
| | | Heidi Keppel | | | | | Tipps für entspanntes Reiten III Von › Heidi Keppel
Nachdem ich in der letzten Ausgabe das ‚seelische Gleichgewicht von Reiter und Pferd' näher besprochen habe, wollen wir uns diese Woche - wie bereits angekündigt - etwas genauer mit der zweiten Grundvoraussetzung für entspanntes Reiten beschäftigen.
Es ist dies die ‚positive geistige Grundeinstellung von Reiter und Pferd'.
Über die Macht der Gedanken existieren heute schon unzählige Fachbücher, und nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern auch beim Umgang mit diversen Tieren wird immer mehr die Meinung vertreten, dass wir allein mit unseren Gedanken und einem starken Willen andere Lebewesen oder auch Geschehnisse kontrollieren können.
Da ist durchaus viel Wahres dran (Ich bin sogar der Meinung, dass die Ranghöhe von der Willenskraft abhängt!), doch wenn das Ganze so weit geht, dass ein Autor sogar behauptet, jedes Problempferd innerhalb weniger Minuten korrigieren zu können, indem er sich ohne jegliches Zubehör auf dessen blanken Rücken setze und es auf Anhieb nur mit seinen Gedanken in jede beliebige Richtung lenke, so frage ich mich schon, ob wir nun alle Telepathie- bzw. Hypnosekünstler werden sollen oder doch lieber einfach nur Reiter bleiben wollen.
Letztendlich hat dieser Fall nämlich nichts mit Korrektur zu tun, denn an der inneren Einstellung der Pferde wird sich dabei nicht viel ändern. Unter einem anderen Reiter werden sie auch danach dieselben Probleme wie zuvor zeigen, da sie sich nur zwischenzeitlich dem starken Willen dieses besonderen Reiters gebeugt haben.
Ich will gar nicht abstreiten, dass dieses für viele Menschen sicher unglaubwürdig klingende Phänomen existiert (Viele so genannte Pferdeflüsterer arbeiten nach diesem Prinzip, auch wenn sie behaupten oder selbst davon überzeugt sind, dass ihre Körpersprache der ausschlaggebende Kommunikationsfaktor ist!), doch finde ich es nicht erstrebenswert, wenn nun alle Reiter auf diese Weise ihr Pferd zu beherrschen versuchen. Dies wäre dann schließlich nur eine neue Form der Unterjochung.
Fast alle Reiter, die zu ihrem vierbeinigen Reitkameraden ein inniges Verhältnis haben, kennen übrigens solche Gedankenübertragungen, doch nicht jeder ist davon restlos begeistert.
Ganz schlimm finde ich es allerdings, wenn in einschlägigen Fachbüchern solche Beweise engster Verbundenheit als zu bestrafende Unart angesehen werden. Nur zu oft habe ich mit Entsetzen gelesen, dass Pferde rigoros zurechtgewiesen werden müssen, wenn sie einen Befehl bereits befolgen, bevor der Reiter ihn noch aussprechen oder mit körperlichen Hilfen fordern konnte. Es wird dabei eindeutig gesagt, dass dieses ‚Vorausahnen' grober Ungehorsam oder bestenfalls Übereifer ist, welchen man unbedingt unterbinden sollte!
Nun, ich bin der Meinung, dass das Pferd damit nur beweist, wie konzentriert es einzig und allein auf seinen Reiter ist, um eben dessen Gedanken sofort in die Tat umsetzen zu können.
Das arbeitseifrige Tier in diesem Moment zu betrafen, würde bedeuten, sein ganzes Vertrauen mit einem Schlag zu vernichten!
Vielmehr sollte der Reiter versuchen, seine Gedanken ein wenig im Zaum zu halten bzw. sie richtig produktiv einzusetzen.
Wenn Sie z.B. planen, am Reitplatz vor der nächsten Ecke anzugaloppieren, dann sollten Sie nicht schon am Beginn der langen Seite krampfhaft nur ans Angaloppieren denken, sondern sich dazu auch ganz bewusst den richtigen Punkt vorstellen, wo Sie es tun wollen.
Wie von Zauberhand wird Ihr Pferd dann an genau diesem Punkt angaloppieren, ohne dass Sie enorm viel Druck anwenden müssen - sofern Sie einen guten Draht zu Ihrem Pferd haben!
Wieviel dieser gute Draht in Krisensituationen wert sein kann, habe ich vor allem bei Ausritten mit Neulingen und bei meinen kleinen Reitschülern immer wieder bemerkt.
Gute, sensible Schulpferde spüren nämlich sofort jede Unsicherheit ihrer Reiter und bremsen sich auch von selbst ein, wenn sie per Gedanken Signale zum Langsamerwerden empfangen. Oft schon wurde ich beim Longenunterricht von Reitanfängern verwundert gefragt, ob das Pferd denn jetzt aufgehört habe zu traben, weil sie es sich so gewünscht hätten. Ich muss solche Fragen stets bejahen, denn meine Tiere sind daran gewöhnt, im Notfall selbständig zu handeln.
Ich lasse ihnen diese Freiheit, denn das Resultat - jahrelanger Reitunterricht mit fast keinen Reitunfällen - ist für alle Beteiligten durchaus angenehm und bewirkt, dass eben die so notwendige positive geistige Grundeinstellung bei Reiter und Pferd verstärkt wird.
Wahrscheinlich ist vielen Reitlehrern gar nicht klar, warum ihre Schulpferde so ‚abstumpfen', doch wie sonst sollen so sensible Lebewesen reagieren, wenn sie sich ständig den Anweisungen des Lehrpersonals fügen müssen, obwohl die Gedanken ihrer Reiter ihnen oft ganz gegenteilige Anweisungen geben würden. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für sie - entweder sie schalten einfach geistig ab, oder sie drehen irgendwann durch, womit dann wieder einmal ein neues Problempferd ‚geboren' wäre.
Positive geistige Grundeinstellung beim Pferd bedeutet also, dass dieses offen und empfänglich für alle Anweisungen, neue Lehrinhalte etc. ist, und somit jeder Reitstunde aufmerksam, aber entspannt entgegensieht.
Hat es allerdings bereits Angst vor bestimmten Lektionen oder gar seinem Reiter entwickelt, kann von entspanntem Reiten natürlich keine Rede mehr sein. Hier muss erst dieses grundlegende Problem und die negative Denkweise aus dem Weg geräumt werden, bevor an Entspannung gedacht werden kann.
Sollten Sie z.B. schon zu Beginn jeder Reitstunde überlegen, was ‚der blöde Gaul' wohl diesmal wieder alles falsch machen wird, prägen Sie damit auch das Gedankenbild Ihres Pferdes auf negativste Weise und schaffen gleichzeitig ein sehr spannungsgeladenes ‚Betriebsklima', welches nur schwer irgendwelche Erfolge und Verbesserungen zulässt.
Bleiben Sie also vielmehr auch noch nach mehreren Fehlschlägen optimistisch und stellen Sie sich vor jeder Reitstunde vor, wie Sie und Ihr ‚liebes Pferd' sämtliche Schwierigkeiten bestmöglich meistern. Entstehen daraus dann auch nur kleine Erfolge, so freuen Sie sich trotzdem aufrichtig und zeigen Sie dies auch Ihrem Pferd. Positive Verstärkung ist nämlich in allen Bereichen stets hilfreich!
Gibt es trotz all dieser guten Vorsätze und dem ehrlichen Bemühen des Reiters oder auch verschiedener Reiter immer wieder Probleme mit einem Pferd, weil dieses ständig eine übertrieben ängstliche Erwartungshaltung an den Tag legt und sichtlich unter chronischen Verspannungen und Konzentrationsstörungen leidet, sollte genauestens überprüft werden, ob eventuell Krankheiten oder auch genetische Defekte vorliegen, die sich negativ auf das Zentralnervensystem auswirken, oder ob vielleicht die Fütterung nicht den Anforderungen angepasst wurde. Hochgradiger Eiweiß- bzw. Energieüberschuss oder auch Vitamin- und Mineralstoffmangel können sich diesbezüglich äußerst verheerend auswirken!
Dies gilt vor allem dann, wenn beispielsweise ein ehemals ausgeglichenes, lernfreudiges Tier ohne ersichtlichen Grund plötzlich starke Nervosität zeigt.
Bei neu zugekauften Pferden ist in erster Linie an eine geistige Fehlprogrammierung aufgrund schlechter Behandlung durch den oder die Vorbesitzer zu denken. Hier sollte man zuerst das Vertrauen des Tieres zu erlangen versuchen, bevor man sich auf weitere Überlegungen einlässt.
Wie sich die geistige Grundhaltung auf das Ausreiten auswirken kann, und welche homöopathischen Heilmittel bzw. Bachblüten hilfreich für die Entwicklung positiver Gedanken sein können, erfahren Sie dann nächste Woche!
Siehe auch › Autoren-Messeseite
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