
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist mir von Pia Rennollet empfohlen worden. Ich hatte angenommen, daß es sich um einen Autor handelte, der, ähnlich wie Linda Tellington-Jones oder Sally Swift, schon seit geraumer Zeit publiziert, aber nicht zu den Bestsellerautoren gehört, zu den Stars der Szene, wie etwa Monty Roberts, Pat Parelli oder GaWaNi Pony Boy.
Um so erstaunter war ich, als ich entdeckte, daß dieses Buch erst im Sommer 2002 auf den Markt gekommen ist. Laut Amazon.de ist es auch das einzige Buch von Mark Rashid, das zur Zeit in Deutschland erschienen ist. Aus dem Vorwort erfahre ich, daß Mark Rashid zumindest ein weiteres Buch geschrieben hat: "Der auf die Pferde hört". 1997 ist es im amerikanischen Radio besprochen worden. Dieses Buch ist im Jahre 2000 in den USA erstmals erschienen.
Da der Radio-Journalist vom ersten Buch vollkommen fasziniert war, ist für mich unverständlich, warum der Verlag dieses Buch noch nicht in Deutsch herausgebracht hat. Aber ich erfahre noch mehr: es gibt noch ein weiteres Buch mit dem Titel "A Good Horse is Never a Bad Color". Dieses ist also das dritte Buch des Autors.
Mark Rashid beruft sich auf einen Lehrer, den er einfach "den alten Mann" nennt. Der Journalist empfiehlt, dieses Buch neben das Bett zu legen, jedes Wort mit Genuß zu lesen und süße Pferdeträume zu träumen. Er endet mit den Worten: "Vielleicht wachen Sie auf und sind ein besserer Pferdemensch, ein besserer Mensch überhaupt."
Schon das Vorwort erwähnt den zentralen Begriff, den der Autor in die Pferdewelt einführt: "passive leader". Mark Rashid schildert eingangs, auf welch dramatische Art er dazu gekommen ist, diesen Begriff zu erfinden. Ich wunderte mich. Für mich war das nichts Neues. Er beschrieb die Rolle der Leitstute, von der man durchaus weiß, daß sie sich diese Rolle nicht erkämpft. Sie wächst ihr zu, sie wird ihr angetragen von der Herde, es ist eine Auszeichnung, die vor allem mit Pflichten verbunden ist.
Man kennt das auch von anderen Herdentieren (siehe auch Tip Dominanz). Mark Rashid hat festgestellt, daß er die besten Erfolge erzielt, wenn die Pferde ihn als "Leitstute" erwählen. Bei 80 Pferden und wechselnden Reitern dürfte er genug Erfahrung haben. Rancher haben keine Zeit, sich lange um Problempferde zu kümmern. Dabei sollte er eigentlich einen Vortrag über seine Arbeit mit Problempferden halten.
So macht er also viele Worte um die Eigenart und Rolle dieses Pferdes; aber das Wort Leitstute nimmt er nicht in den Mund. Mehr noch, er poliert seine Einleitung mit dem Bekenntnis auf:
| | Genaugenommen hatte ich überhaupt noch nie irgend jemand von solch einem Pferd reden hören. Ich mußte mir einen Begriff oder einen Titel einfallen lassen, der seine Rolle in der Herde so gut wie möglich erklärte. (Seite 11) | | |
Das empfinde ich schon als ziemlich starken Tobak, aber ich will nicht vorschnell urteilen. Der gewählte Ersatzbegriff führte jedenfalls zu Mißverständnissen. Der Verlag hat sich entschieden, statt dessen den Begriff "sanfter Führer" einzuführen.
Mark Rashid redet immer von "wir". Ich stelle mir vor, daß sich dahinter eine Gruppe rauher Burschen verbirgt, wie sie die Marlboro-Werbung unsterblich gemacht hat. Und dann las ich das zweite Kapitel und es ging mir wie dem Radiomenschen: ich konnte nicht wieder aufhören. Der Mann kann schreiben! Das hätte ich nach dem ersten Kapitel gar nicht erwartet.
Im zweiten Kapitel wird der "alte Mann" eingeführt, und er raucht tatsächlich so wie die Marlboro-Cowboys, nur nicht ganz stilgerecht, nämlich Camel ohne. Dieser Mann ist vermutlich gar nicht viel anders wie die alten Bauern hierzulande. Er macht nicht viele Worte, aber er weiß, worauf es ankommt.
Die Weisheit des "alten Mannes" wird am Beispiel eines 4jährigen Wallachs demonstriert, der früh verschlissen worden war und schließlich so unangenehme "Unarten" entwickelt hatte, daß er reif für den Schlachter war. Den kaufte der alte Mann für wenig Geld. Es ist sehr dramatisch und gleichzeitig hochgradig überzeugend, wie der alte Mann dieses Pferd namens Salty davon "überzeugt", sich halftern zu lassen.
| Er stellte das Pferd vor eine Entscheidung und ließ es selbst diese Entscheidung treffen. Er schien nie besonders erpicht darauf, ein Pferd zu etwas zu zwingen, das ihm nicht geheuer war, oder es für eine falsche Entscheidung zu strafen. Er ließ einfach geschehen, was geschah und ging von da aus weiter. Es war eine einfache Idee, aber sehr wirkungsvoll - für Menschen wie für Pferde. (Seite 24/25)
Er brachte Salty in eine Situation, in der eine Entscheidung treffen mußte, und ließ ihn selbst entscheiden. So weit es den alten Mann betraf, gab es keine richtige oder falsche Entscheidung. Schließlich machte es für ihn nicht viel Unterschied. Der direkt Betroffene war Salty. Welche Entscheidung er auch traf, er würde damit leben müssen. Wenn ihm die Konsequenzen nicht gefielen, war es an ihm, einen anderen Ausweg zu finden.
Der Schlüssel zur erfolgreichen Beendigung dieser Situation liegt meiner Meinung nach darin, wie der alte Mann mit Saltys erster Entscheidung umging. Er versuchte nicht, dem jungen Pferd ein anderes Konzept aufzuzwingen. Stattdessen zeigte er ihm, daß es einen Ausweg gab - wenn er wollte. Dadurch, daß er immer wieder zur Weide zurückging, hatte er Salty gewissermaßen gezeigt, daß er für ihn da war. Er ließ dem Pferd auch die Wahl, auf der Weide zu bleiben oder sich mit dem Rest der Herde auf eine andere Weide führen zu lassen. Wenn sollte seine Situation verbessern wollte, brauchte er Hilfe. Und diese Hilfe bekam er nur, wenn er dem alten Mann zuerst vertraute - was er schließlich auch tat. [...]
Als es einige Wochen später wieder Zeit war, die Herde auf eine andere Weide zu bringen, ging der alte Mann zum Tor und rief die Pferde. Sie kamen alle angelaufen, auch Salty ließ sich fangen, aufhalftern und ohne weiteres führen. Von da an machte er nicht nur keine Probleme mehr, sondern wurde ein richtig angenehmes Pferd. Das Interessante daran war (jedenfalls für mich), daß keine spezielle "Trainingstechnik" angewendet worden war, um diese Veränderung zu erreichen. Sie geschah einfach.
Aber ich glaube, das war's, was der alte Mann unter seiner Arbeit mit Pferden verstand.
Vermutlich dachte er, daß man manchmal umso mehr erreicht, je weniger man tut. Bei Salty war dies sicher der Fall, ebenso wie bei vielen anderen Pferden, die das Glück hatten, bei dem alten Mann auf seiner Ranch zu landen. (Seite 28/29) | | |
Nach dieser beeindruckenden Einleitung, bei der ich mir gut vorstellen konnte, wie diese Zeilen auf Pia Rennollet gewirkt haben mußten, schildert Mark Rashid, wie verwirrt er durch die Theorien der etablierten Pferdeleute war, die davon ausgehen, daß das Pferd unbedingt dazu gezwungen werden muß, das zu tun, was der Mensch will.
| Damals wie heute glaubten viele, daß ein Pferd im Training nur dann gut arbeitet, wenn es den Menschen zuerst als den "Alpha" der Herde anerkannt hat. Mit anderen Worten, Ihr Pferd muß Sie auf jeden Fall als das dominante Mitglied der Herde betrachten und sich Ihnen in jeder Lage unterordnen.
Ich gebe gern zu, daß diese Idee mir von Anfang an Sorgen machte, obwohl ich anfangs nicht einmal wußte, warum. Ich wußte nur, daß es sich für mich nicht richtig anhörte. (Seite 30) | | |
Und dann schildert er die Arbeit eines "selbsternannten Experten". Monty Roberts/Pat Parelli usw. lassen grüßen. Ich kann mir das Zitat ersparen, wir wissen alle, wie das aussieht - mehr oder weniger brutal. Der Mensch diktiert, das Pferd hat zu parieren.
| Anschließend an diese Demonstration zeigte er mir seine Anlage und seine Pferde. Wir betraten eine Koppel mit fünf oder sechs Pferden, und wie auf Befehl drehten sich alle um und ging von uns weg. Ich fand das beunruhigend, weil ich immer mit Pferden zu tun gehabt hatte, die gern mit Menschen zusammen waren. Zugegeben, die Pferde, die ich kannte, kamen nicht immer geradezu angerannt, wenn jemand die Weide betrat, aber sie drehten sich auch nie um und gingen weg. Ich fragte den Trainer, ob das für seine Pferde ein normales Verhalten sei.
"Ja", antwortete er grinsend. "Aber sieh dir das an."
Er nahm den Führstrick, den er bei sich trug, und schlug damit ein paarmal auf den Boden. Die Pferde fuhren alle zusammen, liefen ein paar Schritte weg und drehten sich dann einhellig zu ihm um.
"Sie wissen, auf welcher Seite ihr Brot gebuttert ist", sagte er mit einem Grinsen.
Es war keine Frage, daß die Pferde wußten, was es bedeutete, wenn der Führstrick auf den Boden geschlagen wurde. Das Traurige daran, jedenfalls aus meiner Perspektive gesehen, war der resignierte Ausdruck in den Augen der Pferde. Es ist schwer zu beschreiben, aber sie sahen alle irgendwie hohl aus - als ob sie gar nicht da wären. Sie standen mit gesenkten Köpfen, die Ohren zurückgelegt, und schlugen nur ab und zu mit dem Schweif. (Seite 31/32) | | |
Nun könnte man diesen "Fachmann" leicht abtun. Rashid schildert jedoch im weiteren, wie ein erfolgreicher Turnierreiter ein junges Pferd abrichtet. So ungefähr habe ich es mir immer vorgestellt, wenn von den Methoden der Experten die Rede war (siehe auch Westernreitern, aber richtig sowie Sliding Stops).
Der Autor möchte aber niemandem wehe tun und versichert, daß die herkömmlichen Methoden auf jeden Fall in Ordnung sind und es lediglich seine persönliche Wahl ist, wenn er vom Pferd lieber als "Partner denn als Diktator" angesehen wird. Rashid stellt allerdings eine sehr interessante Frage (Seite 39):
| | Ich muß aber gestehen, daß mir eines nicht ganz klar ist. Wenn Pferde angeblich so positiv darauf reagieren, in ihrem Trainer den Alpha der Herde zu sehen - warum haben dann so viele Pferde solche Probleme mit der Idee? Entgeht uns da etwas? Machen wir irgend etwas nicht richtig bei der Ausbildung? | | |
Der Autor ist aber kein Intellektueller, der Fragen stellt und abstrakte Antworten ableitet. Er erzählt Geschichten, und diese Geschichten sind gut.
Es sind Geschichten über den alten Mann. Der ist natürlich der Held. Er selbst muß sich aber nicht als dummen Jungen stilisieren, wie das z.B. Klaus Ferdinand Hempfling bis zur totalen Befremdung des Lesers durchexerzieren (Die Botschaft der Pferde). Er ist ein dummer Junge, 12 oder 13 Jahre alt, der es einfach nicht besser wissen kann.
Und der alte Mann ist ein phantastischer Lehrer, der warten kann, bis der Schüler vollkommen verzweifelt ist und damit bereit für eine Lektion. Der junge Mark kommt mit der Stute Star nicht klar. Sie will einfach nicht, obwohl er treibt, wie er kann. Der alte Mann legt hingegen eine phantastische Show hin. Und dann erklärt er, daß das Pferd sich nur gemäß seiner Natur verhält.
| | Weiter erklärte er, daß kein noch so intensives oder langes Training das ausmerzen konnte, was Mutter Natur in ein Tier hineingelegt hatte. Nur weil wir glauben, ein Pferd müsse etwas auf eine bestimmte Art und Weise tun, muß das Pferd die Sache noch lange nicht genauso sehen. Star wollte mir nur zu verstehen geben, daß ich von ihr nicht die Ausführung einer sinnlosen Aufgabe verlangen konnte, für die sie Energie verbrauchen würde, die sie später vielleicht brauchte. [...] "Da", sagte er und nickte ganz leicht. "Das ist der Unterschied zwischen auf ihr reiten und mit ihr reiten." (Seite 48/50) | | |
Diese Lektion steht im Zusammenhang mit einer ganz wichtigen Einsicht. Pferde haben Millionen von Jahre überlebt, weil sie sich angepaßt habe. Dazu gehört, daß sie ihre Energie für wichtige Situationen aufsparen.
Rashid schildert dann Beobachtungen an großen Herden. Er hat offenbar als Führer auf Ranches gearbeitet, die Touristenritte anbieten. Die Herden sind relativ groß und ein ganzes Jahr lang ziemlich stabil.
Es gibt in diesen Herden Gruppen, die sich um Pferde vom Typ "Leitstute" scharen, und dann gibt es den Rest, sogenannte Alphatiere, die ständig Ärger machen, drohen, in Rangkämpfe verwickelt sind, kurz: Energie verschwenden. Rashid schildert lang und breit extreme Beispiele von Pferden, die ihre Herden extrem knechten.
Und dann das Beispiel eines Pferdes, das so arbeitet wie der alte Mann. Die Geschichte ist herzergreifend, aber glaubwürdig. Mark Rashid ist einfach ein Cowboy, der eine Menge erlebt hat.
Immer wieder betont Mark Rashid, daß er lediglich Beobachtungen weitergibt und sich keineswegs als Autorität in Sachen Pferdeverhalten sieht. Diese Bescheidenheit ist angesichts der üblichen Selbststilisierung, die wir schon als selbstverständlich hinnehmen, auffällig und fast schon unangenehm. Wenn einer etwas zu vermitteln hat, dann sollte er es auch mit dem nötigen Selbstbewußtsein tun.
| Es gibt bei Pferden etwas, das wir alle verstehen müssen - ihre einzige wirkliche Aufgabe im Leben ist, von einem Tag zum anderen am Leben zu bleiben. Nichts sonst ist wichtig. (Seite 62) [...]
Wir müssen immer daran denken, daß Pferde von Natur aus sehr kooperative und soziale Tiere sind. Das müssen sie sein. Es ist der Kernpunkt des Lebens in einer Herde. Der einzige Grund, weshalb sie 50 Millionen Jahre überlebt haben (und das übrigens ohne menschliche Einmischung), ist, daß sie gelernt haben, miteinander auszukommen und sich aufeinander zu verlassen.
Ich glaube, in den meisten Fällen wollen Pferde auch mit uns auskommen und sich auf uns verlassen. Das Problem ist, daß wir für sie nicht immer zuverlässig sind. Wenn sie in Schwierigkeiten geraten oder Angst bekommen, sehen sie sich deshalb manchmal anderswo nach Hilfe um.
Wenn wir das, was unsere Pferde tun oder was wir mit unseren Pferden tun, aus einer klein wenig anderen Perspektive sehen, können wir - daran glaube ich fest - auch Wege finden, mit ihnen auszukommen, ohne zuerst Dominanz ausüben zu müssen. Das öffnet ihnen die Tür dazu, in uns den wahren Führer zu sehen - jemand, der die meiste Zeit zuverlässig für sie die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn uns das bei unseren Pferde die meiste Zeit gelingt, verzeihen sie uns den Rest. (Seite 113) | | |
Es geht mir wie dem Journalisten, der das erste Buch von Mark Rashid querlesen wollte. Er war darin geübt und schlug sich statt dessen die ganze Nacht um die Ohren, weil er das Buch von vorne bis hinten las.
Liebe Leserinnen, liebe Leser: Wenn Sie sich für Pferde interessieren, kaufen Sie dieses Buch! Sie werden es verschlingen, und vermutlich werden Sie ein besserer Pferdemensch werden, und ein besserer Mensch überhaupt - wie inder Einleitung bereits prophezeit.
Mark Rashid hat übrigens auch eine eigene Web-Seite: www.MarkRashid.com. Dort erfahre ich, daß er sein viertes Buch veröffentlicht hat, regelmäßig Kurse gibt, eine Assistentin hat, die monatlich ein Tagebuch veröffentlicht, einen Newsletter und Artikel anbietet, die über ihn und seine Arbeit berichten, teilweise von seinen Schülern geschrieben, die auch herausgefunden haben, wie der alte Mann heißt, dem wir dies alles zu verdanken haben.
erschienen 26.10.03 | |