
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Christine Lange ist eine bekannte Autorin: die Pferdezeitung hat bereits acht Bücher von ihr besprochen. Nun also ganz frisch auf dem Markt ein Buch, das bei dieser Autorin etwas verblüfft. Das Titelbild macht es schon deutlich - auf der ersten Blick könnte man annehmen, es handele sich um eines der zahlreichen humoristischen Bücher zum Thema Pferd und Reiter.
Die Illustrationen stammen von Joanna Hegemann und bestimmen ganz wesentlich den Charakter dieses Buches. Die Schriftart für die Überschriften, Fragen und Antworten trägt ebenfalls dazu bei, eine humoristische Note in die ernste Diskussion zu bringen.
Selbstverständlich hat das Buch ein Inhaltsverzeichnis, ist in Kapitel und Abschnitte unterteilt. Die Einleitung ist betitelt: "Warum es Bücher wie dieses gibt..." Christine Lange schlägt gleich einen forsch-fröhlichen Ton an (Seite 7):
| | Wunderbar, Sie besitzen ein eigenes Pferd! Warum entschieden Sie sich für Fancy, Askhan oder Samurai? War es ein Mitleidskauf? Klapperten Sie zahllose Züchter ab, bis Ihr Traumpferd endlich vor Ihnen stand? Eine steht fest: Von jenem Tag an änderte sich Ihr Leben. Nun müssen Sie die tausend Pflichten eines Pferdebesitzers bewältigen. Manchmal murrt der Partner, die Familie stöhnt "Schon wieder das Pferd...". Die Berufskarriere wollen Sie auch nicht vernachlässigen. Keine leichte Aufgabe! | | |
Wir erinnern uns: Christine Lange ist eine patente Frau, die mit Hilfe von Checklisten das Chaos in den Griff bekommt oder genauer gesagt: gar nicht erst entstehen läßt. Humoristisch kann man ihre Texte nun wahrlich nicht nennen - eher knochentrocken. Die Autorin betritt also Neuland - warum auch nicht?
Dies aber allenfalls stilistisch, denn sonst bleibt sie unsere altbekannte Christine Lange:
| | Stop! Probleme sind nicht dazu da, um bejammert, sondern um gelöst zu werden. Für jedes Ärgernis gibt es einen Grund. Ist die Ursache erst einmal gefunden, kann man auf eine Veränderung hinarbeiten. Also martern Sie sich nicht mit "Hätte ich doch besser"-Gedanken. Nehmen Sie lieber die Bedingungen, unter denen Ihr Pferd lebt und die Art, wie Sie mit ihm umgehen und es reiten, unter die Lupe. Spielen Sie Detektiv. Erkennen Sie Fehler und Mängel, ohne sich mit Selbstvorwürfen zu zerfleischen. Machen Sie es in Zukunft einfach besser. Das Tolle am Leben: Jeder Tag ist ein neuer Anfang. Sie können jederzeit neu starten, Schwierigkeiten zum Verschwinden bringen und verhindern, daß sich kleine Ärgernisse zu großen Problemen auswachsen. | | | Indirekt beschreibt Christine Lange ihre Zielgruppe: Leute, die eigentlich nichts von Pferden verstehen, sich aber einen langgehegten Traum erfüllen und unvorbereitet zu einem Pferd kommen, wodurch diese Erfahrung sich zu einem Alptraum auszuwachsen droht. In dieser Situation bedarf es schneller Hilfe, der das Buch mit einer Fülle von Rezepten gerecht zu werden versucht.
| | Was Sie tun müssen? Lernen Sie, wie ein Pferd zu denken. Ihr Pferd ist weder absichtlich böse noch ärgert es Sie vorsätzlich. Seine Instinkte sind die eines Fluchttieres, das zunächst versucht zu fliehen, ehe es sich widersetzt. Seine Verhaltensweisen sind die eines Herdentieres. Es ist eine strenge Hierarchie gewohnt und schwingt sich selbst zum Leittier auf, sobald es merkt, daß Sie nicht sein Boß sein können oder wollen. Seine Art zu "reden" ist die eines Körpersprachlers, der in Ihren Gesten liest wie in einem offenen Buch. Sein Wunsch nach Weite und freier Sicht ist der eines Steppentiers, das in dunklen Winkeln schreckliche Gefahren vermutet. Seine Triebe sind aufs Überleben ausgerichtet. Es kann nicht abstrakt denken, ist aber ein echter Erinnerungskünstler. Es fragt nicht nach Sinn und Zweck seines Handelns, es reagiert einfach. | | |
Das Buch hat kein Literaturverzeichnis; aufgrund Kurzeinführung in die Natur des Pferdes könnte man aber vermuten, daß die Autorin u. a. auch das Buch von Mark Rashid gelesen hat, das ich in der letzten Woche besprochen habe. Natürlich: allmählich sollten wir doch wissen, was Pferde sind, was sie nicht sind, wie man mit ihnen umgehen und was man vermeiden sollte.
So darf man in diesem Buch keine weltbewegenden neuen Erkenntnisse erwarten. Die einzelnen Kapitel sind recht nüchtern betitelt:
- Im Stallalltag
- Am Putz- und Sattelplatz
- Nicht ganz Alltägliches
- Bei der Bodenarbeit
- Im Paddock und auf der Weide
- Beim Reiten
- Im Gelände
- Sonst noch 'was?
- Die zehn Gebote
- Register
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Das Register listet Schlagworte auf, die größtenteils Probleme beschreiben, zum Beispiel
- Ablehnung durch andere Pferde
- Angst beim Führen im Gelände
- Beißen beim Satteln
- Futter verstreuen in der Box
- Medikamente eingeben
- Schnappen nach anderen Pferden
- Widersetzlichkeit beim Auftrensen
- Zerren am Führstrick
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Kann man diesen Problemen humoristisch beikommen? Der ersten Eintrag des Registers verweist auf Seite 62; dort findet man das Stichwort jedoch nicht, was mich zunächst verwirrt hat. Es ist das Kapitel "Im Paddock und auf der Weide". Zwei Probleme sind dort notiert. Abgesehen von der Einleitung des Kapitels ist das ganze Buch nämlich problemorientiert konstruiert. Gemäß dem Titel des Buches wird das Problem in der lustigen Schrift in blauer Farbe notiert:
| Was tun,... wenn mein Pferd keinen Freund findet?
Susi steht in der Stutenherde immer allein. Sie wird zwar nie gebissen, aber alle weisen sie mit Drohgebärden zurück.
Die Lösung, ... das ist sie!
Sympathie und Antipathie sind Emotionen, die uns Rätsel aufgeben und Susi mag zum Außenseiter geboren sein. Vielleicht ist es eine Zeitfrage, bis sie eine Freundin findet. Was helfen kann: Stellen Sie sie eine Weile nur mit der Leitstute auf eine Extraweide. Mangels Gesellschaft wird die sie schnell in Ihrer Nähe dulden. Als Freundin der Chefin hat sie es in der Herde leichter. Leidet sie so, daß sie abmagert, ist sie in einer anderen Gruppe oder in einem Einzelpaddock besser aufgehoben. | | |
Knapper hätte man Problem und Lösung nicht formulieren können. Links oben auf der Seite eine Illustration, die dem entgegengesetzten Problem entspricht. Ein aggressives Pferd in der Mitte treibt vier andere Pferde in alle Himmelsrichtungen davon. Die Zeichnung bezieht sich auf das vorhergehende Problem, notiert auf Seite 61:
| Wenn mein Pferd Raufereien anzettelt, was tun...?
Big Boy ist schon als Raufbold verschrien. Er zankt nicht nur häufig, sondern attackiert auch Pferdebesitzer, die ihre Tiere von der Weide holen.
... das ist die Lösung!
Ihr Großer spielt sich als Boss auf (auch wenn er vermutlich vorm Leitpferd kuscht, um nach unten hin umso mehr auszuteilen) und zwar auch Menschen gegenüber. Raten Sie Ihren Reiterfreunden, ihn energisch mit einer Gerte oder Peitsche auf Abstand zu halten. Ein wenig besänftigen ihn lange Ausritte im Trab. Wegen der Verletzungsgefahr darf er keine Eisen mit Stollen tragen. Weidegang allein mit nur einem ranghohen Wallach oder einer Altstute kann sich positiv auswirken. Hilft das nicht, bauen sie ihm auf der Weide eine eigene Parzelle. Dann fühlt er sich nicht ausgegrenzt, kann aber niemanden drangsalieren. | | | So kommt es, daß unsere Pferde in Einzelhaft gehalten werden.
Dieses Buch ist, das liest man zwischen den Zeilen, vor dem Hintergrund der deutschen Realität geschrieben. Das Vorwort hat es schon deutlich gemacht. Das Pferd steht irgendwo auf einem Reiterhof zusammen mit vielen anderen Pferden. Die Besitzerin (merkwürdigerweise habe ich den Eindruck, als wende sich Christine Lange nur an Leserinnen) muß sich mit den anderen Pferdebesitzern arrangieren, mit denen sie eigentlich wenig zu tun hat.
Von Gemeinsamkeiten ist nicht die Rede. Nicht die Gruppe der Pferdebesitzer hat ein Problem, sondern die Besitzerin des Problempferdes. Dadurch wird sie ausgegrenzt, genauso wie ihr Pferd. Sie muß dieses Problem alleine lösen. Christine Lange hilft ihr dabei.
Mark Rashid würde vielleicht versuchen, das Problem in der Gruppe zu lösen, vor allem aber: die Ursache anzugehen. Dieses Pferd muß lernen, sich in die Gruppe zu integrieren. Es respektiert weder Mensch noch Pferd. Es ist ein unangenehmes Pferd, mit dem man nicht gerne Umgang haben möchte. Dieses Pferd bereitet keine Freude.
Die Lösung von Christine Lange ist eine Patentlösung. Kurz und bündig wird das Problem aus der Welt geräumt, aber nicht gelöst. Mehr kann man vielleicht von Christine Lange nicht verlangen, vor allen Dingen aber nicht von einem Buch dieses Kalibers und Anspruchs.
Ein Buch voller Probleme läßt ahnen, welche Sorgen und welcher Streß das tägliche Brot vieler Pferdebesitzer sind. Man muß sich fragen, warum die Leute sich das antun. Nun gut, das Leben ist eine Schule, mit einem Pferd lernt man ganz besondere Lektionen.
Man kann ja erst einmal mit den Lösungen von Christine Lange anfangen und anschließend andere Bücher studieren, um sein Pferd wirklich zu verstehen und Freude daran zu haben. Da die Leserin jedoch Beruf und Familie und mächtig viel Streß mit ihrem Pferd und den anderen Leuten im Reitstall hat, wird sie dazu kaum Zeit finden. Ich hoffe doch, daß damit nicht die Situation von Christine Lange beschrieben ist...
erschienen 02.11.03
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 179, Lange, Christine: › Rezension/179 Ausgabe 202, Lange, Christine: › Reiten mit Handpferd, BLV Freizeitreiten Ausgabe 232, Lange, Christine: › Gelassenheit, Sicherheit für Pferd und Reiter, Übungen für Praxis und Prüfung Ausgabe 331, Lange, Christine: › Reiter-Knigge, Gutes Benehmen für Ross und Reiter Ausgabe 365, Lange, Christine: › Bodenarbeit mit Pferden, mal etwas anders
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