Platos Staat gilt als Musterbeispiel eines autoritären Gebildes, in dem die Rechte des Einzelnen keine Rolle spielen. Diese Vorstellung malt » Aldous Huxley in seinem Roman » Schöne neue Welt, der im Jahre 1932 in England und im gleichen Jahr in deutscher Übersetzung erschienen ist, mit modernen Mitteln und Vorstellungen aus (siehe auch Leserbrief 1647). Der Roman spielt in der Zukunft, im Jahre 2038. Weil diese Zukunft nicht schön, sondern düster ist, nennt man diese Gattung nicht » Utopie, sondern » Dystopie. Wie Platon geht Huxley von einem Glücksbegriff aus, der staatlicherseits verwirklicht werden soll.
| Mittels physischer Manipulationen des Fötus und anschließender Konditionierung werden alle Menschen auf eine festgelegte Rolle in der Gesellschaft genormt. Durch permanente Beschäftigung mit Sex, Konsum und der nebenwirkungsfreien Droge "Soma" zufrieden gestellt, verlieren die Menschen das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen der Weltordnung. Eine reibungslose Regierung der Welt wird für eine Handvoll wohlwollender Kontrolleure möglich. [...]
Die "Schöne neue Welt" zeichnet sich aus durch:
- Strikte Zuchtwahl
- Konditionierung als Erziehungsmaxime
- Kastensystem
- Totalitäres, jedoch nicht gewalttätiges politisches System
- "Nebenwirkungslose" Glücksdrogen ("Soma" [...])
- Bildungsferne (siehe unten)
- Gruppenzwang
- Amüsiersucht
- Hedonismus als Religion
- Sexuelle Promiskuität
- Glück durch Verzicht auf Freiheit
- Konsumzwang
- Massenproduktion (orientiert am Fordismus, Henry Ford ist Grundlage der Zeitrechnung und "Quasi-Gottheit" im Roman)
In vierlei Hinsicht lehnt sich "Schöne neue Welt" an das Staatsideal in Platons Schrift Politeia an. Auch dort ist der Staat in Klassen unterteilt, deren jede ihre bestimmte Aufgabe im sozialen Gefüge hat. Platons Staat wird geleitet von Philosophen, die ihre Bürger zu deren eigenem Glück zwingen müssen. "Mustafa Mannesmann" (engl. Ausgabe Mustapha Mond kann durchaus als Prototyp eines solchen Philosophen angesehen werden). Auch in Politeia versucht der Staat, durch Eugenik für angemessene Nachkommenschaft zu sorgen. (Dort durch planmäßige Auswahl der Geschlechtspartner, hier durch künstliche Befruchtung und genetische Manipulation), und die Kinder im Sinne des Gemeinwesens durch den Staat zu erziehen (bei Plato werden sie schon früh den Eltern weggenommen und in eigenen Institutionen erzogen, bei Huxley gibt es gar keine Eltern, und die Kinder werden in entsprechenden Einrichtungen konditioniert). Bei beiden Modellen ist das oberste Ziel das Glücklichsein der Menschen. » Schöne neue Welt | | |
Heutzutage klingen diese Vorstellungen gar nicht mehr so utopisch. Wer weiß, vielleicht wird unsere Welt inzwischen tatsächlich im Grunde von Wirtschaftslenkern regiert, folgen die Regierungen nur dem Diktat des Kapitals, sind die einzigen wirklichen Ziele die Profitmaximierung der Anteilseigner. Der in diesem Jahr gestürzte ehemalige Chef von DaimlerChrysler kannte anscheinend nur ein Credo: "Shareholder-Value", und auch der umstrittene Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, hat wohl keine anderen Ziele (» Manager ohne Moral?, » Mensch, Ackermann). Schöne neue Welt? Wohl nicht ganz, denn es geht definitiv nicht um das Glück der Menschen.
"Sofortige Befriedigung jeden Wunsches" und "permanente Beschäftigung mit Sex, Konsum und [...] Drogen" klingt aber doch sehr vertraut. Die Sache mit den Nebenwirkungen haben wir noch nicht ganz im Griff, aber anhand der Stoffwechselprodukte im Rhein hat man neulich einen unglaublich hohen Konsum an Kokain nachweisen können - das Glück der Drogen ist wohl in höherem Maße Realität, als man meinen möchte; der Konsum an Alkohol und Zigaretten ist bekannt und macht zwar nicht zufrieden, ist aber für die Süchtigen extrem wichtig (siehe zur Verquickung von Wirtschaft und Wissenschaft auch » Tabak, Im Würgegriff der Industrie). Sind wir wirklich noch so weit von den Verhältnissen der "schönen, neuen Welt" entfernt?
| Vieles scheint darauf hin zu deuten, dass Huxleys Konsumgesellschaft eine extreme, aber logische Entwicklung unserer ökonomischen Werte darstellt, in denen persönliches Glück durch die Fähigkeit beschrieben wird, Konsumgüter anzuhäufen, und Erfolg durch Wachstum und Wohlstand definiert wird. » Schöne neue Welt | | |
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