
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Verglichen mit Publikumstiteln aus den großen Verlagen ist dieses Buch teuer. Es ist auch nicht bei Kosmos, Müller Rüschlikon, BLV, Cadmos, FN-Verlag, Olms oder Ulmer erschienen, sondern beim Sonntag Verlag, einem Unternehmen der MSV Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG.
In diesen Kreisen sind andere Preise üblich. Das liegt daran, daß die Auflagen für wissenschaftliche Werke im allgemeinen wesentlich niedriger, die Produktionskosten aber ähnlich hoch sind, was einen höheren Einzelpreis ergibt. Studenten und Universitätsbibliotheken können ein Lied davon singen.
Umgekehrt dürfte sich bei einem vergleichsweise hohen Einzelpreis selten eine hohe Auflage ergeben. Das ist in vielen Fällen sicher fatal, denn manch ein Werk hätte eine große Verbreitung verdient. Damit meine ich natürlich das vorliegende Werk. Es ist die überarbeitete Fassung des Buches "Gesunde Hufe ohne Beschlag"; welches der frühen Bücher mit diesen Hinweis im Vorwort gemeint ist, war mir nicht ganz klar - möglicherweise ist es das Buch, das ich seinerzeit gekauft hatte, mittlerweile von jemandem entliehen und nicht wieder zurückgegeben, der es dringender brauchte.
| In mehr als zehn Jahren haben sich eine Menge neuer Erkenntnisse und Erfahrungen angesammelt, die teilweise in Themenbüchern wie › Was spricht eigentlich gegen Hufbeschlag?, "Hufrehe" sowie in dem Lehrbuch für Hufheilpraktiker "Handbuch der Huforthopädie" Eingang gefunden haben, jedoch unbedingt auch in den Band für "Einsteiger" in die Natur des Pferdes aufgenommen werden müssen. Deshalb hat der Band auch einen neuen Namen bekommen. a.a.O., Seite VII | | |
Die Bücher von Hiltrud Straßer sind vermutlich allesamt nicht weitverbreitet - ihr Name ist jedoch in der öffentlichen Diskussion sehr präsent; meistens löst schon die Nennung des Namens erhebliche Emotionen aus, und man muß sich fragen, wie das wohl zu erklären ist. Diese Leute, die sich erregen, haben sich, wenn ich das richtig sehe, regelmäßig nicht näher mit der Person und der "Methode Strasser" beschäftigt. Wie erklärt sich dann diese Reaktion?
Vor ein paar Tagen habe ich einen ersten Hinweis bekommen, der die Sachlage erhellen könnte. Es sieht wohl so aus, als ob es eine Menge Leute gibt, die mit Berufung auf den Namen Straßer gewerbsmäßig Hufe behandeln und dabei eine Menge Fehler machen, und zwar keine nebensächlichen Fehler, sondern schwerwiegende. So schwerwiegend, daß die Pferde nach der Behandlung nicht mehr zu retten sind.
Sofern die Besitzer versichert sind, schaltet deren Versicherung einen Gutachter ein, der den Pfusch feststellt und zu den Akten nimmt. Damit ist allerdings nicht nur die Methode, sondern auch die Person Straßer beschädigt. Der Pfuscher hingegen - unterstellt, daß meine Hypothese richtig ist - bleibt unbehelligt, sofern der geschädigte Besitzer nicht Zivilklage erhebt, was sich bei Eintritt der Versicherung erübrigt. Damit bleibt das Übel in der Welt.
Nun darf man jemandem, der sich unangemessen verhält, nicht unterstellen, daß es dessen Absicht gewesen sei. Vermutlich war die Person - der Pfuscher - in Bezug auf das gestellte Problem einfach überfordert. Dagegen gibt es eine ganz einfache Abhilfe: Frau Dr. Straßer bietet eine gründliche › Ausbildung zum Hufheilpraktiker an, die zwar nicht billig ist, aber dafür Sorge trägt, daß dergleichen Auswüchse ausgeschlossen bleiben. Die "Methode Strasser" ist seit Jahrzehnten dafür berühmt, daß hoffnungslose Fälle gerettet werden können, und gerade deshalb muß es besonders unangenehm aufstoßen, wenn mit dem Namen Straßer Fälle verknüpft werden, wo Pferde angeblich durch normale Hufpflege zu hoffnungslosen Fällen gemacht werden.
Wenn dem so ist: Wie kann es kommen, daß Leute sich etwas zutrauen, dem sie objektiv nicht gewachsen sind? Die Situation ist für mich in gewisser Weise nachvollziehbar. Als ich vor über zehn Jahren zum Pferdebesitzer wurde, wußte ich nicht viel über Hufe und Hufpflege. Allerdings hatte ich schon meine Zweifel darüber, ob Pferde in jedem Fall Eisen tragen müssen, ohne daß ich das im einzelnen hätte begründen können. Das erwähnte Buch von Frau Dr. Straßer hat mir geholfen, meine Ansprüche gegenüber den Hufschmieden zu formulieren und diese durchzusetzen. Ohne das Buch hätte ich sicherlich nicht genug Selbstvertrauen gehabt und mich dem Ansinnen der Hufschmied fügen müssen.
In ähnlicher Weise wird dieses Buch und auch alle anderen der Autorin emanzipierend und aufklärend auf die Leser gewirkt haben. Bei einer schnellen Suche nach verfügbaren neuen und antiquarischen Büchern (» Amazon, » Booklooker) stellt sich mir die Situation so dar, daß sie zunächst versucht hat, ihre Erkenntnisse über Bücher bis zum praktisch tätigen Hufpfleger zu verbreiten.
Im Verlag Beate Danker ist seit 1991 eine dreibändige Reihe unter dem oben angeführten gemeinsamen Titel "Gesunde Hufe ohne Beschlag" erschienen, von denen zwei noch druckfrisch lieferbar sind:
Da die Bücher der Autorin, soweit ich sie kenne, allesamt sehr einleuchten und zum Handeln ermutigen, was von sämtlichen Rezensenten, die mir bekanntgeworden sind, ebenfalls bestätigt wird, ist es nicht verwunderlich, daß sich jemand über die Bände 1, 2 und 3 bis zur eigenständigen Hufpflege fortentwickelt. Das war, wie der Buchtitel zu Band 3 schon zeigt, sicher gewollt. Sofern er seine Künste auf das eigene Pferd beschränkt, ist dagegen vermutlich nichts einzuwenden. Sollte er allerdings meinen, damit schon die Menschheit bzw. Pferdewelt beglücken zu können und alle Eventualitäten im Griff zu haben, könnte er einem fatalen Irrtum aufgesessen sein. Hat die Autorin das in ihren Büchern deutlich gemacht? Ich kann es nicht nachprüfen, aber ich möchte aufgrund der mir vorliegenden Unterlagen diese Frage unbedingt bejahen. Sie ist eine Wissenschaftlerin und schreibt als Wissenschaftlerin und ist sich stets der Tragweite ihrer Formulierungen bewußt.
Kann sie sich gegen die mißbräuchliche Verwendung ihrer Erkenntnisse verwahren? Vermutlich nicht. Fachbücher sind im allgemeinen frei verfügbar. Wenn ich mir ein paar Fachbücher über Geburtshilfe reinpfeife, bin ich noch keine Hebamme und schon gar kein Gynäkologe. Würde ich meine Dienste anbieten und praktizieren, machte ich mich zweifellos strafbar. Das könnte sogar eine ganze Zeit lang gutgehen, wie man immer wieder in der Zeitung liest, denn die Menschheit ist ja gutgläubig und das Glück ist mit den Anfängern. Geht aber etwas schief, gibt es kurzen Prozeß. Der Autor der gynäkologischen Fachbücher hätte an meinem Mißbrauch seiner Ausführungen freilich keinen Anteil.
Nicht so bei Pferden, wie es scheint. Jeder kann tun, was er will, jedenfalls bei der jetzigen Rechtslage; das kann gut oder schlecht sein. Ich persönlich hatte nie den Ehrgeiz, die eigenen Pferde selber pflegen zu wollen; statt dessen wollte ich mich lieber auf einen Fachmann verlassen. Glücklicherweise habe ich einen gefunden, und der der ist genau diesen Weg gegangen. Zunächst war er mit den Hufschmieden unzufrieden, machte sich sachkundig und behandelte seine eigenen Pferde. Dann kamen die Nachbarn und er tat ihnen den Gefallen. Schließlich dachte er daran, aus dieser Tätigkeit einen Beruf zu machen. Da entschloß er sich zu einer Ausbildung, in diesem Fall bei » BESW.
Der verantwortliche Ausbildungsleiter bei BESW, Gerd Schramm, ist bei Dr. Straßer ausgebildet und war sogar einmal Vorsitzender des Verbandes der Hufpfleger und Hufheilpraktiker nach Dr. Strasser e.V. (» VdHP). Der BESW-Huftechniker bietet eine Fülle von Hufschutz-Mitteln an, die von Frau Dr. Straßer allerdings allesamt abgelehnt werden. Er bedient damit einen Markt, der zweifellos vorhanden ist, und kann sich gleichzeitig gegen "Extremisten" vom Schlage Straßer abgrenzen. Wer will schon mit Extremisten zu tun haben? Die Leute können sich nicht vorstellen, daß Pferde barfuß laufen und trotzdem etwas leisten.
Unser Hufschmied läßt die Pferde ohnehin am liebsten barfuß gehen, und da wir von ihm auch nichts anderes verlangen, sind wir soweit zufrieden. Weiß er aber grundsätzlich über die Probleme des Hufmechanismus Bescheid und über die problematische Entwicklung, die durch jegliche Beeinträchtigung desselben durch irgend eine Art von Hufschutz notwendigerweise in Gang gesetzt wird? Keine Ahnung, ich werde ihn demnächst mal fragen müssen. Überhaupt könnte ich ihn einmal nach seiner Meinung zu Dr. Straßer befragen.
Woraus sich ergibt, daß ich mich mit den speziellen Schulen zum Thema Huf bisher noch gar nicht näher beschäftigt habe. Es gibt hierzulande mindestens ein halbes Dutzend, die sich mehr oder weniger gegenseitig bekriegen. Nun kann es aber doch zu wissenschaftlichen und gesundheitlichen Problemen nicht ein halbes Dutzend verschiedene Meinungen geben. Was sage ich da? Meinungen? Auf Meinungen kommt es überhaupt nicht an! Meinungen kann jeder so viele haben, wie er will. Es kommt auf die Wirklichkeit und die Wahrheit an. Und an der ist nicht zu rütteln (diese Formulierung ist nicht von mir, sie ist einer Äußerung von » Hermann Hesse nachempfunden, die mir gerade wieder in den Kopf kam).
Das Vertrackte an den Meinungen ist leider, daß sie sich so schwer beeinflussen lassen. Was ist schon die Wahrheit und die Wirklichkeit, wenn man eine feste Meinung hat? Was schert einen die Wahrheit und die Wirklichkeit, wenn man mit seiner Meinung so gut fährt? Mit Meinungen ist das ja so: Teile ich die Meinung der Mehrheit, geht es mir gut, während ich andernfalls schwer in Bedrängnis kommen kann. Es ist also allemal komfortabler und bequemer, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen. Und diese ist im Falle der Hufpflege eindeutig. Hufe müssen geschützt werden, am besten mit Eisen, oder alternativ mit "modernen" Werkstoffen.
Davon gibt es in jeder Saison mehrere neue. Der geplagte Pferdebesitzer hat also schon sehr viel zu tun, sich auf dem Laufenden zu halten, wenn er nicht der Mehrheit der Mehrheitsmeinung anhängt, daß es nämlich "Hufschutz" aus Eisen sein muß, der angeblich ja für jedes Pferd und alle Umstände gut und empfehlenswert ist. Und wenn es dann doch einmal Schwierigkeiten gibt, kann man ja "orthopädische" Beschläge ausprobieren, aber Beschlag muß sein. Für Nagelgegner gibt es diverse Klebetechniken und Schuhwerk, womit sich die Vielfalt der Meinungen im Bereich der Schutzfreunde weiter auffächert. Man kann also in diesem Spektrum durchaus Mehrheitsanhänger sein und gleichzeitig alternativen Besserwissermeinungen frönen und sich innerhalb der Mehrheitsgruppe in Minderheitsgrüppchen zusammenfinden.
Nun kommt da jemand, der keine Meinung vertritt. Frau Dr. Straßer interessiert sich gar nicht für Meinungen und im Grunde auch nicht speziell für Hufe, sondern für die Pferde. Der Klappentext ist in dieser Hinsicht sehr interessant. Zunächst wird behauptet, daß die Autorin in der Welt einen sehr guten Ruf genießt (ich habe überprüft, Google bringt ungefähr 372 Links für "strasser hoofcare", ungefähr 851 für "strasser hoof"). Dort hat man ihre Anregungen möglicherweise unverfälscht aufgenommen. Anschließend wird festgestellt, daß sie die Hufe in den richtigen Zusammenhang stellt. Sie betrachtet nicht die Hufe als solche, nämlich als gesonderte Körperteile, die man beliebig behandeln kann, ohne daß das auf den restlichen Organismus Auswirkungen hätte, sondern im Zusammenhang mit den gesamten Lebewesen Pferd.
Das Lebewesen Pferd braucht Hufe - braucht es Hufschmiede? Diese Frage habe ich mir auch immer gestellt, und vermutlich lauerte die auch im Hintergrund, als ich das erste Mal selbstverantwortlich mit dem Problem konfrontiert war: Wie haben es nur die Pferde ohne Eisen und ohne jeglichen Hufschutz ausgehalten, bis sie uns in die Hände gefallen sind? Wie machen das die wildlebenden Pferde in allen Kontinenten der Erde? Wie unter anderem Hardy Oelke in seinem Buch › Das Vermächtnis des Columbus gezeigt hat, kommen die Mustangs in Amerika sehr gut ohne Hufschmied zurecht, obwohl sie in Gegenden leben, für die in Deutschland Eisen als absolut unverzichtbar gelten würde. Folgen Sie ruhig einmal dem angegebenen Link und schauen Sie sich die Fotos an, die ich bewußt in die betreffende Rezension eingearbeitet habe.
Da sagt man sich: Hier stimmt etwas nicht. Sollte der liebe Gott bei der Erschaffung der Pferde etwas vergessen haben? Müßten die Pferde nicht mit Eisen an den Hufen auf die Welt kommen? Sie merken, wie absurd diese Vorstellung ist - und doch ist sie in unseren Köpfen einzementiert.
Das vorliegende Buch wurde von einer Leserin durchaus positiv und zutreffend im Internet rezensiert, und trotzdem hat sie sich bemüßigt gefühlt, an mehreren Stellen hinzuzufügen, daß es sich bei den Erkenntnissen der Autorin lediglich um "Meinungen" handelt:
| Ich zitiere die letzten Sätze dieses Kapitels: "Hufeisen sind nicht artgerecht. Sie sind schädlich, weil sie die natürlichen, zwingend notwendigen Hufmechanismen behindern. Sie sind für fast alle Huf- und Gliedmaßenerkrankungen verantwortlich. Hufeisen schaffen zusätzliche Verletzungsgefahren für Pferd und Mensch." !!! Das ist die Meinung der Autorin!!! » Barfuss geht durchaus! | | |
Die Überschrift ihrer Rezension und das Resümee zeigen, daß sie durchaus beeindruckt ist, aber sie traut der Sache nicht über den Weg. Zu massiv sind die Vorurteile, sie behindern den Verstand, der sich mit den Inhalten auseinandersetzen sollte. Oder sollte es einfach nur die Furcht sein, die einen befällt, wenn man sich gegen die Mehrheitsmeinung stellt?
| Auf mich hat das Buch in sofern gewirkt, dass ich Hufeisen jetzt ebenfalls für schädlich halte. Aber wer kritisch an das Thema herangeht, wird für sich selbst bestimmt den einen oder anderen Widerspruch finden. Ich jedoch konnte bis heute nichts falsches in dem Buch finden, und empfehle es daher jedem, den das Thema interessiert. Von mir bekommt das Buch jedenfalls alle Sterne. a.a.O. | | |
Genau. Könnte es einen Widerspruch geben? Die Wirklichkeit kennt keine Widersprüche, die Wahrheit ist auch widerspruchsfrei. Die Frage ist, ob wir die Wirklichkeit richtig erfassen und interpretieren, denn die Wirklichkeit begegnet uns immer in Form von kulturellen Überformungen. Man kann es auch zugespitzt so sagen: Erziehung besteht darin, dem Lernenden eine vorgefaßte Meinung aufzuzwingen. » Robert M. Pirsig stellt Erziehung deshalb in Bezug zur Hypnose (» Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten - Ein Versuch über Werte). Der Lehrer hypnotisiert die Schüler so lange, bis sie sich der Sicht des Lehrers beugen. Das funktioniert gut, wie alle menschlichen Gesellschaften, in der Vergangenheit, der Gegenwart und bestimmt auch der Zukunft, jederzeit mit vielen Beispielen beweisen.
Hier setzt Wissenschaft an. Die Wissenschaft versucht, vorurteilsfrei an die Wirklichkeit heranzugehen. Das ist extrem schwierig, und deshalb hat die Wissenschaft auch so lange gebraucht, bis sie die entsprechenden Methoden entwickelt hatte, um möglichst sicher und möglichst zweifelsfrei alle Fallgruben der Erkenntnisgewinnung zu umgehen. Die Wissenschaftsskandale, die regelmäßig durch die Zeitungen gehen, zuletzt im Zusammenhang mit dem Klonskandal (» Der Schatten des Dr. Hwang; siehe auch die neueste Nachricht von gestern: » Norwegischer Wissenschaftler gesteht Fälschungen), machen immer wieder deutlich, wie gern sich Wirklichkeit und Wahrheit zum Beispiel hinter allen möglichen Interessen verstecken.
Und darauf zielt die Bemerkung hinsichtlich des Widerspruches vermutlich ab: Es ist eigentlich die Befürchtung, daß jemand die dargestellten Befunde ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Methoden aus mehr oder weniger durchsichtigen, selbstsüchtigen Interessen abstreitet und die gefundenen Wahrheiten als bloße Meinungen abtun könnte. In diesem Falle wäre die Leserin den Angriffen schutzlos preisgegeben, weil sie nicht das nötige Rüstzeug hat, um sich verteidigen zu können.
Die Mehrheitsmeinung kann sehr gut sogar in solchen Fällen die Oberhand behalten, wo diese offensichtlich falsch ist. Deshalb glaube ich, daß unsere Art, mit Pferden umzugehen, sich vermutlich selbst dann nicht ändern wird, wenn die Ursachen für die extrem kurze Lebenserwartung unserer Lieblinge lückenlos aufgeklärt sind. In der freien Natur werden Pferde nämlich wesentlich älter als in der Gefangenschaft bei uns, und sie leiden auch nicht an denselben Krankheiten. Diese sind die Ursache für die kurze Lebenserwartung und sie sind ausschließlich von uns Menschen zu verantworten. Wir töten die Pferde durch unsere Gewohnheiten, Vorteile und Nutzungsziele. Unsere Pferde sind nämlich Nutztiere und nur für uns da.
Mit diesen Fragen befaßt sich das Buch im zweiten Teil. Der erste heißt: "Grundlagen für die Gesunderhaltung" und beschäftigt sich zunächst mit der natürlichen Umwelt und dann mit der Hufanatomie. Im zweiten Teil "Haltungsfragen" wird auf der Grundlage dieser Untersuchungen deutlich, was alles geändert werden müßte, wenn man den Pferden gerecht werden wollte. Selbstverständlich plädiert die Autorin für Offenställe und gegen Boxen, aber es gibt eine Fülle von weiteren Hinweisen, wie wir uns an Pferden versündigen und wie einfach wir ihnen gerechter werden könnten. So gesehen ist das gesamte Turnierwesen ein himmelschreiendes Unrecht. Und deshalb werden sich diese Ideen nur sehr allmählich verbreiten können - die Selbstsucht und der Egowahn der Menschen sind einfach zu groß.
| Das Argument, bei "Versammlung" (die vier Hufe sind dichter beisammen als mit senkrechten Röhrbeinen) könne das Reitergewicht besser und energiesparender getragen werden, ist schon deshalb abwegig, weil dann auch hochtragende Stuten, die etwa das gleiche Zusatzgewicht zu tragen haben, ihre Hufe dichter zusammenstellen würden. Bisher ist das aber nie beobachtet und beschrieben worden! a.a.O., Seite 53 | | |
Mit diesen beiden Sätzen hat sich die Autorin vermutlich sämtliche Sympathien bei allen Freunden der Reitkunst verscherzt. Aber hat sie nicht recht? In zwei anderen Stellen beleuchtet sie dasselbe Phänomen:
| Ein anderer Punkt ist die nicht artgerechte Bewegung, die dem Pferd unter dem Reiter abverlangt wird. Das Pferd soll in "versammelter" Haltung gehen, was der natürlichen Imponierhaltung nahekommt (Abbildung 46).
Diese wird aber nur für sehr kurze Zeit, nicht aber über die Länge einer Reitstunde eingenommen. Die Anatomie ist darauf nicht eingerichtet. Pferde blancieren ihr Körpergewicht quasi über der Vorhand aus, indem Kopf und Hals als Gegengewicht zum Rumpf und dem daran hängenden (schwerer Bauch) oder darauf ruhenden (Reiter)Gewicht fungiert. Wenn man die Galoppbewegungen des Pferdes auf seine Kopf-Halsbewegung hin beobachtet, sieht man, wie dieses Gegengewicht mithilft, den Rumpf vorwärts und hoch zu heben (Abbildung 47). a.a.O., Seite 52 | | |
| [...] Ebenso verhält es sich mit der gelegentlich eingenommenen Imponierhaltung (Abbildung 61), die der Mensch gern sieht und deshalb auch unter dem Reiter verlangt. Tiere mit niederem Rang in der Herde nehmen möglicherweise nur ein paar Mal in ihrem Leben diese Haltung ein, und dann nur für Sekunden, höchstens wenige Minuten. Niemals behält ein Pferd von sich aus über Stunden die Imponierhaltung bei, wie die Menschen das von ihren Reittieren verlangen. a.a.O., Seite 68 | | |
Kümmert uns das? Natürlich nicht. Es sind unsere Pferde, und sie müssen tun, was wir von ihnen verlangen. Wenn einige Pferde das nicht aushalten, nennen wir das natürliche Selektion. Der Zuchterfolg bemißt sich daran, wie die Produkte unseren Anforderungen genügen. Wir werden uns unseren Spaß nicht nehmen lassen, im Gegenteil: Die Spielverderber werden unserer Wut schon zu spüren bekommen.
Okay: An wen wendet sich das Buch?
| Gewiß ist den meisten Pferdehaltern nicht bewußt, daß sie ihre Pferde allein durch die Haltungsbedingungen ruinieren können. Leider zeigt sich aber auch immer wieder, daß Menschen, die darauf hingewiesen werden, aus Trägheit oder Faulheit nichts an den Umständen zugunsten ihrer Tiere ändern, ja sogar aggressiv reagieren!
Denjenigen Pferdehaltern, den das Wohl ihrer Schützlinge am Herzen liegt, will ich mit diesem Buch Anregungen geben, über die Lebensbedingungen der Pferde nachzudenken und eventuell Veränderungen vorzunehmen, die dem Tier die Gesundheit und dem Besitzer die Freude an seinem Gefährten verlängern. a.a.O., Seite 3 | | |
Also: Alle Anhänger der Mehrheitsmeinung sind nicht eingeladen. Die Autorin will die Welt nicht bekehren, sie weiß, wie diese aussieht. Sie wendet sich an diejenigen, die guten Willens sind und ihre vorgefaßte Meinung überprüfen wollen. Für diese Leser ist das Buch eine Offenbarung. Und wenn wir unterstellen wollen, daß alle Pferdebesitzer guten Willens sind, dann gehört dieses Buch in jedes Bücherregal. Wer eine Pferdebibliothek aufbauen will, sollte erst dieses Buch und dann Bücher zu Reitlehren anschaffen.
Ein Beispiel: Auf Seite 19 finden sich drei Schemazeichnungen zur Durchblutung des Pferdehufes. Das Horn, das wir gemeinhin als Huf bezeichnen, ist, wie unsere Fuß- und Fingernägel, ein Ausscheidungsprodukt. Es wird produziert von Gewebe, das als Haut bezeichnet wird, zum Beispiel Huflederhaut. Diese Haut muß, wie jedes lebende Gewebe, durch Blut versorgt werden. Bekanntlich ist dafür das Herz verantwortlich, das ziemlich weit oben im Pferd angeordnet ist und natürlich keine Probleme hat, das Blut in die Beine hinunterzubringen - das natürliche Gefälle hilft ungemein. Schwieriger ist es, das Blut wieder hinaufzubringen.
Das » Herz ist eine Druckpumpe und keine Saugpumpe. Der » Blutkreislauf kann allein durch das Herz nicht aufrechterhalten werden. Der Anteil des Herzens am Rückfluß ist minimal. Die wesentliche Arbeit wird durch Muskeln erledigt, die von außen auf die Venen wirken, die ihrerseits durch Rückhaltesysteme verhindern, daß das Blut wieder zurückfließt.
Diese Mechanismen sind nicht leicht einzusehen, entsprechend lange hat die Menschheit gebraucht, um den Blutkreislauf zu entdecken und zu verstehen. Daß Bewegung zur Aufrechterhaltung des Blutkreislaufes nötig ist, kennt jeder, dem einmal Extremitäten "eingeschlafen" sind (» Wenn die Beine einschlafen). Es leuchtet deshalb ein, daß im Huf selbst Bewegung vorhanden sein muß, damit der Blutkreislauf dort ordnungsgemäß aufrechterhalten werden kann. Außerdem sollte sich der Huf, wie er als spezialisiertes Organ über Jahrmillionen sich entwickelt hat, flexibel auf die Anforderungen einstellen können. Schließlich ist der Huf nicht aus Gußeisen.
Eine der Abbildungen visualisiert die Situation schlagartig; sie ist auch für die Titelabbildung verwendet worden. Es handelt sich um eine sogenannte Thermographie, also die Fotografie von Temperaturzuständen. Das Pferd ist rechts vorne beschlagen. Das betreffende Bein ist schlecht durchblutet und daher kälter. Wenn man das Eisen entfernt, kann sich die Hufkapsel wieder normal bewegen und der Blutkreislauf kommt wieder in Gang. Das kann allerdings entsprechende Symptome zur Folge haben, wie wir es selber kennen, wenn uns die Beine eingeschlafen sind. Es kribbelt und tut sogar weh, manchmal höllisch. Freilich möchte man wieder gut gehen können und nicht etwa den Zustand konservieren, der für die schlechte Durchblutung verantwortlich war. Es hilft also nichts, man muß da durch.
Auf Seite 60/61 wird diskutiert, was Bandagen, Gamaschen und Springglocken bewirken. Eine sehr schöne Abbildung (viele der ausgezeichneten Illustrationen stammen vom Straßer-Schüler » Peter Speckmaier) zeigt, wie die Blutgefäße direkt auf den Knochen liegen und von diesen Hilfsmitteln abgeschnürt werden - so schön sie aussehen, für die Gesundheit der Pferde sind sie vermutlich ganz einfach nur schädlich. Aber was sage ich: Sport ist Mord, auch für die Pferde, da ist nichts zu machen!
Beim Thema Durchblutung wird sehr schön verdeutlicht, wie der Huf mit dem restlichen Pferdeorganismus zusammenhängt:
| Bei Pferden, die zu viel stehen, kommt es zu Stauungserscheinungen in den Füßen. Man sieht die "dicken Beine". Leider kann man nicht sehen, daß die langsamere Durchblutung, der Blutstau in dem Gefäßgeflecht der Huflederhaut, auch zu mangelhaftem Nährstofftransport führt, also die Huflederhaut schlechter mit Baustoffen versorgt wird. Die Hornproduktion ist vermindert, sowohl in der Quantität als auch einer Qualität. Die Blutpumpe, die wegen des Raumunterschiedes zwischen Hufbein und der Hufwand während Belastung (viel Volumen) und Entlastung (wenig Volumen) funktioniert, unterstützt in hohem Maße das Herz des Pferdes. Sein Gewicht beträgt nur ca. 0,5% des Körpergewichtes. Im Vergleich zum Herzgewicht eines Raubtieres, wie Hund oder Katze (ca. 1% des Körpergewichtes) ist das Pferdeherz sehr klein. Es braucht die Unterstützung der Hufe für das Management der Blutzirkulation. Im Durchschnitt machen Pferde in 24 Stunden mit ihren 4 (natürlichen, also unbeschlagenen!) Hufen 60.000 Schritte, also Pumpbewegungen. 4.4 Ausscheidungsorgan Das während des Blutdurchtritts produzierte Horn besteht aus Eiweißverbindungen. Bevor dieses Eiweiß zu Horn umgewandelt wurde, war es "Abfall", der im Blut von den inneren Stoffwechselorganen weg und zur Huflederhaut hin transportiert worden war, um hier ausgeschieden zu werden, da die anderen Organe diese Moleküle nicht mehr benötigen. Wir müssen also die Hornproduktion im Huf als Abfallbeseitigung des Pferdeorganismus sehen, der parallel zur Ausscheidung von Stoffen über Niere und behaarte Haut oder Schleimhäute erfolgt. Der Organismus "Pferd" ist darauf eingerichtet, daß pro Monat etwa 1 cm Hornwand plus Lamellenhorn, Sohlen- und Strahlhorn produziert wird, das heißt: entsprechende Mengen des nicht mehr benötigten Eiweißes ausgeschieden werden. Wenn nun die Hufe nicht 60.000-mal pro Tag pumpen, sondern nur 12.000-mal (Boxenpferd mit einer Stunde in der Reithalle pro Tag), dann werden nur 20% der Hornmenge gebildet, die normalerweise produziert würde. Es bleiben also 80% des Abfalleiweißes im Blut zurück. Der gesamte Körper wird im Laufe der Zeit mit "Abfalleiweiß" überladen, was den Stoffwechsel in den inneren Organen, besonders auch im Herzmuskel und in der Haut, erheblich stören kann. Selbst wenn wegen geringerer Aktivität weniger "Abfalleiweiß" anfällt als bei normaler Bewegungsmenge, findet eine Überladung mit unbrauchbaren Eiweißmolekülen statt. Die übrigen Ausscheider, wie Nieren und Haut, müssen umso mehr leisten und reagieren nicht selten darauf mit Entzündungen (Exzemen, Niereninsuffizienz). Deshalb findet man auch bei Huflederhautentzündungen im Bluttest stets hohe Eiweißkonzentrationen. Das beweist aber nicht, daß das Pferd zu viel Eiweiß aufgenommen hat, sondern daß es nicht genug ausscheiden konnte. Merke: Der natürliche Huf | bietet | - als "nachwachsender Schuh" Sicherheit und Schutz auf jedem Untergrund;
| | ist | - am Sohlenrand sehr druckempfindlich und besitzt somit den notwendigen Tastsinn für den Untergrund;
- ein Stoßdämpfer, der fast alle uns aus der Technik bekannten Prinzipien zur Abfederung in sich vereint;
- als Pumpe eine lebensnotwendige Kreislaufeinrichtung zu Unterstützung des Herzens;
- ein lebenswichtiges Ausscheidungsorgan.
| | | a.a.O., Seite 37 | | |
Handelt es sich hier um Meinungen oder um Erkenntnisse? Was fällt einem ein, wenn man diese Sätze "kritisch" betrachtet? Ein sehr schönes Beispiel findet sich auf der Seite » Professional Farrier Organization Issues Warning To Horse Owners, die mir gleich entgegensprang, als ich bei Google nach "strasser hoof" gesucht habe:
Wer spricht da und was sagt der? Es ist der Vorsitzende der Schmiede in den USA, der sich über die zunehmende Aktivität der Straßer-Freunde Sorgen macht. Er habe sich mehrere Monate lang mit den Büchern von Frau Dr. Strasser auseinandergesetzt und die Arbeit von Straßer-Anhängern begutachtet. Er habe vergeblich ein brauchbares Pferd gesucht, was durch deren Methode profitiert habe. Er habe einige Pferde gefunden, die unter Berücksichtigung einiger ihrer Ideen beschnitten worden seien, und er habe wesentlich mehr Mißerfolge als Erfolge gefunden.
Er gibt zu, daß barfuß ein idealer Zustand für Pferde sei, die ohne Eisen gehen könnten, und daß eine verlängerte Lebenserwartung wünschenswert sei. Dann kritisiert er die Radikalität des Schnittes und die radikale Ausrichtung der Hufstellung, abweichend von den Standards seiner Organisation. Er war einer von sechs Schmieden und Tierärzte, die mit Frau Dr. Strasser im Mai 2002 an der Tufts University in Massachusetts diskutiert habe.
In meinen Augen ist das billigste Polemik, Augenwischerei, Scharfmacherei. Es geht nicht darum, sich in der Sache auseinanderzusetzen. Das geht vermutlich auch gar nicht. Wundert es mich, daß der so spricht? Nein. Wenn ich davon lebe, daß ich den Pferden Eisen auf die Hufe nagele, muß ich mich bedroht fühlen, wenn einer fordert, daß die Eisen runter müssen. Wenn einer begründet, warum er eine Sache abweichend beurteilt, brauche ich darauf gar nicht einzugehen, ich sage nur: unsere Standards sind anders, und das gefällt mir nicht.
Interessant fand ich die Bemerkung bezüglich der "brauchbaren" Pferde. Implizit gibt er zu, daß kranke Pferde sehr von ihrer Methode profitieren. Er deutet auch an, daß diejenigen, die er bei der Arbeit beobachtet hat, nicht genau nach ihren Methoden gearbeitet haben, sondern so ein bißchen. Er unterstellt, daß die meisten brauchbaren Pferde nicht ohne Eisen gehen können. Die Botschaft ist klar: Die "gesunden" Pferde gehören in die Hände von Schmieden, allenfalls die kranken kann man den Straßer-Leuten überlassen. Die Situation ist in den USA also doch nicht so viel anders als bei uns. Nebenbei wird noch auf Großbritannien verwiesen, aber das ist eine andere Geschichte. Man kann gar nicht so viel richtigstellen, wie verleumdet wird. (Auch das eine kleine Abwandlung eines Zitates von » Max Liebermann: "Ach, wissen Se, ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte." Beim Betrachten eines Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtergreifung, » Max Liebermann.)
Zum Ausklang noch etwas Erfreuliches, das im Prinzip jedem Pferdebesitzer nützen kann, auch den Straßer-Gegnern. Wer seine Pferde auf die Weide schickt, möchte vielleicht gerne einen Unterstand errichten. Das allerdings scheitert oft. Man bekommt keine Baugenehmigung und eine fahrbare Weidehütte ist zu teuer. Auf Seite 77 findet sich die Schemazeichnung für einen Meterholzunterstand. Was ist das? Ein Unterstand, der aus Meterholzstapeln errichtet ist. Meterholz kennt man aus Waldspaziergängen. Man muß ja nicht unbedingt Holz nehmen, das später tatsächlich verbrannt wird - unbrauchbarer Abfall, der in den Wäldern ohnehin verrottet, tut es eigentlich auch.
So werden dann drei Wände errichtet und oben abgedeckt und mit einer Plastikplane abgedichtet. Das ist weder ein genehmigungspflichtiger Bau noch teuer und vermutlich noch nicht einmal aufwendig. Problem gelöst. Alleine dieser Tip ist Gold wert - der Rest ist Dynamit. Dynamit, um Scheuklappen, Stadtmauern, Vorurteile einzureißen, Diskussionen zu entzünden, Verhältnisse zu ändern, Bewußtsein zu schaffen für die Wirklichkeit und die Wahrheit. Dringend empfohlen.
Eine Warnung zum Schluß: das Buch heißt "Pferdehufe ganzheitlich behandeln". Es werden in Kapitel 3 "Häufig auftretende Krankheiten" behandelt. Ich würde mich hüten, mir nach Lektüre des Buches anzumaßen, diese Probleme behandeln zu wollen. Es gibt viele Bücher über Gesundheitsfragen für Menschen. Wenn ich die lese, bin ich noch lange kein Arzt. Das Buch ist also keine Anleitung zur Selbsthilfe, sondern ein Buch für Einsteiger, um wesentliche Einsichten zu vermitteln.
erschienen 15.01.06
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 354, Straßer, Hiltrud: › Rezension/354 Ausgabe 358, Straßer, Hiltrud: › Hufrehe (Laminitis), Erscheinungsformen, Ursachen und Behandlung Ausgabe 360, Straßer, Hiltrud / Cook, Robert: › Eisen im Pferdemaul Ausgabe 361, Straßer, Hiltrud / strasser equine management: › optimum hoofcare - the basic trim
| |