
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Weidehaltung - ein solches Buch klingt eher nach Pflicht als nach Kür. Das Inhaltsverzeichnis bestätigt den Verdacht. Das Kapitel "Düngung" zeigt schon an, wie gründlich und systematisch hier vorgegangen wird. Es ist unterteilt in die Abschnitte:
- Warum düngen?
- Bodenuntersuchung
- Wissenswertes über die Düngung
- Wirtschaftsdünger
- Mineralische Dünger
- Stickstoffdünger
- Phosphordünger
- Kaliumdünger
- Magnesiumdünger
- Mehrnährstoffdünger
- Spurenelementdünger
| Wollten Sie jemals soviel über Dünger wissen? Vermutlich nicht. Aber: Wer seine Pferde auf die Weide läßt, sollte vielleicht wissen, ob die Weide gedüngt werden muß, und wenn ja, wie.
Und wieder einmal werde ich ganz kleinmütig, wenn ich lese, wie kompliziert alles ist. Am besten überläßt man alles den Fachleuten. Oder man läßt die Hände ganz von den Pferden und kauft sich ein Motorrad.
Die Autorin, so lesen wir, ist Expertin. Was können wir von ihr über die Düngung lernen? Der Beginn dieses Kapitels liest sich ganz harmlos (Seite 23):
| | Durch Beweidung oder Schnittnutzung werden dem Grünland Nährstoffe entzogen. Werden nur Nährstoffe entnommen und nicht wieder rückgeführt, ist eine Verarmung des Bodens unabwendbar. Dies geschieht umso schneller, je ungünstiger die natürliche Ausgangssituation ist. Soll eine Wiese oder Weide nachhaltig genutzt werden, ohne den Boden auszulaugen, müssen die Nährstoffe in Form von Dünger rückgeführt werden. | | |
Das klingt logisch. Wie muß ich mir das vorstellen? Wenn wir das Land sich selbst überlassen, dürfte eine solche automatische Verschlechterung nicht eintreten, denn aufgrund des Alters unserer Landschaft müßten wir andernfalls inzwischen längst im Wüstenstadium angekommen sein.
Es sind also die Pferde, die die Nährstoffe, die andernfalls durch Vermoderung wieder im Boden landen würden, in Muskeln und Bewegung umsetzen, wodurch sie dem natürlichen Kreislauf entzogen werden. Mit anderen Worten: eine Landschaft kann Pferde nicht ernähren, ohne daß der Mensch durch Düngung das Gleichgewicht wieder herstellt.
Wie wir wissen, ist auch diese Annahme nicht richtig, denn die Pferde waren bereits vor den Menschen da und haben es nicht vermocht, die Landschaft zu ruinieren. Allerdings handelt es sich immer um sehr prekäre Verhältnisse, die sich ständig ändern und ausbalancieren, bis ein Gleichgewicht hergestellt ist. Die Amerikaner überlassen noch nicht einmal die Mustangs sich selbst, weil diese sich angeblich zu sehr vermehren und damit die Landschaft ruinieren würden. Wir Laien müssen das wohl glauben.
Durch den dichten Besatz kleinteiliger Flächen mit einer hohen Population von Pferden kann diese Art Gleichgewicht natürlich sehr schnell verändert werden - wir Menschen sind also verantwortlich dafür, das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Da die Pflanzen unter anderem auf die Nährstoffe des Bodens angewiesen sind, hatte es einen enormem Effekt auf die Produktivität der Landwirtschaft, als die Menschen zu Beginn des industriellen Zeitalters diese Zusammenhänge zu untersuchen und zu quantifizieren lernten. Die Düngemittelindustrie entstand und erlebte einen ungeheuren Aufschwung, der bis heute nicht gebrochen ist.
Wie finden wir also heraus, was unseren Weiden fehlt? Die Landwirtschaftsministerien in unseren Bundesländern unterhalten Anstalten, die Analysen von Bodenproben oder Futter durchführen. Daneben gibt es noch viele andere private und staatliche Institutionen, aber die Adressen der ersteren werden im Buch aufgeführt. Wir lesen, daß pro Weide 15-20 Proben "gezogen" werden sollen (ein paar Sätze später sind es dann plötzlich mehr).
| Üblicherweise läßt man die Bodenproben von einem Fachmann vom Landwirtschaftsamt bzw. -kammer ziehen. Die Bodenproben werden mittels eines Probennehmers gezogen, der Erde bis aus zehn cm Tiefe nach oben befördert. Es ist allerdings auch möglich, diese Probenahme mit einem Spaten selbst vorzunehmen. Dafür ist es wichtig, mit dem Spaten 25 Zentimeter tief zu stechen und davon einen vertikalen Ausschnitt mit den übrigen Proben zu vermengen. Aus der Gesamtmenge aller 20 - 25 Proben wird wiederum eine Stichprobe gezogen, die ein Gewicht von 500 g nicht überschreiten sollte. Die Bodenprobe wird, gut verpackt und deutlich beschriftet, an eine Untersuchungsanstalt zur Analyse geschickt. Bodenuntersuchungen sollten alle 2-3 Jahre durchgeführt werden, um genau über den Nährstoffgehalt des Bodens informiert zu sein. Die Bodenproben regelmäßig durchzuführen ist um ein Vielfaches günstiger, als jahrelang zu viel Dünger auf das Grünland auszubringen.
Es besteht auch die Möglichkeit, selbst einfache Analysen durchzuführen, die Auskunft über den Boden geben. Der pH-Wert wird mit Indikatorlösung oder -papier festgestellt. Auch hierfür wird in ähnlicher Weise wie beschrieben eine Stichprobe gezogen und mit destilliertem Wasser aufgeschwemmt. Die Färbung der Lösung oder des Papiers gibt Auskunft über die Bodenreaktion. Um den Nitrat-(Stickstoff-)gehalt des Bodens festzustellen gibt es ebenfalls eine Möglichkeit mit Indikatorpapier. Allerdings geben diese Methoden nur Anhaltspunkte. | | |
Da diese Methode nicht weiter beschrieben wird (wo bekomme ich die Indikatorlösung her? Aus der Apotheke?), entnehme ich diesem Text, daß man die Kosten der Untersuchung nicht scheuen sollte. Über die Höhe schweigt die Autorin sich aus. Ein ungefährer Anhaltspunkt wäre doch sicher möglich gewesen.
Das ganze Kapitel riecht sehr nach Schule. Die Autorin appelliert im Abschnitt "Wissenswertes über die Düngung" direkt an meine Erinnerung an die Schulzeit, die sich jedoch nicht einstellen will. Ich fürchte, das Gesetz, von dem die Autorin redet, ist im Unterricht, den ich genossen habe, nicht vorgekommen:
| | Nicht nur einzelne Elemente sind wichtig für die Ernährung der Pflanze, sondern auch das Zusammenspiel aller Nährstoffe. Am einfachsten ist dies anhand des Gesetzes des Minimums zu erklären,das man aus dem Biologieunterricht noch kennt. Die Quintessenz dieses Gesetzes ist: Durch den am geringsten vorhandenen Nährstoff wird der Ertrag begrenzt. Liegt ein Mangel an einem Element vor, können auch die anderen Nährstoffe keine Ertragssteigerung bewirken, auch wenn sie im Überfluß vorliegen. Deshalb sollten die Dünger immer an die Bodenverhältnisse und -zustand angepaßt werden. Auch die Wechselwirkungen der verschiedenen Nährstoffe machen dies notwendig. | | |
Mit anderen Worten: Sie müssen das alles gar nicht genau wissen; lassen Sie den Fachmann kommen oder produzieren Sie selbst eine Bodenprobe, dann werden die Biologen und Chemiker schon herausfinden, was Ihrem Boden fehlt. Die ganze Diskussion wird durch Tabellen ergänzt, die den Pferdefreund vermutlich gleichfalls herzlich wenig interessieren dürften, schon allein deshalb, weil auch hier mit Fachbegriffen operiert wird, die für die Autorin selbstverständlich sein mögen, jedoch keineswegs für den durchschnittlichen Pferdehalter (Beispiel: "Kleeförderung; P, K, Ca und hohe N-Gaben bei kleehaltigen Wiesen; jede N-Gabe auf kleefreien Wiesen").
Aber nicht nur dieses Kapitel ist schwierig und anstrengend, das ganze Thema scheint unerfreulich zu sein. Auf Seite 88 lese ich eine Viertelseite über die "Besatzstärke"; am Ende stellt sich heraus, daß man diese eigentlich nicht berechnen kann:
| | Insgesamt gibt es in diesem Bereich wenig Untersuchungen und vieles basiert auf Erfahrungswerten. Da die Leistungen der Weide und die Ansprüche der Pferdehaltungen individuell verschieden sind, muß auch von Fall zu Fall entschieden werden, in welchem Umfang die Weide genutzt wird. | | |
Viele Worte, wenig Aussage. Nun stutze ich: Kein Wort vom Wetter. Bekanntlich ist das Wetter sehr wandelbar. Und jeder weiß, daß die Pflanzen sehr stark auf das Wetter reagieren. Sollte dieser Faktor gar keine Rolle spielen? Nach meiner Erinnerung spielte das Wetter immer die größte Rolle, wenn es darum ging, wie die Heuernte ausfallen oder wann die Wiese abgegrast sein würde. Für die Expertin ist das Wetter nicht der Rede wert.
Der nächste Abschnitt heißt "Abwechslung auf der Koppel". Da geht es um die verschiedenen Pflanzen, die auf einer Weide wachsen können. Zwanzig davon werden aus einem Buch zitiert, das bereits 1953 erschienen ist. Die einzelnen Pflanzen werden mit einer Wertzahl belegt, die in diesem Falle von - 1 bis + 8 reicht. Das sieht schon mal sehr wissenschaftlich aus und verspricht eine große Hilfe zu sein.
Jetzt müßte der Pferdebesitzer nur noch wissen, welche Pflanzen sich unter den deutschen bzw. lateinischen Namen verbergen und welche davon auf seiner Weide tatsächlich vorkommen. Wäre diese Voraussetzung erfüllt, müßte er nur noch herausfinden, wie sich diese Pflanzen quantitativ verteilen. Dann könnte er doch einfach mit Addition und Multiplikation zu einer hübschen Zahl kommen, die dann vielleicht Auskunft über die Wertigkeit seiner Weide geben würde.
Die Autorin macht jedoch klar, daß die Sache nicht so einfach ist:
| Der Futterwert einer Pflanze wird von vielen Faktoren bestimmt: Alter der Pflanze, Standort, Schmackhaftigkeit, Inhaltsstoffe usw. Allerdings erkennt man an diesen Kriterien, daß dieser sehr wandelbar ist, da zum Beispiel mit zunehmendem Alter die Pflanze entweder schmackhafter wird oder aufgrund zunehmender Struktur weniger von Interesse für die Pferde ist.
Aber nicht nur die Pflanzen zeigen sich variabel. Jeder Pferdehalter, der seine Tiere auf der Weide beobachtet, wird feststellen, daß es zwischen den Pferden individuelle Unterschiede hinsichtlich der bevorzugten Pflanzen gibt. Wie groß müssen dann die Unterschiede zwischen den verschiedenen Weidetieren sein. Dies nutzt man auch bei der Mischbeweidung, um ein gleichmäßiges Abweiden der Koppel zu erreichen.
Generell kann der Pferdehalter die Futterwertzahl als einen Hinweis auf die Brauchbarkeit und Beliebtheit von Grünlandpflanzen ansehen. Allerdings ist dies nur unter Vorbehalt auf die Pferdekoppel zu übertragen. Als Beispiel sei die Wilde Möhre (Daucus carota) genannt. Der Futterwert wird mit 2 angegeben, allerdings ist diese Pflanze bei vielen Pferden sehr beliebt. Aromatische Inhaltsstoffe, die in der ganzen Pflanze vorhanden sind, also auch in der Wurzel, sind hierfür der Grund. Der Weißklee, der aufgrund seiner Inhaltsstoffe zu den besten Futterpflanzen gehört und auch schnell bestandsbildend werden kann, ist bei den Pferden nicht besonders beliebt und wird, je mehr er auf der Koppel verbreitet ist, umso mehr gemieden. Das Knaulgras, eine sehr wertvolle Futterpflanze, ist mit zunehmendem Alter bei den Pferden sehr unbeliebt, da das rauhe Blatt unangenehm ist. Löwenzahn wird solange gern gefressen, wie er nicht überhand nimmt. Die Liste würde sich noch beliebig fortsetzen lassen.
Man sieht, die Pferde halten sich nicht unbedingt an die Literatur, sondern fressen was ihnen schmeckt. Die Abwechslung auf der Koppel wird von den Pferden gerne angenommen. Nicht nur wertvolle Gräser sind erwünscht, auch Kräuter wie Löwenzahn, Spitzwegerich, Wiesenkerbel und die Wilde Möhre. Auch die Kleearten werden gerne gefressen, wenn der Anteil nicht zu hoch wird. | | |
In diesem Sinne geht es weiter. Nichts genaues weiß man nicht, es ist alles sehr kompliziert, man kann keine vernünftigen Aussagen machen. Prima, Gottseidank haben wir es mit lebenden Wesen zu tun, die sich nicht leicht berechnen lassen. Und diese Wesen sind anpassungsfähig, mußten es sein, denn sonst wären sie längst ausgestorben. Unsere Pferde können sich auf unsere Weiden einstellen. So leicht werden sie nicht krank.
Oder wenn sie krank werden, muß das nicht unbedingt mit der Ernährung zu tun haben. Das aber geht vielleicht über den Umfang des Buches hinaus, obwohl natürlich das Thema Fütterung und Ernährung angesprochen werden muß. Da finden sich wieder Tabellen mit wunderschönen Zahlen, bei denen ich mich frage, ob diese wirklich ernst genommen werden wollen.
Zum Beispiel auf Seite 118 die Tabelle 29: "Beispielrationen für Fohlen und heranwachsende Pferde mit einem Endgewicht von 500 Kilogramm"; in der Zeile "Verd. Rohprotein in der Ration (g)" finden sich die Zahlen 611 / 499 / 559 / 621 / 734 / 594 / 736 / 629. Das macht acht Spalten. Diese acht Spalten werden jedoch durch vier Überschriften bezeichnet: Absetzer bis 12 Monate, 12-18 Monate, 18-24 Monate, 24-36 Monate.
Abgesehen davon, daß die Spaltenüberschriften nicht mit den Spalten übereinstimmen, halte ich diese Zahlen für genauso pseudowissenschaftlich wie viele andere Angaben. Will die Autorin uns wirklich glauben machen, daß wir "Verd. Rohprotein", was immer das sein mag, bis auf das Gramm abwiegen müssen? Mit welcher Waage stellen wir das bitte sehr an? Müssen wir die Grammzahl, wenn sie denn schon so genau beziffert wird, nicht auch in Abhängigkeit bringen vom exakten Alter, Gewicht, Geschlecht und möglicherweise einer ganzen Reihe von weiteren Faktoren?
In jeder Tabelle findet sich kleingedruckt der Hinweis:
| | Bei allen Rationen ist Mineralfutter hinzuzufügen, je nach Gehalten in der Regel 100-150 g am Tag. | | |
Mit anderen Worten: ohne die moderne Industrie ist "Pferde in Weidehaltung" schlicht unmöglich. Und noch etwas: Beim Mineralfutter kommt es offenbar auf das Pfund nicht genau an.
erschienen 12.10.03
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 282, Gruber, Regine: › Pferdehaltung, Gesunde Pferde durch gesunde Haltung, Reihe Gesundes Pferd
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