
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Problemverhalten Von › Werner Popken
Im Buch › DAS KOSMOS ERZIEHUNGSPROGRAMM PFERDE plaudert eine Tierärztin und Verhaltensforscherin, die ihren Lebensunterhalt mit Verhaltenstherapie bestreitet, aus dem Nähkästchen. Naturgemäß geht man erst zum Therapeuten, wenn man selbst mit seinem Latein am Ende und verzweifelt ist. Der Regelfall wird also sein, daß sie die harten Nüsse zu knacken hat.
Auf Seite 154 zitiert die Autorin eine französische Studie aus dem Jahre 1999. 66,4% der Schlachtpferde aus Privathand im Alter zwischen zwei und sieben Jahren wurden wegen "unerwünschtem Verhalten" abgegeben. Sie vermutet, daß viele Probleme durch einen einfachen Regelkreislauf entstehen:
| Probleme hausgemacht
Der Besitzer belegt das unerwünschte Verhalten mit Aufmerksamkeit und belohnt es so. Besser ist es immer, das unerwünschte Verhalten zu strafen (im weitesten Sinne) über Ignorieren oder ein vorher gut trainiertes NEIN und das erwünschte Verhalten zu belohnen. Seite 162 | | |
Ignorieren als Strafe? Aber gewiß doch, wie wir bereits in der Rezension gelernt haben:
| Strafen durch Ignorieren
Ignorieren bedeutet:
- nicht ansehen
- nicht anfassen
- nicht ansprechen
und das alles gleichzeitig und im Bruchteil einer Sekunde.
Wenn Sie Ihr Pferd wegschieben und NEIN zu ihm sagen, haben Sie es gerade nicht ignoriert. Seite 67 | | |
Die Methode Ignorieren ist also nicht ganz einfach.
| Viel einfacher fällt den meisten Menschen tatsächlich der Ruck im Maul oder der Schlag mit der Gerte. Um hiermit aber ein eindeutig aversives Signal zu setzen, müßte solch ein Schlag mit der Gerte so massiv sein, daß die positive Komponente der Aufmerksamkeit (das Pferd weiß ja genau, von wem der Schlag kommt und womöglich stehen Sie auch noch davor und gucken es dabei direkt an) komplett in den Hintergrund tritt. Hier ist wieder meine Erfahrung, daß genau dieses Massive von den meisten Reiter nicht gekonnt wird... im Grunde wollen Sie Ihren "Liebling" weder verletzen noch ihm massiv wehtun. Und damit hat man dann das Problem, daß das unerwünschte Verhalten ungewollt und unbewußt eher verstärkt wird. Mit dem eben Gesagten soll nicht propagiert werden, daß härter und schmerzhafter mit Pferden umgegangen werden sollte. Damit sollte nur noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, daß der korrekte Einsatz negativer Verstärker, besonders der aktiven körperlichen Strafen am Pferd, eine sehr komplizierte Angelegenheit ist und viele Fehlerquellen birgt - unter anderem auch die der Tierschutzrelevanz. Ich selber bin, aus all den schon genannten Gründen, kein großer Freund solcher Maßnahmen, die ja vom Pferd aus seinem Weltbild heraus, auch leicht als Aggression meinerseits aufgefaßt werden können; [...]
Letztendlich muß jeder Pferdebesitzer und Reiter für sich ganz persönlich entscheiden, ob, wann, welche und wie stark er aversive Signale - sprich: Strafmaßnahmen - einsetzen will. Aus dem lerntheoretischen Hintergrund funktionieren beide - aber in der Praxis gibt es bei Strafen größere Fehlerquellen als beim Einsatz von positiven Verstärkern. Und wenn man dieses nicht bedenkt, kann sehr leicht großer Streß und insgesamt ein tierschutzwidriger Zustand für das Pferd dabei herausspringen. Seite 71/72 | | |
Insgesamt plädiert die Autorin für die positive Verstärkung, zieht also die Belohnung der Strafe vor, wobei sie zu bedenken gibt, daß man damit nicht alle Probleme bewältigen kann. Strafe, zum Beispiel im Sinne von Ignorieren, muß manchmal sein. Besonders bemerkenswert finde ich die Aufdeckung eines Regelkreises, wodurch das unerwünschte Verhalten sich erst durch die Reaktionen des Menschen verfestigt.
Mein Tip für diese Woche: Beobachten Sie einmal, ob Sie durch Ihre Reaktionen unter Umständen ein Problemverhalten festigen oder verstärken, unabhängig von der Frage Strafe/Belohnung. Und wenn Sie sich nicht sicher sind, was Sie da eigentlich tun, lohnt sich vielleicht die Lektüre des oben erwähnten Buches. Danach wird Ihnen vielleicht manches klarer und die Inanspruchnahme einer Verhaltenstherapeutin vermeidbar sein.
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