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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Der Weg
Von   Werner Popken

Das Buch dieser Woche heißt denn Pferde lügen nicht. Der Autor Mark Rashid ist ein ehemaliger Cowboy, der mit leistungsorientiertem Reiten, wie es im Rahmen der FN und der Westernverbände üblich ist, nichts am Hut hat.

Wenn man sich Turniere anschaut, sieht man Mensch und Tier auf Abruf ein Programm abspulen, dessen Sinnhaftigkeit sich schon für den Menschen sehr schwer erschließt, geschweige denn für das Tier.

Wettbewerbe spielen im Leben der Menschen aber eine große Rolle; es fragt sich nur, welche. Mark Rashid hat auch bei Pferden Individuen beobachtet, die immer und überall beweisen müssen, daß sie die Größten sind, vermutlich vor allem sich selbst. Seine Sympathien liegen jedoch bei der anderen Gruppe, die einfach nur lebt.

Ich sehe ein, daß das Wettbewerbswesen eine Industrie antreibt, die Hunderttausende von Menschen und Pferden ernährt. Ich habe keine Vorstellung, wie man diese Situation verbessern könnte. Vermutlich ist das gar nicht möglich. Insofern wird man das Verhältnis von Mensch und Pferd in diesem Bereich nicht ändern können.

Es gibt aber Menschen, für die diese Art Leistungssport nicht in Frage kommt. Das sind die sogenannten Freizeitreiter. Spätestens seit Claus Penquitt seine Freizeitreiterakademie herausgebracht hat, stehen auch diese Leute unter Leistungsdruck. Wer will sich schon vorwerfen lassen, er "juckele nur so" mit seinem Pferd in der Gegend herum?

So gilt es auch hier: üben, üben, üben. Wer nicht zeigen kann, was er bzw. sein Pferd drauf hat, fällt durch. Es geht darum, einstudierte Fähigkeiten beliebig abrufen zu können. Eine Heerschar von Trainern steht bereit, die nötigen Übungen zu vermitteln.

Das Buch von Mark Rashid endet mit der Geschichte einer Frau, die ihr Pferd Treasure zweijährig gekauft, es selbst ausgebildet und dann durch verschiedene Trainer gefördert hat. Nach drei Jahren war sie mit ihren Nerven am Ende und rief den Autor zu Rate.

Dieser stellte zunächst einmal fest, daß sie nicht eindeutig kommunizierte und ihr Pferd deshalb verwirrt war. Es wollte zwar gehorchen, wußte aber nie, wann und wie, weil die Signale mal so und mal so gegeben wurden.

Das war aber noch nicht alles. Dieses Pferd hatte eine Fülle von Verhaltensmustern drauf, die es nach Belieben abspulen konnte. Dabei war es innerlich tot. Das gefiel der Besitzerin nicht. Sie wünschte sich eine lebendige Kommunikation. Die war aber nicht zu haben, weil sie lediglich Techniken anwendete.

Schließlich wandte sie sich wieder telefonisch an Mark Rashid.

"Ich glaube, wir dürfen nicht vergessen, daß deine Beziehung zu deinem Pferd vom Herzen kommt, nicht von den Händen", sagte ich. "Wie du es darstellst, ist Treasure bereits da. Sie wird schon auf dich warten, wenn du es gefunden hast."

Ich unterstrich, daß sie nicht zu hart mit sich selbst sein dürfe, daß sie versuchen solle, sich nicht solche Sorgen darum zu machen, Ziele zu erreichen und "Dinge" zu tun, sondern einfach ihre Zeit gemeinsam mit dem Pferd genießen solle. Wenn sie beide sich zusammen wohlfühlten, würden sich die Ziele und "Dinge" höchstwahrscheinlich von selbst verwirklichen. (Seite 219)

Unglaublich: etwas soll von selbst geschehen? Diese Frau

hatte einen anspruchsvollen Job, in dem es täglich darauf ankam, daß sie und ihr Personal sofortige Ergebnisse erzielen. Infolgedessen lief ihr Motor die meiste Zeit auf Hochtouren, auch wenn sie nicht arbeitete. Immer unter Strom zu stehen war für ihre Position als Managerin einer Gesellschaft vielleicht richtig, aber Treasure hatte nie viel von Geschäftsführung verstanden und konnte sich höchstwahrscheinlich nicht vorstellen, warum sie es immer so eilig hatten.

Meinem Gefühl nach war das der Kern des Problems. Treasure hatte nie Zeit gehabt, die Dinge, die Jo von ihr verlangte, richtig zu durchdenken. Jo hatte in anderen Kursen gelernt, daß sie, wenn Treasure nicht in einer bestimmten Zeitspanne reagierte, solange den Druck erhöhen mußte, bis die Reaktion erfolgte. Das ließ der Stute wenig Raum für Gedanken oder Irrtümer. Es ließ auch Jo nicht die Zeit, die sie gebraucht hätte, um die Versuche, die Treasure anbot, zu spüren. (Seite 215)

Der Autor ist ein sehr höflicher Mensch, jedenfalls nach seiner Selbstdarstellung im Buch. Er sagt niemals jemandem auf den Kopf zu, daß er etwas falsch gemacht hat. Er behauptet noch nicht einmal, daß er von Pferden besonders viel versteht.

Auf der anderen Seite gibt er zu bedenken, daß die Methoden des alten Mannes, von dem er gelernt hat, bei den Pferden gut anschlagen und vermutlich auch auf Menschen anwendbar sind. Ich möchte ein Schritt weitergehen und annehmen, daß die Managerin mit ihren Mitarbeitern ähnliche Probleme hat wie mit ihrem Pferd.

Mark Rashid dreht den Spieß um und betrachtet die ganze Angelegenheit von der Seite des Pferdes aus. Das kann man natürlich auch im Verhältnis zu Menschen tun. Und da hat man dieselben Phänomene.

Es gibt Leute, die begeistern einfach, denen folgt man gerne nach. Und andere, die machen Druck, die fürchtet man. Da tut man nur das Notwendigste und versucht, sich soweit wie möglich zu entziehen. Das sind Überlebensstrategien, die automatisch greifen, wie beim Pferd.

In bezug auf ihr Pferd hat Jo jedenfalls gelernt. Nach ein paar Monaten schreibt sie einen langen Brief. Der Autor zitiert daraus, und ich zitiere wiederum daraus:

"Ich habe immer dazu geneigt, meine Errungenschaften gering zu schätzen oder sie total aus den Augen zu verlieren. Stattdessen konzentrierte ich mich voll und ganz auf die Dinge, die ich noch lernen muß, oder auf die 'Probleme'. Das bringt mich und mein Pferd unter sehr viel Streß. Man verfällt so leicht in die Gewohnheit, an dem Pferd herumzunörgeln und 'Probleme zu lösen' - auf Fehler zu warten und sie dann ausmerzen zu wollen. Ich glaube, ich habe manchmal unbewußt und ungewollt meine Pferde (im kleinen Maßstab) dazu verführt, Fehler zu machen, damit ich daran arbeiten konnte, sie zu korrigieren. Das Pferd testen - sehen, wo es steht und feststellen, welche Löcher gestopft werden müssen. Heute weiß ich, daß es viel besser gewesen wäre, all die wunderbaren Dinge anzuerkennen, die mein Pferd und ich vollbrachten und sich weniger auf das zu konzentrieren, was sie nicht taten oder von dem ich annahm, daß noch verbessert werden müßte.

Ich will damit nicht sagen, daß es falsch ist, sich Ziele zu setzen. Sie können die Richtung angeben und den Zweck. Aber wenn man allzusehr auf ein Ziel fixiert ist, kann man leicht den Augenblick aus den Augen verlieren. Man sieht nur noch das Ziel und hat nichts mehr vom Weg. Das ist das Problem, wie ich es sehe.

Mir wird langsam klar, daß man niemals 'ankommt'. Dies ist wirklich eine Reise ohne festes Ziel. Es ist ein unendlicher Prozeß. Alles Wichtige geschieht 'auf dem Weg', nicht 'wenn du dort ankommst', denn es gibt kein 'dort'! Ich habe schrecklich lang dazu gebraucht, das zu begreifen."


Und diese paar Sätze zeigten mir, daß Jo den Schlüssel gefunden hatte, der die Tür aufschließt. (Seite 221)

Mein Tip diese Woche: Denken Sie einmal darüber nach, welches Ihre Ziele und welches Ihr Weg ist. Sind Sie auf einem Weg? Genießen Sie die Reise? Was sagt Ihr Pferd dazu?

Gehören Sie zu den Diktatoren, die nicht geliebt, sondern gefürchtet werden, denen man gehorcht, weil man muß, und nicht, weil man will? Oder verstehen Sie sich mit Ihrem Pferd so gut, daß Ihr Pferd Ihnen freudig und willig folgt?

Mark Rashid kann mit Sicherheit vorzüglich reiten. Er sollte wissen, wovon er redet. Bei ihm reitet man mit Gefühl, nicht mit Technik. Vielleicht reiten Sie viel besser, als Sie denken, obwohl die Turniercracks Sie für einen Pferdequäler halten, der sein Pferd nur durch die Gegend scheucht.

Wenn Ihnen nicht ganz klar ist, wovon ich rede, lesen Sie vielleicht einmal die Bücher von Pia Rennollet und Mark Rashid, im besprochenen Buch insbesondere das Kapitel "Mit Pferden kommunizieren".

Wenn Sie noch zögern, ob Sie das Geld ausgeben sollen, lesen Sie vielleicht erst einmal die Rezensionen bzw. die Hauptartikel, in denen diese beiden Autoren vorkommen. Nutzen Sie die Suchbox rechts oben! Einfach die Namen eingeben, dann erhalten Sie eine Liste aller einschlägigen Beiträge.

Und wenn Sie in bezug auf Ihr Pferd gelernt haben, wird sich vielleicht auch Ihre Beziehung zu den Menschen ändern. Für die Managerin Jo möchte ich das jedenfalls hoffen. Sie wird vermutlich viel bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie mit ihren Mitarbeitern so umgeht wie neuerdings mit ihrem Pferd.




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