Dann waren die vor dem Schneiden sichtbaren Stellungsfehler und Zwänge am Huf dran, mit allen Konsequenzen für das Pferd, bevor es zur Lehrvorführung des systematisch richtigen Ausschneidens überging. Chris bearbeitete eine Seite und erklärte ganz genau, Schritt für Schritt, worauf es ankommt und warum. Die andere Hälfte machte dann Udo in der ähnlichen Art und so ergänzten sich beide auf ideale Weise. So arbeiteten sie sich von der Strahlspitze nach hinten, entfernten aus wuchernden Eckstreben entstandene doppelnde Sohlen, zeigten den Teil von ihnen, der von unten in die Sohle nach oben drückt und die berühmt-berüchtigte "Hufrolle" verursacht. Wichtig waren auch die Übergänge zwischen den verschiedenen Hornarten: Sohlenhorn, Eckstrebenhorn und Strahlhorn. Die Trachten wurden gekürzt und der Weitungsschnitt erklärt. Wir sahen mehrere Möglichkeiten der Messerführung, je nach Vorliebe und der Seite, auf der man arbeitet. Und dann waren wir dran. Mittlerweile war die Sonne rausgekommen und so konnen wir uns bei Kaiserwetter mit unseren Pferdebeinen beschäftigen. Nach allem, was wir gesehen haben, war uns spätestens jetzt klar: Fast alle Pferde, deren Hufe wir hatten, sind ziemlich sicher wegen irgendeiner unnötigen Lahmheit getötet worden und würden mit der richtigen Behandlung wahrscheinlich jetzt schon wieder laufen. Wir saßen also mit unseren Hufen da und mir kamen lebhafte Erinnerungen, als ich einigen von uns zuschaute: Wie einfach das Zuschauen ist, aber wie schwierig, wenn man das Werkzeug selbst in der Hand hat. Mir hat das Übungsbein sehr viel gebracht. Ich konnte mich endlich trauen, ans Limit zu gehen, ging im Eifer auch darüber hinaus und machte bei meinem Fuß gleich einen entscheidenden Fehler: die Trachten an der Seite mit der niedrigeren Ballenhöhe zuerst kürzen. Effekt: der Huf steht schief oder ich muß auf der anderen Seite zu tief schneiden. Hätte ich doch so gerne einen gut geschnittenen Huf gezeigt. Aber ich konnte dadurch merken, wie nah man am Durchrutschen in die Lederhaut ist, wenn es um die Korrektur richtig kranker Hufe geht. Es ist also keineswegs so, daß man nach ein paar Übungstagen und Lektüre alles selber machen kann. Fehler äußern sich nur im günstigsten aller Fälle dadurch, daß nichts passiert, also die erwünschte Korrektur ausbleibt. Wenn es blöd läuft, ist das Pferd für lange Zeit unbrauchbar oder noch schlimmer. Aber unter Anleitung sich in das eigene Pferd einarbeiten, um Routinearbeiten selber machen zu können und die Besuchsintervalle sinnvoll zu verlängern, das sollte für viele machbar sein.
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