
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch beinhaltet mehr, als man auf den ersten Blick erwarten möchte. Es hat wenig mehr als 100 Seiten, eine Fülle an Fotos und Illustrationen (die der Verlag nicht einmal erwähnt), und zeigt in jedem Satz, daß die Autorin weiß, wovon sie spricht. Die Illustrationen stammen übrigens sämtlich von der Autorin, die auch Layout und Satz besorgt hat.
Selbst wenn man schon alles über Pferde weiß, liest sich das Buch höchst vergnüglich, weil die Autorin es versteht, die Dinge kurz und knapp auf den Punkt zu bringen. Das möchte ich Ihnen durch ein ausführliches Zitat deutlich machen. Das erste Kapitel heißt "Natürliches Verhalten" und trägt als Überschrift "Wie verhält sich das Pferd in seiner natürlichen Umgebung?"
Es erscheint sinnvoll, sich zunächst mit dem Pferd an sich zu beschäftigen, um es verstehen zu lernen und daraus für den späteren Umgang die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das natürliche Verhalten steht im Vordergrund, denn wir wollen ja mit dem Pferd umgehen. Die Überschrift ist als Frage formuliert, der Inhalt wird die Antworten liefern. Jedes Kapitel wird mit einem großen Bild eingeleitet; in diesem Fall eine Pferdeherde in einer steppenähnlichen Wildnis, der Hengst deckt gerade eine Stute, die ein Fohlen bei Fuß führt, andere Stuten schauen zu. Es könnte sich um Quarter Horses handeln.
Als Untertitel dient sozusagen das Resümee: "Das Pferd als Herdentier". Neben dem Bild die Quintessenz:
| Das Pferd ist ein Herdentier.
Die Herde bietet ihm Sicherheit und soziale Kontakte.
Im Gegenzug muß sich jedes Herdenmitglied den Gesetzen der Herde unterwerfen. Eine Rangordnung, an deren Spitze die Stärksten und Klügsten stehen, sichert das Überleben der schwächeren und jungen Tiere. | | |
Diese wenigen Sätze implizieren schon eine ganze Reihe von Konsequenzen. Auf der nächsten Doppelseite das Wort VERHALTEN und die Untertitel "Herdenregeln", "Hautpflege", "Flucht", "Bewegungsdrang, Spieltrieb, Neugier", "Schnelle Reflexe", Individualität.
Dazu drei Fotos: links oben ein Pferd, das mit einem Plastikeimer spielt, Untertitel "Ausgeprägtes Spieltrieb.", darunter zwei Pferde, deren eines den Rücken des anderen beknabbert, als Titel darüber "Fellpflege gehört zum Sozialverhalten." Rechts unten ein galoppierendes Pferd mit mit der Erläuterung: "Bewegung gehört zu den Grundbedürfnissen des Pferdes."
Diese Fotos stimmen in die Argumentation ein und lassen erkennen, wie die Autorin aus den Eigenschaften und Bedürfnissen der Pferde Regeln für den richtigen Umgang ableiten will. Der erste Textblock zum Thema Herdenregeln lautet:
| Die ranghohen Tiere bestimmen, wann und wohin die Herde sich bewegt, wann Flucht angesagt ist und wann gefressen werden darf. Sie können jedes rangniedere Tier von seinem Platz vertreiben oder es daran hindern, zu fressen oder zu saufen. Rangniedere dürfen ranghohe Tiere nicht überholen, wenn die Herde sich bewegt - damit ist sichergestellt, daß die Richtung von denen bestimmt wird, die die meiste Erfahrung haben.
Ein ranghohes Tier genießt sowohl den Respekt als auch das Vertrauen der Nachrangigen. | | |
Diese wenigen Worte bringen die Hauptregeln innerhalb der Herde auf den Punkt. Daraus kann man ableiten, daß Menschen, die von Pferden überholt werden (was man überall sieht und von Experten als korrekte Führhaltung verlangt wird), von den Pferden entsprechend eingeschätzt werden müssen.
Ähnlich kompakt und vielsagend sind die nächsten Abschnitte, die ich hier auslassen will, um dafür einen weiteren in voller Länge zu bringen:
| Bewegungsdrang, Spieltrieb, Neugier
Als Fluchttier und als wandernder Pflanzenfresser ist das Pferd von Natur aus dauernd in Bewegung. Es wandert im gemächlichen Schritt fressend über die Weide, legt auf dem Weg zu neuen Futterplätzen längere Strecken in Trab zurück oder galoppiert in wilder Flucht aufgeschreckt davon. Besonders junge Pferde entwickeln meist so viel Bewegungsdrang, daß sie auch spielerisch bockend und Haken schlagend durch die Landschaft galoppieren. Je nach Blickwinkel kann man das als Training für den Ernstfall, aber auch als reine Lust an der Bewegung, als Ausdruck der Lebensfreude betrachten. Damit sind wir bei einer Besonderheit der Art Pferd, die sie mit ähnlich hochentwickelten Tieren, wie zum Beispiel Delphinen, teilt: dem Spiel - einem Verhalten, das nicht direkt der Nahrungsbeschaffung, der Sicherheit oder der Arterhaltung dient, also grundsätzlich zweckfrei ist.
Das Pferd ist also ein Bewegungstier mit ausgeprägtem Spieltrieb. Ohne ausreichende Bewegung verkümmert nicht nur sein Organismus, sondern auch seine Psyche, denn beide stehen nicht nur beim Menschen in einer Wechselbeziehung, sondern auch beim Pferd.
Gesteigerte Beweglichkeit gilt als Ausdruck für einen entwicklungsgeschichtlichen Hochstand einer Art und bedingt eine schnelle Reaktion und rasche Auffassungsgabe dieser Art - was beim Pferd hundertprozentig zutrifft. Es ist von Natur aus neugierig und wird, wenn man ihm nur genug Zeit gibt, auch angsteinflößende Dinge erkunden. Neugier und Lernbereitschaft machen das Pferd zu einem idealen Partner in der Zusammenarbeit mit dem Menschen. Ohne diese Eigenschaften wäre eine Ausbildung des Pferdes zum "Sportpartner" nicht möglich. | | |
Wieder hat die Autorin mit wenigen Worten die Grundlage für die weitere Arbeit gelegt. Sie hat erklärt, warum das Pferd überhaupt ausgebildet werden kann, wie man die natürlichen Anlagen dazu ausnutzen kann und was das Pferd braucht, um sich pferdegerecht entwickeln und leben zu können. Dabei hat sie das Kunststück vollbracht, die Bedürfnisse des Pferdes mit denen des Menschen zu vergleichen und zu verknüpfen. Kann man jetzt noch guten Gewissens sein Pferd in eine Box einsperren?
Das soll genügen. Unprätentiös, präzise, knapp, durchdacht entwickelt die Autorin ein komplettes System, das hin und wieder durch Rückgriffe auf die Cowboys und deren Arbeit dem Titel des Buches Rechnung trägt. Folgerichtig tragen die Pferde ausschließlich Westernsattel, Westernzäumungen, tragen die Reiter Westernoutfit. Da es aber um das Pferd an sich geht und auch die Westernpferde nur Pferde sind wie alle anderen auch, ist dieses Buch für alle Reitarten geeignet. Ein Schulterherein bleibt eben ein Schulterherein, unter welcher Flagge auch immer es geritten wird.
Das Buch wird abgeschlossen mit den "ethischen Grundsätzen des Pferdefreundes", die 1995 von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) verarbeitet und verabschiedet wurden. Auch die gelten für alle Pferde und alle Reitarten. Die FN ist nicht dafür bekannt, sich mit der Kunst der Cowboys zu befassen.
erschienen 13.06.04
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 161, Diacont, Kerstin: › Mit System zum harmonischen Reiten, Das konsequente Ausbildungs- und Trainingskonzept Ausgabe 225, Diacont, Kerstin: › Besser Westernreiten mit George Maschalani, Profitips für Training und Turnier Ausgabe 289, Diacont, Kerstin: › Erfolgreich arbeiten mit Pferden, Entspannt reiten, stressfrei ausbilden mit minimalen Hilfen Ausgabe 343, Diacont, Kerstin: › Reitstunde, Die klassische Ausbildung modern vermittelt Ausgabe 379, Diacont, Kerstin / Löffler, Andrea: › Richtiges Training - Gesundes Pferd, Anatomisches Grundwissen für Reiter und Ausbilder
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