Pflügen
D. Kubinski, Polen Wandgemälde in Huchzen Ausschnitt, Maße ca. 2x3 m, vielleicht Fresko, 1993
Seit Herbst 2002 wohne ich in Huchzen in einem Fachwerkhaus, das in dieser Region Kotten genannt wird - also einem Haus für Hilfskräfte auf einem größeren bäuerlichen Anwesen.
Gleich nebenan steht noch so ein Kotten; das ursprüngliche Bauernhaus ist höchstwahrscheinlich ebenfalls ein Fachwerkhaus gewesen, heute aber nicht mehr vorhanden und durch einen Neubau ersetzt worden, vermutlich zwischen den beiden Weltkriegen.
Das große Scheunengebäude ist ebenfalls neueren Datums und in Ziegeln ausgeführt; es beherbergt jetzt eine ganze Reihe von Wohnungen. Dann gibt es noch eine große Fachwerkscheune, die bisher nur als Lagerraum genutzt wird, und ein weiteres Gebäude, in dem vielleicht auch Fachkräfte gewohnt haben.
Zwei Wände an diesem Haus sind bemalt. Vom großen Hof aus sieht man direkt auf ein Wandgemälde mit einer Ernteszene. Nach hinten heraus findet sich nebenstehendes Gemälde.
D. Kubinski ist vermutlich nicht als Künstler tätig und begreift sich vielleicht noch nicht einmal als Künstler, obwohl die Qualität der Arbeiten durchaus darauf hindeutet. Er kam jedenfalls in den Westen und verdingte sich als Bauarbeiter. Mehr oder weniger zufällig kam es zu dem Auftrag, ein Gebäude mit zwei Gemälden zu verzieren, weil der Bauherr eine künstlerischer Ader hat.
Kommentar Von Werner Stürenburg
Beide Gemälde sind von einem polnischen Bauarbeiter ausgeführt worden. Die Signatur ist klar und deutlich. Der jetzige Besitzer des gesamten Anwesens freute sich sehr, als ich ihn auf die Gemälde ansprach; es kommt wahrscheinlich nicht so oft vor.
Es hatte zufällig von den künstlerischen Fähigkeiten des Arbeiters erfahren und die Gemälde in Auftrag gegeben. Großen Wert legte er darauf, daß die Einzelheiten den Gegebenheiten dieser Gegend entsprachen.
So sieht man auf dem Erntegemälde nicht nur den Höhenzug des Wiehengebirges, wie man ihn von dieser Stelle aus sehen könnte, wäre nicht das Haus und das kleine Wäldchen im Wege, sondern auch die spezielle Art Rechen mit vier Zinken, wie sie in Huchzen üblich waren. Schon in Büttendorf benutzte man eine andere Art, vermutlich mit ein paar mehr Zinken.
Ernte
Ich kenne mich in dieser Gegend gar nicht aus, aber das erschien mir glaubhaft, denn ich wußte aus meiner eigenen Kindheit, daß die Leute im Dorf zwei Kilometer weiter bereits eine andere Sprechweise und andere Namen hatten; auf die Unterschiede in den Gerätschaften habe ich als kleiner Junge nicht geachtet.
Die Sense sieht jedenfalls ziemlich genau so aus, wie ich sie in Erinnerung habe, und auch die Rechen meiner Kindheit waren durchweg aus Holz gearbeitet und hatten natürlich Holzzinken. Selbst als Kind konnte ich mir gut vorstellen, wie ein solcher Rechen gemacht wird.
Dieser Teil des Lebens war durchsichtig: die Landwirtschaft und alles was damit zusammenhing: Schmied und Hufschmied, Stellmacher, Wagner, Müller und Bäcker. Diese Leute arbeiteten Zuhause und teilweise bei offener Türe, wir Kinder sahen täglich, wie die Arbeit erledigt wurde.
Meine Tante war Tagelöhnerin und mußte insbesondere bei der Ernte helfen, die anfangs ziemlich genau so aussah wie hier dargestellt. Ziemlich bald aber kam eine Mähmaschine dazu und ersetzte die Schnitter. Die Mähmaschine wurde natürlich von den Pferden gezogen.
Die Frauen banden die gemähten Halme zu Garben und stellten sie zu Hocken zusammen, damit die Ähren endgültig austrocknen konnten. Erst in den sechziger Jahren, als ich von zu Hause fortging, kamen die Mähdrescher auf.
Es stellt sich trotz der Sorgfalt im Detail die Frage, ob der Künstler diese Szenen, die es in Polen sicherlich noch viel länger gegeben haben muß, selbst noch erlebt hat, denn das Gemälde wirkt merkwürdig irreal. Viele Einzelheiten sind unmotiviert; zum Beispiel der Mann mit der Pfeife, der im Vordergrund sitzt: was macht der da, was soll der Eimer? Der Mann mit der Garbe will diese aufstellen; eine Garbe allein kann aber gar nicht stehen, noch nicht einmal zwei, wenn ich mich richtig erinnere.
Im Hintergrund rechts sieht man einen Hocken, wie so etwas in meiner Gegend, etwa 100 Kilometer weiter östlich gelegen, genannt wurde. Die Größenverhältnisse stimmen nicht so recht; der Hocken wirkt recht klein, die Garbe ist fast so groß wie der ganze Mann; das Getreide reicht dem Schnitter aber nur bis zum Schritt. Wie soll aus solchen Halmen eine solche Garbe entstehen?
Am irritierensten aber der Hund: der Collie ist in Deutschland vermutlich zu der Zeit sehr selten gewesen. In meinem Dorf gab es jedenfalls keinen Collie; der erste Collie, den ich gesehen habe, war Lassie aus dem Fernsehen, schwarzweiß, eine Rarität. Bei uns auf dem Land gab es Schäferhunde, Spitze, Mischlinge, aber sonstige Rassen kamen nicht vor, schon gar nicht in dieser Vielfalt, wie man sie heute gewohnt ist. Es war Mitte des 20. Jahrhunderts, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im übrigen ist der Hund gut getroffen - ich vermute mal, daß der Künstler eine persönliche Beziehung zu Collies hat. Die Malweise ist erstaunlich locker und frei; die Hände sind zum Beispiel lediglich summarisch behandelt. Ein reiner Autodidakt würde so etwas vermutlich nicht wagen. Stilistisch gibt es auch Anklänge zur neuen Sachlichkeit, die nach dem Ersten Weltkrieg aufkam und sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts rettete; das Wandgemälde aus der letzten Ausgabe ( Witteler Krug) ist ein weiteres Beispiel dafür.
Ackern
Das zweite Gemälde liegt leider so versteckt, daß nur die Mieter, die das ehemalige Scheunengebäude von der Rückseite her betreten, überhaupt einen Blick darauf werfen können.
Es ist weniger kleinteilig und wirkt daher monumentaler. Die Pferde stehen im Zentrum und kommen dynamisch aus dem Bild heraus, der Bauer tritt zurück und ist perspektivisch verkleinert.
Inzwischen verdeckt ein Busch den linken Teil des Gemäldes; im Sommer wird man es gar nicht mehr richtig wahrnehmen können. In ein paar Jahren werden die Bäume im Vordergrund groß genug sein, um das Bild vollends verschwinden zu lassen.
Dieses Bild wirkt sehr einheitlich und sehr warm, obwohl die Farben eher kühl sind. Das liegt vor allen Dingen an den Pferden.
Der Künstler hat die besondere Eigenart der Arbeitspferde, ihre stille Arbeitsfreude, die Einfügung in den großen Zusammenhang, das Einverstandensein ganz wunderbar getroffen.
Die Pferde können natürlich nicht wissen, wie wichtig ihr Einsatz für die Menschen ist. Sie tun die Arbeit aber gern und freiwillig - zwingen könnte man sie nicht.
Der Bauer muß sich um den Pflug kümmern und hat die Leinen asymmetrisch um die Schultern gelegt; das muß genügen. Die Pferde gehen auf Zuruf. Die Individualität der Pferde und ihr Verhältnis zueinander ist sehr schön herausgearbeitet.
Sehr viel Sorgfalt hat der Künstler auf das Geschirr gelegt; die Leinenführung am Gebiß ist nicht ganz deutlich. Überraschend für mich die Hilfszügel, die ich nicht kannte. Dafür fehlen die Leinenringe am Selett.
Da diese Einzelheiten so präzise ausgeführt sind, nehme ich an, daß dem Künstler ein Geschirr vorgelegen hat, vielleicht auch ein Foto, aber dann hätten auch andere Einzelheiten genauer ausgeführt sein können.
Der Pflug ist auch ungewöhnlich; die sichtbaren Teile scheinen alle aus Holz zu sein. Einen solchen Pflug habe ich nicht mehr im Einsatz gesehen. Die Pflüge meiner Zeit waren bis auf die Griffe aus Gußeisen, die Schar aus Schmiedeeisen. Vielleicht hat damals ein solcher Pflug noch herumgestanden.
Die Griffe scheinen sehr unsymmetrisch gewesen zu sein. Wenn dem so war: wie hat sich der Bauer am Ende des Arbeitstages gefühlt, wenn er die Arme die ganze Zeit so unterschiedlich halten mußte? Die Griffe der gußeisernen Pflüge waren symmetrisch; ist der Bauer nun auf dem Acker oder in der Furche gegangen oder mit einem Bein oben und einem Bein unten? Ich weiß es nicht mehr und habe nicht darauf geachtet, als ich vor einiger Zeit in Detmold beim Pflügewettbewerb fotografiert habe.
Beim Bildschirmschoner Pflugtraining bin ich dann fündig geworden: das freihändige Pflügen mit zwei Pferden traute sich niemand zu. Der eine ging in der Furche, der andere auf dem Acker; auf nebenstehendem Bild aus dem Artikel Gewohnheitstäter im Wald haben wir ebenfalls zwei Mann. Der Pflugführer geht offensichtlich auf dem Acker, ein Pferd in der Furche, das andere auch auf dem Acker.
So wie dieser Mann geht, kann er abends sicherlich seinen Rücken nicht mehr strecken. So kann man nicht arbeiten. Die Haltung des Bauern auf dem Gemälde ist realistischer - am nächsten Tag muß der Bauer nämlich wieder arbeiten und dann auch noch fit sein: er muß also mit seinen Kräften haushalten und so ökonomisch wie möglich damit umgehen.
Es gibt auch auf diesem Bild eine merkwürdige Einzelheit: die Furche. Das gesamte Feld scheint bis auf diese eine Furche unbearbeitet, obwohl die Vögel bereits herbeigekommen sind. Die Furche fängt genau dort an, wo der Bauer gerade steht, so daß das eine Rad des Pfluges in der Furche laufen kann. Wo die Pferde laufen, ist es noch nicht gepflügt. Damit bekommt das Bild ebenfalls einen irrealen Charakter und einen eigenartigen Zauber, den man nicht sofort auflösen kann.
Der Bauer ist übrigens genau so positiv und zuversichtlich wie seine Pferde; das macht das Gemälde sympathisch. Arbeit ist hier nicht einfach bittere Fron, sondern befriedigende Tätigkeit, die ihren Lohn zum Teil bereits in sich trägt. Nach dieser Arbeit ist man zufrieden. Wer kann das von sich und seiner Arbeit schon sagen?
Quellen
Abbildungen
© Werner Stürenburg
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