr beobachten kann als Turniersportler, aber natürlich auch nur das, was ihm mehr oder weniger zufällig begegnet. Viele dieser Erfahrungen sind einzigartig und auch ihm erst sehr spät vergönnt gewesen, und deshalb darf man alle diese Ausführungen nicht als der Weisheit letzter Schluß ansehen. Fred Rai macht weitere Erfahrungen, die aber durch seine Pferde und seine Umgebung und ihn selbst natürlicherweise beschränkt sind. Andere Leute werden andere Erfahrungen machen. In diesem Sinne wünsche ich mir auch eine entsprechenden Verbreiterung der Forschungsbasis. Es soll doch nicht alles von diesem einen Mann abhängen!

Überhaupt können wir ja nur das beobachten, auf das wir vorbereitet sind, für das wir offen sind. So kann es geschehen, daß jahrtausendelang Beobachtungen nicht gemacht wurden, die anschließend mit Leichtigkeit wiederholt werden können, sobald irgend jemand sie einmal gemacht hat. Ein sehr schönes Beispiel bringt Fred Rai selbst. Wie üblich war er davon ausgegangen, daß Pferde keine Möglichkeit haben, Freude zu äußern, im Gegensatz zu Hunden, die er immer wieder als Kontrastbeispiel anführt, deren Schwanzwedeln ganz allgemein als Äußerung von Freude verstanden wird. Und eines Tages ist ihm ein Erlebnis vergönnt, das ihn eines Besseren belehrt.

[...] Es ergab sich, daß zwei Wochen auf meiner Ranch keine Gäste angesagt waren. Um mich wirklich vom Streß und den körperlichen Anstrengungen beim Bau der Gästehäuser zu erholen, faßte ich den Plan, zwei Wochen inmitten meiner 20köpfigen Pferdeherde zu leben. Schon lange war es mein Traum gewesen, in eine Pferdeherde integriert zu sein, einen bestimmten Rangordnungsplatz einzunehmen und das Verhalten der Tiere Tag und Nacht zu beobachten. Zusätzlich hatte ich mir die Aufgabe gestellt, auch bei Pferden ein äußeres Zeichen von Freude und Wohlbefinden zu entdecken. [...]

Seit Tagen bemerkte ich schon ein steigendes Interesse der sechs so zurückhaltenden Ranchpferde an meiner Person. Immer öfters äugten sie aufmerksam zu mir und fraßen gerne Pferdekorn aus meiner Hand. Gerade Geronimo, anfangs der Gleichgültigste, schob sich häufig in meiner Nähe. [...]

Geronimo hatte gerade getrunken und äugte zu mir herüber. Er verharrte einige Sekunden und kam dann ganz gemütlich auf mich zu. Bei mir angelangt, genügte das Anlegen seiner Ohren und ein mißbilligendes Schütteln seines Kopfes, um meine beiden Lieblinge Apache und Blue, die in der Rangordnung unter ihm stehen, zu verjagen. Er stand vorsichtig über mir. Seine prüfenden großen Nüstern schnüffelten meinen Kopf ab. Ich verhielt mich völlig ruhig. Seine Tasthaare kitzelten mich an der Nase. Ich blickte in seine neugierig auf mir ruhenden Augen. Ohne ihn zu berühren, sprach ich leise mit beruhigendem Tonfall auf ihn ein. Er ging um mich herum, schnüffelte mich weiter ab und knickte plötzlich mit den Vorderbeinen ein. Bis ich mich versah, lag Geronimo neben mir. Eine Gänsehaut überzog mich.

Sie wurde durch ein herrliches Glücksgefühl ausgelöst, das meinen Körper durchflutete. Ich weiß, Pferde sind nur dann bereit sich hinzulegen, wenn sie sich absolut sicher fühlen.

Als Fluchttiere müssen Pferde bei einer drohenden Gefahr immer in der Lage sein, das Weite zu suchen. Dies ist der Grund, warum sie auch im Stehen schlafen können. Obwohl er mit dem Menschen bis vor wenigen Monaten nur schmerzhafte Erfahrungen gemacht hatte, brachte Geronimo mir dieses Vertrauen entgegen. Oft habe ich erlebt, daß meine Pferde bei der Annäherung eines Menschen, dank ihrer guten Erfahrung mit ihnen, gemütlich liegenblieben. Dies war jedoch das erste Mal, daß sich ein Pferd aus eigenem Antrieb zu mir legte. Ein Zeichen von absolutem Vertrauen und Anhänglichkeit. A.J. war der nächste, und nach und nach lagen sie fast alle im lockeren Kreis um mich herum. Ein Glücksgefühl durchflutete mich. Ich wußte, nun gehörte ich zu ihnen. Meine Pferde hatten mich in ihre Herde aufgenommen - ein Geschenk, das bisher nur wenige Menschen erhielten.

Ich war glücklich. Sachte streichelte ich den Hals von Geronimo. Die Ohren, bis dahin aufmerksam gestellt, gingen plötzlich nach hinten. Zuerst glaubte ich ein Zeichen von Abwehr darin zu sehen, bis ich in seine Augen schaute. Die Lider halb geschlossen, blickte er sichtlich zufrieden und glücklich. Und da bemerkte ich, die Ohren waren nicht aggressiv an den Kopf angedrückt, sondern nur zurückgenommen, die Muscheln schräg nach hinten gestellt. War dies das Zeichen von Wohlbefinden und Freude, nach dem ich so lange gesucht hatte?

Ich nahm meinen Arm zurück. Sofort verfolgte Geronimo mit gespitzten Ohren und aufmerksamen Augen meine Bewegungen. Leise mit ihm sprechend, wiederholte ich meine Zärtlichkeit. Und tatsächlich, es zeigte sich die gleiche Reaktion. Die Augen wurden kleiner, die Ohren legten sich in der Verlängerung der Stirn nach hinten, und die Öffnung zeigte wiederum schräg nach hinten. Mit einem tiefen Ausatmen legte er sich plötzlich auf die Seite und streckte seine Beine weit von sich, um sich von der herrlichen morgendlichen Arizona-Sonne bescheinen zu lassen [...]

Ich erhob mich. Nun wollte ich es wissen. Hatte ich wirklich das Zeichen für Wohlbefinden und Freude entdeckt? In der große Scheune stopfte ich meine Taschen voll mit Pferdekorn, das mittlerweile von allen Pferden mit Begeisterung als Belohnung angenommen wurde. Meine beiden Vertrauten Blue und Apache erwarteten mich wie immer am Koppeleingang. Ihre gespitzten Ohren waren aufmerksam auf mich gerichtet. Funktionierte es auch bei diesen Pferden? Ich stellte mich seitlich zu Apache, hielt ihm eine Handvoll Pferdekorn vor das Maul und kraulte ihn, wie er es so gerne hat, unter dem Kinn. Schwups, genüßlich dabei kauend, schwappten die Ohren nach hinten, genau in die Verlängerung der Stirn, die Ohrmuscheln schräg nach hinten gerichtet. Ein zufriedener Blick zeigte auch hier das Wohlbefinden und die Freude des Pferdes an. Das gleiche Ergebnis hatte ich bei all meinen anderen Pferden.
a.a.O., Seite 91ff.

So gewinnt man also Erkenntnisse. Man muß erstens die Gelegenheit dazu haben. Man muß zweitens die Möglichkeit einer Beobachtung überhaupt erst in Betracht ziehen. Erst dadurch, daß Fred Rai sich vorgenommen hatte, ganz bewußt danach Ausschau zu halten, ob Pferde nicht auch Äußerungen der Freude zeigen, konnte er diese erkennen. Aber der Entschluß selbst reichte immer noch nicht aus. Hätte er nicht für längere Zeit innerhalb seiner Herde leben wollen, wäre es vermutlich bei dem Vorsatz geblieben. Und auch diese Voraussetzung war noch nicht genug. Wäre es nicht Geronimo gewesen, hätte dieser sich nicht entschlossen, sich neben Fred Rai niederzulassen, hätte Fred Rai nicht diese Glücksgefühle erlebt, würden wir diese Art der Ohrenbewegung immer noch nicht deuten können.

Aber Moment: Dies ist erst einmal eine Beobachtung von Fred Rai und seine Interpretation. Wissenschaftliche Erkenntnis gewinnt man dadurch, daß Experimente beliebig zu jeder Zeit von jedermann zuverlässig wiederholt werden können, sofern die Versuchsbedingungen eingehalten werden. Jetzt sind Sie gefordert: Überprüfen Sie diese Beobachtung und Interpretation!

Der Aufbruch des Fred Rai in neue Sphären, die Verabschiedung vom Turniersport wurde bekanntlich ausgelöst durch den Tod seines Pferdes und die Erkenntnis, daß Pferde Schmerzen nicht äußern können, verbunden mit dem großen Schuldgefühl, daß er sich an seinem Pferd versündigt hatte, indem er ihm wiederholt Schmerzen zufügte, um im Sport bessere Ergebnisse zu erreichen. Diesen Versuch müssen wir nicht wiederholen, denn wir wissen alle, daß man ein Pferd nach Belieben verprügeln oder sonstwie quälen kann, ohne daß es schreit. Bei einem Hund wäre so etwas undenkbar.

Fred Rai denkt naturwissenschaftlich. Er fragt sich immer: Warum ist das so? Im Sinne der Darwinschen Theorie muß eine besondere Eigenschaft evolutionäre Vorteile haben. Würden Pferde bei Schmerzen Laut geben müssen, wäre dies gegenüber den Raubtieren verräterisch. Das leuchtet ein. Entsprechend analysiert Fred Rai das gesamte Wesen des Pferdes aus seiner biologischen Beschaffenheit. So gibt es für das Beute- und Fluchttier Pferd Sicherheit nur in der Herde. Auch daraus kann man wieder ableiten, daß Boxenhaltung Tierquälerei ist - aber das sagt weder Fred Rai noch Prof. Grzimek, das sage ich. Fred Rai spricht von Trieben, die nach seiner Vorstellung Pferde im Gegensatz zu Menschen vollständig bestimmen und steuern. Hat man also die Triebsteuerung verstanden, kann man das Pferd beherrschen.

An diesem Modell ist sicher etwas dran. Ich persönlich finde es zu mechanistisch. Tiere sind nicht so primitiv, wie wir denken. So sagt Fred Rai in seinem Shop und auf dem Rückentext: "Tiere können nicht falsch sein." Da bin ich mir nicht sicher. Die Wissenschaftler finden täglich neue Hinweise dafür, daß angeblich menschliche und nur menschliche Eigenschaften auch Tieren zugeschrieben werden müssen. So hat man neulich herausgefunden, daß Affen durchaus der bewußten Täuschung fähig sind. Genau wie im Fall der Freude bei Pferden mußte natürlich erst einmal ein Forscher den Entschluß fassen, dies den Affen überhaupt zuzutrauen, und dann eine entsprechende Versuchsanordnung zu entwickeln, die seine Hypothese beweisen könnte, und dann auch noch das Glück haben, daß einer der Affen ihm den Gefallen tatsächlich tut.

Sind Tiere also seelenlose Maschinen, die man todsicher beherrschen kann, wenn man ihre Gebrauchsanleitung gelesen und verstanden hat? Manche Forscher sind ja der Meinung, daß auch Menschen nichts anderes als etwas kompliziertere Roboter sind, bessere Maschinen, im Grunde vollständig determiniert. Andere wiederum sehen Menschen als gottgleiche Geschöpfe, mit Eigenschaften begabt, die sich prinzipiell von Maschinen und sonstigen Mitgeschöpfen unterscheiden. Und dann gibt es die Esoteriker, die nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Tier eine Seele zubilligen und behaupten, jeder könne lernen, mit dieser Seele zu kommunizieren. Manche Religionen verkünden bekanntlich, daß jedes Wesen, genauer jede Seele sich immer wieder inkarniert und sich dabei im Prinzip weiter entwickelt, aber auch zurückgestuft werden könnte, so daß etwa ein Mensch in der nächsten Inkarnation nicht wieder Mensch wird, sondern vielleicht ein Pferd, daß aber auf jeden Fall die Pferdeseele als Menschenseele inkarniert werden könnte.

So weit geht Fred Rai in diesem Buch nicht. Die Seele bleibt außen vor. Sein Modell sieht so aus:

Bei Kenntnis aller das Handeln eines Pferdes betreffenden Faktoren wird ein Pferd zu einem kalkulierbaren Sportkameraden. Tiere können nur so reagieren, wie es die angestammten Verhaltensweisen und Triebe von ihnen fordern.
a.a.O., Seite 24

Angesichts der oben zitierten Erkenntnisse bezüglich der Affen, die man ja auch glaubte so verstehen zu können, fürchte ich, daß dieser Ansatz doch noch etwas zu eng ist; im Moment ist er aber absolut akzeptabel und ausreichend und wesentlich weitreichender als andere Ansätze.

Denn immerhin gesteht Fred Rai den Pferden (und natürlich auch den Hunden usw.) Gefühle zu. (Endlich bin ich beim Thema.) Was sind Gefühle? Kann man die messen? Man kann sie nicht sehen, jedenfalls nicht direkt, nur die Äußerungen, wenn überhaupt. Aber zu behaupten, daß es keine Gefühle gäbe, ginge wohl zu weit. Also: Menschen haben Gefühle, Hunde haben Gefühle - haben auch Pferde Gefühle?

Dazu klärt Fred Rai zunächst einmal, was Gefühle sind, bzw. versucht es, und stellt dabei verblüfft fest, daß die ach so erfolgreiche Wissenschaft zum Thema "Gefühle" nicht viel zu sagen hat.

Folgende Definitionen des Begriffs Gefühle finden sich in den neuesten wissenschaftlichen Lexika der Psychologie:

"Gefühle oder Emotion läßt sich nicht definieren, sondern nur umschreiben, da sich Gefühl auf nichts anderes zurückführen läßt", oder "Gefühl ist ein Grundphänomen individuellen Erlebens, das jedem bekannt ist, sich unmittelbarer Erfassung jedoch entzieht."!!!

Nur der Psychologe Bottenberg trifft den Nagel auf den Kopf, indem er schreibt:

"Über das, was Gefühle sind und welche Funktionen sie haben, gibt es so viele Ansichten wie Personen, die sich damit beschäftigt haben."!!!

Solche Definition stellen die Sachlichkeit der so wichtigen Wissenschaft, der Psychologie, in diesem Bereich in Frage. Das gleiche gilt für die in engem Zusammenhang stehenden, jeder Handlung zugrundeliegenden Begriffe wie Trieb, Instinkt, Sinn, Wahrnehmung und Empfindung, die oft ebenso unpräzise beschrieben werden.

Dies kann nicht befriedigend sein, wenn alle anderen Wissenschaften wie beispielsweise Physik und Mathematik längst erkannt haben, daß die Existenz des gesamten Universums auf den klaren Naturgesetzen der Logik und des Ausgleichs aufgebaut ist. Nur was sich im Ausgleich befindet kann existent sein.
a.a.O., Seite 9

Fred Rai betritt also Neuland, nicht nur im Bereich der Pferdepsychologie. Neben den schon erwähnten Analogien zu anderen Tierarten bemüht er natürlich immer wieder auch die Analogie zum Menschen, insbesondere in Bezug auf Gefühle und Triebe, denn selbstverständlich sind wir Menschen für Fred Rai auch Tiere; die für Tiere zutreffenden Aussagen gelten für ihn uneingeschränkt auch für die Menschen. Ein Beispiel:

Bei dieser Gelegenheit muß auch gleich mit dem Irrtum aufgeräumt werden, Tiere könnten mutig sein. Mutig sein heißt, die vorhandene Angst zu besiegen. Dies kann nur der Verstandesmensch. So kann bei fleischfressenden Aggressionstieren nicht von mutig gesprochen werden, sie kennen nur keine Angst. Unschwer ist dies an folgendem Beispiel zu erkennen: Vor dem Haus ist ein verdächtiges Geräusch zu hören. Der Mensch kann mit Mut seine Angst vor dem Ungewissen in der Dunkelheit überwinden. Der kleinste Dackel dagegen wird ohne zu zögern lauthals bellend hinausstürmen. Er ist nicht mutig, er hat nur keine Angst.
a.a.O., Seite 33

Über die Erörterung der Begriffe Sinn, Empfindung, Instinkt, Gefühl, Reaktion kommt der Autor zum Begriff Trieb und dann zum Grundgefühl, um schließlich über "Kommunikation auf der Ebene des Gefühls" zu referieren. Es bleibt aber natürlich nicht bei akademischen Diskussionen; Fred Rai ist ein Pferdemann und Wissenschaftler nur im Nebenberuf. Alle Erkenntnisse werden sogleich zur Praxis zurückgekoppelt.

Der Angsttrieb ist der vorrangige Trieb des Fluchttieres Pferd, der jedes Verhalten beeinflußt. Aus ihm entsteht das ausgeprägte Herdenverhalten, denn nur die Herde bietet dem Individuum Schutz.

Für das Funktionieren einer Herde ist eine klare Rangordnung erforderlich, ohne die weder eine Herde, noch ein Rudel, noch eine menschliche Gemeinschaft bestehen kann. So überlagert der Angsttrieb auch das Freß- und Sexualverhalten der Pferde.

Angst erzeugt Unterordnung.

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse ist die Tatsache, daß Angst beim Pferd nicht, wie allgemein angenommen, Wehrverhalten und Unterordnung auslösen kann. Auch meine Analysen sind immer wieder an dieser irrigen Auffassung gescheitert. Auf dieser Grundlage konnte kein logischer Verhaltensablauf konstruiert werden.

Schließlich habe ich klar erkannt: Angst löst nicht Wehrverhalten, sondern nur Unterwürfigkeit aus.

Dies ist unschwer an der Reaktion des rangniederen Pferdes auf die Drohgebärden des dominanten Tieres zu erkennen. Das Weglaufen ist keine Flucht, sondern die Angst des Unterlegenen veranlaßt diesen, sich aus dem Intimbereich des Überlegenen zu entfernen.

Damit bestätigt sich leider, daß Pferde tatsächlich mit angsterzeugenden Hilfsmitteln in eine Unterwürfigkeit getrieben werden können. Die dabei entstehenden Probleme müssen jedoch klar erkannt werden: Durch das negative Grundgefühl, das durch das Gefühl Angst ausgelöst wird, entsteht ein Unwohlempfinden des Pferdes. Es zeigt dadurch keine Leistungsbereitschaft, ist unwillig und wird auf Dauer ein gestörtes Verhalten entwickeln. Um das zum Überleben notwendige Gleichgewicht wiederherzustellen, sucht der Körper durch Fehlverhalten diese Mangelerscheinung wieder auszugleichen. Es entstehen Untugenden und Aggression. [...]

Wegen des vorrangigen Angsttriebes, der jedes Verhalten eines Fluchttieres überlagert, ist der Herdentrieb bei Pferden sehr stark ausgeprägt. Die Herde bietet dem Einzelnen Schutz zum Überleben gegen die eisernen Gesetze der Natur. Ein Einzelgängerpferd in freier Wildbahn hätte keine Überlebenschance. Es wäre bald ein leichtes Opfer des feindlichen Raubwildes, wenn es ohne Schutz einer Herde beispielsweise dem Schlafbedürfnis nachkommen würde. Dies ist einer der Gründe für das stark ausgeprägte Herdenverhalten.

Bei einer ziehenden Herde werden die vorderen sicheren Plätze von den ranghöchsten Tieren eingenommen, die schwachen und alten Tieren dagegen, als Futter für das Raubwild, auf die gefährlichen hinteren Plätze abgedrängt.

Darum ist auch das ständige Zurückhalten eines Pferdes hinter einer Reitergruppe niemals eine Dominanzübung, sondern verdirbt jedes Pferd. Dieses Pferd muß Panik bekommen, denn "den Letzten beißen die Hunde". [...]

Aus diesem Grund ist die Kenntnis des so stark ausgeprägten Herdenverhaltens für den Reiter so wichtig. Das Pferd herrscht oder es dient. Es gibt nichts dazwischen. So passieren auch Pferde in der Natur einen Engpaß genau in der Reihenfolge der Herde. Niemals würde ein Pferd dulden, daß sich ein rangniederes Tier vor ihm in Sicherheit bringt, denn das letzte fällt dem Raubwild zum Opfer.

Das Passieren einer Engstelle in der klar abgesteckten Reihenfolge ist eine entscheidende Beobachtung zum Erlangen der Dominanz über ein Pferd bei der Bodenarbeit. Das Führen eines Pferdes an der Seite ist falsch. Das Pferd hat sich hinter dem Reiter einzuordnen. Niemals läuft ein ranghöheres Tier dem Rangniederen nach, immer übernimmt der Dominante die Führung. [...]

Beim rangniederen Pferd löst die Dominanz des ranghöheren Pferdes das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit aus. Es überläßt ihm das Sicherheitsdenken und steht ruhig in dessen Nähe - deutlich zu sehen am Verhalten von Wildpferden. Auch bei Gefahr bleiben diese Tiere so lange stehen, um den Schutz der Herde nicht zu verlieren, bis das Leittier die Flucht ergreift.

So ist das dominante Pferd auch dem Menschen gegenüber nicht bereit, ihm beim Führen willig zu folgen. Es versucht ständig, den ihm zustehenden "sicheren" Platz vor ihm einzunehmen. Ein weiteres typisches Merkmal ist das Weigern dieser Pferde, ruhig neben dem Menschen stehenzubleiben.

Ein Pferd herrscht - oder es dient.
Es gibt nichts dazwischen.


Ein ranghöheres Pferd in einer Herde wird mit bösen Drohgebärden eine untergeordnetes Tier von der Tränke vertreiben, um vor diesem seinen Durst zu stillen. Von einer Sekunde zur anderen wird es jedoch von der herrschenden Rolle in die dienende springen, wenn ein ranghöheres Tier ebenfalls die Tränke beansprucht.

Genau so verhalten sich die Pferde dem Menschen gegenüber. Haben sie gelernt, sich gegen Menschen zu behaupten, dann erwarten sie den Gehorsam des rangniederen Lebewesens, geraten in Wut und werden aggressiv, wenn ihr Dominanzverhalten nicht respektiert wird.

So sind Pferde also nicht für alle Zeiten verdorben. Ganz im Gegenteil, sie springen innerhalb kürzester Zeit - wie das Beispiel "Tränke" zeigt - von der Dominanz in die Unterordnung.

Es ist also keine Zauberei, wenn aus "Verbrechern", die zu mir zur Korrektur kommen, in kürzester Zeit "Lämmer" werden, wenn sich der zornige Blick das Leittieres plötzlich in ein zufriedenes und ruhiges Auge verwandelt, das aus dem Gefühl der Geborgenheit geboren wird. [...]

Des Gefühlsleben ist im Menschen, dank unserer tierischen Vorfahren, tiefverwurzelt. Deshalb ist es nur logisch, daß wir uns nur auf der Entwicklungsstufe dem Pferd mitteilen können, auf der dieses Lebewesen steht - auf der Ebene des Gefühls.

Es muß endlich klar erkannt werden, daß das Gefühl die Ebene ist, auf der wir uns mit den Pferden verständigen können. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich wieder unsere bellenden Hausfreunde, die Hunde nennen. Über deren Gefühlsleben ist sehr viel mehr bekannt. Diese "mutigen" Tiere können ihre Gefühle viel besser ausleben und sie uns dadurch übermitteln als das von der Angst geprägte Fluchttier Pferd. Dieses muß auf jede Bewegung, wie das Auffliegen eines Vogels, das Fallen eines Blattes oder das Davonhuschen einer Maus reagieren, könnte dies doch das Anzeichen für die Nähe des gefürchteten Raubtieres sein. Wir wissen, daß die Angst eines Menschen von Hunden klar erkannt wird, und daß das Kommando "Platz" erst dann befolgt wird, wenn wir mit unserem Willen dahinterstehen.

Auch bei kleinen Kindern, die vorwiegend "instinktiv" reagieren, können wir die gleiche Feststellung treffen. Wenn auf die Bitte um ein Eis ein "Nein" der Mutter erfolgt, fühlen die Kleinen sehr wohl, ob dies tatsächlich "nein", "vielleicht" oder gar "ja" bedeutet.

Wie sagte einst Freiherr von Langen, der einzige Reiter, der jemals mit einem Pferd die S-Dressur und das S-Springen bei einer Weltmeisterschaft gewann, über das Reiten:

"Ein Gebilde aus lebenden Stahl scheint dich zu tragen.
Läßt du dich aber zur Erde ziehen, im Geiste und im Wollen,
kriecht ein müder Wurm unter dir im Staube.
Dein Pferd weiß um dich."


So überträgt sich der Mut eines Reiters, seine Sicherheit, Freude, Leistungswille, aber auch Angst, Verzagtheit, Trauer und Willenlosigkeit auf das Tier. [...]

Aus diesem Grunde möchte ich klar und deutlich eine Feststellung und Aufforderung aussprechen: Wer trotz Kenntnis der Erfordernis der menschlichen Dominanz und der Kenntnis des Erlangens der Dominanz über das Herdentier Pferd nicht in der Lage ist, dem Pferd die erforderliche Führungsrolle zu geben, hat auf dem Rücken eines Pferdes nichts verloren. Der Unfall ist vorprogrammiert. Niemand hat das Recht, das Leben anderer Menschen oder das eines Tieres zu gefährden.

Reiter, die durch ständige Inkonsequenz und Angst den Pferden ihre Schwäche und ihr Unvermögen zeigen, sind bei kleineren Haustieren wie Wellensittichen und weißen Mäusen besser aufgehoben. Diese Feststellung kann nicht deutlich genug gemacht werden. Man kann die Liebe eines Pferdes mit Zucker nicht kaufen. Ganz im Gegenteil, das Pferd wird nach dem Versiegen der "süßen Quelle", wenn seine Forderung nach mehr vom rangniederen Menschen nicht erfüllt wird, mit wütendem Zwicken oder gar bösen Bissen reagieren.

Liebe, Anhänglichkeit, Unterordnung und Ergebenheit kann man von einem Pferd nur dann erhalten, wenn man ihm eine klare Dominanz bietet.
Dominanz heißt nicht, das Pferd mit Schmerz oder Brutalität zu brechen, sondern ihm durch Klarlinigkeit und gerechte Konsequenz eine Fügungspersönlichkeit zu sein, die ihm das Gefühl des Vertrauens, der Geborgenheit und Sicherheit übermittelt.

Dies kann nur auf der Ebene der Gefühlsübermittlung und der Gefühlsübertragung geschehen.
a.a.O., Seite 37 / 39 / 40 / 42 / 55 / 56 / 57

Wie viele Jahre es wohl noch dauern wird, bis sich alleine die Erkenntnis bezüglich der richtigen Position beim Führen in der Pferdewelt herumgesprochen haben wird? Verstehen Sie jetzt, warum ich mich dafür ins Zeug lege, daß sämtliche Pferdeleute sich auf die Bücher von Fred Rai stürzen?

Nachdem die theoretischen und praktischen Konsequenzen geklärt sind, beschreibt Fred Rai eine ganze Reihe von Pferden, die er sehr gut kennt, und erläutert daran, wie sich die Gefühlsübermittlung und Gefühlsübertragung im Einzelfall darstellen. Aus der Geschichte über Geronimo habe ich eingangs zitiert. Diese elf Schilderungen alleine sind Gold wert, ob sie ein Pferd besitzen aber nicht. Fred Rai ist nicht nur ein begnadeter Reiter, Pferdekenner, Sänger, sondern auch ein wunderbarer Geschichtenerzähler und Schriftsteller. Einige Geschichten sind mir so zu Herzen gegangen, daß mir die Tränen kamen. Hempfling können Sie dagegen glatt vergessen.

Selbstverständlich ist dieses Buch mit wunderbaren Illustrationen ausgestattet, die meisten davon zeigen den Autor mit seinen Pferden. Auf Seite 102 sieht man eine alte Dame zusammen mit Fred Rai und dem wunderschönen Appaloosa Dany Boy. Dieses Pferd ist von der alten Dame gezogen und aufgezogen worden. Mit zwei Monaten hatte es seine Mutter verloren und kannte keine anderen Pferde. Solange es bei der alten Dame war, schien es nichts zu vermissen. Schließlich aber gab sie das Pferd aus Altersgründen weiter an Fred Rai. Mit sechs Jahren kam dieses Pferd zum erstenmal in eine Herde.

Die Integration des Waisen in die Herde war bei Fred Rai anscheinend recht unproblematisch. Das Drama kam später. Die alte Dame brauchte ein paar Wochen, um den Verlust zu verwinden, besuchte aber schließlich ihren Liebling mit einem Korb Möhren. Fred Rai war dabei und dachte sich nichts Böses. Er sollte eine schlimme Lektion lernen. Am besten lasse ich wieder Fred Rai selber sprechen:

Ethel war noch 20 Meter von Dany Boy entfernt. Mit glücklichem Gesichtsausdruck nahm sie eine Möhre aus dem Korb. Sie streckte ihre Hand lockend aus und rief ihn mit ihrer gütigen Stimme: "Dany Boy - come on - my Dany Boy!" Immer hatte sie es so getan, wenn sie zu ihm ging.

Die Reaktion war schrecklich. Ein Erschauern überzieht noch heute meinen Körper, wenn ich an das denke, was dann geschah. Dany Boy erstarrte. Er warf seinen Kopf hoch und verharrte einige Sekunden völlig steif. Man sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. Plötzlich stürmte er vor, stieg vor der zu Tode erschrockenen Frau hoch in die Luft und schlug Ethel mit der Vorderhand nieder. Sie wurde rücklings zu Boden geschleudert, wobei die Vorderhufe nur knapp den Kopf verfehlten. Er sprang über die am Boden liegende Frau hinweg, trat mächtig nach ihr aus und fußte noch einmal mit den beiden hinteren Beinen neben Kopf und Schulter auf. Ethel wurde glücklicherweise nicht voll getroffen, denn das wäre mit Sicherheit das Todesurteil für diese alte und zarte Frau gewesen.

Die Haare standen mir zu Berge. Dany Boy drehte sich gerade um und machte Anstalten, sich erneut auf Ethel zu stürzen. Ich rannte auf sie zu, um weiteres Unheil zu verhüten, stellte mich schützend vor sie und trieb Dany Boy mit wilden Drohgebärden davon. Zu Tode erschrocken bückte ich mich zu Ethel nieder und half ihr mühsam auf die Beine. Sie blutete am Hals und am linken Ohr. An der Schulter zeichnen sich ebenfalls Schürfwunden ab. Ethel war dem Tod noch nie so nahe gewesen. [...]

Es gibt nur eine Erklärung: Dany Boy brachte das plötzliche Auftauchen von Ethel mit seiner früheren Einsamkeit in Verbindung. Nachdem er nun in die Herde eingegliedert war und Freundschaften geschlossen hatte, befürchtete er, wieder in das Eremiten-Dasein auf Ethels Farm zurück zu müssen. Der Herdentrieb der Pferde ist stärker als die Bindung zum Menschen. Der Instinkt des Pferdes fordert diese Reaktion selbst gegen einen Menschen, der ihn jahrelang liebevoll versorgt hatte.
a.a.O., Seite 99 ff.

Diese Analyse bewahrheitete sich, denn sobald Dany Boy verstanden hatte, daß der Besuch nicht Rückkehr bedeutete, war er wieder so wie früher.

Wer solche Erlebnisse nicht hatte, kann natürlich unmöglich zu den Erkenntnissen kommen, die Fred Rai in diesem Buch ausbreitet. Und das ist ja auch gut so. Denn wenn jeder von uns alles selbst erleben müßte, um die entsprechende Schlüsse ziehen zu können, wären wir auf einem Niveau unterhalb der Steinzeit. Die Menschheit hat sich ja gerade so rasant entwickeln können, weil wir unsere Erkenntnisse aufzeichnen und weitergeben können. Die Erfindung des Buchdrucks hat diesen Prozeß enorm beschleunigt, das Internet erhöht die Geschwindigkeit der Ausbreitung von Erkenntnissen noch einmal, und in diesem Sinne wünsche ich mir, daß meine Rezension auf fruchtbaren Boden fällt und der Weiterentwicklung der Menschen und des Verhältnisses der Menschen zu Pferden dient.

Das Titelbild zeigt Fred Rai zusammen mit Apache und Geronimo, den beiden Pferden, die ihm in Amerika am meisten haben zeigen können. Apache war extrem eifersüchtig und hat Fred Rai erstmals die Augen geöffnet. Mit dieser Geschichte wird das Buch eingeleitet, diesem Pferd verdanken wir es. Es ist übrigens ein weiteres Pferd, das als unreitbar galt, und als Fred Rai mit Apache sein riesiges Gelände erkundete und dann mit seinem Bändele gelassen durch die auf seinem Grund liegende Western- und Touristenstadt Tombstone ritt, trauten die einheimischen Cowboys ihren Augen nicht, denn sie kannten Apache nur als "Verbrecher".

Es reicht eben nicht, ein Leben lang mit Pferden umgegangen zu sein. Das alleine macht einen noch längst nicht zum Pferdekenner. Wie gut, daß es Leute gibt, die weiter sind als der durchschnittliche Cowboy, Leute, von denen man wirklich lernen kann. Ergreifen Sie Ihre Chance! "Auch wir haben Gefühle" eignet sich übrigens auch ganz vorzüglich als Geschenk. Übergeben Sie es mit den Worten: "Dieses Buch kann man nicht vergessen."


erschienen 11.06.06




Siehe auch die folgenden Rezensionen:
Ausgabe 363, Rai, Fred:  Ohne Peitsche - Ohne Sporen, Der neue Weg zum gewaltlosen Freizeitreiten, Mit einem Vorwort von Andreas Grasmüller
Ausgabe 371, Rai, Fred:  Natürliches Reiten, Die neue Schule für Freizeitreiter, Rai-Reiten ohne Peitsche, ohne Sporen, ohne Trense




Rai, Fred

Auch wir haben Gefühle
Das emotionale Verhalten der Pferde

144 Seiten mit zahlreichen Farbfotos.
Dasing, 1988, 2. Auflage 2002 · Nessos Verlag
ISBN 9783000025075


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