
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist erstaunlich preiswert. 350 Seiten für so wenig Geld - das geht also auch! Es geht unter anderem deshalb, weil dieses Buch nicht auf Hochglanzpapier gedruckt ist, weil nicht jede Seite mit Bildern und Designelementen überfrachtet ist - dieses Buch enthält kein einziges Foto, nicht einmal auf dem Umschlag. Da es aber ohne Illustrationen nicht geht, finden sich entsprechende Zeichnungen, die aber ebenfalls als reine Strichzeichnungen ausgelegt sind und nicht Anspruch auf eigenständige Wertschätzung erheben, sondern rein in der dienenden Rolle verbleiben.
Das Buch ist also gewissermaßen unzeitgemäß. Man kann sich ein solches Buch aus den großen Publikumsverlagen nicht mehr vorstellen. Bücher sehen immer mehr wie Zeitschriften aus, und Zeitschriften immer mehr wie Collagen, wie Werbebroschüren. Man hat manchmal den Eindruck, daß es auf den Inhalt gar nicht mehr ankommt. Umgekehrt macht ein solches Buch sofort den Anspruch geltend, am Inhalt gemessen werden zu wollen.
Der Olms Verlag hat, wie auf dem Rückentitel stolz verkündet wird, den Autor über die Jahre hinweg begleitet. Dessen Bücher sind immer wieder neu aufgelegt worden, was ein untrügliche Zeichen für seinen Erfolg bzw. die entsprechende Nachfrage ist. Wie es so geht, bin ich vor ein paar Tagen zufällig auf einen Nachruf gestoßen (» Sadko G. Solinski - Nachruf). Es handelte sich um einen "Virtuellen Stammtisch der Freunde der Klassischen Reitkunst", der im wesentlichen aus der pompösen Hülle bestand. Viel Lärm um Nichts. Der Nachruf kam von irgendwoher.
In einem Forum habe ich ihn ebenfalls gefunden. Der Autor ist vor kurzem im Alter von 68 Jahren gestorben. Die Freizeit im Sattel hat ihm als ehemaligem Mitarbeiter ebenfalls einen Nachruf gewidmet: » Zum Tod von Sadko Solinski. Darin wird ein bißchen seine Lebensgeschichte und auch seine Lerngeschichte nachgezeichnet.
Google bringt fast 50.000 Fundstellen zu diesem Autor, darunter sehr viele Forumsbeiträge. Es geht dabei um die Klassischen Reitkunst, um Unterricht, um Lernbereitschaft, und es ist mehr Verwirrung im Spiel als ich vertragen kann. Ich bezweifle, daß die eifrigen Forumsteilnehmer durch diese Art von Diskussionen persönlich reifen können, von der Entwicklung mit dem Pferd ganz zu schweigen.
Laut Freizeit im Sattel war sein Ruhm in den siebziger und achtziger Jahren am größten; erst danach fing offenbar seine schriftstellerische Wirkung an. Die Schilderung, die der erwähnten Nachruf zweier Schülerinnen hinterläßt, zeichnet ihn als besonderen Menschen:
| [...] Ja, er war schwierig, immer voller Kritik, unnachgiebig in seiner Meinung, eigenbrötlerisch, ein wirklich schlechter Pädagoge. Bei ihm fühlte ich mich auf dem Pferd, selbst nach jahrzehntelanger Reiterfahrung, immer noch wie ein Anfänger und war stolz, als ich zum ersten Mal auf einem seiner Pferde ohne Longe reiten durfte. Sein größtes Lob war: "Na ja, das war ja schon ganz nett". [...]
Durch ihn habe ich gelernt "auf der Seite der Pferde zu stehen" wie er es immer ausgedrückt hat. Ich habe gelernt zu sehen und begriffen, dass ich nie auslernen und nie reiten können werde. Wie war noch einer seiner Lieblingssätze: "Wer jemals ausgelernt haben möchte, der suche sich ein anderes Hobby!". [...]
Er hat im deutschsprachigen Raum maßgeblich die Freizeitreiterei beeinflusst, durch seine Bücher (das letzte, "Pferdegymnastik", erschien kurz vor seinem Tod), durch seine Kurse und vielleicht nicht zuletzt durch seine kauzige Art. Unvergessen bleiben seine Camargue-Wallache, die noch mit über 30 Jahren mühelos Lektionen der Hohen Schule absolvierten, was für jeden Zuschauer ein besonderes Erlebnis war. [...]
Bei allem, was er mit Pferden tat, hinterfragte er stets, ob auch die Pferde selbst etwas davon haben würden. Auf die Frage, ob er noch Spaß am Reiten habe, sagte er einmal zu mir: "Ich reite nicht aus Spaß. Ich habe nur Spaß am Spaß des Pferdes." [...] | | |
Dieser Pferdemensch hat seine Botschaft den Büchern anvertraut. Würden die vielen Forumsteilnehmer ihre Zeit dazu nutzen, diese Bücher zu studieren, würden sie vermutlich wesentlich mehr profitieren als durch die für mein Gefühl eher fruchtlosen, endlosen, streitlustigen Diskussionen. Ganz wesentlich scheint mir zu sein, die grundsätzliche Frage zu klären, ob man den Weg der FN gehen will, was nur sinnvoll zu sein scheint, wenn man Turniere bestreiten will, oder ob man sich für das Pferd interessiert.
Diese Formulierung habe ich bewußt so gewählt. Für die FN ist das Pferd Mittel zum Zweck, Sportgerät - daran gibt es gar kein Zweifel, auch wenn die Liebe zum Pferd gebetsmühlenartig wiederholt wird. In seiner Einführung setzt der Autor genau dort an:
| Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es, bedingt durch den großen Pferdeverschleiß, in West- und Mitteleuropa - mit Ausnahme der Schweiz - Regionen, in welchen der Kleinpferdebestand weit höher war als der an Sportpferden. a.a.O., Seite 9 | | |
Etwas unvermittelt zeichnet er dann die Kultur der Kleinpferdehalter nach, die erst spät zur Einsicht kamen, daß man ihre Pferde vielleicht auch reiten könne, und die dann mühsam lernten, daß sie einen etwas anderen Zugang brauchten als die Sportpferdereiter. So erklärt der Autor die Notwendigkeit, für diese Gruppe von Pferdehaltern einen völlig neuen Zugang zur Reitkunst zu erschließen.
Dabei kann er sich interessanterweise auf ein 1959 erschienenes Buch "Vollendete Reitkunst" des Bürkner-Schülers Bürger berufen, der von harmonischer Übereinstimmung mit dem Reiter, Harmonie und Inbegriff der Kunst schrieb.
| [...] erprobten viele Freizeitreiter damals Udo Bürgers Ratschläge und staunten über die Wendigkeit ihrer kleinen Robustpferde, wenn sie diese ausnahmsweise einmal weder mit ihrem Sitz noch mit Oberschenkel- und Knieschluß, noch mit den Zügeln behinderten. Ihre kaum ausgebildeten Tiere bewegten sich dann in nahezu vollkommenem Gleichgewicht, und die Reiter selbst konnten nun die Zügel in allen Gangarten jederzeit auf den Hals werfen, ohne daß ihre Pferde deswegen stolperten, auseinanderfielen, schneller oder langsamer gingen und weniger bequem auszusitzen waren. Ja, hin und wieder beugten sie in solchen Augenblicken sogar ihre Kruppen, richteten sich in der Vorhand auf und begannen, mit abgehobenen Hufen und erhabenen Tritten an locker durchhängenden Zügeln stolz einherzuschreiten.
Zudem schienen diese Gleichgewichtsbeweise ihren Pferden ein gewisses Wohlgefühl, mehr Selbstvertrauen und höhere Konzentration auf den Reiter oder Longenführer zu vermitteln und bestärkten sie so, die jeweils gezeigten Gleichgewichtshaltungen nicht nur anzunehmen, sondern auch aktiv und konsequent zu vervollkommnen. Sie versuchten nun täglich, ihr Pferd mit ihren reiterlichen Hilfen immer weniger zu behindern, d. h. mit den Händen häufiger nachzugeben, anstatt die Zügel aufzunehmen oder sogar festzuhalten, und ihre Schenkel immer weiter zu öffnen, um ihren Reitsitz lockern und immer tiefer gestalten zu können.
Die ersten Freizeitpferdefans im deutschen Sprachraum waren somit noch achtsam und weise genug, um sich von ihren eigenen Kleinpferden auf deren Begabungen und Eignungen aufmerksam machen zu lassen. Sie entdeckten so das "Pferdegemäße Gymnastizieren" dankte ihrer Einführung beim Umgang mit ihren eigenen Tieren nahezu von selbst. a.a.O., Seite 12 | | |
Das klingt ja wirklich märchenhaft. Das erste Buch, das diese Entwicklung festhielt, soll das schon erwähnte erste Buch des Autors gewesen sein. Allerdings scheint es immer noch ein Problem zu sein, dieser Zielgruppe deutlich zu machen, daß die Methoden der FN für sie nicht geeignet sind und mehr schaden als nützen. Diesem Umstand abzuhelfen dient das neue Buch, das durch den Tod des Autors im Dezember letzten Jahres gewissermaßen zu seinem Vermächtnis geworden ist.
Auf Seite 22/23 finden sich wunderbar polemisierende Zeichnungen, die links an drei Beispielen zeigen, wie es eigentlich nicht sein soll, nämlich anhand der zivilen Reiter des 19. Jahrhunderts, die ihren Pferden im Maul herumrissen, der militärischen Pferdeausbildung, wo mittels Unterlegtrense und Kandare ständig Druck auf das Maul des Pferdes ausgeübt wird, und der sportlichen Dressurreiterei, die sich daraus entwickelt hat und selbstverständlich ebenfalls permanenten Maulkontakt anstrebt.
Rechts dagegen der "Einfluß des locker gymnastizierenden Reitens" auf Schul- und Freizeitreiten, die freizeitreiterliche Pferdeausbildung und die Reitweise der Kampfstierhirten und Wanderreiter - das Pferd trägt sich selbst, der Zügel hängt durch. Gemäß der eigenen Entwicklung des Autors ist natürlich viel die Rede von den klassischen Ausbildern.
Dieses Buch ist ein wunderbares Zeugnis, wie man mit Pferden umgehen sollte und was Pferde für einen tun können und wollen. Es ist aber auch ein erschreckendes Zeugnis dafür, wie übel Menschen mit Pferden umgehen können. Der Autor läßt nicht durchblicken, wie es ihm dabei geht, wenn er erleben muß, wie die Besitzer des Pferdes, dessen Ausbildung er detailliert geschildert hat, dieses mißhandeln und mißbrauchen. Wer überhaupt einen Funken Gefühl im Leibe hat, muß vor Mitleid vergehen.
Ich fürchte aber, daß die Szenen, die zum Himmel schreien, ganz gewöhnlicher Alltag sind und nichts Besonderes. Wenn auch nur jeder zweite Leser im innersten aufgerüttelt und anschließend in seinem Pferd ein Lebewesen sehen würde, für das er voll verantwortlich ist, das ihm unendliche Freude, aber auch viel Ärger und Leid bereiten kann, nicht weil es böse oder ungehorsam oder widersetzlich wäre (was für ein Wort!), sondern weil es als Tier gar nicht anders kann als instinktiv auf die Mißhandlung zu reagieren, dann wäre schon viel gewonnen.
Deshalb wünsche ich diesem Buch viele Leser und ich hoffe, daß entsprechende Empfehlungen in den diversen Foren weitergegeben werden. Das Maß an Verwirrung und Hilflosigkeit, häufig verkleidet als Überheblichkeit und Anmaßung, das man dort antrifft, übersteigt jede Vorstellung genauso wie das Ausmaß an Grausamkeit, das den duldsamen edlen Tieren entgegengebracht wird, denen sich der Autor offenbar je mehr verpflichtet gefühlt hat, je länger er mit ihnen umgegangen ist. Daß er als Resümee seiner Erfahrungen ein so nüchternes Bild der wahren Verhältnisse zeichnete, spricht für eine persönliche Tragik, die er offenbar tapfer überwunden hat. Er diente den Pferden. Hoffen wir, daß sein Werk in seinen Büchern weiterlebt und seine Wirkung langsam, aber stetig entfalten wird.
erschienen 19.03.06
| |