
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Nach meinem Eindruck wendet sich dieses Buch nicht einfach an Einsteiger. Es wendet sich an Frauen reiferen Alters, die gutbetucht sind, sicher im Leben stehen und bisher noch gar nichts mit Pferden zu tun hatten. Die moderne, erfolgreiche Frau von heute eben.
Reiten in diesem Sinne muß ein gewisses Flair haben. Trendsportarten wie Tennis, Golf, sogar Joggen, Radfahren oder Inline-Skating sind schick, schmeicheln dem Ego, bieten Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, Gelegenheiten für verführerische Bilder.
Warum sollte der Reitsport da nicht mithalten können? Pferde sind schmutzig, eigensinnig, machen viel Arbeit - Pferdeleute sehen oftmals eher wie Bauern aus; kein Wunder: verrichten sie doch bäuerliche Arbeiten. Die Atmosphäre in den Reitställen ist meistens deutlich anders als in der Welt der Trendwerbung - aber muß das so bleiben?
Ich finde, das Inhaltsverzeichnis gibt darauf schon eine Antwort:
- Ein echter Aufstieg
- Zeit für eine Veränderung - Lernen Sie Reiten!
- Eine Frage des Stils
- Trockenübungen
- Besser aus- als eingebildet - der richtige Reitlehrer
- Money makes the horse go round
- Des Reiters neue Kleider
- In den Anfängen
- Bitte näher treten
- Hallo, Pferd
- Who's the boss?
- Putzfummel
- Satteln
- Auftrensen
- Vom Darauf- und Drankommen
- Ready for take-off
- An der langen Leine
- Ganze Abteilung Marsch
- Bitte aufsitzen!
- Sitzt das?
- Eine ganze Hand voll Zügel
- Schiebung
- Vorwärts im Schritt
- Im Trab
- Mit Schmackes - im Galopp
- Wir reiten eine Parade...
- Um den Schenkel gewickelt
- Viel-seitig
- Kommando: Zurück
- Vorne- oder hintenrum?
- Ein gutes Stück weiter
- Knigge für's Bahnreiten
- Bahnpunkte
- Bahnfiguren
- Auseinander gefallen
- Spezialitäten: Springen, Geländereiten, Dressur
- Herz über die Hürde
- Reif fürs Gelände?
- Reiten, Reiten, Reiten
- Dressur
Die Einleitung führt aus, was das Inhaltsverzeichnis in knappen Worten zusammenfaßt:
| Zeit für eine Veränderung - Lernen Sie reiten! Manchmal meine ich, zu träumen. Ein Traum von Wind im Haar, von einem geschmeidigen Körper, der sich kraftvoll unter mir entfaltet, von diesem ganz besonderen Duft, der mich einhüllt, von seidig warmem Fell unter meinen Fingern, vom Trommeln der Hufe. Jeder Schritt trägt mich weiter weg aus dem Alltag, weiter weg in eine Welt, in der Finanzamt, Abgabetermine und der längst fällige Anruf beim Zahnarzt nichts bedeuten. Manchmal fällt mir in solchen Momenten eine Gedichtzeile ein, die ich einmal irgendwo gelesen habe: "... das lachende Wissen, daß Gott uns liebt, solang' es auf Erden die Pferde gibt." Von allen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, habe ich eine nie bereut: Die, mit dem Reiten anzufangen. [...] | | |
Ein solches Buch kann man nicht richtig beurteilen, wenn man nicht den Zusammenklang von Wort und Text berücksichtigt. Hier wird etwas verkauft, nämlich ein Gefühl, ein Lebensgefühl, eine Hoffnung. Und das macht man mit Bildern.
Der Verlag hat dem Rechnung getragen, indem das Inhaltsverzeichnis vollkommen unkonventionell aufgebaut wurde. Auf Seite 2 und 3 findet sich die Grobeinteilung, die Überschriften der vier Kapitel. Das ist für zwei Seiten ziemlich wenig. Stellen Sie sich aber auf jeder Seite 6 Memorykarten in zwei Reihen zu drei Karten vor, wobei das obere Drittel der Seite frei ist. Jetzt drehen Sie in jeder Reihe drei Karten um: Wunderschöne Motive erscheinen, die reife Frauen zusammen mit ihrem Pferd zeigen. Die nicht aufgedeckten Karten, vier an der Zahl, in jeder Reihe eine, sind mit der Kapitelüberschrift bedruckt.
Die Abschnittsüberschriften werden genauso präsentiert: Wieder eine Doppelseite mit Memorykarten, schönen Fotos und den entsprechenden Überschriften. Einen Eindruck bekommen Sie schon vom Titelbild. Diese Frau blickt Sie nicht einfach nur so an. Diese Frau zeigt Gefühl. Und das Gefühl bezieht sich auf das Pferd.
Es ist viel gerätselt worden, warum sich fast alle jungen Mädchen brennend für Pferde interessieren, die jungen Männer hingegen äußerst selten. Es sind aber nicht nur die jungen Mädchen, die sich mit Pferden beschäftigen, auch unter den Erwachsenen sind die Frauen ganz eindeutig in der Überzahl. Mir scheint: Wer sich die Faszination für Pferde nicht aus der Jugend herübergerettet hat, dem soll mit diesem Buch Mut gemacht werden.
Bei jungen Mädchen scheint es so zu sein, daß Pferde ein Übungsfeld für die Lebenspraxis darstellen. Im Umgang mit Pferden lernen Mädchen, wie man mit dem anderen Geschlecht umgeht. Folgerichtig verliert sich bei sehr vielen die Faszination für das Pferd, sobald das andere Geschlecht in ihr Leben tritt.
Die Frauen in diesem Buch haben diese Phase hinter sich. Bekanntlich ist das Leben zu zweit oftmals enttäuschend. Da bietet sich das Pferd abermals an. Der nachfolgende Text ist deutlich genug.
| Ready for take-off
Es hat etwas von einem "Blind Date": Es kribbelt im Magen, in der Nacht davor ist man ein wenig unruhig, wacht aus unklaren Träumen auf, fragt sich, wie "er" (oder "sie") wohl sein werden und wie man miteinander harmoniert. Wird der andere auf einen zukommen oder sich abwartend verhalten? Wird es Liebe auf den ersten Blick sein? Oder zumindest Sympathie? Die erste Reitstunde - ich wünsche Ihnen, daß sie der Beginn einer Freundschaft fürs Leben wird. Und dafür, daß das klappt, werden wir jetzt gemeinsam etwas tun. Seite 54 | | |
Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewisser Wohlstand. Wer sich für Lifestyle interessiert, setzt ein üppiges Einkommen vermutlich stillschweigend voraus. Es kommt eben auch auf Äußerlichkeiten an; deshalb wird die Ausrüstung entsprechend angeschafft, wobei in diesem Buch eindeutig englisch geritten wird. Kann man denn als Westernreiter schick sein? Eben!
Wenn ein eigenes Pferd angeschafft werden soll, werden dafür mindestens 5.000 EUR veranschlagt. Die Grundausstattung schlägt mit etwa 2.400 EUR zu Buche, die jährlichen Kosten streuen vor allem durch die höchst unterschiedlichen Pensionskosten sehr: 4.300 bis 14.250 EUR werden für realistisch gehalten. "Reiten gilt als teurer Sport - aber ganz so wild ist es nicht. Auch Normalverbraucher können sich Reitunterricht leisten." Die Minimalkosten für Reitunterricht ("'Just for Fun' - einmal in der Woche auf Schulpferden") werden mit monatlich 50 bis 60 EUR angesetzt, die Grundausstattung mit 200 EUR einmalig (Kappe, Chaps, Reithose), eventuell Mitgliedsbeitrag für den Reitverein (50-250 EUR).
Immer wieder werden Boxen eingeblendet, die wesentliche Fragen enthalten ("check it!") oder Tips ("easy·info"). Jedes Kapitel schließt ab mit einer Doppelseite, die der eigenen Überprüfung dient ("Check it and get it!"). Ein Beispiel: das erste Kapitel endet mit der Überschrift "Reiten lernen - Ich will's wirklich"; darunter ein Memory, dessen Bildseiten sich weitgehend zu einem durch Stege unterbrochenen Foto aufgedeckt haben, das die bekannte Frau vom Titel zeigt, wie sie ihrem Pferd in die Augen schaut. Die rechte Seite:
| Check it and get it!
Ja, ich will's wirklich - ich fange mit dem Reiten an!
Ich bin informiert - ich weiß, was ich will und kann mich jetzt auf die Suche nach "meinem" Stall machen.
Ich weiß, was es mich kosten wird und habe meinen Etat entsprechend eingerichtet.
Ich habe mir verschiedene Reitställe und Reitlehrer angeguckt.
Jetzt kann ich mir meinen Stall aussuchen.
Ich habe mich über die Ausrüstung informiert, die ich brauche.
Jetzt kann ich einkaufen gehen. | | |
Bingo? Let's go! Sie merken: Englisch ist angesagt, wenn man dazugehören will - aber bitte nicht die Cowboy-Variante! Das wäre die falsche Szene. Wie hieß es noch im Buch › Von Pferden lernen? "I got the power, if I want it!" Genau: Dynamisch, erfolgreich, selbstbewußt, lebenserfahren, szenegeprüft - so würde ich die Zielgruppe beschreiben, die sich durch dieses Buch angesprochen fühlen soll. Vor ein paar Jahren hätte man dazu Yuppie gesagt, aber irgendwie ist dieser Begriff aus der Mode gekommen und ein neuer noch nicht geprägt.
Man hat alles erreicht, was man sich vorgenommen hatte, und sucht nach neuen Abenteuern. Das Abenteuer mit den Männern ist erledigt, das mit den Pferden hat man noch gar nicht ausprobiert. Die Leserin wird angesprochen als eine Frau, die von Pferden und allem drum und dran absolut keine Ahnung hat. Für diese Zielgruppe ist das Buch phantastisch.
Aber auch denjenigen, die sich ohne diese Hilfe in das Abenteuer Pferd gestürzt haben, kann das Buch die Augen öffnen. Darüber hinaus enthält es natürlich auch noch viele sonstige interessante Informationen, ist vorzüglich gestaltet und illustriert und liest sich ausgezeichnet. Zum Abschluß ein Beleg für diese Bewertung:
| Davon können Offroader nur träumen
In meinem Freundeskreis gibt es ein paar begeisterte Geländewagen-Fahrer. Ich muß immer grinsen, wenn Sie mir mit stolzgeschwellter Brust erzählen, welche irren Neigungswinkel ihre tollen Autos bewältigen, wie klein ihr Wendekreis ist und daß sie damit sogar durch kniehohes Wasser plantschen können.
Was ist das schon? Wer wirkliche Geländegängigkeit erleben will, muß reiten! Der Wendekreis eines Pferdes ist von keinem Auto zu unterbieten. Über Neigungswinkel denken wir Reiter nicht nach, denn um einen Hang zu finden, bei dem ein Pferd mit dem Bergauf und Bergab Schwierigkeiten hat, müßte man in die Hochalpen fahren.
Was Wasser angeht, so ist die Einschränkung in Sachen Tiefe meist durch die Wasserscheu des Reiters gegeben. Pferde kommen durch jede Pfütze und jeden Fluß. Und manche von ihnen sind sogar "seetüchtig" - auf den Inseln vor der schottischen Küste jedenfalls war früher Pferdetransport über See üblich. Wenn eine Herde eines der kleinen Eilande abgegrast hatte, schnappte man sich die Leitstute und ließ sie am Strick hinter einem Boot her zur nächsten Insel schwimmen. Ihre Herde kam dann schon mit und ließ sich dabei weder von Wind noch Strömung noch Wellengang aufhalten.
Allerdings ist die Geländegängigkeit eines gerittenen Pferdes immer auch vom Können des Reiters abhängig - womit wir schon beim Klettern im Gelände angekommen sind. Seite 108 | | |
erschienen 08.08.04
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 219, Binder, Sibylle Luise / Kärcher, Gabriele: › Wilde Pferde, Leben in Freiheit
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