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Bericht Zu den Themen Irish Cob (Tinker), Kommunikation · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 265.04 der Pferdezeitung vom 25.04.04
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  Magazin


Eddy (re.) im Gespräch ©   Norbert Kaiser · Copyright wie angegeben
Eddy (re.) im Gespräch © Copyright wie angegeben  Norbert Kaiser

    Schlauch als Fühlometer   
    Tastsinn für Fühlen und Spüren   
von Copyright wie angegeben  Norbert Kaiser

Teil 1:  Liebesverhältnis der besonderen Art
Teil 2:  Sprich mit deinem Pferd!
Teil 3:  Huch, Mietzekatze im Futter!
Teil 4:  Wie das Quieken von Schweinen
Teil 5:  Wir gehen zur Spielwiese
Teil 6:  Riechen und Schmecken
Teil 7:  Denke nicht wie ein Mensch


Zu den Themen Irish Cob (Tinker), Kommunikation


Eine wichtige Art der Wahrnehmung und Kommunikation bei Pferden ist der Tastsinn, jene Fähigkeit zum Fühlen und Spüren über ganz spezielle Zellen, die Sinnesrezeptoren genannt werden.

Mit diesen innerhalb der Haut über den gesamten Körper verteilten Rezeptoren werden von außen kommende Druck-Reize von der sanften Berührung bis zum Schmerz und natürlich auch Temperatur-Reize von kalt bis heiß wahrgenommen. Diese Sinneszellen sind jedoch nicht einfach homogen über den ganzen Körper verteilt, sondern spezifisch zu Zellgruppen zusammengefasst und unterschiedlich dicht angeordnet.

Insbesondere im Bereich von Maul und Nüstern scheinen Sinneszellen in ungewöhnlicher Dichte vorzuliegen. So kann EDDY offenbar mit den unordentlich aussehenden Tasthaaren den mit den Augen nicht einsehbaren Bereich vor dem Maul sondieren und im Zusammenspiel mit den sensiblen Lippen sogar verschiedene Gegenstände identifizieren.

Fühlhaare unten · Copyright wie angegeben
Fühlhaare unten
Fühlhaare seitlich · Copyright wie angegeben
Fühlhaare seitlich
Ganz klar, dass hierfür mehrere Sinne zusammenarbeiten. Um etwas identifizieren zu können, muss EDDY dieses Etwas vorher gerochen, geschmeckt und gefühlt haben.

Ähnlich einem Blinden kann EDDY dann aufgrund seiner Erfahrung mit dem Tastsinn Oberflächenstrukturen und Körperformen erkennen. Von allem, was an oder ins Maul kommt, scheinen also Erinnerungen über Geschmack, Gestalt, Konsistenz und Textur angelegt zu werden, um auch bei Teilinformation bereits die richtigen Schlüsse ziehen zu können.

Als EDDY seinerzeit keinen Bedarf mehr an Bitterstoffen gehabt hatte, sortierte er sämtliche Chicoree-Blätter aus seinem Futter heraus, ohne sie angebissen zu haben. Auch andere "Fremdkörper" werden fein säuberlich aus dem Fressen separiert: So hatte ich seinerzeit noch zwei Apfelstücke in der Tasche stecken, also warf ich sie einfach (und gedankenlos) in EDDYs BREILE hinein.

Ins BREILE gehören nach EDDYs Meinung offenbar nur Müsli vom Hersteller X, Karotten, ein Spritzer Planzenöl und ein gehäufter Löffel gut verdaulicher Mineralzusatzstoffe - aber keine süßen Äpfelstücke.

Nicht angebissen lagen die beiden Apfelschnitze im sauber ausgeleckten Trog, so, als ob er sich diese als süße Nachspeise aufheben wollte - oder sollte es nur eine Botschaft an mich sein?

Identifizieren der Apfelstücke über den Geruchsinn ist eigentlich nicht möglich, da die Nüstern viel zu weit vom Maul entfernt sind. Und zum Schmecken müsste EDDY die Stücke ja schon im Maul und quasi auf der Zunge gehabt haben. EDDY scheint also mit Tastsinn und Erfahrungswissen die Oberflächenbeschaffenheit, Form und Konsistenz des Futters analysieren zu können.

Nur so ist auch zu erklären, warum EDDY sein Maul sofort wieder öffnet, wenn er bei einem von mir unachtsam dargebotenen Karottenstückchen zusätzlich auch einen Finger mit im Maul hat.

Und wenn EDDYs sanfte Hinweise, dass er Futter möchte, von mir nicht wahrgenommen werden, dann verbeißt er sich augenscheinlich in meinen Unterarm. In Wirklichkeit umschließen lediglich die Lippen meinen Arm, seine Zähne berühren meine Haut nicht.




Biss mit geschlossenen Zähnen


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Biss mit geschlossenen Zähnen · Copyright wie angegeben
Biss mit geschlossenen Zähnen
Für eine liebevolle Fellpflege revanchiert sich EDDY durch Umsortieren meiner Haare mit Atem und mit den Lippen - ein Grund, warum ich ihm keine Lekkerlis mehr gebe, die irgendwie kleckern oder schmieren. Meine Frisur sieht sonst nach EDDYs Haarbehandlung irgendwie seltsam aus.

Auch andere Bereiche des Pferdes wie etwa das Gesicht, der Unterbauch und der untere Teil der Beine, insbesondere die Fesselbeuge, sind überaus berührungsempfindlich.

So darf ich EDDYs Gesicht nur mit einem Lammfell säubern oder die DRECK-POPELCHEN ausschließlich mit den Fingernägeln entfernen - sonst zieht EDDY seinen Kopf weg, er weicht der unerwünschten Berührung aus, während er sich im anderen Fall eher gegen die Bürste stemmt, um die Intensität der Berührung zu erhalten, die er wünscht.

Im Bereich zwischen Kniefalte und Schlauch signalisiert EDDY durch Anheben des Hinterbeines, wenn ihm eine Säuberungsaktion zu unsanft erscheint. Hier darf Dreck aus den etwa 10 cm langen Haaren nicht einfach ausgebürstet werden wie bei der Mähne, nein, Einweichen ist angesagt und Reinigen mit einem großporigen Schwamm.

Generell scheint das Geschlechtsteil auch überaus temperaturempfindlich zu sein. Kalte Hände oder gar kaltes Wasser mag EDDY gar nicht. Aber Reinigung des Schlauches und des Beutels mit einem Naturschwamm (gut strukturiert, damit der Schmutz darin hängen bleibt) und natürlich mit körperwarmem Wasser genießt EDDY. Dann toleriert er auch das doch etwas kühlere Melkfett, mit dem abschließend alles eingecremt wird.

Metallstriegel hat EDDY rigoros abgelehnt - viel zu hart. Der Striegel mit den vielen weichen Gumminoppen hat entweder gekitzelt oder zu sehr im Haarkleid geziept. Und bei dem Hartgummistriegel mit dem verzahnten Außenrand war es ihm anfangs auch nicht recht zu machen.

Auf meine Frage "WAS WILL EDDY" ging er wortlos rüber zu einem alten Baum mit tief hängenden Ästen, stellte sich darunter und schupperte sein Fell daran: laaangsam vor, laangsam zurück - und genüßlich stülpte er dabei seine Oberlippe nach vorne.

Die Geschwindigkeit der Bürstenbewegung und der Anpreßdruck müssen demnach stimmen, damit das Putzen als kameradschaftliche Körperpflege interpretiert wird.

Und wenn dann noch die mentale Einstellung passt - wie an anderer Stelle berichtet - so zeigt die Länge des ausgefahrenen Schlauches Eddy's Wohlbefinden an - zusätzlich zu der rüsselartig vorgewölbten Oberlippe: je länger, desto höher der Genuß.



Rüsselartige Oberlippe


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Rüsselartige Oberlippe · Copyright wie angegeben
Rüsselartige Oberlippe
Fellkraulen · Copyright wie angegeben
Fellkraulen
Kampfspiele · Copyright wie angegeben
Kampfspiele
Auffällig ist, dass die Stärke der äußeren Reize scheinbar nicht linear in Empfindungen umgesetzt werden. Einerseits spürt EDDY jede Fliege auf seinem Fell, andererseits kratzt er sich am Ohr mit dem Huf in einer Intensität oder schlägt mit dem hinteren Huf nach Fliegen am Geschlechtsteil, wo wir Menschen schon lange vor Schmerz schreien würden.

Druckempfindlichkeit bei Pferden scheint dem menschlichen Hören ähnlich zu sein: 10fache Lautstärke wird nur als doppelt so laut empfunden.

Die Vermutung, dass die Druckempfindlichkeit bei Pferden nicht linear wahrgenommen wird, lässt sich auch aus dem Sozialverhalten der gegenseitigen Hautpflege ableiten:

Wenn sich zwei putzwillige Pferde gefunden und auf gemeinsames Fellkraulen geeinigt haben, beginnt eine intensive Körperpflege. Emsig wird der Mähnenkamm und dann der Bereich um Widerrist und Hals beknabbert.

Hautfalten werden - aus menschlicher Sicht schon fast brutal - immer und immer wieder durch die Zähne gezogen, um lose Haare auszurupfen und um das Untergewebe zu massieren. Deutlich ist dabei das dumpfe, von den Haaren leicht gedämpfte Geräusch der zusammenklappenden Zähne zu hören.

Noch brutaler erscheinen die hingebungsvollen Kampfspiele. Da wird gerempelt, aufeinander herum gestiegen und getreten, dass es im wahrsten Sinne des Wortes nur so kracht. Und trotzdem scheinen dadurch keine ernsten Verletzungen zu entstehen, ein kurzes Schütteln, und weiter geht das Spiel.

Aus dieser scheinbaren Dickfelligkeit im Brust und Rückenbereich darf man jedoch nicht auf mangelnde Feinfühligkeit, insbesondere in der Sattellage schließen.

Ich möchte nicht behaupten, dass EDDY aufgegangen wäre wie ein Hefekuchen, aber im Lauf von 3 Jahren war aus einem abgemagerten Tinkerpony ein mächtiges Schlachtroß geworden, so dass mal wieder der Kauf eines neuen Sattels notwendig schien.

Dieses Mal sollte es aber ein Westernsattel sein, schließlich war mein Ziel Freizeitreiterei, nicht Dressur.

Bei den aus der näheren Umgebung heran geschafften preiswerten Sätteln hat EDDY bereits beim Auflegen heftig den Kopf geschüttelt - und eine fachkundige Helferin durch Abtasten von Zwischenräumen mit der Hand jeweils bestätigt, dass der Sattel nicht passt.

Also habe ich Kontakt zu einem Spezialisten aufgenommen und ihm EDDYs Proportionen geschildert. Schließlich ist der Händler auch gekommen, mit einem ganzen LKW voller Westernsättel.



Sattelprobe


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Ein etwa 2500,- DM teuer Sattel schien ganz gut auf EDDYs Rücken zu passen, also war Probereiten angesagt. Irgendwie schien der Galopp aber holprig zu sein. Ein neues Spiel, ein neues Glück, allerdings mit 1000,- DM Aufpreis. Und wieder schien der Bewegungsablauf beim Galopp irgendwie ruckelig zu sein.

Rein zufällig (!) habe er auch noch einen Sattel von Pullman im Wagen - war die Meinung des Händlers. Einen Versuch war es mir wert: Der Galopp plötzlich so weich, die Bewegungen so fließend, schlichtweg ein Traum.

Ganz klar, dass mein Ego ob des stolzen Preises eines Pullman-Sattels mir nun einredete, EDDY sei erst jetzt in der dritten Runde warm geritten gewesen. Also nochmals den Sattel für immerhin 3500,- DM aufgelegt und los. Und zu meinem Erstaunen das gleiche Ergebnis wie vorher: irgendwie ruckelig.

Der Händler versuchte mich mit der Tatsache zu trösten, dass in dieser Preislage (die immerhin über dem Kaufpreis des Pferdes lag) auch eine Computervermessung mit eingeschlossen sei.

Und siehe da: Der Maßanzug, sprich Sattel, den sich EDDY herausgesucht hatte, passte schlichtweg perfekt, absolut keine erkennbaren Druckstellen, auch nicht bei Bewegung des Pferdes unter Reitergewicht.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass der Kauf meinem Geldbeutel nicht arg weh getan hätte - aber ich habe die Entscheidung nie bereut, EDDYs Urteil berücksichtigt zu haben, welcher Sattel für ihn am angenehmsten ist, selbst wenn er bei der Meinungsäußerung etwas übertrieben hat.

Die Verarbeitung der äußeren Reize scheint bei Mensch und Pferd grundsätzlich ähnlich zu sein: Die Rezeptoren lösen ab einer bestimmten Intensitätsschwelle einen Impuls aus, der über Nervenbahnen zum Rückenmark und Gehirn weitergeleitet wird.

Auf einzelne (eher unvorhersehbare) Reizimpulse wird fast reflexartig reagiert, während offenbar bei den meisten Impulsen die Information gespeichert und bewertet wird, um letztendlich eine Entscheidung und Reaktionen der Muskeln durch motorische Impulse zu veranlassen.

So mag das Zittern der Haut bei Kontakt mit Fliegen noch eher unbewußt geschehen. Ein Schlag mit dem Schweif oder ein Tritt mit dem Huf wird jedoch so zielsicher ausgeführt, dass es ein absolut bewußt gesteuerter Vorgang ist.

EDDY weiß auch, dass ein mitunter ungewollt sehr intensiv ausgeführter Schlag mit der flachen Hand auf dem Landeplatz einer Bremse eher gut gemeintes Sozialverhalten denn eine Strafe darstellt.

Zumindest deutet er mir mitunter durch seine Kopfstellung an, wo auf seinem dunklen Körper eine ebenfalls dunkle Bremse sitzt, die ich nicht bemerkt habe und die er selbst nicht verscheuchen kann. Er erwartet förmlich, dass ich mit einem schnellen gezielten Schlag den Parasiten vernichte.

EDDY kann also sehr wohl zwischen Intention und Intensität eines Körperkontaktes unterscheiden. Den heftigen Schlag nach Parasiten nimmt er eher passiv hin, während er der sanften Gewalt meines Fingers sofort ausweicht, wenn ich ihn gickse, damit er seinen dicken Hintern herum nimmt. Bei der Bodenarbeit genügt es bereits, wenn ich ihn mit dem ausgestreckten Finger bedrohe.

Pat Parelli nennt dies die Phasen der Bestimmtheit - nur soviel Druck wie nötig und dabei so wenig Druck wie möglich. Nur so wird ein Pferd feinfühliger und stumpft nicht ab.



Keine Überraschungen


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Ein anderer Gesichtspunkt scheint in diesem Zusammenhang vielleicht auch noch wichtig zu sein. So wichtig eine Stimulation über den Tastsinn für Pferde sein mag, EDDY mag absolut keine Überraschungen.

Um seinen dichten Kötenbehang überhaupt mal richtig sauber zu bekommen, muss ich schon mal mit Babyshampoo und Wasser ran. Einseifen und durchrubbeln ist überhaupt kein Problem gewesen. Wenn ich aber dann das Wasser schubweise aus einem Eimer hingeschüttet habe, ist EDDY immer ausgewichen, so, als sei er irgendwie wasserscheu.

Aber bald hatte ich verstanden, dass es der Überraschungseffekt war, den er nicht mochte. Jetzt stelle ich einen Eimer mit Wasser hin, EDDY setzt behutsam seinen Fuß hinein, ich wasche den Schaum aus dem Behang heraus und auf meinen Wunsch FUß HERAUS zieht EDDY den Fuß vorsichtig nach ober zurück.

Durch Schweifschlagen signalisiert mir EDDY beim Reiten, dass er von meinen reiterlichen Hilfen nicht überfallen werden will. Er möchte vorgewarnt werden, quasi Zeit zum Denken haben.

EDDY scheint sich das von mir zu wünschen, was man im Reitunterricht wohl mit "das Pferd durch eine halbe Parade vorbereiten" meint.

Ich würde natürlich nie zugeben, dass ich etliches von dem, was mir Reitlehrer beibringen wollten, einfach nicht verstanden habe.

Aber dafür habe ich wohl nun ein Pferd, das behutsam, aber doch recht hartnäckig versucht, mir gewisse Dinge nahe zu bringen. Ob ich alles verstanden habe, weiß ich nicht - aber ich bemühe mich, die Lehrjahre hier schriftlich zu dokumentieren.



Quellen / Verweise


  1. /Archiv/178 Liebesverhältnis der besonderen Art,  Ausgabe 178
  2. /Archiv/179 Sprich mit deinem Pferd!,  Ausgabe 179
  3. /Archiv/182 Huch, Mietzekatze im Futter!,  Ausgabe 182
  4. /Archiv/184 Wie das Quieken von Schweinen,  Ausgabe 184
  5. /Archiv/185 Wir gehen zur Spielwiese,  Ausgabe 185
  6. /Archiv/258 Riechen und Schmecken,  Ausgabe 258
  7. /Archiv/259 Denke nicht wie ein Mensch,  Ausgabe 259
  8.  Liebesverhältnis der besonderen Art, Kommunikation mit Eddy
      Ausgabe 178 · Teil 1
  9.  Sprich mit deinem Pferd!, Verstand eines Kindes
      Ausgabe 179 · Teil 2
  10.  Huch, Mietzekatze im Futter!, Die Augen des Pferdes
      Ausgabe 182 · Teil 3
  11.  Wie das Quieken von Schweinen, Die Lautäußerungen des Pferdes
      Ausgabe 184 · Teil 4
  12.  Wir gehen zur Spielwiese, Das Hörvermögen des Pferdes
      Ausgabe 185 · Teil 5
  13.  Riechen und Schmecken, Kommunikation mit Eddy: Der Geruchssinn
      Ausgabe 258 · Teil 6
  14.  Denke nicht wie ein Mensch, Wahrhaftige Kommunikation mit anderen Lebensformen
      Ausgabe 259 · Teil 7



Fotos

Copyright wie angegeben  Norbert Kaiser



Messeseite: Nösenberger


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Editorial: Qualität


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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
25.04.2004

Qualität

Die letzten drei Tage war ich in Hamburg, auf der Messe Hansepferd, die alle zwei Jahre im Wechsel mit der Equitana in Essen stattfindet. Zur ersten Hansepferd 1987 kamen 143 Aussteller und 26.000 Besucher, zur zehnten Hansepferd waren es 480 Aussteller. In diesem Jahr rechnet die Messeleitung mit knapp 60.000 Besuchern.

Selbstverständlich gab es auch Neuheiten zu begutachten, aber die mußte man suchen. Eine Messe bietet eine Marktübersicht, und ein Markt zeichnet sich heutzutage normalerweise dadurch aus, daß das Angebot vielfältig und reichlich ist. Der Kunde hat die Auswahl. Preisunterschiede fallen sofort ins Auge, Qualitätsunterschiede muß man im Regelfall durch Argumente herausarbeiten.

Bei meinem letzten Messebesuch in Friedrichshafen hatte ich zufällig im Hotel das Editorial der kostenlosen Stadtpostille gelesen. Der Chefredakteur sinnierte über die "Geiz ist geil"-Mentalität der Deutschen und die Auswirkungen dieser Haltung auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft (siehe  RossnatouR-Kutsche). Er leitete seine Betrachtung ein mit einem Zitat eines englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts:

Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist ja gar nicht wahr, daß Konsumenten immer nur das billigste Angebot suchen. Der Kunde sucht eigentlich das Angebot, das ihn zufriedenstellt. Wenn sich nämlich im nachhinein herausstellt, daß das vermeintlich billige Angebot nicht die erforderliche Qualität besitzt, wird sich der Kunde ärgern.

Die Qualitätsunterschiede herauszuarbeiten und den Kunden zu beraten, ist die Aufgabe des Verkaufspersonals. In Einzelgesprächen, im persönlichen Kontakt findet der Kunde vielleicht heraus, was er wirklich braucht. Diese Methode ist die aufwendigste, die man sich denken kann, aber sie ist hochwirksam. Das liegt am persönlichen Kontakt

In meinen Augen sind Messen riesige Marketingveranstaltungen, für die der Kunde erstaunlicherweise Eintritt bezahlt. Er tut dies, weil er eine Marktübersicht braucht. Denn Probleme kommen normalerweise von allein, die Lösung aber muß man suchen. Wenn jemand die Lösung für mein Problem hat, bin ich am Ziel. Wenn es mehrere Lösungen gibt, will ich die beste herausfinden. Und damit sind wir wieder beim Thema Qualität. Besser oder schlechter ist die Frage, nicht: billiger oder teurer.

Am Automarkt kann man den Sachverhalt sehr schön verdeutlichen. Alle Autos haben vier Räder, einen Motor, verbrauchen Kraftstoff und bringen die Insassen von hier nach da. Die Preisunterschiede sind enorm, aber trotzdem kaufen die Leute nicht überwiegend das billigste Auto. Im Gegenteil, der Markt ist äußerst vielfältig und der Preis ist anscheinend nur eines von vielen Kriterien, nach denen der Verbraucher seine Entscheidung ausrichtet.

Das ist im Pferdemarkt nicht viel anders. Ob Anhänger oder Sattel, Halfter oder Hufkratzer, immer geht es um eine Kaufentscheidung, die von vielen Einzelmerkmalen beeinflußt wird, von denen der Preis allerdings ein schnell zu erfassendes und offensichtliches Merkmal ist.

In der nächsten Woche werde ich von der Messe berichten, u. a. von der Galashow, die an jedem der drei Abende gegeben wurde. Und wie das so ist, braucht man wohl jedesmal eine Sensation. In Friedrichshafen gab es die Weltpremiere Hallenturnier der Sechsspännerfahrer; in dieser Woche bringe ich das letzte Mal Bilder von dieser Abendshow als Poster oder Hintergrundbild.

Auf die Sensation der Hamburger Show dürfen Sie gespannt sein; heute verrate ich noch nichts. Wie üblich, waren die Lichtverhältnisse katastrophal, aber ich hoffe doch, daß genügend brauchbare Fotos für einen oder mehrere Bildschirmschoner dabei herauskommen. Noch hatte ich keine Zeit, mir die Resultate anzuschauen.

Eddy kauft einen Sattel

In dieser Woche ein weiterer Beitrag von Norbert Kaiser, den ich wieder sehr spannend fand. Besonders faszinierte mich die Schilderung des Sattelkaufs. Es wird so viel von Kommunikation mit Pferden geredet; bei Norbert kann man wirklich davon sprechen, daß er mit Eddy kommuniziert. Deshalb drängte sich mit der Eindruck auf, als habe gar nicht der Norbert den Sattel gekauft, sondern vielmehr Eddy.

Verlosung

Der Gewinner der letzten Woche, das Westernreitcentrum Lippe GbR, hat sich zwar beteiligt, reagiert aber nicht. Eine E-Mail blieb unbeantwortet, ebenso eine Ansage auf den Anrufbeantworter. Mal sehen, ob der glückliche Gewinner seinen Gewinn auch wirklich haben will.

Das Westernreitcentrum ist ein junges Unternehmen. In dieser Woche hat ein Reiterhof gewonnen, das schon länger besteht. Das betrifft sowohl das Gebäude als auch das Unternehmen. Wie alt das Gebäude wirklich ist, weiß man vielleicht gar nicht, aber man weiß, daß Ritter Hugo das Gut im Jahre 1259 bezog. Die Familie Aufdemkamp hat die Dienste der Pferdezeitung erstmals im März 2000 benutzt; der Adreßdatensatz trägt die Nummer 1480. Derzeit bewegen wir uns auf die 30.000 zu.

Der » Reiterhof Gut Stockum liegt merkwürdigerweise ebenso wie das Westernreitcentrum ganz in der Nähe meines Wohnsitzes. Lippe liegt im Osten, Osnabrück im Westen. Gut Stockum ist Teil der Gemeinde Bissendorf, und wenn mich nicht alles täuscht, liegt Bissendorf an der Bahnstrecke nach Osnabrück; auf meiner Fahrt nach Hamburg müßte ich also durch Bissendorf gekommen sein.

Herzlichen Glückwunsch, Familie Aufdemkamp! Mal sehen, ob dieser Gewinner an seinem Gewinn interessiert ist.

 
Chefredakteur und Herausgeber
 
 




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Rezension: Lipica


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Schneider, Hanne / Hutt, Stephan

Lipica
Heimat der Lipizzaner

136 Seiten, 221 Bilder vierfarbig, 9 Bilder schwarzwei�
Stuttgart, 2004 � Hutt Verlag
ISBN 9783928573542


32,-  EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:
Lipica: Kulturgut und Touristenattraktion

Wie der EU-Beitritt Sloweniens zum 1. Mai 2004 hatte auch die Gründung des Gestütes Lipica im Jahre 1580 eine große Bedeutung für den kleinen Mittelmeerstaat. Seit diesem Zeitpunkt hat sich Lipica mit seiner edlen Pferderasse, die durch charakteristische Merkmale wie imposante Haltung, typische Gangart, Gutmütigkeit, Temperament, Lernwilligkeit, Intelligenz, Widerstandsfähigkeit und ihr schneeweißes Fell besticht, zu einem kulturellen Gut entwickelt. Über 150 000 Gäste besuchen jährlich das Urgestüt der Lipizzaner, das in eine faszinierende Landschaft aus Karst, Bergen, Wäldern und Koppeln eingebettet ist.

Über drei Jahre lang haben die Autoren Hanne Schneider und Stephan Hutt in Lipica zu allen Jahreszeiten recherchiert und fotografiert. Entstanden ist dabei ein Werk mit über 200 beeindruckenden Farbfotos, das den Leser in die Welt des historischen Gestütes mit seiner edlen Pferderasse entführt.



Imposante Haltung, Temperament, Intelligenz und Widerstandsfähigkeit zeichnen die Lipizzaner aus. Das Urgestüt der edlen Pferderasse im slowenischen Lipica bietet aber auch ein attraktives Freizeitangebot

Wenn Milan Bozic über Lipizzaner spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Die edle Rasse hat es ihm angetan, aber er wird auch nachdenklich, wenn es um die Zukunft der weißen Vierbeiner geht. "In Deutschland gibt es 35 000 Hannoveraner, aber weltweit können wir keine 4000 Lipizzaner mehr vorweisen", sagt der ehemaliger Direktor von Lipica. Der studierte Tiermediziner war während seiner Amtszeit viel auf Reisen, um in Kooperation mit anderen Gestüten zwischen Slowenien und Amerika für den Erhalt dieser exklusiven Pferderasse zu kämpfen.

Vor allem Kriegswirren haben die Entwicklung des Gestütes und der Zucht immer wieder zurückgeworfen. Auch gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Slowenien um Namens- und Nutzungsrechte können nicht widerlegen, dass die ersten Lipizzaner aus Lipica stammen. Der Name ist auf eine kleine Linde (slowenisch Lipica) in dem Dorf zurückzuführen, vor der ein Ausschank stand, an dem sich die Einheimischen zum fröhlichen Weinumtrunk trafen.

1580 wurde das Gestüt in der Karstlandschaft mit steinigen Weiden, niedrigen Sträuchern, herrlichen Eichen und ausgedehnten Wiesen von Erzherzog Karl, dem Sohn von Kaiser Ferdinand, gegründet. Mit seiner Zucht wollte der Österreicher den Bedarf des Wiener Hofes an eleganten, schnellen und ausdauernden Pferden decken. Die Mischung aus Andalusiern, Neapolitanern, Arabern und einheimischen Karstpferden mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften und Physiognomien hat den Lipizzaner in langer Tradition zu einem temperamentvollen, widerstandsfähigen Pferd mit eigener Ausstrahlung entwickelt. Durch einen aufgerichteten langen Hals, einen ausdrucksvollen Kopf mit großen Augen und eine dichte feinhaarige Mähne wird die etwas geringe Höhe ausgeglichen. Harmonie und Schönheit der Pferde mit ihrem eingebrannten L als Markenzeichen kommen allerdings erst in der Bewegung so richtig zur Geltung.

Auf Gestüt Lipica, das etwa zehn Kilometer östlich von Triest und 25 Kilometer entfernt von den herrlichen Stränden der slowenischen Adria liegt, kümmern sich derzeit etwa 70 Mitarbeiter um 310 Pferde, die jährlich für einen Nachwuchs von etwa 30 bis 40 Fohlen sorgen. "Sie kommen schwarz oder dunkelbraun auf die Welt, werden dann immer heller, bis sie ab dem siebten Lebensjahr ganz weiß sind", klärt uns Jazna Bozac auf, seit über 30 Jahren die gute Seele von Lipica.

Die ersten dreieinhalb Jahre verbringen die Stuten und Hengste in getrennten Herden auf der Weide. Nach dem Longieren und der Gewöhnung an einen Reiter folgt eine altbekannte Aufteilung: Die Hengste erhalten eine aufwendige Dressurausbildung, während die Stuten vor die Wagen gespannt werden, um an Präsentationen teilzunehmen oder neugierige Touristen über das 300 Hektar große Gestütsgelände zu kutschieren. Lediglich an der Zucht sind Hengste und Stuten gleichberechtigt beteiligt.

Jazna Bozac gehört zum Inventar von Lipica. Schon als Schülerin führte sie Touristen durch die Ställe und zu den Vorführungen, später sammelte sie in der Gastronomie und im Hotel der Anlage weitere Erfahrungen.

Veranstaltungsmanagement, Betreuung des sportlichen Teams bei Wettkämpfen und Galas, Marketing- und Presseaufgaben erledigte sie genauso gewissenhaft wie die Versorgung ihres Pferdes, um das sie sich Tag für Tag kümmert. Wer wie Jazna an den Lipizzanern einen Narren gefressen hat, kommt von ihnen nicht mehr los. Davon kann auch Arthur Cedzich aus Meckenheim bei Bonn ein Lied singen.

Um sich in seinen Dressurkünsten weiterzubilden, kam er vor etwa 30 Jahren zum ersten Mal nach Lipica. "Hier lernt man das richtige Reiten, man merkt sofort, an was es einem fehlt", lobt der 52-Jährige das qualitativ hochwertige Angebot der Reitkurse. Dabei stellt er fest, dass man nach ein bis zwei Einzelstunden pro Tag völlig geschafft ist.

Auf dem Rücken der Pferde fällt einem nichts in den Schoß. Bis man eine Piaffe, Passage, Levade oder Kapriole beherrscht, können Jahre vergehen. Für viele bleiben die vier Grundfiguren der klassischen Reitschule ein ewiger Traum. Aber Arthur Cedzich kommt nicht nur wegen der Pferde und des Reitunterrichts immer wieder nach Lipica. "Es ist hier wie in einer Oase", sagt der Beamte, der die Ruhe und die Landschaft rund um das Gestüt ebenso schätzt wie die zahlreichen Freizeitmöglichkeiten.

Seinem selbst kreierten Slogan "Welt der Pferde" wird Lipica durchaus gerecht. Aber Lipica ist mehr. Die herrliche Landschaft mit Weiden, Berghügeln und Alleen strahlt eine erholsame Ruhe aus, die lediglich durch das Wiehern der Pferde oder vorbeifahrende Kutschen unterbrochen wird. Wer die schmale Allee zum Gestüt entlang des Golfplatzes durchfahren hat, wird auf großen Tafeln über das vielseitige Angebot jenseits der Pferde informiert. Ein großzügiges Schwimmbad mit Sauna, Tennisplätze, Fitnessstudio, Fahrradverleih, Golfplatz, die Galerie Cernigoj, Casino, Bars und zwei Hotels ziehen Touristen an. 150 000 Besucher kommen jährlich nach Lipica, 30 000 Übernachtungen zählen die Hotels Maestoso und Klub, darunter vorwiegend Deutsche und Italiener. Ein Besuch von Präsentationen der klassischen Reitschule ist für die Gäste dann fast schon Pflicht.

Die Tribüne der Vorführungshalle ist gut besetzt, als aus den Lautsprechern der Einzugsmarsch aus dem "Zigeunerbaron" von Johann Strauß dringt. "Man könnte meinen, wir sind auf dem Wiener Opernball", sagt mein Nachbar, als die Reiter in eleganter Uniform hutlupfend in die "Jahalnica" einreiten. Mit einer imponierenden Leichtigkeit führen Alojz Lah, das Aushängeschild der Reiterequipe von Lipica, und seine Kollegen Iztok Jelusic, Igor Maver, Pavel Stemberger und Stojan Moderc Piaffen, Passagen, Levaden und Kapriolen vor. Lediglich ein jüngeres Pferd wird durch die Zuschauerpräsenz nervös und führt Kapriolen auf, die nicht unbedingt zur klassischen Reitschule gehören.

"Lipizzaner sind Relikte einer längst vergangenen Epoche, die auch an die kulturellen Güter dieser Zeit erinnern. Aufgrund der heutigen Schnelllebigkeit müssen sie umso sensibler und mit viel Vorsicht behandelt werden", lautet die Philosophie von Milan Bozic, der sich mit dieser Pferderasse auskennt, wie kaum ein anderer. Auf dem slowenischen Gestüt werden diese Vorsätze kompromisslos umgesetzt. Lipica - hier lässt sich's Pferd sein.


I n f o k a s t e n

Kontaktadresse

Kobilarna Lipica
Lipica 5
6210 Sezana
Slovenija

Telefon 00386 67 391 580
Telefax 00386 67 346 370
E-Mail   lipica@siol.net Internet » www.k-lipica.si

Freizeitangebote

  • Gestütsbesichtigungen
  • Vorführungen vom Training der klassischen Reitschule
  • Reiten und Reitkurse
  • Kutschfahrten
  • Golf und Golfkurse
  • Tennis
  • Schwimmbad mit Sauna
  • Fitnessstudio
  • Fahrradverleih
  • Casino mit Salon der Spiele und Salon der Spielautomaten
  • Galerie Cernigoj
  • verschiedene Restaurants und Bars

Unterkünfte

  • Hotel Klub
    • Übernachtung mit Halbpension von 42 bis 50 Euro, je nach Jahreszeit
    • Telefon 00386 67 391 570
  • Hotel Maestoso
    • Übernachtung mit Halbpension von 50 bis 60 Euro, je nach Jahreszeit
    • Telefon 00386 67 391 790

» www.lipica-buch.de



 
W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Pünktlich zum 1. Mai erscheint das Buch, das zwar nicht Slowenien insgesamt, aber doch das Gestüt Lipizza ausführlich würdigt. Dennoch frage mich, ob das ein Buch für Pferdefreunde ist. Das Titelbild deutet zunächst darauf hin; auch der Klappentext hat mich nicht darauf vorbereitet, daß es sich hier nicht um ein Buch für Pferdekenner handelt.

Zunächst wird das Land selbst vorgestellt. Das erste Kapitel heißt "Slowenien" mit Untertitel "Kleines Land, große Vielfalt" und wird eingeleitet mit:

Slowenien verfügt nicht nur über ein Stück Meeresküste. Der Staat auf der Sonnenseite der Alpen, wie jeder Slowenien sein Land gerne nennt, bietet Berger, Täler, Weingegenden, Seen, Höhlen und eine beeindruckende Karstlandschaft

Gewöhnlich machen wir uns nicht bewußt, daß die Landschaft mit ihren einzigartigen Bedingungen eine nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Entwicklung einer Rasse hat, obwohl sehr viele Pferderassen ihre Herkunft bereits im Namen verraten, wie zum Beispiel die Lipizzaner.

Zwar kann man Lipizzaner auch anderswo züchten; die bodenständige Rasse der Karstpferde hat jedoch, zumindest zu Beginn, einen erheblichen Einfluß ausgeübt. Daher ist es durchaus sinnvoll, sich mit den Besonderheiten des Herkunftslandes auseinanderzusetzen.

Karst - das heißt wenig Grundwasser, kaum Flüsse, Wasserknappheit. Eine direkte Ableitung der Eigenschaften einer Pferderasse aus den Eigenschaften des Herkunftsgebiets dürfte allerdings schwierig sein; nur in einigen besonderen Fällen wie zum Beispiel den arabischen Pferden ist der Bezug durchaus erkennbar und plausibel. In diesem Buch wird nicht tief genug geschürft, als daß man eine Antwort auf diese Frage erwarten könnte.

Das Kapitel endet mit dem Fazit:

Innerhalb weniger Autostunden lassen sich Alpen, Seen, Adriaküste, karges Karstgebiet, Tropfsteinhöhlen und sehenswerte Weinregionen erkunden.
(Seite 10-11)

Eine große Übersichtskarte war für mich durchaus hilfreich; stutzig wurde ich lediglich, als ich einen der Orte, die im Text erwähnt wurden, auf der Karte nicht wiederfinden konnte: "Auch das Städtchen Bled mit seinem warmen Badesee gehört zu den touristischen Highlights Sloweniens."

Der soeben zitierte Satz glänzt nicht gerade durch sprachlichen Schliff, aber das wäre ein sich nicht weiter erwähnenswert, wenn es ein Einzelfall wäre. Leider ist dieser Satz eher typisch und es gibt darüber hinaus durchaus schmerzhafte sprachliche Fehlgriffe. Das zweite Kapitel heißt "Lipica auf einen Blick". Dort heißt es zum Beispiel:

Lipica hat in seiner langen Geschichte Ruhm, aber auch schwere Zeiten erlebt. Trotz aller Schwierigkeiten ist es immer wieder auf die Beine gekommen. Seine Vergangenheit ist geprägt von Geschichten über Kaiser, Herrscher und weiße Pferde. Nicht zu vergessen die slowenischen Bauern, die den "weißen Schönheiten" immer treu geblieben sind, ihnen auch in schlimmen und gefährlichen Zeiten geholfen haben, als Lipica von Kriegswirren bedroht war.
Seite 14

Es fällt mir schwer, solche Sätze zu verdauen. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Gestüt Ruhm und schwere Zeiten erlebt und wieder auf die Beine kommt. Wie prägt man eine Vergangenheit von Geschichten? Und wie verstehe ich den Gedankensprung zu den slowenischen Bauern, die man nicht vergessen darf? Wäre ich ein Deutschlehrer, würde ich wahrscheinlich den ganzen Passus markieren und "Stil!" an den Rand schreiben.

Ich will es mir ersparen, besonders drastische Beispiele zu zitieren, und stattdessen den Anfang des Kapitels "Zucht" bringen, der vermutlich bereits hinreichend deutlich macht, daß es kein besonderes Vergnügen ist, diese Texte zu lesen:

Klasse für die Rasse

Hengstlinien und Stutenstämme hatten in der Geschichte von Lipica schon immer eine besondere Bedeutung. Die richtige Auswahl der Zuchtpferde ist für die Erhaltung der Lipizzaner-Rasse enorm wichtig


Die Lipizzaner sind eine intelligente, robuste, gutmütige und sehr lernwillige Rasse. Zu ihren Eigenschaften gehört aber auch Gehorsam und Temperament, was keineswegs bedeutet, daß es sich um unruhige oder nervöse Pferde handelt. Im Gegenteil, einen Teil ihrer Kraft liegt in ihrer Ruhe. Ihre Kontaktfähigkeit zu Menschen, ihre Art, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sowie ihre Bereitschaft, Zuneigung auszudrücken, machen sie zu besonders beliebten Pferden.

Aufgrund all dieser Voraussetzungen ist es möglich, die Lipizzaner bis ins hohe Alter für die Zucht zu verwenden. Zu den schwierigsten Aufgaben in Lipica gehört die Durchzüchtung. Neues Blut für die Auffrischung der Rasse wird sehr genau begutachtet. Es wird eingesetzt, um der Unfruchtbarkeit vorzubeugen oder Fehler aus zu großer Blutverwandtschaft zu vermeiden. Mit der Entwicklung des Gestüts haben sich verschiedene Hengstlinien herausgebildet. Einige sind ausgestorben, aber die folgenden originalen sechs gibt es heute noch:

  • Maestoso (kladrubisch)
  • Favory (kladrubisch)
  • Conversano (neapolitanisch)
  • Neapolitano (neapolitanisch)
  • Siglavy (arabisch)
  • Pluto (dänisch)
Diese Hengstlinien hat Lipica durchgezüchtet. Gleiche Bedeutung kommt aber den sorgfältig aufgebauten Stutenstämmen zu. Ohne sie gibt es keinen Erhalt und keine Weiterentwicklung der edlen Lipizzaner-Rasse. Von einst 20 Stutenstämmen in Lipica konnte man 16 erhalten. Sie wurden aus der Karst-Rasse, den Kladrubern, Pferden aus dem slowakischen Kopcany, den Radautzern, Araber und einer dänischen Rasse entwickelt. Einige von ihnen sind in Lipica entstanden, einige in anderen europäischen Gestüten. Weil sie die Grundlage für die gezielte Auswahl der Zuchtpferde bilden, waren Hengstlinien und Stutenstämme schon seit jeher von überaus wichtiger Bedeutung.
Seite 36-39

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Auf einigen Abbildungen sind Touristen zu sehen, Pauschalreisende vermutlich, die man mit dem Bus dorthin verfrachtet hat. Immerhin gibt es inzwischen auf Lipica zwei Hotels und ein Spielcasino. Die müssen ausgelastet werden. Pauschalreisende wiederum muß man unterhalten. Führungen, Reitunterricht, Kutschfahrten stehen auf dem Programm, ein Golfplatz ist vorhanden, man kann Tennis spielen usw.

Vielleicht sind die Informationen im Buch für diese Art Touristen. Vielleicht sind die Autoren selbst Touristen, die es irgendwie nach Lipica verschlagen hat, und die nun ihr Wissen aus Führungen und ein wenig Lektüre weitergeben.

Ihre imposante Haltung und der erhabene Schritt haben die Lipizzaner auf der ganzen Welt berühmt gemacht. Eine Besonderheit der Rasse ist auch ihre außerordentliche Robustheit und Spätreife, denn voll entwickelt sind die Pferde erst mit sieben Jahren. Gerade deshalb erreichen sie mit etwa 30 Jahren ein sehr hohes Alter, wobei sie selbst dann noch recht leistungsfähig sind. Besonders interessant ist, daß sie braun, schwarz oder mausgrau zur Welt kommen. Erst später verfärben sie sich allmählich hellgrau und weiß, gewöhnlich zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr. Manche Lipizzaner behalten auch ihre dunkle Farbe.

Eine wichtige Maßnahmen bei der Selektionsarbeit ist die Überprüfung des Zuchtmaterials. Seit jeher müssen die Hengste ihre Befähigung als Beschäler beweisen, um ihre guten Eigenschaften wie Leistungsfähigkeit, Gehorsam, Beweglichkeit, Stehvermögen unter dem Sattel und im Gespann auf die Nachkommen übertragen zu können. Nur diejenigen Hengste, die in früheren Zeiten die vierjährige Schule absolvierten und auch sonst den Anforderungen der Rasse entsprachen, wurden in Lipica zu Hauptbeschälern. Aufgrund der Selektion verfügen die Lipizzaner über vorzügliche Eigenschaften wie Gutmütigkeit, Zuverlässigkeit, Gelehrigkeit und einen anmutigen, sicheren und imposanten Gang.

Der Lipizzaner als eine der ältesten Pferderassen der Welt ist als Karstpferd schon seit den Römerzeiten für seine Robustheit und Schnelligkeit bekannt. Die Bevölkerung hat ihn oft für den Warentransport ins Landesinnere und in die nordadriatischen Häfen Triest und Venedig eingesetzt. Bereits im Jahre 1580 wurden aus Spanien für die Veredelung dieser Karstpferde die ersten Zuchtpferde eingeführt, darunter auch der weiße andalusische Hengst. Außer aus Spanien und Italien wurden später auch deutsche und dänische Pferde angeschafft.
Seite 16

Nach dieser Ausführung halten die Autoren die ursprünglichen Karstpferde für die wahren Lipizzaner. Normalerweise gilt 1580 als das Gründungsdatum des Gestüts und als Geburtsdatum der Rasse, wie die Autoren zwei Seiten vorher erklären. Das darf man offenbar nicht so genau nehmen, es ist ja auch eine Interpretationsfrage.

An ein Buch für Touristen wird man keine strengen Maßstäbe anlegen wollen. Der Markt ist voll von Reisebüchern. Neulich habe ich einige aus meinem Regal genommen und durchgeblättert. Ich hatte sie erstanden, weil sie so ausnehmend billig verramscht wurden und ich deshalb nicht widerstehen konnte. Verglichen mit diesen Büchern kann sich das vorliegende Buch durchaus sehen lassen. Es bietet eine Fülle von schönen Fotos und kreist tatsächlich um das Thema Lipica und die Lipizzaner. Wer sich für diese Pferde begeistert und einmal einen Besuch in Lipica machen will, sollte sich das Buch vermutlich anschaffen.

Natürlich wird auch die Geschichte des Gestüts angerissen, die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Gründung des Staates Slowenien inbegriffen. Alles wird recht unverbindlich vorgetragen, wie man das aus derlei Büchern kennt. Im Literaturverzeichnis werden drei Bücher über Lipica und die Lipizzaner aufgeführt, die möglicherweise für Pferdefreunde besser geeignet sind:

  • Lipica: Milan Dolenc, Lizenzausgabe Edition Aktuell, Menden 1981
  • Auf den Spuren der Lipizzaner: Heinz Nürnberg, Olms Verlag, Hildesheim 1998
  • Lipizzaner, das kaiserliche Pferd: Heinz-Heinrich Isenbart, Emil M. Bührer, Engelhorn Verlag, Stuttgart, 1986


erschienen 25.04.04




Schneider, Hanne / Hutt, Stephan

Lipica
Heimat der Lipizzaner

136 Seiten, 221 Bilder vierfarbig, 9 Bilder schwarzwei�
Stuttgart, 2004 � Hutt Verlag
ISBN 9783928573542