
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 08.01.2006
Reiter-SA
In meiner Serie über die Geschichte der FN mußte natürlich auch das dunkle Kapitel deutscher Geschichte beschrieben werden, an das wir uns so ungern erinnern. Aber wir sind ja gut davongekommen - erstens war alles gar nicht so schlimm und zweitens sind die Reiter absolut sauber geblieben - Sie erinnern sich bestimmt an die entsprechenden Passagen. Die Autorin hatte sich sogar die Mühe gemacht und aus den Originalprotokollen der Nürnberger Prozesse zitiert, nämlich den Auslassungen des Verteidigers, der den Reitern ausschließlich sportliche Interessen nachsagte (› Nürnberger Prozeß).
Nun hatten die Beteiligten der Nürnberger Prozesse schlimmere Fische im Netz und konnten nicht alles auf einmal bewältigen. Vermutlich waren sie ganz froh, diesen Teil los zu sein. Aber spätestens nach der Gründung der Bundesrepublik war die ganze Gesellschaft nicht mehr an der Vergangenheitsbewältigung interessiert. Man hatte die schweren Fälle zunächst vertagt und die leichten mit schweren Strafen belegt; bald wurde man der Sache überdrüssig und ließ alles fallen. Gerecht war das nicht.
Aber es half der jungen Republik, wieder auf die Beine zu kommen. Je belasteter jemand war, desto belastbarer war er vermutlich auch, und desto dringender benötigte man ihn bei der schwierigen Aufbauarbeit. Im nachhinein ist das durchaus nachvollziehbar. Wie der SPIEGEL 2005 in einem Artikel zum Wirtschaftswunder schrieb, haben viele Historiker durchaus Verständnis und Hochachtung für die Entscheidung jener Zeit, Gras über die Sache wachsen zu lassen.
In meinen Bemerkungen zum Sachverhalt habe ich ebenfalls Verständnis durchblicken lassen; möglicherweise etwas vorschnell. Natürlich wird sich fast jeder herausreden wollen, wenn er in Bedrängnis gerät. Muß man ihm deshalb glauben? Die Wahrheit ist nicht nur von Interesse, sondern sie kommt auch eines Tages zum Vorschein, meistens. Es geht ja nicht darum, Rache zu üben oder Vergeltung - man kann nichts ungeschehen machen, aber man kann es vielleicht verstehen.
Spätes Eingeständnis
Nun ist soviel Zeit ins Land gegangen und so viel Gras über die Sache gewachsen, daß Quellen verfügbar werden, deren Eigentümer von den Inhalten keinen Gebrauch gemacht haben. Es ist auch die Frage, was man damit hätte anfangen sollen. Aber im Interesse der Wahrheit sind die Einsichten doch wertvoll. Der britische Geheimdienst hatte gefangene Generäle belauscht. Die waren vermutlich ziemlich komfortabel untergebracht und konnten sich anscheinend beliebig treffen und unterhalten. Man hoffte wohl, auf diese Weise an kriegsentscheidende Informationen zu kommen. Diese Hoffnung hat sich wohl eher nicht erfüllt, dafür hat manch einer sich diskreditiert. Und dabei kriegen auch die Reiter etwas ab.
| Britische Gefangenschaft Das posthume Geständnis der Nazi-Generäle
[...]In den Trent-Park-Protokollen wird zudem deutlich, dass die zählebige Mär von der "sauberen" Wehrmacht von Hitlers militärischer Elite von Anfang an bewusst und wider besseres Wissen propagiert wurde. So verkündet General der Kavallerie Edwin Graf von Rothkirch, er werde versuchen, alles "immer so zu drehen, dass das Offizierskorps reingewaschen wird. Rücksichtslos! Rücksichtslos!". [...] » SPIEGEL ONLINE - 02. Januar 2006, 15:22 | | |
Wundert es einen? Natürlich nicht. So sind die Menschen, so waren sie, so werden sie immer sein. Inzwischen wissen wir ja, daß die Schweinereien des tausendjährigen Reiches keineswegs so einzigartig dastehen und wir Deutschen nicht die Bösewichter sind, die viel schlimmer sind als jedes andere Volk. Die anderen lassen sich auch nicht lumpen.
Dieser General Rothkirch ist vermutlich verwandt, aber nicht identisch mit Leopold Graf Rothkirch, der uns in der Nachkriegsgeschichte der FN zweimal begegnet ist: › Kalter Krieg und › Große Reform. Die finstere Zeit ist vorbei, wir haben gelernt (hoffentlich), wir wollen hoffen und beten, daß wir nicht wieder in Versuchung geführt werden. Auch deshalb ist es wichtig, sich immer wieder mit diesen Dingen zu beschäftigen und sich in die Situation hineinzuversetzen. Nur wer weiß, kann beurteilen und bewußt handeln. Darum ist Geschichte so wichtig und spannend. Wir werden sicherlich noch viel mehr erfahren in den nächsten Jahren.

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