
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Pünktlich zum 1. Mai erscheint das Buch, das zwar nicht Slowenien insgesamt, aber doch das Gestüt Lipizza ausführlich würdigt. Dennoch frage mich, ob das ein Buch für Pferdefreunde ist. Das Titelbild deutet zunächst darauf hin; auch der Klappentext hat mich nicht darauf vorbereitet, daß es sich hier nicht um ein Buch für Pferdekenner handelt.
Zunächst wird das Land selbst vorgestellt. Das erste Kapitel heißt "Slowenien" mit Untertitel "Kleines Land, große Vielfalt" und wird eingeleitet mit:
| | Slowenien verfügt nicht nur über ein Stück Meeresküste. Der Staat auf der Sonnenseite der Alpen, wie jeder Slowenien sein Land gerne nennt, bietet Berger, Täler, Weingegenden, Seen, Höhlen und eine beeindruckende Karstlandschaft | | | Gewöhnlich machen wir uns nicht bewußt, daß die Landschaft mit ihren einzigartigen Bedingungen eine nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Entwicklung einer Rasse hat, obwohl sehr viele Pferderassen ihre Herkunft bereits im Namen verraten, wie zum Beispiel die Lipizzaner.
Zwar kann man Lipizzaner auch anderswo züchten; die bodenständige Rasse der Karstpferde hat jedoch, zumindest zu Beginn, einen erheblichen Einfluß ausgeübt. Daher ist es durchaus sinnvoll, sich mit den Besonderheiten des Herkunftslandes auseinanderzusetzen.
Karst - das heißt wenig Grundwasser, kaum Flüsse, Wasserknappheit. Eine direkte Ableitung der Eigenschaften einer Pferderasse aus den Eigenschaften des Herkunftsgebiets dürfte allerdings schwierig sein; nur in einigen besonderen Fällen wie zum Beispiel den arabischen Pferden ist der Bezug durchaus erkennbar und plausibel. In diesem Buch wird nicht tief genug geschürft, als daß man eine Antwort auf diese Frage erwarten könnte.
Das Kapitel endet mit dem Fazit:
| Innerhalb weniger Autostunden lassen sich Alpen, Seen, Adriaküste, karges Karstgebiet, Tropfsteinhöhlen und sehenswerte Weinregionen erkunden. (Seite 10-11) | | | Eine große Übersichtskarte war für mich durchaus hilfreich; stutzig wurde ich lediglich, als ich einen der Orte, die im Text erwähnt wurden, auf der Karte nicht wiederfinden konnte: "Auch das Städtchen Bled mit seinem warmen Badesee gehört zu den touristischen Highlights Sloweniens."
Der soeben zitierte Satz glänzt nicht gerade durch sprachlichen Schliff, aber das wäre ein sich nicht weiter erwähnenswert, wenn es ein Einzelfall wäre. Leider ist dieser Satz eher typisch und es gibt darüber hinaus durchaus schmerzhafte sprachliche Fehlgriffe. Das zweite Kapitel heißt "Lipica auf einen Blick". Dort heißt es zum Beispiel:
| Lipica hat in seiner langen Geschichte Ruhm, aber auch schwere Zeiten erlebt. Trotz aller Schwierigkeiten ist es immer wieder auf die Beine gekommen. Seine Vergangenheit ist geprägt von Geschichten über Kaiser, Herrscher und weiße Pferde. Nicht zu vergessen die slowenischen Bauern, die den "weißen Schönheiten" immer treu geblieben sind, ihnen auch in schlimmen und gefährlichen Zeiten geholfen haben, als Lipica von Kriegswirren bedroht war. Seite 14 | | | Es fällt mir schwer, solche Sätze zu verdauen. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Gestüt Ruhm und schwere Zeiten erlebt und wieder auf die Beine kommt. Wie prägt man eine Vergangenheit von Geschichten? Und wie verstehe ich den Gedankensprung zu den slowenischen Bauern, die man nicht vergessen darf? Wäre ich ein Deutschlehrer, würde ich wahrscheinlich den ganzen Passus markieren und "Stil!" an den Rand schreiben.
Ich will es mir ersparen, besonders drastische Beispiele zu zitieren, und stattdessen den Anfang des Kapitels "Zucht" bringen, der vermutlich bereits hinreichend deutlich macht, daß es kein besonderes Vergnügen ist, diese Texte zu lesen:
| Klasse für die Rasse
Hengstlinien und Stutenstämme hatten in der Geschichte von Lipica schon immer eine besondere Bedeutung. Die richtige Auswahl der Zuchtpferde ist für die Erhaltung der Lipizzaner-Rasse enorm wichtig
Die Lipizzaner sind eine intelligente, robuste, gutmütige und sehr lernwillige Rasse. Zu ihren Eigenschaften gehört aber auch Gehorsam und Temperament, was keineswegs bedeutet, daß es sich um unruhige oder nervöse Pferde handelt. Im Gegenteil, einen Teil ihrer Kraft liegt in ihrer Ruhe. Ihre Kontaktfähigkeit zu Menschen, ihre Art, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sowie ihre Bereitschaft, Zuneigung auszudrücken, machen sie zu besonders beliebten Pferden.
Aufgrund all dieser Voraussetzungen ist es möglich, die Lipizzaner bis ins hohe Alter für die Zucht zu verwenden. Zu den schwierigsten Aufgaben in Lipica gehört die Durchzüchtung. Neues Blut für die Auffrischung der Rasse wird sehr genau begutachtet. Es wird eingesetzt, um der Unfruchtbarkeit vorzubeugen oder Fehler aus zu großer Blutverwandtschaft zu vermeiden. Mit der Entwicklung des Gestüts haben sich verschiedene Hengstlinien herausgebildet. Einige sind ausgestorben, aber die folgenden originalen sechs gibt es heute noch:
- Maestoso (kladrubisch)
- Favory (kladrubisch)
- Conversano (neapolitanisch)
- Neapolitano (neapolitanisch)
- Siglavy (arabisch)
- Pluto (dänisch)
| Diese Hengstlinien hat Lipica durchgezüchtet. Gleiche Bedeutung kommt aber den sorgfältig aufgebauten Stutenstämmen zu. Ohne sie gibt es keinen Erhalt und keine Weiterentwicklung der edlen Lipizzaner-Rasse. Von einst 20 Stutenstämmen in Lipica konnte man 16 erhalten. Sie wurden aus der Karst-Rasse, den Kladrubern, Pferden aus dem slowakischen Kopcany, den Radautzern, Araber und einer dänischen Rasse entwickelt. Einige von ihnen sind in Lipica entstanden, einige in anderen europäischen Gestüten. Weil sie die Grundlage für die gezielte Auswahl der Zuchtpferde bilden, waren Hengstlinien und Stutenstämme schon seit jeher von überaus wichtiger Bedeutung. Seite 36-39 | | |
Für wen ist dieses Buch geschrieben? Auf einigen Abbildungen sind Touristen zu sehen, Pauschalreisende vermutlich, die man mit dem Bus dorthin verfrachtet hat. Immerhin gibt es inzwischen auf Lipica zwei Hotels und ein Spielcasino. Die müssen ausgelastet werden. Pauschalreisende wiederum muß man unterhalten. Führungen, Reitunterricht, Kutschfahrten stehen auf dem Programm, ein Golfplatz ist vorhanden, man kann Tennis spielen usw.
Vielleicht sind die Informationen im Buch für diese Art Touristen. Vielleicht sind die Autoren selbst Touristen, die es irgendwie nach Lipica verschlagen hat, und die nun ihr Wissen aus Führungen und ein wenig Lektüre weitergeben.
| Ihre imposante Haltung und der erhabene Schritt haben die Lipizzaner auf der ganzen Welt berühmt gemacht. Eine Besonderheit der Rasse ist auch ihre außerordentliche Robustheit und Spätreife, denn voll entwickelt sind die Pferde erst mit sieben Jahren. Gerade deshalb erreichen sie mit etwa 30 Jahren ein sehr hohes Alter, wobei sie selbst dann noch recht leistungsfähig sind. Besonders interessant ist, daß sie braun, schwarz oder mausgrau zur Welt kommen. Erst später verfärben sie sich allmählich hellgrau und weiß, gewöhnlich zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr. Manche Lipizzaner behalten auch ihre dunkle Farbe.
Eine wichtige Maßnahmen bei der Selektionsarbeit ist die Überprüfung des Zuchtmaterials. Seit jeher müssen die Hengste ihre Befähigung als Beschäler beweisen, um ihre guten Eigenschaften wie Leistungsfähigkeit, Gehorsam, Beweglichkeit, Stehvermögen unter dem Sattel und im Gespann auf die Nachkommen übertragen zu können. Nur diejenigen Hengste, die in früheren Zeiten die vierjährige Schule absolvierten und auch sonst den Anforderungen der Rasse entsprachen, wurden in Lipica zu Hauptbeschälern. Aufgrund der Selektion verfügen die Lipizzaner über vorzügliche Eigenschaften wie Gutmütigkeit, Zuverlässigkeit, Gelehrigkeit und einen anmutigen, sicheren und imposanten Gang.
Der Lipizzaner als eine der ältesten Pferderassen der Welt ist als Karstpferd schon seit den Römerzeiten für seine Robustheit und Schnelligkeit bekannt. Die Bevölkerung hat ihn oft für den Warentransport ins Landesinnere und in die nordadriatischen Häfen Triest und Venedig eingesetzt. Bereits im Jahre 1580 wurden aus Spanien für die Veredelung dieser Karstpferde die ersten Zuchtpferde eingeführt, darunter auch der weiße andalusische Hengst. Außer aus Spanien und Italien wurden später auch deutsche und dänische Pferde angeschafft. Seite 16 | | |
Nach dieser Ausführung halten die Autoren die ursprünglichen Karstpferde für die wahren Lipizzaner. Normalerweise gilt 1580 als das Gründungsdatum des Gestüts und als Geburtsdatum der Rasse, wie die Autoren zwei Seiten vorher erklären. Das darf man offenbar nicht so genau nehmen, es ist ja auch eine Interpretationsfrage.
An ein Buch für Touristen wird man keine strengen Maßstäbe anlegen wollen. Der Markt ist voll von Reisebüchern. Neulich habe ich einige aus meinem Regal genommen und durchgeblättert. Ich hatte sie erstanden, weil sie so ausnehmend billig verramscht wurden und ich deshalb nicht widerstehen konnte. Verglichen mit diesen Büchern kann sich das vorliegende Buch durchaus sehen lassen. Es bietet eine Fülle von schönen Fotos und kreist tatsächlich um das Thema Lipica und die Lipizzaner. Wer sich für diese Pferde begeistert und einmal einen Besuch in Lipica machen will, sollte sich das Buch vermutlich anschaffen.
Natürlich wird auch die Geschichte des Gestüts angerissen, die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Gründung des Staates Slowenien inbegriffen. Alles wird recht unverbindlich vorgetragen, wie man das aus derlei Büchern kennt. Im Literaturverzeichnis werden drei Bücher über Lipica und die Lipizzaner aufgeführt, die möglicherweise für Pferdefreunde besser geeignet sind:
- Lipica: Milan Dolenc, Lizenzausgabe Edition Aktuell, Menden 1981
- Auf den Spuren der Lipizzaner: Heinz Nürnberg, Olms Verlag, Hildesheim 1998
- Lipizzaner, das kaiserliche Pferd: Heinz-Heinrich Isenbart, Emil M. Bührer, Engelhorn Verlag, Stuttgart, 1986
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erschienen 25.04.04
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