
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | 04.07.2004
Grenzen
Wer lebt, erlebt Neues. Jede Sekunde ist die Welt neu, und was der eine schon hundertmal erlebt hat, ist für den anderen eine unbekannte Erfahrung. Aber strenggenommen erlebt der Erste nichts hundertmal, sondern auch immer nur einmal, denn selbst in der Wiederholung ist alles immer wieder neu.
Noch nie haben zwei Menschen dasselbe erlebt, haben sie gleich ausgesehen, nicht zwei Nasen auf dieser Welt unter Milliarden gleichen sich, noch nicht einmal zwei Blätter auf irgendwelchen Bäumen oder zwei Sandkörnchen oder zwei Schneeflocken. So gesehen ist schon verwunderlich, daß wir überhaupt Erfahrung machen können, denn das bedeutet, von der Besonderheit zu abstrahieren und das Gemeinsame im Unterschiedlichen wahrzunehmen.
Dann aber ist doch immer wieder alles neu, obwohl doch alles schon einmal dagewesen sein soll. Das Internet zum Beispiel ist neu: Keiner weiß so richtig, was das ist und wohin es sich entwickelt und wie man damit umgeht. Wir finden es gerade heraus, durch Versuch und Irrtum.
Oder die Pferdezeitung. Noch nie hat jemand so etwas gemacht, und selbst wenn jemand etwas Ähnliches produziert hätte: Meine Art zu schreiben ist unverwechselbar. Und meine Artikel sind auch immer wieder neu. Manchmal glaube ich, mich auf eingefahrenen Gleisen zu bewegen und zu wissen, auf was ich mich einlasse. Aber das stimmt nicht.
Manchmal wird das besonders deutlich, so wie jetzt, bei der Geschichte über das Wildbahnprojekt Senner Pferde, die so harmlos begann und unabsehbar ausuferte. Ich bin immer noch nicht am Ende, kann noch nicht einmal absehen, wie viele Ausgaben ich noch brauchen werde, und habe zunehmend ein schlechtes Gewissen. Ihnen gegenüber, den Lesern.
Wieviel kann ich Ihnen zumuten? Ich habe das Gefühl, daß es jetzt erst einmal reicht, daß ich eine Pause machen muß, daß leichterer Stoff angesagt ist, daß wir uns alle etwas erholen müssen, bevor wir uns diesem Thema wieder widmen können. Vergeblich habe ich versucht, Vorbilder zu finden, an denen ich mich orientieren könnte. Wäre es denkbar, in einem Printmedium so in die Breite und Tiefe zu gehen? Normalerweise nicht.
Es hat aber auch in den herkömmlichen Medien schon Fälle gegeben, wo jemand auf etwas gestoßen ist, was dann in entsprechender Breite dargestellt werden mußte. Insofern ist es eben dann doch nicht mehr neu, sondern schon dagewesen und nur für mich neu und für das Internet. Und vielleicht stimmt auch mein Gefühl nicht, daß ich an eine Grenze gestoßen bin, daß ich eine Pause machen muß.
Schwer zu sagen. Die Leserresonanz ist gleich null, aber nein: Es gab zwei Leserbriefe, und die waren positiv. Daraus muß man schließen, daß die Leser einverstanden sind, denn normalerweise gibt es nur dann eine Rückmeldung, wenn jemand Einspruch erhebt oder sich ärgert. Das ist einerseits schade, weil der Autor einseitig kommuniziert. Andererseits wäre es furchtbar, wenn Tausende von Lesern schreiben würden und geantwortet werden müßte - man käme ja nicht mehr zum Schreiben!

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