
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Noch ein Buch mit Bastelanleitungen? Das war meine spontane Reaktion auf den Umschlag dieses Buches. Ich schlug es auf und mein Blick fiel auf ein großformatiges Bild, das eine junge Frau zeigt, wie sie ihren Knabstrupper mit einer einfachen, selbstgebauten Leiter besteigt. Donnerwetter - dieses Buch schien interessant zu sein.
Damit war ich gefangen und bereits positiv voreingenommen; erst sehr viel später las ich den Text zu diesem Bild und erfuhr, daß man hier mitnichten lernt, wie und warum man sein Pferd mit der Leiter besteigen soll. Die junge Dame auf den Bild hatte sich das Hüftgelenk gezerrt. Das Bild sollte einfach als Illustration dafür dienen, daß man manchmal unkonventionell denken muß.
Inzwischen hatte ich aber in fast jede Seite einen Zettel eingelegt, weil ich überall interessante Anregungen fand. Nun habe ich die Qual der Wahl, Ihnen geeignete Kostproben zu präsentieren.
Aus dem Inhalt vermute ich, daß die Autorin eine engagierte Wanderreiterin ist. Auf Seite 30, im Kapitel "Pferd und Reiter unterwegs", erfahren Sie, wie man eine "Satteldecke mit eingenähten Taschen" anfertigt. Der Begleittext zum illustrierenden Bild lautet: "So haben Sie das Nötigste stets griffbereit, auch wenn Sie keinen einzigen Packring am Sattel haben." Das Bild zeigt eine schicke junge Frau um die 30, die im Sonnenschein eines Spätsommertages wie heute hinter sich greift und eine Wanderkarte aus der Tasche der Satteldecke zieht.
Die Anleitung erstreckt sich über vier Seiten; auf der nächsten Doppelseite sehen wir ein eine weitere Illustration, nämlich ein Fjordpferd mit mächtigem Hals und Kopf, angetan mit einer Satteldecke, die bis zur Kruppe reicht. Die hintere Kante ist verziert, die Satteldecke hinten auf beiden Seiten trichterförmig nach unten gezogen, die Zipfel mit Quasten beschwert. Das Pferd ist mit einem ganz leichten Distanzsattel ausgerüstet, der durch ein breites, im selben Stil verziertes Vorderzeug gehalten wird. Der Text dazu: "Die Taschen werden bei dieser Variante von Rainhild Wenzel mit Lederbändern geschlossen, Einfassung, Stickerei und Quaste sind aus Wolle gearbeitet."
Im Text wird auf diese Lösung nochmal bezuggenommen:
| auf der Abb. H sehen Sie noch eine andere Möglichkeit, solche Satteldecke zu gestalten: Die Fjordpferdezüchterin und Wanderreitausbilderin Rainhild Wenzel fertigt ihre Satteldecken aus Wolle und läßt sie bewußt länger, damit bei Stops auf Wanderritten und bei Wettbewerben das Eindecken überflüssig wird. Die empfindliche Nierenpartie ist geschützt. Weitere Variationen und Details dieser Ausrüstung finden Sie auf ihrer Homepage. Seite 33 | | |
Dann folgt der Hinweis auf eine weitere Abbildung im Kapitel "Kunst am Pferd", wo man das Ganze als buntes Kunstwerk bewundern kann. Begleittext: "Auf ins Unbekannte! Die Altér Real-Stute Impala ist fertig ausgestattet mit Kopfstück, Vorderzeug und Sattelgurt aus der Werkstatt ihrer Besitzerin. Die obere Satteldecke ist ein Kelim, in den hinten Taschen eingearbeitet wurden (vgl. S. 30)."
An diesem Beispiel kann ich demonstrieren, daß die Autorin nicht nur eigene Anregungen weitergibt, sondern auch eine Reihe anderer Kunsthandwerker vorstellt; in diesem Falle Ursula Feiler-Ninnig, die sich von der Ausstattung mexikanischer Hirten begeistern ließ. Wenn man sich selbst die Fertigkeiten nicht zutraut oder weder Geduld noch Zeit aufbringen kann, weiß man also, wo man diese wunderschönen Sachen bestellen kann. Auch das empfinde ich als Vorzug dieses Buches. Anregungen sind wunderbar, aber man muß sie auch umsetzen können.
Viele Ideen sind wunderbar, erfordern aber einen erheblichen Zeitaufwand. Deshalb fand ich die Beschreibung moderner Materialien besonders interessant, die unter der Überschrift "Die Schnellen" beschrieben werden:
| Eine Aufnäharbeit mit Perlen und Pailletten bleibt jahrzehntelang schön, wenn man sie gut behandelt. Manchmal braucht man aber nur für einen einzigen Auftritt ein ganz bestimmtes Motiv und es muß schnell gehen. Wenn im Reitverein eine Quadrille eingeübt wird, setzen sich nicht 20 Leute hin und beginnen Perlen zu fädeln, obwohl etwas Glanz und Flitter sehr willkommen wären. Hier helfen pfiffige Produkte aus dem Bastelladen. Da wäre zunächst die gute alte Textilfarbe (s. Abb. A), die es für helle und dunkle Stoffe gibt. Mit tubenartigen Malstiften lassen sich Konturen ziehen, die plastisch hervortreten, metallisch glänzen oder auch Glimmerpartikel enthalten können. Mit dem Bügeleisen fixiert, sind Stoffmalereien recht dauerhaft und können durch ein paar Perlen noch akzentuiert werden.
Eine neue Stoffmalfarbe "Fashion Pen" von Javana wird alle Window-Color-Fans begeistern: Man legt eine spezielle Folie über das Motiv und malt mit Konturen- und Deckfarbe auf diese Folie. Das geht sehr gut und sauber, weil keine hemmenden Stoffasern im Weg sind. Wenn die Farbe getrocknet ist, zieht man das ganze Motiv von der Folie ab, legt es auf den Stoff und bügelt es mit Hilfe eines speziellen Vlieses in den Stoff ein. Die Brandzeichen in Abb. B und C wurden so gemalt. Glanzlichter kann man nun mit Perlen und anderem glänzendem Material setzen, indem man sie einfach aufklebt. Dies wird möglich durch ein spezielles, doppelseitig stark klebendes Vlies ("Tacky Tape" von Knorr Prandell). Es ist als Folie oder in Bandform im Handel. Die ausgewählte Fläche wird mit dem Tape beklebt, dann zieht man die obere Schutzfolie ab und streut die Perlchen oder den Glimmer darüber. Das Tape hält das Schmuckmaterial sicher, aber elastisch fest und übersteht einen oder mehrere Auftritte sehr gut, bis der Staub des Bodenbelages allmählich die Klebekraft beeinträchtigt.
Achtung: Verwenden Sie Stoffmalfarbe oder Tacky Tape nicht direkt auf Ihrer Satteldecke oder Kleidung, wenn die Verzierung nicht dauerhaft darauf bleiben soll. Gestalten Sie Ihr Motiv auf einem Stückchen Stoff, schneiden Sie es aus und nähen Sie es mit wenigen Handstichen, die schnell wieder aufzutrennen sind, auf die gewünschte Fläche. Seite 90/91 | | |
Die beigefügten Illustrationen regen dazu an, sich an diesen einfachen Arbeiten zu versuchen, die mit Sicherheit Erfolg versprechen. Das Verzeichnis der Bezugsquellen und einschlägiger Adressen am Ende des Buches hilft, die Materialien zu beschaffen, die man für die Arbeiten benötigt. Entgegen meiner ursprünglichen Befürchtung erweist sich dieses Buch also als empfehlenswerte Ergänzung der Bibliothek. In den kommenden Wintermonaten kann man sich für Schönes und Nützliches anregen lassen, das zusätzlich zum Besitzerstolz noch die Freude des Selbermachens verspricht.
erschienen 05.09.04
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