
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Das erste und bisher einzige Buch von Pia Rennollet ist vor geraumer Zeit bereits positiv in der Pferdezeitung besprochen worden. Es ist in einem Esoterik-Verlag erschienen und hat es deshalb schwer, seine Leser zu finden. Das ist schade, denn die Autorin hat etwas zu sagen.
Das kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Sally Swift (siehe Rezensionen Reiten aus der Körpermitte, Reiten aus der Körpermitte, Band 2) war es ein gravierendes gesundheitliches Problem, das Pia Rennollet Erfahrungen ermöglichte, die vielleicht anders nicht zu haben sind. Insbesondere war es ihr über Jahre nicht möglich zu reiten. Trotzdem wollte sie auf ihre Pferde nicht verzichten. So konnte sie Beobachtungen sammeln, die so vielleicht noch niemand gemacht hat.
Da sie sich mehrfach auf Hempfling und Tellington-Jones beruft und auch einige Seminare von Hempfling besucht hat, fällt mir die Analogie zu den Erfahrungen Hempflings auf, der angeblich in der spanischen Wildnis Pferde beobachtet haben und dadurch zu seinen grundlegenden Erkenntnissen gekommen sein will.
Pia Rennollet schildert ihren Werdegang jedoch so, daß man ihn nachvollziehen kann. Sie beschreibt sich als einen Menschen, der am Rande der Gesellschaft steht. Das hat neben den offensichtlichen Nachteilen auch viele Vorteile. Sie braucht sich nicht anzupassen. Sie kann aussprechen, was sie denkt.
Pia Rennollet ist radikal. Ihre Radikalität bezieht sie durch die und auf die Pferde. Ein Beispiel: Haben Sie schon einmal vom "Nichts-Tun" gehört? Pia Rennollet führt diesen Begriff im ersten Kapitel ein:
| DER PHILOSOPHISCHE HINTERGRUND
- Dominanz und Macht
- Das Zeitlossein
- Die "Gefühlsaura" und die Sprache des menschlichen Körpers
- Über die Selbstverständlichkeit des Tuns
- Von Aktion und Reaktion
- Wie ich zum Nichts-Tun kam
- Vom Nichts-Tun
- Von der Spiegelung im Pferd
- Die Zen-Lehre vom Ungeborenen
- Die Natürlichkeit des Seins
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Sie schildert, wie sie eine gehörige Mühe auf sich nimmt, um ein Hempfling-Seminar zu besuchen, und dort erlebt, wie liebenswerte Leute sich allzu sehr um ihr Pferd kümmern. Das war anscheinend durchgängiges Thema auf dem ganzen Seminar, denn Hempfling ereiferte sich mehrfach: "Leute, Ihr macht viel zu viel, zu viel, zu viel!"
Als sie nach drei Tagen mit entsprechendem Heimweh zu Hause ankommt, freuen sich alle Pferde bis auf eines, Gâvilan. Die Autorin ist zunächst schockiert und realisiert plötzlich, daß sie sich desselben Vergehens schuldig macht, nämlich mit ihren Erwartungen die Pferde zu fordern.
| In dieser Nacht verweilte ich bei den Pferden und versuchte, nicht zu agieren. Ich übte mich zum erstenmal im "Nichts-Tun". So begann es. Ich stand da. Anfänglich rasten meine Gedanken durch den Kopf. Dann begann ich, auf meine Körperhaltung zu achten. War ich entspannt? Welcher Muskel war verspannt? Wie lastete das Gewicht auf meinen Füßen? Mit welchem Teil des Fußes stand ich auf dem Boden? Stand ich sicher? Atmete ich ruhig und rhythmisch?
Und während ich versuchte, ganz entspannt und ruhig atmend, ohne Erwartungshaltung gleich welcher Art an mich selbst oder die Pferde einfach nur zu sein und dazustehen, kamen die Pferde. Ein Pferd nach dem anderen kam zu mir. Jedes dieser Pferde stellte sich neben mich in vollkommen entspannter Körperhaltung und kaute und schnaubte ab. Das erste Pferd, das zu mir kam, war Gâvilan. So war aus einer anfänglichen Enttäuschung die schönste Begrüßungszeremonie meines Lebens geworden.
Ich habe noch sehr oft Nichts-Tun bei den Pferden geübt und tue es noch heute. Dazu suche ich mir den geeigneten Zeitpunkt aus. Meines Wissens und meiner Erfahrung nach ist dies der Zeitpunkt der allgemeinen Pferdesiesta. Es ist wirklich ein Super-Feeling, mit und bei den Pferden Nichts-Tun zu tun. Und es geht viel, viel tiefer beim Menschen und beim Pferd, als es sich hier vielleicht liest. (Seite 20) | | |
Ich fühle mich der Autorin nahe und kann ihre Erfahrungen nachvollziehen, im Gegensatz zu den mystischen Stilisierungen Hempflings, die für mich den Charakter einer Fabel haben. Mehr noch: die Schilderungen sind zugleich Handlungsanweisungen, die glaubhaft machen, daß ich dieselben Erfahrungen machen könnte, wenn ich mich nur entsprechend verhalten würde. Was kann man sich darüber hinaus wünschen?
Man darf allerdings nicht verkennen, daß Pia Rennollet aus einer extremen Position heraus schreibt. Sie ist unabhängig und niemandem verpflichtet. Ihre Kritik ist radikal. Ihre Handlungsanweisungen führen zu Selbsterkenntnis, und die wiederum ist im allgemeinen zunächst einmal schmerzhaft. Sie könnte dazu führen, daß das ganze bisherige Leben in Frage gestellt wird.
Wer will das schon? Listigerweise habe ich den Hauptartikel der letzten Woche (Frau und Pferd (und Mann)) mit Aufnahmen von einem Turnier illustriert. Nichts könnte weiter entfernt sein von Pia Rennollets Position als das hochgezüchtete Turnierwesen der FN, die hierzulande in bezug auf alle Pferdefragen das Sagen hat.
Die Teilnehmerinnen bekommen von Pia Rennollet bescheinigt, daß sie lediglich ihr Ego pflegen und die Pferde diesem eigennützigen Motiv dienen müssen. Aber sie wird noch deutlicher: Pia Rennollet behauptet, daß die Pferde in der Regel mißbraucht, gezwungen, geprügelt werden. Das möchten sich die organisierten Pferdefreunde natürlich nicht gerne sagen lassen.
Ist das eine Überraschung? Wer will sich schon gerne Unangenehmes anhören? Normalerweise bekommt man die nötigen Lektionen durch das Leben selbst erteilt, dem man die schmerzhaften Einsichten im Gegensatz zu gutmeinenden Freunden nicht verübeln kann. Das Leben kann man nämlich als eine Schule begreifen, das einem die notwendigen Lektionen solange präsentiert, bis man sie gelernt hat und versetzt werden kann.
Pia Rennollet ist durch die harte Schule des Lebens gegangen und hat vorzüglich gelernt. Nun erzählt sie uns davon und wir können das Angebot annehmen, aus ihren Erfahrungen und Einsichten selbst zu lernen.
So gesehen ist es vielleicht doch kein böser Zufall, daß das Buch im falschen Verlag herausgekommen ist. Pia Rennollet spricht nämlich Interessen an, die man bei Pferdefreunden normalerweise nicht findet, eher schon bei esoterisch interessierten Lesern. Die Leserkreise, die durch diesen Verlag bedient werden, tun sich mit dem Buch jedoch vermutlich ebenfalls schwer.
Es ist nämlich zum einen keineswegs spinnert, wie so vieles aus der esoterischen Ecke, sondern ganz handfest. Zum anderen bedarf es der Pferde, um die Lektionen zu lernen, die Pia Rennollet beschreibt. Esoteriker geben sich mit Pferden vermutlich meistens gar nicht erst ab, denn diese binden doch sehr an die ungeliebte Erde, die die Esoteriker so gerne verlassen möchten, schon allein der konkreten Bedürfnisse wegen, die diese großen Tiere haben, und die so viel Arbeit machen.
So bleibt als Lesergemeinde denn doch nur die Gemeinschaft der Pferdefreunde. Sollte jemand, dessen Ehrgeiz nach Schleifen giert, entgegen aller Warnungen dieses Buch lesen, wird er meiner Einschätzung nach trotzdem reich belohnt werden. Denn Pia Rennollet führt zurück zum wirklichen Leben; es bereitet den Weg zu einer Begegnung mit dem Pferd, die derjenige, dem dieses Erleben vergönnt war, nicht gegen alle Schleifen dieser Welt tauschen würde.
Aber auch diejenigen, die abseits vom Turnierwesen ihrer Pferdeleidenschaft frönen, werden in "Der Traum vom Pferd" keine leichte Lektüre finden. Zwar liest sich das Buch sehr spannend, so daß man nicht aufhören möchte und am Ende mehr von dieser Autorin erfahren will, aber man kann sich doch nicht der Einsicht verschließen, daß eine ganze Reihe von Meinungen, Haltungen, Verfahrensweisen dringend überprüft werden müssen.
Mit anderen Worten: man bekommt den Eindruck, als gäbe es keinen anderen Weg als den der Autorin, den man gefälligst genauso nachvollziehen müsse. Das ist im Prinzip richtig, aber natürlich ein Mißverständnis. Man kennt das aus anderen Bereichen. Wenn ein Buch richtig gut ist, sieht man eine Weile lang die ganze Welt aus dessen Perspektive.
Dieser Effekt verhilft dazu, den eigenen Standpunkt zu verändern, mit anderen Worten: die Einsichten des Autors zu verarbeiten, sich selbst einzuverleiben, sich verdaulich zu machen, sich anzueignen, zu eigen zu machen. So vollzieht sich Änderung, so wird aus einem vorbildlichen Weg der eigene Weg, aus einer fremden Entwicklung die eigene Entwicklung.
Man würde der Autorin außerdem nicht gerecht werden, wenn man dieses Buch als ihr Vermächtnis betrachten würde. Sie ist auf einem Weg, den sie eigentlich erst begonnen hat. Pia Rennollet ist in einem Alter, wo sie noch sehr viele Erfahrungen machen kann und wird. Daran möchte der Leser gerne teilhaben. Ein zweites Buch ist bereits in Arbeit und sucht seinen Verleger.
Das erste Buch läßt vermuten, daß sich Pia Rennollet trotz ihrer Radikalität nicht in extremen Positionen verrennen wird. Diese Gefahr besteht immer, erscheint mir jedoch in diesem Falle relativ gering. Die Autorin ist in ihrem ersten Werk so aufrichtig, daß ich mir schwer vorstellen kann, daß sie weltlichen Versuchungen welcher Art auch immer erliegen wird, im Gegensatz zu vielen anderen, die bedeutende Einsichten zu vermitteln hatten (siehe Rezension Wenn sich Pferde offenbaren).
erschienen 19.10.03
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