Rhyton
Unbekannt, Thrakien Rhyton mit Pferdeprotome Silber, Höhe 20,6 cm, um 400 v.Chr. aus dem Schatzfund "Baschowa-Hügel" archäologisches Museum Plowdiw, Bulgarien
| Die Mündung mit einem Perl-Eierstab verziert, darunter ein Palmetten-Lotos-Band, unter diesem folgt eine Reihe kleiner Kreise. Der kannelierte Körper wird am unteren Ende durch einen Perlstab abgegrenzt und endet in einer Pferdeprotome. Hufe, Mähne und Geschirr des Pferdes sind vergoldet. Zwischen den Beinen des Pferdes der Weinspender. Das Gefäß trägt eine Inschrift in griechischen Buchstaben: ΔΑΔΑΛΕΜΕ. (aus: Gold der Thraker, Archäologische Schätze aus Bulgarien, Seite 98, Abbildung S. 27) | | |
In der letzten Ausgabe habe ich über etruskische Kleinplastiken geschrieben (› Etruskisches Pferd). Gern hätte ich Hintergrundinformationen über die Etrusker und deren Kunst gebracht, aber leider weiß man anscheinend wenig darüber; jedenfalls habe ich wider Erwarten im Internet nichts Nennenswertes über die Etrusker und deren Kunst gefunden.
Bei einem Stadtbummel habe ich einen Ausstellungskatalog entdeckt. Er lag auf dem Wühltisch eines Antiquariats und kostete nur vier Euro. Den konnte ich nicht liegen lassen. Der Katalog bietet eine Fülle von thrakischen Kunstwerken und mehr Informationen, als ich hier verwerten kann. Bücher haben doch viele Vorteile - wenn man Zugang zu ihnen bekommt.
Kommentar Von › Werner Popken
Freundlicherweise liegt dem Katalog ein Glossar bei. So kann man die Bedeutung einzelner Begriffe nachlesen, ohne blättern zu müssen. Als erstes schaue ich nach, was ein Rhyton denn eigentlich ist:
| griech., "Trinkhorn" hornförmiges Trinkgefäß mit einer kleinen Öffnung am unteren Ende, aus der der Weinstrahl in den Mund oder in eine Schale springt. | | |
So etwas hatte ich mir schon gedacht. Und was, bitte sehr, heißt Protome?
| | abgeschnittener Oberkörper von Tier- oder Menschenfiguren in Arbeiten der darstellenden Kunst. | | |
Okay, soweit ist das klar. Weiter im Text: was verstehe ich unter einem Perl-Eierstab, einem Palmetten-Lotos-Band? Da verließen sie ihn. Immerhin wird noch erklärt, was eine Kannelure ist: u-förmige Rille als Zierelement.
Wir müssen uns also selbst einen Reim darauf machen. Die Kunsthistoriker benutzen Sprache, um Kunstwerke zu beschreiben. Da die normale Sprache nicht weit führt, müssen sie Fachworte einführen, die eben das bezeichnen sollen, wofür die normale Sprache kein Wort hat. Mich würde jetzt noch interessieren, wie der Weinspender bedient wird. Die Öffnung "zwischen den Beinen", die ich als Öffnung in der Brust bezeichnen würde, muß ja wohl geöffnet und verschlossen werden können. Darüber schweigt sich der Kunsthistoriker aus. Vermutlich hält er das für Allgemeinwissen, das deshalb nicht gesondert erwähnt werden muß.
Die Thraker
Die Abbildung im Buch ist so präzise, daß man sich durchaus ein Bild vom Rand des Gefäßes machen kann. Anscheinend nennen die Kunsthistoriker alle Ornamente, die aufgereiht und plastisch, nicht flächig sind, einen "Stab". Flächige Ornamente hingegen heißen wohl "Band". Im Text stoße ich wiederholt auf den Fachbegriff Toreutik - das meint die Fertigung von Gegenständen aus Edelmetall, die getrieben wurden und zusätzlich mit scharfem Werkzeug ornamentiert sind.
Das Wort Thrakien hatte ich immer wieder gehört, ohne jemals nachzufragen, worum es sich dabei eigentlich handelt. Der gleichnamige Artikel, der den Katalog eröffnet, klärt mich gleich auf, daß eine wohlbekannte Gestalt, die ich als griechisch angesehen hatte, eigentlich thrakisch ist:
| Thrakischen Ursprungs ist eine der eigentümlichesten Gestalten der europäischen Geschichte - der legendäre Orpheus. Sein geheimnisvoller Charakter erlaubt vielfältige Deutung: für den Historiker ist er der älteste thrakischen König, der Thrakien und Makedonien unter seiner Herrschaft vereinigte, für den Archäologen der Priester, der den Tempel in Libethra baute, für den Musiker der sagenhafte Sänger, der mit seiner Stimme nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch die Gottheiten in der Unterwelt zu bezaubern vermochte, für den Philosophen der antike Denker, der die thrakische Religion reformierte. Seite 6/7 | | |
Diese Religion hat die Griechen sehr verwundert, denn "sie trugen, wie Herodot berichtet, ihre Toten unter Liedern und Fröhlichkeit zu Grabe, beklagten aber die Neugeborenen, weil ihnen das schwere Leben noch bevorstünde." Interessanterweise hatte zumindest ein Stamm der Thraker im Gegensatz zu den Griechen die Vorstellung, daß es nur einen Gott gibt, den sie Salmoxis nannten. Die anderen sollen nur wenige Götter neben Salmoxis verehrt haben.
Während die Griechen sich das Totenreich als extrem düster vorstellten, gingen die Thraker davon aus, daß die Menschen nach ihrem Tode ein ewiges, glückliches Leben führen. Die Thraker waren polygam; wenn ein Mann starb, wurde festgestellt, welche seiner Frauen er am meisten geliebt hatte. Diese wurde dann schön geschmückt zum Grabe ihres Mannes geführt, wo sie von ihren nächsten Verwandten geopfert wurde, damit sie auch im Tode nicht von ihm getrennt sei.
Das erstaunt mich doch nun sehr; bisher hatte ich angenommen, daß Polygamie in Afrika und Asien, jedoch nicht in Europa vorgekommen sei. Aber ich wundere mich noch mehr:
| | Die Frauen verrichteten die Arbeiten im Haus und auf dem Feld. Sie zogen die Kinder auf und waren - nach den Darstellungen fast aller griechischen und römischen Autoren - die Dienerin des Mannes. Gewöhnlich wurde die Heirat durch Kauf der Mädchen von ihren Eltern vollzogen. Vor der Ehe hatten die jungen Frauen freien Geschlechtsverkehr mit Männern ihrer Wahl, nach der Heirat wurden sie jedoch streng gehütet. Nach Herodot war es für thrakische Männer schändlich, auf dem Feld zu arbeiten, jedoch vornehm, zu kämpfen und sich tätowieren zu lassen, ein Brauch, der die Klassengegensätze zwischen Aristokratie und Bauern deutlich macht. Oft verkaufen Eltern ihre Kinder als Sklaven. Von ähnlichen Sitten bei Lydern und Karaern in Kleinasien spricht Herodot mit noch größerer Schärfe. Wieweit vor allem die negativen Züge einer Lebensweise, die von der griechischen so verschieden war, in den griechischen Quellen betont wurden, ist schwer zu sagen. | | |
Ich kannte lediglich die Gesellschaftsform der Trobriand-Insulaner, die Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht und beschrieben wurde (Malinowski: Über das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, 1929, » Bronislaw Malinowski). Auch dort hatten die Jugendlichen freizügigen Geschlechtsverkehr und wurden darin sogar von älteren Personen des anderen Geschlechts eingeweiht und angeleitet.
Diese Gesellschaft war jedoch im Gegensatz zur thrakischen matrilinear organisiert. Damit war das Beispiel einer Kultur gefunden, die sich im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat befand. Das Matriarchat in Reinform gibt es wohl nicht mehr; auch in Europa, selbst in Deutschland gibt es aber in manchen ländlichen Gegenden noch Strukturen, die auf mutterrechtliche Organisation hinweisen.
Die Pferde
| | Rhyton aus dem Schatz von Borowo gefunden Ende Dezember 1974 |  |  |  |
| | | Gesamtansicht, Bein rechts ergänzt Silber, teils vergoldet, Höhe 20,2 cm |  |  |  |
| Falls es Ihnen noch nicht am ersten Beispiel aufgefallen ist: bei der nahe Aufnahme des zweiten Beispiel ist ist unübersehbar, daß die Figur sehr schön gearbeitet worden ist.
Das war selbstverständlich Kunst für die Vermögenden, für die Aristokraten. Die Wirtschaft muß also schon recht gut funktioniert haben, damit wenigstens die Oberschicht gut leben kann.
In dieser Reihe habe ich mich verschiedentlich schon darüber mokiert, daß die Maler die Pferde mit einem Menschen Gebiß ausstatten.
Die thrakischen Künstler haben genau beobachtet und ein Pferdegebiß zustandegebracht. Die Mähne scheint geschoren zu sein, der Schopf zusammengebunden und in Form gebracht.
Mir scheint, diese Pferde sind bereits perfekt. Was wollte man daran noch verbessern? Im Gegenteil, es gibt viele Pferde, die später gegossen worden sind, die bei weitem nicht diesen herrlichen Ausdruck haben. Auch das zweite Pferd trägt eine Inschrift mit griechischen Buchstaben: ΚΟΤΥΟΣ ΕΤΒΕΟΥ.
Dieser Rhyton wurde mit zwei anderen gefunden, die in einem Stier und einer Sphinx enden. Die Inschrift entpuppt sich als Signatur:
| | Das vierte Gefäß ist ein großer zweihenkeliger Pokal, in dessen Mitte ein Reh von einem Greifen angefallen wird. Auf dem fünften Gefäß, einer Kanne, sind die Mysterien des Dionysos im Relief wiedergegeben. Thematisch wird die ganze Garnitur zusammengehalten durch den Efeurankenschmuck auf zweien der Gefäße, und durch die einzelnen Szenen, die miteinander im Zusammenhang stehen. Der Schatz ist das Werk des persönlichen Meisters des odrysischen Königs Kotys I. (383-360 v.Chr.), dessen Name Etbeos auf zwei weiteren Phialen aus Thrakien graviert ist. | | |
Schon vor mehr als 2000 Jahren hat man versucht, die Pferde durch eine entsprechende Selbsthaltung gut herauszubringen. Das ist bekanntlich mit viel Arbeit verbunden, entsprechendes Wissen vorausgesetzt. Wir können also annehmen, daß die Thraker schon wußten, wie man mit Pferden arbeitet. Anscheinend haben die Thraker selbst nichts Schriftliches hinterlassen. Die Griechen und Römer waren natürlich befangen. Deren Berichte, Schilderungen und Stellungnahmen sind also mit Vorsicht zu genießen.
Die politischen Verhältnisse waren damals mindestens so unstabil und konfus wie heute. Rumänien war Durchgangsland. Die Perser haben die Thraker überfallen, die Makedonier ebenfalls, die Griechen haben jede Menge Kolonien gegründet, eine Technik, wie heute noch beliebt ist,
Das Buch bringt noch weitere Beispiele dieser Rhyta, jedoch mit anderen Tieren. Die Pferde sind in der Malerei und in Reliefs vertreten, meistens mit Reiter. Damit will ich mich in einer der nächsten Folgen befassen. Übrigens sind bis jetzt erst etwa ein Prozent aller thrakischen Grabhügel freigelegt worden. Es mag gut sein, daß wir noch viel mehr über die Thraker lernen können.
Quellen / Verweise
- Gold der Thraker, Archäologische Schätze aus Bulgarien, Romer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, 1. Mai-3. August 1980
Ausstellung anläßlich der 1300 Jahr Feier des Bulgarischen Staates - › Etruskisches Pferd, Galeriebeitrag Ausgabe 264
- Malinowski: Über das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, 1929
- » Bronislaw Malinowski
- › Liebesverhältnis der besonderen Art, Kommunikation mit Eddy
› Ausgabe 178 · Teil 1 - › Sprich mit deinem Pferd!, Verstand eines Kindes
› Ausgabe 179 · Teil 2 - › Huch, Mietzekatze im Futter!, Die Augen des Pferdes
› Ausgabe 182 · Teil 3 - › Wie das Quieken von Schweinen, Die Lautäußerungen des Pferdes
› Ausgabe 184 · Teil 4 - › Wir gehen zur Spielwiese, Das Hörvermögen des Pferdes
› Ausgabe 185 · Teil 5 - › Riechen und Schmecken, Kommunikation mit Eddy: Der Geruchssinn
› Ausgabe 258 · Teil 6 - › Denke nicht wie ein Mensch, Wahrhaftige Kommunikation mit anderen Lebensformen
› Ausgabe 259 · Teil 7
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Fotos © › Werner Popken
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