
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist jetzt 20 Jahre alt und liegt immer noch in der ersten Auflage vor. Der Verlag hat sich nicht mehr die Mühe gemacht, das Titelbild für das Internet aufzubereiten. Ist das ein Beweis dafür, daß das Buch nichts taugt? Hat es seine Leser verfehlt? Oder ist es ein zeitloses Buch, das man auch heute noch mit Gewinn liest, dessen Interessentenkreis aber einfach zu klein ist, als daß sich das Buch in wenigen Jahren ausverkaufen könnte?
Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sich der Verlag auch nur in der Auflage und den Absatzprogrosen verschätzt. Vielleicht aber können Züchter von Glück sagen, daß dieses Buch noch zu haben ist. Verlage scheuen sich nämlich oft, gute und bewährte Bücher wieder aufzulegen, wenn die Risiken für eine Kostendeckung zu groß sind. Verlage unterlegen denselben wirtschaftlichen Zwängen wie alle anderen Industriezweige auch: Der schnelle Umsatz, der Massenmarkt lassen ein Unternehmen gesunden, schwer verkäufliche Spezialliteratur führt zum Ruin.
Wenn ich ein Züchter wäre, würde ich mich wahrscheinlich freuen, daß dieses Buch noch zu haben ist. Als ich anläßlich der Besprechung des Buches Geschichte des Pferdes mit dem Autor Arnim Basche telefonierte, tischte der mir sofort seine Sorgen auf: Er suchte verzweifelt antiquarisch ein Buch, das er leichtfertig verschenkt hatte. Wie gut ich ihn verstand - mir ist das auch schon mehrfach passiert.
In diesem Falle ging es um die Vollblüter, die selbstverständlich in einem Zuchtbuch nicht fehlen dürfen. Wie schon im Klappentext erwähnt, kommen diese jedoch nur am Rande vor, nachdem die einheimischen Warmblutrassen abgehandelt worden sind. Obwohl das Buch über 300 Seiten hat, was für heutige Verhältnisse schon recht ordentlich ist, kann es natürlich im einzelnen nur recht oberflächlich sein.
Das Hannoversche Zuchtgebiet kommt mit sieben Seiten noch sehr gut weg (mit Bildern), für die Holsteiner sind nur drei übrig, über die Hessen lesen wir gerade eine halbe Seite; hinzu kommt ein Photo. Ich werde diese Passage vollständig zitieren, dann können Sie sich ein Bild machen. Das Bild zeigt eine Apfelschimmelstute, fein zurechtgemacht, ein tadelloses Präsentationsbild, natürlich in schwarzweiß. Die Bildunterschrift lautet (Seite 36):
| | Solide Hessen-Stute hannoverscher Abstammung, weiblicher Ausdruck, leichtes Genick, Bemuskelung am Hals noch schwach entwickelt (3jährig), mittelstarkes Fundament mit kräftigen Gelenken; über Marconi (V. des Marcus) und Lotse Verbindung interessanter Leistungsvererber. | | |
Der Text: | 1.1.5.2 Hessen Zuchtgrundlage: Die Warmblutzucht Hessens beruhte bis ca. 1960 im wesentlichen auf Oldenburger- beziehungsweise Ostfriesen-Grundlage. Daneben fanden sich vereinzelt Holsteiner Zuchtinseln in Hessen. In den letzten 20 Jahren wurden im Zuge der Zuchtumstellung vom Wirtschafts- auf das Sportpferd vorwiegend Hannoveraner Hengste, daneben einige Westfalen sowie verschiedene Vollblüter, Trakehner und Araber in der Zucht eingesetzt. Außerdem führte man zahlreiche Stuten aus anderen Gebieten ein, vor allem aus Hannover und Westfalen. Verschiedene in Hessen gezüchtete Spitzenpferde des Leistungssports zeigen, daß die Zuchtumstellung von Erfolg begleitet ist. Herausragende Leistungsvererber 1971-82 Imperial (Hann.), Dunkelbraun, v. Impuls (Trak.) - Frustra II, geb. 1976 Lotse (Hann.), Fuchs, v. Lugano I - Dwinger, geb. 1960 Lützow (Hann.), Dunkelbraun, v. Lugano I - Dwinger, geb. 1961 Mandant (Trak.), Dunkelfuchs, v. Thor - Reonald xx, geb. 1964 Raphael (Westf.), Schimmel, v. Radetzky - Schwall (Hann.), geb. 1965 Ratsherr (Westf.), Braun, v. Radetzky - Fechtmeister, geb. 1960 Thor (Trak.), Dunkelbraun, v. Humboldt - Totilas, geb. 1959 | | |
Mit wenigen Worten also erfahre ich mehr als meine ganze Internetrecherche seinerzeit aus Anlaß des Rasseportraits ergab (Dillenburger Ramsnasen als Ahnen).
Nach der Bestandsaufnahme wird im einzelnen diskutiert, welche Gesichtspunkte für die Zucht wesentlich sind. Es wird nicht überraschen, daß dem Sport im Rahmen der Zucht eine erhebliche Rolle zugewiesen wird. Zum einen wird betont, daß Stuten früher selbstverständlich in Arbeit waren und es ihnen nicht geschadet hat, zum zweiten spielt der Gesichtspunkt der Selektion eine ganz wesentliche Rolle. Noch heute ist der Erfolg im Sport das einzige Selektionskriterium bei Vollblütern und Trabern.
Das Buch schließt nach einer Diskussion der staatlichen Förderungsmaßnahmen, Gesetze und Vorschriften für Pferdezüchter und Absatzmöglichkeiten mit einer Rentabilitätsbetrachtung. Schon vor 20 Jahren sah die Rechnung extrem ernüchternd aus. Die Zucht ist demnach ein Verlustgeschäft, und zwar sowohl bei Warmblütern als auch bei Ponies.
Modellrechnungen haben es an sich, mit erheblichen Unsicherheitsfaktoren belastet zu sein. Bei allem guten Willen aber fällt es schwer zu glauben, man könne an der Zucht verdienen. Die einzige Möglichkeit scheint darin zu bestehen, Spitzenprodukte zu erzeugen, deren Marktwert weit über dem Durchschnitt liegt, wobei die Kosten nur unwesentlich steigen sollten.
Ob das gelingen kann, bleibt zweifelhaft. Wer sich dennoch nicht von der Zucht abhalten läßt, muß sich darüber im klaren sein, daß diese ein Zuschußgeschäft ist und andere Gründe als wirtschaftliche dafür vorliegen müssen. Der Autor vermutet, daß es Tierliebe ist, die den einzelnen Rassen zum Überleben verhilft (Seite 316):
| | Wenn trotz aller hier aufgezeigten Probleme und Belastungen eine große Zahl von Züchtern ihren Pferden der verschiedensten Zuchtrichtungen und Rassen die Treue hält und für die Erhaltung und Verbesserung der Zucht freudig Geld und Zeit, Arbeits- und Gedankenkraft opfert, dann nur, weil ihnen aus echter Passion für das Pferd als eines der schönsten Geschöpfe der Erde im täglichen Umgang mit ihren Schutzbefohlenen und in dem alljährlich wiederkehrenden Reiz der Schaffung neuer, vielleicht noch besserer Pferde immer wieder Glück und Befriedigung erwächst. | | |
Vielleicht möchte man als Leidtragender an diese Feststellung nicht gern erinnert werden? Es kann nicht schaden, sich der Wahrheit zu stellen. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die sich mit dem Gedanken tragen, Züchter zu werden. Dieses Buch hält nicht nur eine Fülle von wertvollen Erfahrungen bereit, sondern diskutiert im einzelnen die Mechanismen, die bei der Zucht zum Tragen kommen. Wenn man schon nicht den Erfolg garantieren kann, so soll man doch das Möglichste tun, um ihn zu fördern.
erschienen 13.07.03
| |