
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Dominanz und Respekt Von › Werner Popken
Im Buch › Wie Pferde lernen wollen geht es natürlich auch um das Thema Dominanz. Bezeichnenderweise lautet die Überschrift des entsprechenden Kapitels: "Müssen Sie Ihr Pferd dominieren?" Da vermutet man doch schon, daß der Autor diese Frage mit "nein" beantworten wird. Das muß überraschen, wenn man sich das sonstige Getue um das Stichwort "Dominanz" vor Augen führt.
So soll doch angeblich der Mensch die Pferdesprache sprechen lernen, damit er als Pferd wahrgenommen werden und die ranghöchste Position einnehmen kann. Dem widerspricht der Autor Dr. Alfonso Aguilar ganz deutlich. Der Mensch ist ein Mensch und bleibt ein Mensch und wird vom Pferd als Mensch wahrgenommen. Das Pferd ist viel zu intelligent, um Menschen und Pferde zu verwechseln.
Er beginnt seine Diskussion mit der Beobachtung, daß Kinder oder behinderte Reiter von Pferden ganz anders respektiert werden.
| Meinen Sie, Kinder oder Behinderte "dominieren" ihre Pferde?
Zu unserem großen Glück sind Pferde sehr willige und friedfertige Tiere. Wir müssen sie nicht beherrschen, unterdrücken oder unterwerfen, um sie reiten zu können. Wenn das so wäre, hätten viele von uns nie eine Chance. Was das Pferd tatsächlich sucht, ist jemand, die ihm Sicherheit gibt und den es verstehen kann. Seite 44 | | |
Und dann entwickelt er die Konsequenzen aus dieser Einsicht und begründet, warum Kinder weniger Probleme haben:
| Kinder sind unbefangen und haben Freude. Sie haben einen klaren Willen und bringen dem Pferd Sympathie entgegen. Die Pferde spüren diese positiven Emotionen, entspannen sich und haben selber Freude am Mitarbeiten. Sie haben keinen Grund, Angst vor dem Kind zu haben, und daher auch keinen Grund, sich zu wehren.
Vergessen Sie den Gedanken, Ihr Pferd dominieren zu müssen. Sie brauchen nicht der Herdenboß zu sein und auch nicht die Leitstute. Dazu müßten Sie den ganzen Tag mit ihm in der Herde stehen - aber Sie dürfen ruhig in Ihrem Bett schlafen.
Der Gedanke, das Pferd beherrschen zu müssen, führt bei vielen Leuten dazu, unnötig hart zu sein. [...] Dem Pferd muß immer klar sein, daß Sie ein Mensch sind und daß es sich Ihren Regeln fügen muß. Seite 45 | | |
Wie aber erreicht man es, daß das Pferd sich fügt? Nach Meinung des Autors durch Autorität. Das ist meine Interpretation - er selbst benutzt das Wort Autorität nicht. Er redet von Konsequenz, Fairneß und Verständlichkeit, vor allem aber von Respekt. Am Textrand werden immer wieder Leitsätze eingestreut; der Leitsatz hier lautet:
| | Wenn Sie von Ihrem Pferd respektiert werden möchten, sollten Sie Ihr Pferd respektieren. | | | Pferde sind letzten Endes gar nicht so viel anders als Menschen. Auch bei Menschen funktioniert die Gewaltmethode nicht auf Dauer und nicht wirklich - außerdem ist sie extrem gefährlich:
| Viele Reiter reiten mit großem Körpereinsatz und allerlei schmerzhaften Hilfsmitteln, weil sie es nicht anders gelernt haben und weil es leider, wenigstens für eine Weile, funktioniert. Aber viele spüren auch, daß es einen besseren Weg geben muß, wissen jedoch selbst nicht, wie der aussehen könnte. Aber sie wollen einen Freund und keinen Feind unter dem Sattel.
Wenn ein Pferd einen Fehler macht, nehmen das viele Reiter zu persönlich. In den meisten Fällen hat das Pferd einfach den Reiter nicht verstanden oder es hat keine Möglichkeit gesehen, das Gefragte auszuführen: Es wußte nicht wie. [...]
Es gibt einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen Druck und Gewalt. Man kann die wenigsten Pferde nur mit Zuckerchen und Streicheln erziehen. Man muß ihnen das Unerwünschte unbequem machen und das Erwünschte leicht. [...]
Als Reiter müssen Sie lernen, Ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Wer wütend wird, läuft Gefahr, sich am Pferd abzureagieren, und dabei tut man gewöhnlich viele sinnlose Dinge, die eine Beziehung nachhaltig stören können (das ist im übrigen mit Kindern und Partnern auch nicht anders). Geduld und Gelassenheit sind ein großes Geschenk. Es dauert lange, das Vertrauen eines Pferdes zu gewinnen, aber Sie können es in kürzester Zeit wieder zerstören. [...]
Schon der griechische Reiter Xenophon sagte 400 vor Christus: "Gehe niemals zu Deinem Pferd, wenn Du wütend bist." Das Problem ist also nicht neu! Seite 46 | | |
Mein Tip für diese Woche: Denken Sie einmal darüber nach, was Dominanz für Sie bedeutet. Wie hat die Dominanzdiskussion Ihr Verhältnis zu Ihrem Pferd beeinflußt? Ist dieses Verhältnis durch Gewalt geprägt? Respektiert Ihr Pferd Sie? Sind Sie konsequent, fair und verständlich für Ihr Pferd? Vielleicht lohnt es sich, auch einmal bei Aguilar nachzulesen, wie dieser feine Unterschied zwischen Druck und Gewalt sich anfühlt. Druck ist ein Ausdrucksmittel, Gewalt eine Strafe. Druck ist Mittel zum Zweck, Gewalt ebenfalls. Wer Druck einsetzt, tut dies mit dem Ziel, immer weniger Druck ausüben zu müssen. Wer Gewalt einsetzt, wird immer mehr Gewalt einsetzen müssen, um zum selben Ziel zu kommen. Dieser Unterschied ist also entscheidend. Desto wichtiger, ihn genau verstanden zu haben und präzise Druck ausüben zu können, Gewalt aber zu vermeiden, wenn es möglich ist. Wenn ein Pferd mich beißen will, muß ich sofort Gewalt ausüben. Das weiß jeder; es hat aber mit unserem Thema eigentlich nichts zu tun.
Aguilar behauptet sogar:
| In der Regel sind Gewalt und Aggression Ausdruck von Hilflosigkeit und Verzweiflung bei Mensch wie Tier. Ich spreche da aus Erfahrung. Seite 45 | | |
Das heißt auch: Wenn Sie entsprechend mit Ihrem Pferd umgehen, werden andere Leute Ihr Verhalten in dieser Richtung interpretieren. Keine angenehme Vorstellung.
Wie schrieb die Ko-Autorin Petra Roth-Leckebusch im Vorwort so schön:
| Mein Traum war es immer, auf dem Rücken eines Pferdes in vollkommener Harmonie am Meeresstrand entlangzugaloppieren. Ich wollte das Pferd nicht bezwingen, es nicht unterwerfen, sondern es sollte gerne bei mir sein, mir ohne Gewalt gehorchen. Meine Ideen sollten seine werden, meine Freude seine Freude.
Heute, nach fast 30 Jahren, gelingen mir manchmal solche Momente der Einheit. [...] Die üblichen Ratschläge: "Setz Dich durch!" - "Hau mal richtig drauf!" - "Dein Pferd ist nur stur!" - "Der testet Dich aus!" waren mir immer zu wenig. Ich wußte, daß ein Gutteil der Probleme meine Probleme waren und nicht die meines Pferdes.
Ich wollte, daß mein Pferd mich respektiert, aber es sollte keine Angst vor mir haben. | | |
Noch ein Tip: Wenn Sie Probleme in dieser Richtung haben, sollten Sie ein paar gute Bücher lesen, zum Beispiel › Wie Pferde lernen wollen, und mehr Zeit mit Ihrem Pferd verbringen. Man lernt nie aus!
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