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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Abschauen
Von   Werner Popken

Im Buch  Reiten lernen, ganz entspannt fand ich am Schluß einen Tip, den ich Ihnen gerne weiterreichen möchte. Das Buch richtet sich nach meinem Eindruck an Frauen mittleren Alters, die noch nie mit Pferden zu tun hatten. Unter diesen Umständen ist an eine sportliche Karriere zunächst wohl kaum zu denken. Dennoch empfiehlt die Autorin, sich Spitzensportler, überhaupt Könner schon frühzeitig zum Vorbild zunehmen:

Keine Sorge: Ich erwarte bestimmt nicht von Ihnen, das Sie sich am Ende dieses Buches angekommen Frack und Zylinder kaufen und wir uns einer großen Dressurprüfung wiedersehen. Daß der Weg von der Longenstunde bis zur Piaffe ein sehr langer ist, weiß ich aus eigener Erfahrung.

Aber zu dem berühmten Satz "Reiten lernen man nur durchs Reiten" habe ich zumindest eine Anmerkung: Man lernt auch etwas durchs Abgucken. Und dann natürlich am meisten, wenn man wirklich gute Dressurreiter beobachtet - nicht nur bei der Kür, sondern auch bei der Pflicht, in ihrem täglichen Training.

Der Ablauf der einzelnen Lektionen, wie sie vorbereitet werden, warum Sie einmal großartig und das andere Mal nur halb klappen - das sieht man vom Rand des Vierecks aus und dabei geht einem so mancher Kronleuchter auf. Zudem ist eine vollendet gerittene Dressur ein ästhetischer Hochgenuß.

Was mich angeht, so habe ich allerdings die größten Dressurerlebnisse nicht im Sport gehabt, sondern da, wo die Reitkunst um ihrer selbst willen gepflegt wird - in der Spanischen Hofreitschule in Wien, bei ihrem französischen Gegenstück, dem Cadre Noir in Saumur und bei den großartigen Dressur reiten aus Spanien und Portugal.

Wenn Sie also einmal Gelegenheit finden, einer Vorstellung der Hofreitschule oder des Cadre Noirs beizuwohnen - versäumen Sie sie nicht. Als Reiter kann man sich nämlich seine Ziele nie zu hoch setzen. Und alles, was wir als Reiter lernen, haben wir nicht nur für uns und unsere Befriedigung erarbeitet, sondern immer auch zum Wohl des Pferdes.
Seite 114

Diesen Gedanken möchte ich noch etwas näher beleuchten. Reiten gehört zu den Kulturtechniken. Mit anderen Worten: Es handelt sich um Kenntnisse und Fertigkeiten, die im Laufe der Zeit entwickelt worden sind und die jedes Individuum wieder von neuem lernen muß.

Wie wir wirklich lernen, ist noch keineswegs vollständig erforscht. Es gibt aber natürlich Erfahrungswerte, doch werden selbst die kaum umgesetzt. So weiß fast jeder, daß Lernen eng an das Wohlbefinden gekoppelt ist. Lernen muß Spaß machen, dann ist es effektiv. Nun frage ich Sie: Wo wird diese Binsenweisheit umgesetzt?

Inzwischen wendet man naturwissenschaftliche Methoden, die fast überall ihre Nützlichkeit überwältigend beweisen konnten, auch auf das Lernen an. Der Spiegel brachte am 30. Juli die Schlagzeile: » Das Gehirn lernt immer, es kann nicht anders". Das war die Aussage eines Neurowissenschaftlers, der Schüler verkabelt, um den Lernerfolg messen zu können.

Auch die Erkenntnisse von Tierexperimenten werden gern auf menschliche Verhältnisse angewandt. So stellt sich z. B. die Rolle der Kreativität für die Evolution in völlig neuem Licht dar, wenn man feststellt, daß intelligentere Tiere beim Überlebenskampf unterlegen sind. Die Sache ist differenzierter:

Wenn sich das Lebensumfeld sehr schnell ändert, ist individuelles Lernen die beste Strategie, um mit den neuen Gegebenheiten klarzukommen. Bei mäßig schnellen Änderungen zahlt sich soziales Lernen aus, also das Abschauen beim Artgenossen. Und sofern sich das Umfeld nur ganz langsam umgestaltet, sind vererbte Instinkte optimal.
» Dummheit siegt

Das Abschauen bei Artgenossen ist inzwischen auch bei Affen belegt (» Zuschauen macht Affen schlau). Man wußte schon vorher, daß Affen Bewegungsabläufe durch Beobachtung lernen können. Inzwischen weiß man, daß sie auch Regeln durch Abgucken erfassen.

Wenn wir Reiten durch Reiten lernen, führen wir gleich selbst die Bewegungsabläufe aus, die wir eigentlich erst erlernen sollen. Die Korrektur erfolgt meistens über das Ohr, in Form von Hinweisen durch den Lehrer. Es geht aber darum, diese Bewegungen durch den Körper auszuführen. Wie kann man den Körper am besten dazu bringen, diese Bewegungsabläufe zu produzieren?

Die Methode, Meister bei der Arbeit zu beobachten, ist alt und bewährt. Das Problem ist, daß man nicht immer einen Meister zur Hand hat. Außerdem: Wie viele Schüler kann ein Meister ausbilden? Und weiter: Wenn man jemanden beobachtet, der selber nicht perfekt ist, kann man vermutlich nicht besonders gut lernen.

Mein Tip für diese Woche: Wenn diese Überlegungen Sie überzeugen, versuchen Sie doch, auf die moderne Technik auszuweichen. Die größten Meister haben inzwischen phantastische Filme aufgenommen, die man sich beliebig oft anschauen kann. Lassen Sie die Bilder einfach auf sich wirken. Wir wissen nicht, wie der Körper Bewegungsabläufe lernt. Überlassen Sie es dem Körper selbst.

Die Bilder wirken für sich. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu, sie hat sogar einen Namen: Mentales Training. Es kann nicht schaden, sich einer Sache zunächst systematisch zu nähern, aber daraus wird nicht die Kunst, von der die Autorin Sibylle Luise Binder spricht. In diesem Stadium reflektiert man nicht mehr über die Bewegungen, der Körper führt sie einfach aus und fühlt sich wohl dabei.

Auch das passiert vermutlich automatisch. Forscher haben inzwischen interessante Erkenntnisse bei Mäusen gewonnen: "Beim Erlernen neuer Bewegungsabläufe fertigt das Gehirn zuerst einen groben Entwurf des Ablaufs, der bei weiterem Training immer mehr verfeinert wird." (» Wie das Gehirn Bewegungen erlernt). Die Mäuse denken darüber bestimmt nicht nach. Es passiert automatisch. Wie hieß es doch noch? Das Gehirn lernt immer, es kann nicht anders.




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©1999-2004 · ISSN 1437-4528 · Statistik:  Übersicht
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