
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist aus mehreren Gründen hochwillkommen. Zum einen sind Bücher wirklicher Könner natürlich immer ein Muß, und da Philippe Karl ein unbestrittener Könner auf seinem Gebiet ist, ist jede seiner Äußerungen wichtig und wert, gehört und verarbeitet zu werden.
Darüberhinaus ist es aber ein streitbares Buch, und damit eine Seltenheit. Philippe Karl nimmt unerschrocken und streitlustig den Kampf gegen den modernen Dressursport auf und wählt diesen Ansatz als Haupttitel seines Buches: "Irrwege der modernen Dressur". Deutlicher könnte man die Position des Autors nicht beschreiben. Er hält die modernen Dressur für einen Irrweg und will diese seine Meinung nicht als private Meinung für sich behalten, sondern möchte die Welt über seine Ansicht informieren, sie überzeugen und insbesondere den Dressursport reformieren.
Seine eigentliche Botschaft hat er in den Untertitel verschoben: "Die Suche nach einer 'klassischen' Alternative". Diese Suche verstehe ich nicht in der Weise, daß er nach einer alternativen Reitweise hätte suchen müssen - er vertritt sie ja bereits seit Jahren. Es geht um die Alternative zur modernen Dressur im Sinne der klassischen Reitweise, und damit drückt der Untertitel die zweite Seite der Medaille aus: Es geht um Anklage und Lösung, wobei zunächst die Anklage im Vordergrund steht, weil diese die Energie für die Lösung produzieren muß. Hat dieser Ansatz Aussicht auf Erfolg?
Es ist eine Sache, etwas für falsch zu halten, eine weitere, diese Ansicht öffentlich zu vertreten, eine dritte, damit die Absicht zu verbinden, die Verhältnisse zu ändern, und schließlich eine vierte, Alternativen bereitzustellen. Es gibt viele Kritiker des modernen Pferdesports, und wenn man sich das eine oder andere Argument zu eigen macht, stellt sich sofort die Frage, wie die Welt aussehen würde oder könnte, wenn man die bisherigen Verhältnisse ändern würde, und des weiteren, ob sich diese überhaupt ändern lassen.
Ändern in welcher Hinsicht und in welche Richtung? Sport basiert auf Regelwerken, anhand deren die sportlichen Leistungen beurteilt werden. Regelwerke sind teilweise in der Sache selbst begründet, etwa in der Anatomie der Pferde, teilweise aber auch willkürlich festgesetzt und unterliegen damit der Diskussion und der Veränderung. Die sportlichen Regelwerke sind nicht gottgegeben, sondern irgendwann einmal von berufener Seite festgelegt und seither ständig verändert worden. In Deutschland ist die FN für die Weiterentwicklung der Regelwerke verantwortlich, auf internationaler Ebene die FEI.
Philippe Karl bezieht sich deshalb auf diese Institutionen, die den modernen Sport prägen. Das ist die einzige erfolgversprechende Vorgehensweise, wenn man sich nicht, wie viele andere Dissidenten, in einer Sonderkultur neben dem eigentlichen Geschehen selbst genügen will. Angesichts der furchteinflößenden Übermacht der FEI und FN bedarf es eines entsprechenden Sachverstands und Selbstbewußtseins, um den Kampf aufnehmen und einer breiten Anerkennung durch die Fachgemeinschaft, um ernst genommen werden zu können. Mit anderen Worten: Einen solchen Kampf kann nur jemand aufnehmen, der selbst ganz oben ist.
Umgekehrt lastet natürlich auf jemandem, dem der Kampf zugemutet werden kann, ein entsprechender Erwartungsdruck. Wer soll den Kampf aufnehmen, wenn nicht er? Nun kann freilich niemand zu so einer unangenehmen und undankbaren Aufgabe gezwungen werden. Es bedarf schon einer kämpferischen Natur und eines entsprechenden Sendungsbewußtseins, um die Aufgabe überhaupt angehen zu können. Außerdem muß auch der richtige Zeitpunkt gefunden werden. Philippe Karl hat in seinem Leben viel erreicht, und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo er die nächste Aufgabe annimmt und angeht. Angesichts der jüngsten Skandale im Dressurlager und der entsprechenden breiten Diskussion auch innerhalb der FN und der FEI könnte der Zeitpunkt nicht günstiger gewählt sein.
Das Buch ist mit Sicherheit von langer Hand vorbereitet worden; die Ereignisse konnten nicht vorhergesehen werden. Insofern hat der Autor Glück: Das Thema genießt zur Zeit einen hohen Aufmerksamkeitswert in der Öffentlichkeit. Dort geht es aber im wesentlichen um einzelne Übergriffe. Philippe Karl greift das System als Ganzes an. Die Auswüchse sind Konsequenzen des jetzigen Regelsystems, das er durch ein anderes ersetzt wissen will.
Dieser konstruktive Aspekt ist mindestens ebenso wichtig wie der kämpferische. Nur gegen etwas zu sein, hilft wenig, auch wenn die Kritik noch so berechtigt sein sollte. Alternativen müssen aufgezeigt werden, damit die Kritik überhaupt greifen kann. Wenn die Fehler des Systems Systemfehler sind, also logische Konsequenzen des Regelsystems, dann muß das Regelsystem geändert werden, um die Fehler auszumerzen - eine lediglich kosmetische Änderung einzelner Vorschriften, die am System insgesamt nicht ändern, können lediglich die Symptome lindern oder verändern, werden aber an den Problemen des Ganzen nichts ändern.
Wohlgemerkt: Der Autor will den Sport und damit die Regelsysteme nicht gänzlich abschaffen. Das ist klug, denn der Sport entspricht offenbar einem ganz fundamentalen menschlichen Bedürfnis, von dessen Rang man sich jederzeit durch Blick in eine Zeitung, ins Fernsehprogramm oder ins Internet überzeugen kann. Weniges interessiert die Menschen so brennend wie der Sport, und es darf insofern nicht verwundern, wenn das Geld, das große Geld, im Sport eine so große Rolle spielt, da damit einfach nur dessen Bedeutung in unserer Gesellschaft und Wirtschaft gespiegelt wird. Berühmte Schauspieler verdienen viel Geld, berühmte Musiker verdienen viel Geld, berühmte Sportler verdienen viel Geld - das muß wohl so sein.
Je mehr Geld im Spiel ist, desto mehr Begehrlichkeit wird geweckt und desto mehr Mißbrauch wird Vorschub geleistet. Es darf deshalb nicht verwundern, daß es im Sport oft in erster Linie darum geht, möglichst schnell möglichst viel finanziellen Erfolg zu erzielen. FN und FEI sind sich der enorme Bedeutung des Geldes bewußt und nutzen die Gewinnprämien ganz offen zur Förderung der sportlichen Leistungen. Auch das ist im Prinzip legitim und könnte positive Wirkungen erzielen. Wenn aber das Regelwerk und dessen Interpretation durch die Richter zu offensichtlichem Mißbrauch führt, ist die Zeit zum Handeln gekommen. Das Regelwerk muß geändert werden, ohne daß an den Prinzipien des Sports insgesamt gerüttelt wird.
Dieser Ansatz ist erfolgversprechend, denn niemand kann Veränderungen bewirken, der die wesentlichen Bedingungen menschlichen Seins mißachtet. Der sportliche Großbetrieb hat sich entwickelt und funktioniert so wie er ist, weil er grundlegende und komplexe Bedürfnisse erfüllt. Niemand könnte ein solches System erfinden und durchdrücken, wenn die Unterstützung ausbliebe. Sport muß also sein. Sport muß aber nicht so sein, wie er ist, er kann auch anders sein. Und das ist die Botschaft und das Ziel des Autors, dem General Pierre Durand, der schon im Klappentext erwähnt wurde, im Vorwort wünscht:
| Möge der Erfolg seine Bemühungen krönen und ihn in verantwortliche Positionen führen, auf die er dank seines Könnens und seiner Ethik als Pferdemensch ein legitimes Anrecht hätte. a.a.O., Seite 7 | | |
Philippe Karl als oberster Autorität in Sachen Dressur bei der FEI mit weltweiten Befugnissen, die notwendigen Änderungen in der nationalen Verbänden durchzusetzen - das könnte den krönenden Lebensabschluß des Autors beschreiben. Zwar hat die Menschheit immer wieder davon geträumt, daß die größten Autoritäten auch die entsprechende Macht haben sollten, um ihre Einsichten durchsetzen zu können, aber selten ist es dazu gekommen, und nicht immer ist klar, ob das ein Unglück war. So hatte etwa Plato davon geträumt, daß die Philosophen den Staat übernehmen sollten - aber um solche Vorstellungen geht es hier ja nicht. Philippe Karl will nicht die Welt ändern, sondern nur den Dressursport.
Die Aufgabe ist gewaltig, erscheint aber lösbar. Unter anderem erscheint sie deshalb lösbar, weil die Zeit für ihn arbeitet.
| Seit einigen Jahren sind die Dressurhandbücher unter dem Druck der Ethologen und anderer "Pferdeflüsterer" dazu übergegangen, den psychischen Aspekten, die in der Zusammenarbeit von Reiter und Pferd eine Rolle spielen, einige Seiten zu widmen.
Der Band 1 der FN-Richtlinien "Grundausbildung für Reiter und Pferd" führt deshalb zu Großreich die wesentlichen Eigenschaften des Pferdes an und leitet daraus einige allgemeine Vorschriften ab:
"Jede gute Ausbildung läßt sich daran messen, daß Pferde nicht nur ihre Bewegung unter dem Reitergewicht vervollkommnen, sondern auch ihre Natürlichkeit und Individualität erhalten. Pferde, die in der täglichen Arbeitszufriedenheit und Leistungsbereitschaft zeigen, bieten die beste Voraussetzung für eine stabile, harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Durch Geduld, das Eingehen auf die Psyche eines jeden Pferdes und durch häufiges Loben werden diese Grundlagen unterstützt und gefestigt." "Theoretische Kenntnisse unterstützen wesentlich die Fortschritte im Reitenlernen; Wissen über Eigenschaften und Verhalten der Pferde, Umgang und Haltung sowie Reitlehre und Ausbildungsprinzipien sind für einen interessierten und verantwortungsbewußten Reiter eine Selbstverständlichkeit." (Seite 10)
Solche Ausführungen kann man nur begrüßen. Doch ein Dressurhandbuch daß sich nicht mit Absichtserklärungen zufriedengeben, so löblich sie auch sein mögen. Ohne "Ausführungsverordnungen" und Mittel zur Umsetzung bleibt ein Gesetz eine leere Hülle. Die ureigenen Bedürfnisse eines Pferdes und die Grundprinzipien seines Verhaltens müssen verbreitet werden und in aus ihnen abgeleiteten konkreten Regeln münden, die den Reitern bei der Ausbildung der Pferde als Leitfaden dienen.
Mit einem Minimum an Kenntnissen über die Psyche des Pferdes lassen sich drei große Etappen in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd unterscheiden: das Zähmen, das Lernen und das Üben. a.a.O., Seite 12 | | |
Begleitet werden diese Worte durch zwei Abbildungen, die spielende Pferde auf der Weide und einen Pferdekopf hinter Gitterstangen zeigen. Die Bildunterschriften zeigen deutlich, wes Geistes Kind der Autor ist:
- Das Pferd ist von Natur aus ein Fluchttier mit stark ausgeprägten Herdentrieb und dem Bedürfnis nach einer klaren Rangordnung.
- Um das Pferd zu nutzen, zwingt der Mensch ihm eine Lebensweise auf, die seiner Natur widerspricht.
Im Abschnitt "Das Zähmen" faßt der Autor zusammen:
| Konkret bedeutet das: Jede Anwendung von Gewalt und Zwang muß ausgeschlossen sein; Mittel, die dazu dienen, Zwang ausüben, sind zu verbieten. a.a.O., Seite 12 | | |
Immer wieder durchsetzt der Autor seine Ausführungen mit Zitaten berühmter Ausbilder, auf die er sich bezieht. Philippe Karl bezieht sich aber genauso auf den heutigen Bewußtseinsstand derjenigen, die sich mit den modernen Erkenntnissen der Verhaltensforschung beschäftigt haben:
| [...] "Das Pferd muß dieses tun ...", oder: "Das Pferd muß jenes leisten ...", treten im Dressurjargon allzu häufig auf. Das Pferd schuldet uns nichts; wir sind es, die uns dem Pferd verständlich machen müssen. [...]
In der Tat ist das Pferd in der Lage, alles zu verstehen, was der Reiter ihm verständlich machen kann. Es liegt allein am Reiter, eine große reiterlichen Intelligenz zu entwickeln, um die des Pferdes zur Geltung zu bringen.
Wie lernt das Pferd? Von Natur aus furchtsam, verbringt das Pferd die meiste Zeit damit, die potentiellen Gefahren seiner Umgebung auszuloten. Jedes neue Element zieht seine Aufmerksamkeit auf sich, wird mit früheren Erfahrungen verglichen und entsprechend eingeordnet.
Der grobe, autoritäre oder einfach nur ungeschickte Reiter zieht die Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich - allerdings dadurch, daß er aus Unwissenheit zum Aggressor wird. Er löst Schutzmechanismen aus (Verspannungen, Widerstände, Widersetzlichkeiten), die jeden Lernprozeß stören oder verhindern.
Wenn ein Reiter mit einem Pferd bedeutende und rasche Fortschritte erzielen kann, dann aufgrund einer scharfsinnigen Ausbildungsstrategie, die die Psyche des Tieres, seine Anatomie, die Gebote der Bewegungsmechanik und die Gesetze des Gleichgewichts mit einbezieht.
Die Stärke eines guten Ausbilders liegt in der Art und Weise, wie er ein Programm aus logisch aufeinanderfolgenden Lerneinheiten aufstellt. Je sinnvoller diese für das Pferd sind, desto mehr wecken sie seine Neugier und tragen zum spielerische Charakter einer Arbeit bei, in der das Pferd sich gefällt.
| Oft wird die Rolle der Geduld betont. Doch Geduld allein kann nichts vollbringen. In der Reiterei gilt eher, daß Geduld nicht gleich Wissen ist, daß man aber viel Wissen braucht und nicht ungeduldig sein darf. | a.a.O., Seite 13 | | |
Diese Grundsätze gelten bestimmt gleichermaßen auch für menschliche Schüler, aber bis wir so weit sind, daß die Ausbildung von Menschen in diesem Sinn reformiert wird, wird wohl noch viel Zeit ins Land gehen. Wenden wir uns also wieder den Pferden zu. Die Ausführungen über das Lernen und das Üben werden wie folgt zusammengefaßt:
| Schlußfolgerungen
Schon aufgrund ihrer Konzeption fördern die Dressurprüfungen Mechanisierung und Routine. Im unantastbaren und sterilen Umfeld des vorschriftsmäßigen Vierecks können die Reiter dieselben Aufgaben bis zum Überdruß wiederholen.
Deshalb kann es passieren, daß sich extrem "programmierte" "Dressur"-Pferde nicht wie "ausgebildete" Pferde verhalten, daß sie nichts Unvorhergesehenes vertragen und sich Spinnereien hingeben, die für ihren Passagier äußerst peinlich sind (zum Beispiel unaufhaltsames Piaffieren während der Preisverleihung, Durchgehen bei der Ehrenrunde).
Wozu dient eine Disziplin, die den Gehorsam als eigenständiges Ziel anstrebt, wenn sie Spezialisten in Situationen in Schwierigkeiten bringen, mit denen jeder aufgeschlossene Freizeitreiter spielen fertig wird?
Man stelle sich vor, was aus dem Springsport würde - sowohl aus der Arbeit der Pferde als auch dem Interesse des Publikums -, wenn die Prüfungen immer auf den gleichen Plätzen mit gleichem Parcours ausgetragen würden, mit immer gleichen Hindernissen, gleichen Höhen und gleichen Abständen ... Das wäre verheerend.
Verbesserungsvorschläge
Man könnte sich vorstellen, daß der Reiter zwar auf jedem Ausbildungsniveau weiß, welche Übungen und Lektionen auf seinem Programm stehen, er jedoch vor der Dressurprüfung weder die verlangten Figuren noch deren Reihenfolge kennt.
Eine kompetente Jury würde dann den von ihr aufgestellten Text der Aufgabe in derselben Art und Weise verkünden, wie auch ein Springparcours bekanntgegeben wird: nur wenige Augenblicke vor der Prüfung. Die Aufgabe würde selbstverständlich vorgelesen.
Ein solches Konzept würde die Kompetenz der Richter der allgemeinen Beurteilung aussetzen und sie in die Verantwortung nehmen. Es würde das Interesse des Publikums wecken, die Pferde vor einer tristen Mechanisierung schützen, die Routinepauker (selbst wenn sie über gute Pferde verfügen) auf ihre Plätze verweisen und gründliche Dressur und intelligente Reiter (selbst mit bescheidenen Pferden) belohnen.
Dem Dressursport kann es nur gut tun, wenn er seine Konzepte überdenkt, um die Natur des Pferdes besser zu berücksichtigen. a.a.O., Seite 15 | | |
Autor bleibt aber natürlich nicht bei allgemeinen Überlegungen, sondern nimmt die Herausforderung an und weist auf wesentliche Probleme hin. Dabei ergeben sich natürlich sofort schwierige rechtliche Probleme. Diese werden dadurch gelöst, daß auf Zeichnungen zurückgegriffen wird. Auf Seite 22/23 findet sich eine Gegenüberstellung; auf der linken Seite 6 Zeichnungen unter der Überschrift "Falsche Piaffen", rechts neun Fotos unter der Überschrift "Echte Piaffen". Diese sind bis auf zwei Ausnahmen historische Fotos, alle sind mit den Namen der Reiter bezeichnet. Die Unterschriften:
- Falsche Piaffen
Pferde, die mit rückständigen Vorderbeinen und gesenktem Genick "piaffieren", kaum oder gar nicht mit den Hinterbeinen untertreten und keine Aktion mit den Vorderbeinen zeigen, werden heute mit großem Erfolg auf Turnieren vorgestellt. Diese "Piaffen" bringen das Pferd über das natürliche Maß hinaus noch mehr auf die Vorhand - es kommt zu einer Anti-Versammlung, einer Pervertierung des Gleichgewichts, die zur totalen Verfälschung einer fundamentalen klassischen Lektionen führt. Die Fotos, die als Vorlage für diese Zeichnungen dienten, zeigen hochrangige Reiter unterschiedlicher Nationalitäten.
- Echte Piaffen
Die Piaffe ist der Prüfstein der Verbindung von Gleichgewicht und Aktivität - und damit das Zeichen der abgeschlossenen Ausbildung des Pferdes. Die Vorhand ist bei senkrecht fußendem Vorderbein aufgerichtet, die Hinterhand senkt sich bei aktiv und deutlich unter den Körper tretenden Hinterbeinen. Auf dem Bild unten rechts ist Otto Lörke in der Pesade zu sehen, bei der das Pferd schließlich das gesamte Gewicht auf die Hinterhand verlagert. Auf der nächsten Seite dann skandalöse Bilder von Arbreiteplätzen internationaler Turniere, wie sie zum Beispiel schon von Kerstin Diacont mit deutlich anklagendem Ansatz veröffentlicht worden sind. Auch die anatomischen Zeichnungen des Autors verfolgen dieselben Ziele, die die Illustratorin Diacont so meisterhaft umsetzt - das Lob des Verlages, die Illustratorin schon Fähigkeiten des Autors betreffend, ist voll gerechtfertigt. Bisher kannte ich die Skizzen, die er zum Beispiel in den Filmen von Thomas Vogel präsentiert, aber diese Zeichnungen gehen weit darüber hinaus.
Der virtuose Umgang mit dem Zeichenstift erlaubt es dem Autor, kritisch mit den Fehlern des Systems umzugehen. Diese liefern die willkommene Veranschaulichung für die deutlichen Worte des Autors, etwa zum Thema des An-die-Hand-Stellens (Seite 40/41):
- Um dem Schmerz zu entkommen, den ihm die Reiterhände zufügen, gewöhnt sich das Pferd an, auf einen einseitigen Zügelzug zu reagieren, indem es das Genick deutlich mehr schließt, als daß es den Hals seitlich biegt: Es rollt sich ein.
- Je tiefer die Hand getragen wird, desto mehr wirkt sie auf die empfindliche Zunge des Pferdes ein. Spezielle konstruierte Reithalfter, mit denen sich die Protestäußerungen des Pferdes wirkungsvoll unterdrücken lassen, sind mittlerweile allgegenwärtig geworden.
- Der Reiter, der das Nachgeben in Genick mit Hilfszügeln erzwingt und das Pferdemaul mit speziellen Reithalftern zuschnürt, handelt nicht anders als ein Erzieher, der ein Kind knebelt und am Stuhl festbindet, um es zur Ruhe zu zwingen.
Solche Einschübe lockern das ernste Thema ein wenig auf und prägen sich gut ein. Der Autor entwickelt seine Reitlehre im Kontrast und aus der Kritik der FN-Richtlinien. So kritisiert er zum Beispiel die Rolle und Beschreibungen der Hand und des Schenkels, deren Bedeutung er gerade umgekehrt einschätzt. Es geht also nicht nur um die Manipulation von Regeln, etwa die Aufstellung von Prüfungsabläufen, sondern um das Verständnis des Reitens an sich. Man könnte es so zuspitzen: Laut Philipp Karl weiß die FN gar nicht, was Reiten ist. Dazu ein weiteres Beispiel:
| Biegung
Die seitliche Biegung des gesamten Pferdekörpers um den inneren Schenkel des Reiters ist einer der Grundpfeiler der modernen Dressur, wie die FN-Richtlinien für Reiten und Fahren verdeutlichen:
"[...] Der Reiter darf deshalb das Pferd im Hals nicht zu stark abstellen, sondern muß auch auf eine gute Biegung in der dritten Partie um den inneren Schenkel achten." (Band 1, Seite 107) "Verringert sich mit fortschreitender Ausbildung der Durchmesser (der Volten) von 8 auf mindestens 6 Meter, so wird im versammelten Tempo geritten, da sich das Pferd entsprechend stärker biegen muß." (Band 1, Seite 110)
[...] Lassen wir alle dogmatischen Vorurteile beiseite und halten uns an die Tatsachen, die uns das Pferd - als der unparteiischte aller Lehrmeister - verrät.
Anatomische Grundlagen
Die Bewegungsmöglichkeiten der Rücken- und Nierenpartie des Pferdes sind äußerst begrenzt - eine Tatsache, die es überhaupt erst reitbar macht. Hätte das Pferd eine Wirbelsäule wie eine Katze, so wäre es sehr geschmeidig,, es könnte viel höher springen ... Man könnte es jedoch nicht reiten.
So sehr sich der Reiter auch bemüht: Er kann der Natur nicht mehr abverlangen, als sie ihm geben kann. In seinem Werk "Das Dressurpferd" zeigt Harry Boldt eine Vielzahl von Luftaufnahmen, an denen sich Folgendes feststellen läßt:
- Auf allen Bildern ist die Rippenbiegung quasi nicht zu erkennen.
- Auf allen Bildern ist der Hals weit stärker gebogen als der Rest der Wirbelsäule.
- Selbst in der Lektion der Rippenbiegung par excellence - dem Schulterherein im Trab - ist die Biegung der Rücken- und Nierenpartie kaum sichtbar, auch wenn die Biegung im günstigsten Moment aufgenommen wird (also in dem Augenblick, wenn das äußere diagonale Beinpaar vorgreift).
Die Anatomie des Pferdes und die Fotografie reduzieren diese berühmte Rippenbiegung also auf fast nichts - oder zumindest auf einen ganz geringen Effekt. [...]
Schlußfolgerungen
Die Anhänger der Theorie der Rippenbiegung verkennen das, was der Reiter spürt, und halten ihr Wunschdenken für die Wirklichkeit. Dieses reiterlichen Dogma steht im Widerspruch zu den Gesetzen von Anatomie und Bewegungslehre. In Wirklichkeit hat der Reiter keinerlei Möglichkeiten, mit seinen armen kleinen Beinen den Körper des Pferdes in der Bewegung gebogen zu halten und sollte sich von diesen überheblichen Vorstellungen verabschieden! [...]
Man könnte dieser Argumentation entgegenhalten, daß es sich hierbei um Haarspalterei handelt, die letztendlich nicht viel ändert. Weit gefehlt. Eine Oase ist eine Oase, und eine Fata Morgana ist eine Fata Morgana. Sich darauf zu versteifen, eine Fata Morgana für eine Oase zu halten, kann tragische Folgen haben!
In der Überzeugung, richtig zu handeln, bemühen sich Reitlehre und Reiter kräftig mit Schenkel und Sporen ab, um etwas von ihren Pferden zu verlangen, das die Natur ihnen unmöglich gemacht hat. Das Pferd wird dadurch beunruhigt und verspannt sich. Es wird ständig durch Schenkel und Sporen belästigt, ohne daß dies eine vermehrte Vorwärtsbewegung erzeugen würde. Indem der Reiter sich für Hirngespinste abrackert, vergeudet er seine Zeit und das Pferd stumpft immer mehr am Schenkel ab. a.a.O., Seite 81 | | |
Dieses Buch ist ein Schatz! Gerade die zeichnerischen Einlagen, die in Richtung Karikatur gehen, nehmen dem Ernst etwas von der Spitze und verstärken gleichzeitig die Radikalität der Aussage. Vor einiger Zeit hatte ich in einer Besprechung schon seine Aussage zum gleichzeitigen Gasgeben und Bremsen zitiert, aber im Zusammenhang mit der Zeichnung wird die Unterschrift erst richtig köstlich:
| Dem Autofahrer steht es frei, langsamer zu werden, indem er gleichzeitig bremst und Gas gibt. Er darf sich dann jedoch nicht wundern, warum er die Bremsen ungewöhnlich stark verschleißt, Benzin verschwendet, seinen Wagen regelmäßig abwürgt und als Sonntagsfahrer gilt. a.a.O., Seite 87 | | |
Wie kommt es, daß noch nie ein Reiter die Vorstellungen der FN einer solchen gründlichen Kritik unterzogen hat wie Philipp Karl das in diesem Buch tut? Philipp Karl behauptet im Gegensatz zu den Richtlinien der FN nichts, was er nicht auch mit Zeichnung und Foto beweisen würde. Er bietet sogar Experimente an, die seine Erkenntnisse verifizieren. Er hat also erhebliche Arbeit in dieses Buch gesteckt - ich vermute, daß kaum ein anderer Reiter sich das zumuten wollte. Ein Grund.
Wer hat diese Richtlinien verbrochen? Philipp Karl bringt immer wieder historische Fotos von bekannten großen Reitern, die seine Aussagen unterstützen. Vermutlich haben alle diese Leute es vorgezogen, im Sattel zu sitzen, statt sich in einer Kommission aufzureiben und Formulierungen zu drechseln, die dem wirklichen Erleben nur schwer gerecht werden können. Ähnlich muß es in den Kultusministerien aussehen, wo Leute an Richtlinien basteln, die sich kaum noch daran erinnern können, wie ein Schüler aussieht, geschweige denn, wie er fühlt oder wie er lernen kann. Ein weiterer Grund.
Vermutlich gibt es noch eine Reihe von weiteren Gründen. Wer legt sich schon gerne mit den Mächtigen dieser Welt an? Wer macht sich gern das Leben schwer? Wer strengt sich für etwas an, was nicht unmittelbar Erfolg verspricht? Usw. Desto erfreulicher, daß wir mit diesem Werk die Bilanz eines Könners vorliegen haben, die zumindest in den Köpfen der Leser Bewegung verursachen wird.
| Schlußfolgerungen
Ein reiterliches Prinzip, das nicht der Natur des Pferdes entspricht, hat unangenehme Konsequenzen - besonders, wenn es dogmatischen Züge trägt. Dies ist der Fall bei der Biegung der gesamten Längsachse des Pferdes - der Rippenbiegung - und der damit zusammenhängenden Forderung nach einer ständigen Gewichtshilfe in Richtung der Innenseite dieser Biegung.
Aus jener Illusion den Schlüssel einer jeden Dressur zu machen und zu glauben, daß die Rippenbiegung durch vermehrtes Belasten des inneren Gesäßknochens aufrechterhalten werden kann, zwingt den Reiter:
- häufig gegen die vom Pferd verlangte Bewegung zu sitzen (beim Schulterherein auf der Geraden, beim Konterschulterherein auf dem Zirkel, Renvers auf dem Zirkel, Kontergalopp) und
- seinen Sitz beim Angaloppieren und bei den fliegenden Wechseln so einzusetzen, daß er das Pferd bei der Ausführung der Bewegung behindert.
Alles in allem führen diese Dogmen, die jeder Grundlage entbehren, mit großer Regelmäßigkeit dazu, daß der Reiter gegen die elementarsten Gebote des Gleichgewichts und der Bewegungslehre verstößt.
Solche Konzepte sind schädlich, denn sie bringen den Reiter um natürliche Lösungen, die sich auf die Dressur aller Pferde anwenden lassen, und beschränken ihn automatisch darauf, nur besonders begabte Tiere zu benutzen - was nicht ohne einen bedeutenden Ausschuß einhergeht. Dies ist mit einer klassischen Definition der Dressur unvereinbar.
Setzt der Reiter dagegen Hilfen ein, die der Natur des Pferdes entsprechen, dann:
- bestimmt er die Haltung der Vorhand und kontrolliert die Schultern des Pferdes durch den richtigen Einsatz seiner Hände,
- bestimmt er die Aktivität des Pferdes und kanalisiert die Hinterhand mit seinen Schenkeln,
- bewirkt er mit seinem Sitz Veränderungen des Gleichgewichts, die mit den Gesetzen der Bewegungslehre übereinstimmen, und
- verhindert er schließlich widersprüchliche Hilfenkombinationen.
a.a.O., Seite 119 | | |
Auf Seite 142 nimmt sich der Autor die Ausbildungsskala vor und dreht sie durch den Wolf. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man lachen. Ab Seite 144 beleuchtet Karl die geschichtliche Entwicklung, die zum heutigen System geführt hat.
| Sport, Zucht und Geschäft Geschichtlicher Hintergrund
[...] Auf spektakuläre Art und Weise hat sich die Dressur innerhalb weniger Jahrzehnte von einem mondänen, im kleinen Kreis durchgeführten Wettbewerb zwischen Amateuren aus verschiedenen Schulen (deutschen, norwegischen, russischen und romanischen) zu einer weltweiten Disziplin entwickelt, die von Sponsoren, Medien und Berufsreitern bestimmt wird und sich vollständig unter Vormacht des deutschen Ausbildungssystems befindet.
Warum und wie ist das geschehen? Nach dem Ersten Weltkrieg formulierte Gustav Rau, angesehener Leiter der Abteilung Zucht im "Reichsverband für Zucht und Prüfung des deutschen Warmbluts", folgende Richtlinie: Für die Dressur sollten die Züchter ein Pferd heranziehen, "das von Geburt an alle Merkmale des ausgebildeten Pferdes besitzt". Dank hervorragender Züchter und einer sehr harten Auslese wurde dieses Ziel innerhalb von 50 Jahren erreicht.
Hinzu kommt die große Anzahl begeisterter, methodisch genau vorgehender Reiter. So konnte Deutschland durch die überwältigende Überlegenheit seiner Zucht einen so großen Einfluß in dieser Disziplin erlangen, daß es zuerst seine Pferde durchgesetzt, dann den Reitern und Ausbildern die Dressurmethoden seiner Berufsreiter vorgeschrieben und schließlich der Internationalen Reiterlichen Vereinigung FEI seine Richtlinien auferlegt hat.
Dieser wirtschaftliche und sportliche Erfolg ist von solcher Tragweite, daß er zu einem wahren technischen und kommerziellen Monopol geführt hat. Man kann dieses Ergebnis nur bewundern - allerdings nicht ohne eine wesentliche Einschränkung: Was die Kultur betrifft, haben Angleichung und Einheitsdenken immer eine Verarmung, wenn nicht gar einen Rückschritt zur Folge.
Dressur und Dressursport
In allen Ländern "benutzen" die Berufsreiter heute geschickt Pferde mit außergewöhnlicher Veranlagung (tadelloses Gebäude, traumhafte Gangarten und ein Interieur, das allen Anforderungen gewachsen ist) weit mehr, als daß sie sie "ausbilden" - Pferde, die sie für enorm hohe Summen erworben haben oder von Sponsoren zur Verfügung gestellt bekommen.
Die Fortschritte der Zucht, die Explosion der Verkaufssummen und die Professionalisierung der sportlichen Disziplin haben zur Herausbildung eines neuen Reitertyps geführt: des "Dressurreiters". [...]
Immer auf das Ergebnis ausgerichtet, verwechselt die heutige Dressur regelmäßig Ursache und Wirkung. Deshalb propagiert sie unweigerlich Mittel, die das Resultat erzwingen (selbst wenn dieses reine Illusion ist wie die Rippenbiegung oder das Untertreten der Hinterbeine). Als Folgen ergeben sich grobe Vorgehensweisen, autoritäre Methoden und schließlich Dogmen, die von der Natur des Pferdes sehr weit entfernt sind und entsprechende negative Auswirkungen haben. [...]
Schlußfolgerungen
Eine Aufzählung aller Titel und Medaillen genügt nicht, um den Wert eines Systems zu bemessen - so vorherrschend es auch sein mag. Wenn wir eine Rangliste der erfolgreichsten Restaurants aufstellen würden, käme McDonald's zweifellos auf den ersten Platz. Dies macht diese Kette jedoch weder zu einer Referenz in Sachen Ernährung noch zu einem Bewahrer gastronomischer Tradition.
Indem sie sich ohne schützende Leitlinien entwickelt, die durch eine sinnvolle Planung der Prüfungen und gesunde Richtlinien zweifellos gegeben wären, hat die Professionalisierung der Dressur einen Teufelskreis erzeugt: Je besser die Pferde werden, desto höher sind die Kaufpreise, die ihrerseits wieder amortisiert werden müssen. Und daraus folgt:
- desto frühzeitiger und mißbräuchlicher ist die Nutzung der Tiere,
- desto mehr werden sie überfordert, und desto besser geht es den damit verbundenen Berufen - spezialisierten Tierärzten, Osteopathen, Akupunkteuren,
- desto häufiger werden unerlaubte Medikamente verabreicht und treten Dopingfälle auf,
- desto geringer ist die Lebenserwartung und desto mehr verkaufen die Züchter,
- desto phänomenaler sind Veranlagung und Robustheit jener Tiere, die Karriere machen,
- desto weiter treiben sie die Zuchtauswahl voran,
- desto besser ist die nächste Generation ...
Das Rad dreht sich immer schneller. Entweder das Pferd gewinnt - oder es zerbricht. In einer Gesellschaft, in der der Wettbewerb über alles geht und die Wegwerfmentalität vorherrscht, zählt allein das Ergebnis. "Der edelste Begleiter des Menschen" wird damit auf eine Investition ohne Seelenleben reduziert. Die Geschäftswelt mit dem ihr eigenen Zynismus kommt dabei voll auf ihre Kosten; die immer besser werdenden Pferde zahlen dagegen einen hohen Preis, und die Reiterei verliert ihre Seele und ihren erzieherischen Wert. a.a.O., Seite 144 | | |
Die Sportdressur erscheint bei Philipp Karl in einem sehr schlechten Licht. Die Analyse ist schlüssig und überzeugend. Das System scheint undurchdringlich. Wird dieses Buch irgendwelche Konsequenzen haben? Wird die FN, die FEI sich damit befassen? Vermutlich nicht.
Dabei ist Philippe Karl Realist - er will nicht den Menschen ändern, sondern "nur" die Regeln. Andere, wie etwa der Russe Nevzorov, sind wesentlich radikaler. Sie wollen den Mißbrauch der Pferde für die Zwecke der Menschen ersatzlos streichen. Philippe Karl betont, daß schon ein Trensengebiß für ein Pferd beängstigend sein muß - Nevzorov ist deshalb gegen Gebisse insgesamt. Davon kann bei Philippe Karl keine Rede sein. Selbstverständlich verzichtet er auch nicht auf Sporen. Für Philippe Karl sind dies Hilfsmittel, um sich dem Pferd verständlich machen zu können. Gegen Gewalt sind beide. Nevzorov empfindet Sport mit Pferden insgesamt als Mißbrauch, den er mit Sklavenhaltung vergleicht, weil Pferde nicht gefragt werden können, ob sie am Sport ebenfalls interessiert sind und Vergnügen haben. Für Philippe Karl stellt sich diese Frage nicht. Die Pferde, mit denen er arbeitet, tun das gern. Und die anderen eignen sich eben nicht für den Sport. So einfach ist das.
An den von Philippe Karl vorgeschlagenen Änderungen kann niemand Interesse haben, der vom jetzigen System profitiert, und das sind vermutlich genau die Leute, die die Macht haben. Deshalb wird der mutige Vorstoß wahrscheinlich verpuffen - interessant, aber wirkungslos. Trotzdem wird seine Anstrengung nicht umsonst gewesen sein. Dieses Buch arbeitet an der Bewußtseinsänderung. So wie der Autor von den Pferdeflüsterern und deren Arbeit an der Bewußtseinsveränderung profitiert hat, werden andere wiederum von dieser Arbeit profitieren. Die Zukunft ist offen.
Der Autor bedankt sich zum Schluß bei einer Praktikantin, die - selbst unausgebildet - ihr unausgebildetes Mischlingspferd (Stute Haflinger / Hengst Holsteiner) ein Jahr lang unter seiner Aufsicht nach seinen Methoden ausgebildet hat. Das Ergebnis wird in eindrucksvollen Fotos dokumentiert. In gewisser Weise könnte dieser Schluß programmatisch sein: In der Szene der Freizeitreiter wird dieses Buch vielleicht viel bewirken. Für diese ist es eigentlich nicht geschrieben, aber auch das wäre ja ein großer Erfolg.
Ich empfehle dieses wichtige Buch jedem, der mit Pferden zu tun hat, ganz unabhängig davon, ob er sich mit der "Schule der Leichtigkeit" näher befassen möchte oder nicht. Wer sich mit dem FN-System beschäftigt hat oder beschäftigen muß, sollte sich dringend mit diesem Werk auseinandersetzen. Es ist besonders wichtig für all diejenigen, die nicht in der Lage sind, sich die Spitzenpferde zu leisten, auf die das Regelwerk der FN zugeschnitten ist und die das Bewertungssystem der FEI in so eklatanter Weise begünstigt.
Das dürften vornehmlich die Fans unserer Spitzensportler sein, denen nach der Lektüre des Buches vermutlich die Augen aufgehen, und zwar sowohl was ihre eigenen Bemühungen betrifft, als auch die der Stars. Vielleicht kommen wir einmal soweit, daß diese auf internationalen Turnieren ausgebuht werden. Bis dahin muß noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, aber: Nichts ist unmöglich! Ein Anfang ist gemacht.
erschienen 28.05.06
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 168, Karl, Philippe: › Reitkunst, Klassische Dressur bis zur Hohen Schule Ausgabe 275, Karl, Philippe: › Klassische Dressur I, Teil 1: Hilfengebung, Légèreté – die Philosophie der Leichtigkeit
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