
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Der Titel des Buches ist bereits bemerkenswert: "Wie Pferde lernen wollen". Es geht also darum, zunächst einmal zu erfahren, wie Pferde sind. So ist das Buch in zwei große Abschnitte eingeteilt:
- Pferde verstehen lernen
- Bodenarbeit - Schritt für Schritt
Vermutlich wird es bald ein weiteres Buch geben, denn der Autor ist auch aktiv im Sattel und gibt entsprechende Kurse. Die Kurse sind überhaupt die Grundlage seiner Tätigkeit. In der Schweiz und in Deutschland kann man seinen Unterricht genießen. Es gibt sogar schon Ausbilder in Deutschland, die nach seiner Methode unterrichten (z.B. » Sylke Osterkamp).
Wer Einfluß ausüben will, muß ein Buch schreiben - das scheint ein ehernes Gesetz zu sein. Nun also liegt das erste Buch von Dr. Alfonso Aguilar vor. Petra Roth-Leckebusch wird auf dem Buchdeckel als Ko-Autorin bezeichnet, jedoch im Buch selbst nicht erwähnt. Ihr Anteil ist deshalb "offiziell" nicht erkennbar. Immerhin hat sie das Vorwort geschrieben, betitelt: "Der Weg zur Harmonie". Dort greift sie auf ihre eigene Erfahrung zurück und streicht heraus, daß sie mit Aguilar jemanden "kennenlernte, [...] der mir erklären konnte, wie die Pferde lernen und wie sie uns verstehen. Er faßte die Dinge in Worte, die ich immer gefühlt hatte. Und wieder ging die Tür zum Verständnis für die Pferde ein bißchen weiter auf." Und dann beschreibt sie selbst ihren Anteil: "Und wieder habe ich auch ein großes Stück dazugelernt, indem ich ihm geholfen habe, seine Gedanken, Erkenntnisse und Erfahrungen auf Deutsch in Worte zu fassen."
Es kommt nicht nur darauf an, daß einer etwas weiß und kann, er muß es auch weitergeben können. Nach den Berichten über seine Kurse im Internet zu urteilen, kann Aguilar die Teilnehmer seiner Kurse begeistern und überzeugen. Vor allem kann er mit Pferden umgehen. Ob die Teilnehmer das dann ebenfalls können, konnte ich den Berichten nicht entnehmen.
Einen entsprechenden Eindruck habe ich vom Buch. Dieser Mann ist angenehm, begeisterungsfähig, begeisternd. Er weiß, was er kann, und er weiß, was er nicht kann:
| Auch anerkannte Pferdetrainer machen immer noch Fehler. Aber sie sind so gut, daß sie diese kaschieren können. Deshalb reicht es niemals, sie einfach zu kopieren. Das wird Ihnen ohnehin nicht gelingen. Jeder Mensch ist ein Individuum mit eigenen Stärken und Schwächen, und auch keine zwei Pferde sind gleich, weshalb Sie Ihren ganz eigenen Weg finden müssen. Je anerkannter Sie sind, je mehr Fehler werden Ihnen zugestanden. An der Spitze angelangt, wird man Ihre Fehler Ihren eigenen Stil nennen.
Im Umgang mit Pferden lernt man nie aus. Man lernt allerdings, Geduld zu haben und sich selbst zu beherrschen. Denn der größte Fehler ist es, die Beherrschung zu verlieren und ungerecht zu werden. Pferde verzeihen einem alle Fehler, die man aus Dummheit macht, aber nicht diejenigen, die man aus Zorn und Aggression macht. Seite 11 | | |
Es wäre denkbar, daß Aguilar auf die Dauer einen größeren Einfluß auf die deutsche Pferdeszene ausüben kann als die Großmeister Hempfling, Penquitt oder GaWaNi Pony Boy, der vom Verlag jahrelang enorm gefördert worden war. Der Markt verlangt einen neuen Star, und Aguilar ist eine ideale Besetzung. Er betont, daß er keine neuen Erkenntnisse beizusteuern hat:
| Was ich Ihnen in meinem Buch vorstellen will, ist keine neuen Methode, kein neuer Trick und auch kein altes, lang gehütetes Geheimnis. Wer die Augen offenhält, wird herausfinden, das, was heute als neue Erkenntnis verkauft wird, schon von den alten Meistern wie Xenophon oder de la Guérinière und anderen beschrieben wurde. Es gab eben schon immer Menschen, die sich Gedanken machten und versuchten, ihre Ausbildungsmethoden den Pferden anzupassen. So wie es auch immer schon die anderen gab, die die Pferde für ihre Methode passend machten. Seite 9 | | |
Er sagte aber die Dinge, die man auch anderswo nachlesen kann, so gut, daß es ein großes Vergnügen ist, die bereits bekannten Tatsachen noch einmal zu durchdenken. Die Aufteilung in den theoretischen und den praktischen Teil ist sinnvoll und liegt nahe. Als Wissenschaftler hat er gelernt, klar zu denken und zu strukturieren. Das Buch wird immer wieder erstaunlich konkret, bis hin zu Tabellen, z.B. zur "Korrektur von Problemen" (bereits im theoretischen Teil).
Ein Zitat aus dem Schlußwort ist die beste Empfehlung für das Buch:
| Dieses Buch ist die Essenz aus 30 Jahren Erfahrung mit Pferden, die Dr. Alfonso Aguilar gemacht hat. Und er lernt auch heute noch jeden Tag in jedem Kurs und mit jedem neuen Pferd dazu.
Wir "normalen" Pferdeleute neigen dazu zu glauben, bei den erfahrenen Horsemen (oder Horsewomen) würden die Pferde immer wie von Zauberhand funktionieren. Wenn Sie die Texte und die Bilder des zweiten Teils aufmerksam studieren, werden Sie feststellen, daß das nicht der Wirklichkeit entspricht.
Auch bei Alfonso weigern sich die Pferde zunächst, in den Anhänger zu gehen. Auch bei ihm ziehen sie rückwärts oder versuchen zu flüchten. Der Unterschied zwischen ihm und uns gewöhnlichen Pferdebesitzern ist allein, daß er in der Lage ist, mit diesem natürlichen Verhalten der Pferde, das wir dann ein Problem nennen, umzugehen. Er versteht die Pferde und bringt Ihnen innerhalb von einigen Minuten bei, auch ihn zu verstehen. Er verstärkt im richtigen Moment seine Hilfen und lobt genau zur rechten Zeit.
Das ist es, was den Könner vom Anfänger unterscheidet: Timing - das Gespür für den richtigen Moment und das Gefühl für die angemessene Dosierung der Hilfen.
Beides bekommt man nur, wenn man viel mit Pferden arbeitet - und wenn man darüber nachdenkt, was man tut, warum es funktioniert oder warum es nicht geholfen hat.
Nehmen Sie dieses Buch immer wieder zur Hand und Sie werden Ihr Pferd besser kennenlernen und verstehen. Seite 142 | | |
erschienen 25.07.04
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