
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Es gibt ein neues Magazin auf dem Printmarkt: "Dressur-Studien". Ist es überhaupt ein Magazin? Es erscheint dreimal im Jahr. Mir liegt Heft Nummer zwei vor; in der nächsten Woche gibt es das dritte Heft. Es hat eine ISSN-Nummer und keine ISBN-Nummer, also muß es wohl ein Magazin sein. Es sieht aber eher aus wie ein Buch.
Das liegt am Format (DIN A5) und an der Broschur. Magazine sind geheftet, wenn sie nicht zu dick werden. Irgendwann kann man nicht mehr heften und muß zur Broschur übergehen. In diesem Fall ist es aber von vornherein Absicht gewesen, eine Hybrid-Produktion zu wagen, denn im Gegensatz zu herkömmlichen Magazinen, die schon allein aus Gründen der Aktualität bei Erscheinen der neuen Ausgabe überwiegend im Papierkorb landen, sollten die Ausgaben dieses Magazins in den Bücherschrank wandern.
Aktualität ist also nicht das zentrale Thema. Wenn man etwas Neues wagt, muß es einen Platz dafür geben. Oder anders gesagt: Man tut gut daran, nach Lücken im bisherigen Angebot Ausschau zu halten. Davon gibt es vermutlich reichlich, aber man muß einen Blick dafür haben oder entwickeln. Die Chancen dafür sind am größten, wenn man selbst einen Mangel empfindet. So ist die Cavallo entstanden. Der Herausgeber fand sämtliche Magazine für Pferdefreunde uninteressant. Was er gerne gelesen hätte, gab es nicht. Wie entstanden die "Dressur-Studien"?
Bei meiner Recherche zum Thema "Hempfling" (› Wer stoppt Hempfling?) bin ich zufällig auf einen Hörbeitrag von Claudia Sanders gestoßen (» Sanders: Vom "Pferdeschamanen" zum Scharlatan?). Zufällig las Claudia Sanders diesen Artikel gleich nach Erscheinen und stieß sich an meiner Formulierung, die nach ihrem Empfinden herabwürdigend war. Kurzerhand griff sie zum Telefon.
Im Verlaufe des Gesprächs erfuhr ich dann vom Magazin-Projekt. Ich weiß also aufgrund dieses Telefonats mehr als der normale Leser, der das Heft in der Hand hält oder im Internet darauf stößt. Das Internet: So fing es an. Claudia Sanders ist eine erfahrene Journalistin, die bisher allerdings überwiegend für den Hörfunk gearbeitet hat. Das Internet schien die geeignete Plattform zu sein, um das Interesse an einer solchen Publikation auszuloten. Außerdem nutzte sie die Equitana, um erste Abonnenten zu gewinnen.
Denn das Magazin ist ein Printmedium. Zwar wurden die ersten Artikel im Internet veröffentlicht, diese sollen aber mehr auf die Ausgabe hinlenken, die für Macher und Leser gleichermaßen Vorteile bietet. Denn für das Internet will niemand bezahlen, ganz im Gegensatz zu Printmedien. Das Geschäft mit dem bedruckten Papier kann also aufgehen. Der Aufwand kommt wieder herein.
Das Internet hingegen läßt immer noch offen, wie sich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln soll. Zwar sind schon eine ganze Reihe von Leuten innerhalb kürzester Zeit durch das Internet unglaublich reich geworden, aber das scheinen die Ausnahmen zu sein. Gerade die Printpublikationen verlieren nach wie vor viel Geld im Internet. Möglicherweise wird sich die ganze Geschichte nur dadurch lösen lassen, daß generell so verfahren wird, wie dies die kleineren Unternehmen aus dem Pferdebereich vorexerzieren. Die zeigen nämlich online so gut wie gar nichts außer ihrer Präsenz. Vielleicht werden wir schon in naher Zukunft bei "Spiegel Online" auch nur noch lesen können, daß es eine neue Printausgabe gibt - was wir ja ohnehin schon wissen.
Umgekehrt scheint es dem Leser kaum zuzumuten zu sein, das online zu lesen, was hier auf 106 Seiten versammelt ist. Insofern ersetzt das Internet keinesfalls das Buch oder das Magazin, wie schon vorschnell behauptet worden ist, genauso wenig wie die Zeitung, das Magazin, der Film oder das Fernsehen das Buch ersetzt haben. Und nun also ein Magazin, das nicht zum schnellen Verbrauch bestimmt ist, sondern auf lange Sicht nützlich sein soll. Wie ein Buch soll der Leser es immer wieder aus dem Regal nehmen und sich die wichtigen Artikel zum Studium vornehmen.
So muß man es wohl ausdrücken, denn das Reiten ist eine hohe Kunst, und obwohl kaum jemand von sich behaupten kann, diese Kunst zu beherrschen (und diejenigen, die das tun, sich gegenseitig auch noch vorwerfen, alles falsch zu machen, von den anderen ganz zu schweigen, die natürlich auch immer alles besser wissen), quälen sich Tausende, Zehntausende, Hunderttausende, weltweit sicher Millionen von Menschen damit, diese Kunst zu erlernen. Die "Dressur-Studien" wollen dazu eine ergänzende Hilfestellung geben, ergänzend insofern, als Impulse gesetzt werden sollen, die weder aus Büchern noch aus herkömmlichen Magazinen entnommen werden können.
Der Titel ist bewußt gewählt: Studien sollen es sein, tiefgründige Artikel. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es in diesem Heft 19 Artikel. Viele große Namen sind dabei, und alle Artikel beziehen sich auf das Thema des Heftes: "Der Reitersitz". Es wird Zeit, daß ich Ihnen einen Einblick gebe. Dazu habe ich ein Interview ausgewählt:
| Eine Ausbildungsskala für den Reitersitz
Eckart Meyners gilt als einer der anerkanntesten Experten auf dem Gebiet der Bewegungslehre. Er ist Dozent für Sportpädagogik an der Universität Lüneburg. Für die FN schult er Landestrainer, Ausbilder und Richter, um ihnen zu zeigen, was einen optimalen Reitersitz ausmacht.
Wie sieht der optimalen Reitersitz aus? Das läßt sich nicht in einem Satz sagen. Der optimale Sitz sieht bei jedem Reiter anders aus. Der Reiter selbst gibt eine Struktur vor - seine Knochensubstanz, seine körperliche Ausdehnung sind die Maßstäbe für seinen Sitz. Der Reiter bringt also bestimmte Voraussetzungen mit, das Pferd auch. Und diese beiden müssen auf eine Ebene gebracht werden, so daß sie miteinander harmonieren.
Voraussetzung der Harmonie sind in diesem Zusammenhang die Bewegungsamplituden. Damit ist der Bereich gemeint, in dem eine Bewegung stattfindet, ihre Schwingungsweite. Das Pferd gibt dem Reiter eine bestimmte Bewegungsamplitude vor. Wenn der Reiter aufgrund seiner Bedingungen - also seiner Größe, der Breite seines Beckens - diesen Bewegungen nicht folgen kann, wird er nie einen optimalen und harmonischen Sitz erreichen.
Was halten Sie dann von den althergebrachten Anweisungen in vielen Reitbahnen wie: Kopf hoch, Absätze runter? Diese Anweisungen dürften eigentlich überhaupt nicht mehr auftauchen. Sie betreffen erstens nur die Form des Reiters und setzen zweitens an einem Punkt an, der gar nicht Ursache des Problems ist. Ich kann die Haltung eines Reiters nicht verbessern, indem ich einfach die Kopfhaltung verändere. Eine falsche Kopfhaltung wird meistens verursacht durch eine falsche Stellung des Beckens.
Wenn diese Kommandos in die Irre führen, woran kann ich mich dann orientieren, ob ich richtig sitze? Das ist das große Problem. Der einzelne Reiter will eine Orientierung haben. Auf der einen Seite will er auf Turnieren optimale Wertnoten bekommen, auf der anderen Seite will er aber auch so auf dem Pferd sitzen, daß es nicht stört. Zwischen diesen beiden Anforderungen liegen manchmal Welten. Wir müssen es einmal in aller Schärfe sagen: Viele Richter wollen die Reiter in bestimmten Sitzpositionen sehen, die bewegungswissenschaftlichen Kriterien überhaupt nicht entsprechen. Diese Richter orientieren sich nur an der äußeren Form. In Deutschland und Europa ist der gestreckte Sitz gewünscht, aber durch zu gestrecktes Sitzen blockiert man sich auch. Die Richter fordern dennoch diesen Sitz - sie wissen nicht, daß er überhaupt nicht den optimalen Körperfunktionen entspricht. [...]
Bei der Ausbildungsskala für das Pferd wird an zentraler Stelle die Losgelassenheit gefordert - ist das auch für den Reiter wichtig? Ich habe einmal versucht, diese Ausbildungsskala für den Reiter aufzustellen - mit den bewegungswissenschaftlichen Hintergründen. Der Mensch muß als System gesehen werden. Für unterschiedliche Bewegungsabläufe gibt es verschiedene wissenschaftliche Theorien.
Einmal Theorien, die sich auf das Äußerliche beziehen, wie die Morphologie oder Biomechanik. Daneben gibt es Bewegungstheorien der Innensicht, beispielsweise die Handlungstheorie. Dieser Ansatz interessiert sich dafür, wie eine Bewegung im Inneren zustandekommt. Wenn wir diese beiden Theorieansätze miteinander verbinden, kommt das dem Menschen in seinem Bewegungsablauf entgegen. Richter und Ausbilder sollten sich um diese Dinge bemühen. Dann haben sie die Chance, dem Reiter so zu helfen, daß er mit dem Pferd besser harmonieren und es damit auch besser bestimmen kann.
Genau da setzt meine Ausbildungsskala für den Reiter an. Der erste Punkt ist: Frei von Angst zu sein, frei von allen belastenden Emotionen. Dann kommt die Losgelassenheit - körperlich und emotional. Wenn das nicht gegeben ist, ist der Reiter nie im Gleichgewicht. Wenn er nicht im Gleichgewicht ist, kann er nicht rhythmisch arbeiten. Und ohne Rhythmus kann er sich nicht den Bewegungen des Pferdes anpassen. Rhythmus ist die Basis für die Anpassungsfähigkeit an das Pferd, er ist die Basis für das Bewegungsgefühl. Denn die große Masse bewegt die kleine - das Pferd bewegt uns. Wir können das Pferd überhaupt nicht bewegen, wenn wir uns nicht vollkommen den Bewegungen des Pferdes anpassen und mit ihm eins werden. Ohne das haben wir keine Chance, auf das Pferd mit unseren Hilfen einzuwirken. [...]
Noch eine Frage zum Schluß: Ihre Frau reitet, Ihre beiden Töchter auch. Warum reiten Sie nicht? (lacht) Das hat viele Gründe. Ich habe sehr schnell einsehen müssen, daß Reiten sehr zeitaufwendig ist. Die wenige Zeit, die ich habe, opfere ich lieber für Badminton, Tennis oder anderes. Meine wenigen Reitversuche sind daran gescheitert, daß die Pferde erst zu jung und später zu gut für mich waren. Letztlich will ich mich im Bewegungsbereich so artikulieren, daß ich auch Spaß daran habe. Um beim Reiten so viel Spaß zu haben, wie ich in den anderen Sportarten erlebe, müßte ich einen sehr weiten Weg zurücklegen. Den Frust erspare ich mir lieber. a.a.O., Seite 33-37 | | |
Wenn Sie sich diesen Frust antun, dürfte das neue Magazin zu Ihrer Pflichtlektüre gehören. Und wenn dieses Magazin tatsächlich als Kostbarkeit im Bücherregal landet, dann dürften die ersten Ausgaben sehr bald kostbare Raritäten sein. Zugreifen ist also die Devise. Und abonnieren. Ach ja: Selbstverständlich hat Claudia Sanders das Magazin erfunden, weil sie es selbst gerne kaufen würde. Dieses Heft zeigt, daß tatsächlich weder Printmagazine noch Bücher das geleistet haben, was dieses Magazin-Buch auf die Beine stellt. Und da das Reiten seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert wird, dürfte es an Themen nicht mangeln.
Zum Schluß als Trost noch ein Zitat eines der vielen Meister, die in diesem Buch zu Worte kommen (Bent Branderup):
| Welches Ihre Pferde hat die größte Bedeutung für Sie? Das ist ganz, ganz sicher Hugin. Durch seine Behinderung hat er mir die akademische Reitkunst beigebracht. Ich habe ja wie alle meine Kollegen gelernt, das Pferd für die Dressur zu verwenden. Hugin hat mir aber beigebracht, was von Neindorff mir auch beibringen wollte: Die Dressur ist für das Pferd da. Die Dressur darf niemals das Pferd verschleißen, sie ist dazu da, um das Pferd aufzubauen. Da fehlt dem Menschen gelegentlich die Einsicht in die Natur. Ein Norweger muß keine Piaffe wie ein Spanier gehen, ein Spanier muß keinen starken Trab wie ein Trakehner gehen: Jeder Vogel darf mit dem Schnabel singen, den er hat. Die Dressur besteht nicht darin, die Natur zu verändern. Sie besteht darin, die Natur zu erkennen und das Pferd innerhalb seiner natürlichen Fähigkeiten, physisch und psychisch, zu entwickeln. a.a.O., Seite 92 | | |
erschienen 30.10.05
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