
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch behandelt ein Thema, zu dem schon viele Bücher geschrieben worden sind. In gewisser Weise kann man an den behandelten Problemen nicht vorbeikommen, wenn man sich mit Pferden beschäftigt. Was ist ein Pferd? Dazu muß man die Entwicklungsgeschichte betrachten. Aus dieser ergeben sich schon wichtige Erkenntnisse. Dann stellt sich die Frage: Was will man mit dem Pferd machen?
Dieses Buch ist anscheinend für den Freizeitreiter geschrieben - oder sollte ich sagen: die Freizeitreiterin? Die Freizeitreiterei ist ein Phänomen der letzten 30 Jahre. Da sie so viel anders ist als die Nutzung der Pferde in den letzten 5000 Jahren, müssen wir neue Antworten auf alte Fragen finden. Die Probleme stellen sich von ganz allein. Die Pferde wollen einfach nicht so wie wir.
Ich habe das Buch zunächst als ein Werk der Autorin aufgefaßt. Als ich die Daten aufgenommen habe, wurde ich jedoch eines Besseren belehrt: Dies ist ein Buch des Verlages. Die Autorin vertritt das KOSMOS ERZIEHUNGSPROGRAMM. Wer hätte das gedacht? Der Verlag kümmert sich um die Erziehung der Pferde, entwickelt gar ein eigenes Programm! Ist die Autorin beauftragt gewesen, dieses verlagseigene Programm veröffentlichungsreif zu machen?
Vermutlich nicht. Es wird sich um einen reinen Marketinggag handeln. Statt eines angemessenen Titels hat man das volle Gewicht des Verlags in den Titel geworfen. Das deutet darauf hin, daß man hier ein Vermarktungsproblem sieht. In der Tat gibt es zu diesem Thema sehr viele Bücher, auch aus dem eigenen Hause, und die meisten sind sehr trocken. Hat jemand auf dieses Buch gewartet? Wer soll dieses Buch kaufen?
Tierärzte sind nicht gerade prädestiniert dazu, Bestseller zu schreiben. Das Interesse des Verlages dürfte sich ausschließlich an den zu erwartenden Verkaufsstatistiken orientieren. Also hat man wohl nach Möglichkeiten gesucht, dieses Buch verkäuflicher zu machen, und daraufhin den Titel "aufgewertet".
Ich habe nichts dagegen, denn ich wünsche diesem Buch viele Leser. Die Probleme der Freizeitreiterei sind dadurch gekennzeichnet, daß Menschen, die es sich leisten können, aber eigentlich nicht dazu gerüstet sind, mit Pferden umgehen. Diese Menschen müssen viel lernen. Es ist wunderbar, Könner zu beobachten oder deren Bücher zu lesen, aber es kommt darauf an, selbst zu einem Könner zu werden. Man muß nicht unbedingt dann gleich selbst wieder ein Buch schreiben, aber das Ziel ist klar: sowohl der Mensch als auch das Pferd sollen sich wohlfühlen.
Da man nun vom Pferd nicht verlangen kann, den Menschen zu verstehen, muß man beim Menschen ansetzen. Und beim Menschen sieht es oft ganz furchtbar aus. Das Buch zeigt an verschiedenen Stellen entsprechende Bildbelege und beschreibt die Verhaltensweisen ganz unverblümt. So zum Beispiel in den beiden Bildüberschriften auf Seite 71:
| - Das entspannte "Aussitzen" eines kleinen Problemverhaltens fällt den meisten Menschen schwer.
- Viel leichter fällt ihnen die schnelle Manipulation mit dem Zügel... und in diesem Konflikt üben sie sich dann unter Umständen ein Pferdeleben lang.
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Was bietet die Autorin an? Natürlich den Stand der Wissenschaft - das Ende des ersten Kapitels heißt: "Ein kleiner Exkurs in die Lernbiologie". Die Konsequenzen daraus werden in einem Kasten auf Seite 39 dargestellt:
| Fünf Kernaussagen zum Lernverhalten von Pferden
- Es werden nur die Dinge perfekt gelernt (= im Gehirn fest und effektiv miteinander verknüpft), die gleichzeitig oder zumindest in sehr engem zeitlichen Abstand (ca. 1 Sekunde) voneinander geschehen.
- Es braucht eine gewisse Häufigkeit dieser Paarungen, damit dauerhaft gelernt wird (für das Langzeitgedächtnis); dabei müssen die Signale bzw. die zu verknüpfenden Elemente immer eindeutig und dem Informationsgehalt gleich sein, um zügig eine feste Verknüpfung zu erreichen.
- Verhalten, welches belohnt wird, wird auf Dauer öfter gezeigt; die Belohnung bedeutet für das Pferd: "ich kann meinen Zustand optimieren" - also entweder so halten wie er gerade ist oder sogar noch weiter verbessern.
- Verhalten, welches unangenehme Konsequenzen (Strafe) nach sich zieht oder von ihnen begleitet wird, wird auf Dauer seltener gezeigt, wenn diese unangenehmen Konsequenzen gefährden den eigenen Zustand.
- "Belohnung" oder "unangenehme Konsequenz" sind subjektive Einschätzungen des jeweiligen Tieres und immer abhängig von der jeweiligen Situation.
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In Australien hat man kürzlich Versuche unternommen, die bewiesen haben, daß Pferde nicht lernen, wenn die Reaktion erst nach 10 Sekunden erfolgte. Diese Erkenntnis steht im Gegensatz zu Erfahrungen mit Ratten und Hunden, bei denen ein zeitlicher Abstand von 8 Minuten kein Problem war. Immerhin: wer mit Computern umgeht, weiß, wie lang 10 Sekunden sein können, und kann das auf die Situation mit Pferden übertragen.
Die meisten Grundsätze sind nicht besonders aufregend. Grundsatz 2 bedarf der Quantifizierung. Hätten Sie vermutet, daß unter Umständen Tausende von Lernvorgängen erforderlich sind, damit ein Pferd zuverlässig lernt? Und alle diese Lernvorgängen müssen für das Pferd identisch sein. Mit anderen Worten: Sie müssen ein bestimmtes Verhalten immer auf eine bestimmte Art beantworten, Tausende von Malen, damit das Pferd ein unerwünschtes Verhalten ablegt und ein anderes Verhalten lernt.
Besonders wichtig ist aber der letzte Grundsatz. Wann ist etwas "Belohnung" und wann ist etwas "unangenehme Konsequenz" für das Pferd? Man kennt das auch vom Menschen. Wer keinerlei Zuwendung erhält, freut sich schon über Beschimpfungen oder Prügel, denn das sind immerhin Zuwendungen, wenn auch negativer Art. Da die Zuwendung als solche einen akuten Mangel behebt, wird ein vernachlässigtes Kind solange quengeln, bis es gescholten wird. Pferde agieren und reagieren in dieser Hinsicht ganz ähnlich.
Die Autorin führt diese Mechanismen im Kapitel "Erziehung in der Praxis", Abschnitt "MANIEREN IM SOZIALEN UMGANG ZWISCHEN MENSCH UND PFERD" vor: "Problem: mein Pferd beknabbert mich oder beißt sogar". Diese Unart entspricht unter Pferden einem höchst erwünschten Sozialverhalten. Zum ersten Mal lese ich dafür den Fachausdruck "Allogrooming". Der Mensch will dem Pferd also deutlich machen, daß er für diese Art Zärtlichkeit nicht zur Verfügung steht.
Die Autorin gibt dem Pferd nun ein deutliches Signal: Nichtbeachtung. Und diese Nichtbeachtung ist eine Strafe, wie der Kasten auf Seite 67 klarmacht:
| Strafen durch Ignorieren
Ignorieren bedeutet:
- nicht ansehen
- nicht anfassen
- nicht ansprechen
und das alles gleichzeitig und im Bruchteil einer Sekunde.
Wenn Sie Ihr Pferd wegschieben und NEIN zu ihm sagen, haben Sie es gerade nicht ignoriert. | | |
Genau hier liegt das Problem: Wie schnell können Sie in jedem Falle bemerken, daß das Pferd Sie beknabbert, und wie sicher sind Sie, daß Sie genau richtig reagieren? Wenn Sie später als eine Sekunde reagieren oder doch eine Zuwendung zustandekommt, kann kein Lerneffekt eintreten. In diesem Falle spricht die Autorin von "Lottoeffekt". Das Pferd probiert, ob es wohl mit seinem Verhalten die erwünschte Reaktion bekommt, und manchmal hat es Glück, manchmal nicht. Es muß also immer wieder probieren.
Im übrigen merkt die Autorin an, daß den meisten Menschen gerade das Ignorieren besonders schwerfällt und diese Tätigkeit keineswegs als aktive Reaktion einschätzen. Außerdem mißverstehen viele Pferdebesitzer den kurzfristigen Erfolg einer Strafaktion als endgültige Lösung eines Problems und wundern sich, warum sie sich trotzdem jahrelang damit herumschlagen müssen.
Eine weitere Konsequenz ist der Autorin wichtig: Lernen findet ausschließlich durch Belohnung im weitesten Sinne statt. Das Pferd muß sich etwas von der erwünschten Reaktion versprechen, das geforderte Verhalten muß Vorteile bieten. Die logische Konsequenz ist, diese Belohnung auf jeden Fall sicherzustellen. Die einfachste Methode besteht in der Darreichung eines Leckerli. Pferdebesitzern, die Bedenken anmelden, schlägt die Autorin vor, die nachfolgende Futterration entsprechend zu reduzieren.
Könner werden alle diese Regeln intuitiv anwenden. Sie verhalten sich immer gleich und erhalten deshalb in kürzester Zeit die verblüffendsten Resultate. Der Lernende hingegen gibt jede Menge verwirrende Signale, weshalb das Pferd entsprechend reagiert, zum Ärger seines Besitzers. Dieser sollte sich dann vielleicht dieses Buch kaufen und sorgfältig studieren, damit ihm die Mechanismen klar werden und in Fleisch und Blut übergehen können. Der Besitzer muß also etwas lernen, und dann kann auch das Pferd Fortschritte machen.
erschienen 01.08.04
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